Pakt der Plünderer
Die US-Diplomatie im Kongo dient eigenen Interessen – zum Nachteil von Millionen Konfliktbetroffenen
Von Tonny Katende
John (Name geändert) glaubte, er würde bald in sein Heimatdorf im Gebiet Kabare im Osten der Demokratischen Republik Kongo (DRK) zurückkehren können. Als im Juni 2025 die Nachricht von einem neuen, von den USA vermittelten Abkommen zwischen der DRK und Ruanda bekannt wurde, erlaubte er sich etwas, das er seit vielen Jahren nicht mehr empfunden hatte: Hoffnung.
John erzählt von einem durch den Konflikt zerrütteten Leben. Die einst ruhigen Nächte wurden zu Schauplätzen von Schüssen und Schreien. »Als der Konflikt unseren Ort erreichte, blieb uns nichts anderes übrig, als zu fliehen«, sagt er leise. Vor der Vertreibung arbeitete John als Kleinbauer. »Bevor der Konflikt mein Dorf erreichte, herrschte zumindest eine gewisse Stabilität. Ich konnte mein Land bewirtschaften und die Erträge reichten dafür, meine Familie zu ernähren.« Dann unterbrach der über 30 Jahre andauernde Krieg auch sein Leben. »Früher konnte ich mich frei bewegen, zur Arbeit gehen, meine Felder bestellen, auf den Markt gehen oder meine Familie besuchen. Doch seit dem Konflikt ist das Reisen gefährlich geworden. Es ist schwierig, normal zu arbeiten; die Wirtschaft ist zum Erliegen gekommen. Angst ist Teil unseres Alltags«, sagt er.
Heute hält John sich zu seiner eigenen Sicherheit in einem anderen Teil Kongos versteckt. Sein Land ist besetzt und seine Zukunft bleibt ungewiss, da sich die Lage im Osten des Landes auch fast ein Jahr nach dem Washingtoner Friedensabkommen zwischen Kongo und Ruanda noch nicht normalisiert hat.
Das Reisen ist gefährlich geworden. Es ist schwierig, normal zu arbeiten. Angst ist unser Alltag.
John, Kleinbauer
In Ostkongo, wo der Konflikt laut der humanitären NGO International Rescue Committee über sechs Millionen Menschenleben gefordert hat, teilen viele Johns Erfahrungen. Mehr als sieben Millionen wurden vertrieben. Waffenstillstände bedeuten dabei selten ein Ende der Gewalt; vielmehr signalisieren sie einen Wandel weg von offenen Kriegshandlungen hin zu systematischeren Formen von Kontrolle über Land, Arbeit und Bodenschätze.
Heute wird die Krise durch eine neue Dimension verstärkt: die von den USA angeführte internationale Friedensdiplomatie, die sich parallel zum sich verschärfenden globalen Wettbewerb um die strategisch wichtigste Rohstoffregion der Welt vollzieht.
Instabilität als Extraktionsmotor
Das Fortbestehen des Konflikts ist nicht nur ein Versagen der Friedensförderung. Es hängt auch mit dem zusammen, was Analyst*innen als »Kriegswirtschaft« bezeichnen – ein System, in dem Instabilität den Abbau und die Distribution wertvoller Rohstoffe erst ermöglicht.
Die Region ist reich an Kobalt, Coltan, Gold, Kupfer und Lithium – Erze, die für etliche globale Industriezweige mittlerweile unverzichtbar sind, von erneuerbarer Energie über Luft- und Raumfahrt bis zu Militärtechnologie. 2024 wuchs die Rohstoffindustrie um 12,8 Prozent, angetrieben durch die Kupfer- und Kobaltproduktion, wie die International Trade Administration, eine Behörde des US-Handelsministeriums, mitteilte.
Statt Wohlstand zu schaffen, ist der Abbau gekoppelt an bewaffnete Gewalt, informelle Steuersysteme und grenzüberschreitende Schmuggelnetzwerke. Waffenstillstände haben es bisher nicht geschafft, diese Systeme zu zerschlagen, sondern lediglich ihre Funktionsweise verlagert.
Im Juni 2025 vermittelten die USA eine Reihe von Abkommen zwischen der DRK und Ruanda, die als »Washingtoner Abkommen« bezeichnet werden. Diese stützten sich auf drei Säulen: erstens ein bilaterales Friedensabkommen zwischen Ruanda und Kongo, das einen Waffenstillstand und die Normalisierung der Beziehungen vorsieht. Zweitens ein Rahmenwerk für regionale wirtschaftliche Integration, das den grenzüberschreitenden Handel, die Zusammenarbeit im Bereich Rohstoffe und internationale Investitionsströme fördern soll. Drittens eine strategische Partnerschaft zwischen den USA und der DRK mit dem Ziel, die Zusammenarbeit beider Länder in den Bereichen Sicherheit, Schutz der Infrastruktur und Lieferketten für kritische Rohstoffe zu stärken.
Präsident Donald Trump und hochrangige US-Vertreter*innen haben die Initiative als Durchbruch für die regionale Stabilität dargestellt und sie zudem als notwendigen Schritt zur Beendigung der Gewalt und zur Stabilisierung der für die Weltwirtschaft entscheidenden Lieferketten bezeichnet.
Kongos Außenministerin Thérèse Kayikwamba Wagner betonte, dass das Abkommen einen Grundgedanken bekräftige: Frieden sei nicht nur eine Entscheidung, sondern eine Verpflichtung, das Völkerrecht einzuhalten, die Menschenrechte zu wahren und die Souveränität der Nationen zu verteidigen.
Kritiker*innen bemängeln indes, dass, während die wirtschaftliche Zusammenarbeit ausführlich geregelt ist, Fragen von Verantwortlichkeit insbesondere in Bezug auf vergangene Gräueltaten, Landenteignungen und die anhaltende Präsenz bewaffneter Gruppen zu kurz kommen.
Zu den Kritiker*innen des Abkommens gehört die »Mobilisation zur Wahrung der Souveränität und Autonomie des Kongo« (Mossac), ein Bündnis aus 81 kongolesischen zivilgesellschaftlichen Organisationen. Gegründet wurde es, um Bedenken hinsichtlich der Besetzung im Osten des Landes Gehör zu verschaffen und einen dauerhaften Frieden zu fordern, der auf Sicherheit, Verantwortungsübernahme, Souveränität und Gerechtigkeit beruht. Besonders kritisch sieht das Bündnis die Tatsache, dass sowohl die USA als auch Ruanda den Kongo in den Abkommen als wichtigen Knotenpunkt für strategische Ressourcen betrachten.
Der US-amerikanische Thinktank Oakland Institute warnte 2025 vor der Gefahr, dass der Zugang zu kongolesischen Rohstoffen institutionalisiert würde, während Fragen der Rechenschaftspflicht ungelöst blieben. »In den Abkommen findet sich kein Wort über Rechenschaftspflicht oder Gerechtigkeit. Stattdessen sehen wir, dass wirtschaftlichen Interessen und dem Zugang zu Ressourcen Vorrang eingeräumt wird, auch wenn Akteure, die in Gewalttaten verwickelt sind, weiterhin aktiv bleiben«, sagte Frédéric Mousseau, der politische Direktor des Instituts.
Trotz diplomatischer Fortschritte bleibt die Lage vor Ort weiterhin instabil. Bewaffnete Gruppen, darunter die M23-Bewegung, sind nach wie vor in Teilen des Ostkongo, insbesondere in Nord-Kivu, aktiv. (ak 712 & ak 702) Einige der rohstoffreichsten Gebiete sind weiter umkämpft; es gibt Berichte über parallele Verwaltungsstrukturen und informelle Steuersysteme, die der lokalen Bevölkerung auferlegt werden.
Für die vertriebenen Gemeinschaften ist das ein Hindernis für ihre Rückkehr. »Als ich versuchte, zurückzukehren, stellte ich fest, dass bereits andere Menschen auf meinem Land lebten. Es gab keine Behörde, an die ich mich wenden konnte, keine Gerechtigkeit«, erklärt John.
Rennen um kritische Erze
Die erneute Aufmerksamkeit für den Kongo ist ohne die weltweite Nachfrage nach kritischen Erzen nicht zu verstehen. Angesichts des Übergangs der Länder zu kohlenstoffarmen Technologien und des Ausbaus von Hightech-Sektoren ist die Sicherung eines zuverlässigen Zugangs zu diesen Ressourcen zu einer strategischen Priorität geworden.
Washington hat von seinem Engagement erheblich profitiert, insbesondere durch das im vergangenen Dezember unterzeichnete Abkommen über strategische Mineralien, das ihm grundsätzlich einen besseren Zugang zu den reichen Bodenschätzen der DRK verschafft.
Gleich zwei Deals machten das Interesse US-amerikanischer Unternehmen an Kongos Bodenschätzen deutlich und fordern die chinesische Dominanz im kongolesischen Bergbausektor heraus. Anfang Februar gab das US-amerikanische Orion Critical Mineral Consortium Pläne bekannt, für rund neun Milliarden US-Dollar einen Anteil von 40 Prozent an den kongolesischen Bergbauanlagen des anglo-schweizerischen Unternehmens Glencore zu erwerben. Ende März erwarb ein weiteres US-amerikanisches Unternehmen, Virtus Minerals, für 700 Millionen Dollar einen der weltweit größten Kobaltproduzenten, das kongolesische Unternehmen Chemaf.
Gleichzeitig hat sich Ruanda als wichtiger regionaler Knotenpunkt für die Verarbeitung und den Export von Erzen etabliert. Die steigenden Exportzahlen des Landes haben Analyst*innen stutzig gemacht, insbesondere wegen der schweren Rückverfolgbarkeit der Rohstoffe. Zwischen 2017 und 2024 sollen Ruandas Erzexporte drastisch gestiegen sein. Den Anstieg führen einige Analyst*innen auf den Ausbau regionaler Handelsnetzwerke zurück, an denen die Bergbaugebiete im Osten des Kongo beteiligt sind, das an Ruanda angrenzt.
»Ruandas Rolle als Raffinerie- und Exportdrehscheibe ist für die Vereinigten Staaten von besonderem strategischem Interesse, besonders im Hinblick auf die Sicherung einer zuverlässigen Versorgung mit den 3T-Erzen – Zinn, Tantal und Wolfram –, die für den militärisch-industriellen Komplex der USA von entscheidender Bedeutung sind«, erklärt Mousseau vom Oakland Institute.
Dieses wies auf einen Anstieg von Erzen aus Konfliktgebieten in regionalen Exportzentren hin, was Fragen hinsichtlich der Wirksamkeit von Zertifizierungssystemen für »konfliktfreie« Produkte aufwirft. Denn in diesem vernetzten System können Erze, die aus Konfliktgebieten gewonnen werden, über komplexe regionale und internationale Netzwerke auf die globalen Märkte gelangen, wodurch die Grenze zwischen legalem Handel und illegalen Handelsströmen verschwimmt.
Die Vereinten Nationen haben wiederholt Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit der Rohstoffgewinnung im Osten des Kongo dokumentiert. Diese Erkenntnisse sind bisher jedoch ohne rechtliche oder politische Konsequenzen geblieben. Für die betroffenen Gemeinschaften hat das weitreichende Folgen. Ohne Rechenschaftspflicht besteht die Gefahr, dass sich die Kreisläufe von Enteignung und Gewalt unter neuen politischen und wirtschaftlichen Vorzeichen wiederholen.
Für Menschen wie John ist diese Frage keineswegs abstrakt. Es geht um Land, das nicht zurückgegeben wird, um Familien, die weiterhin Vertriebene sind, und um eine Zukunft, die irgendwo zwischen Krieg und ungewissem Frieden schwebt. »Wir wollen echten Frieden – keine Abkommen auf dem Papier. Wir wollen wieder ein normales Leben führen, arbeiten, unsere Kinder zur Schule schicken und unser Leben neu aufbauen können«, sagt er.
Übersetzt aus dem Englischen von ak.