Wer fängt sie auf?
In Nepal und Indonesien proben junge Menschen den Aufstand – 2019 lässt grüßen
Von Paul Dziedzic
Der junge Motorradtaxifahrer Affan Kurniawan war zur falschen Zeit am falschen Ort, als er am 28. August am Rande der Proteste in der indonesischen Hauptstadt Jakarta von einem gepanzerten Polizeifahrzeug überrollt und tödlich verletzt wurde. Aufnahmen des Vorfalls verbreiteten sich rasch in den sozialen Medien und riefen wütende Reaktionen hervor. Protestierende griffen Polizeistationen und zündeten Parlamentsgebäude an. Dabei gab es mindestens zehn Tote und Hunderte Verletzte, mehr als 1.000 Menschen sitzen in Haft.
Begonnen hatten die Proteste drei Tage davor in Jakarta, als die Regierung des ehemaligen Militärs Prabowo Subianto inmitten von Teuerungen und einer Austeritätspolitik Wohnzuschüsse für Parlamentarier*innen in Höhe von umgerechnet 2.600 Euro beschloss, dem Zehnfachen des Durchschnittslohns. Subianto, Schwiegersohn des Ex-Diktators Suharto, werden schwere Verbrechen während der Zeit der Militärdiktatur vorgeworfen, unter anderem während des Unabhängigkeitskrieges in Osttimor sowie die Teilnahme am Terror und Massenmord gegen Minderheiten, Kommunist*innen und andere Linke. Heute präsidiert er über die Besetzung West Papuas.
Einen Teilsieg hat die Bewegung bereits errungen: Die Privilegien für Parlamentsmitglieder sollen wieder zurückgenommen werden. Vielen wird das aber nicht reichen. Sie fordern weitergehende Maßnahmen, wie die Rücknahme des harten Sparkurses und weniger Militärs in staatlichen Institutionen.
Das Echo der Proteste reichte bis nach Nepal. So soll die Piratenflagge der Serie »One Piece«, die viele in Indonesien als ihr Erkennungszeichen benutzten, auch in Nepal aufgetaucht sein, wo die Situation in der zweiten Septemberwoche innerhalb kürzester Zeit eskalierte und zum Sturz der Regierung führte. Auslöser war hier, dass die Regierung am 8. September soziale Medienplattformen abschalten ließ. Das sorgte für besonders viel Wut, weil junge Menschen dort über Ungleichheit im Land diskutierten – am Beispiel der »Nepo-Babies«, Kinder hochrangiger Politiker*innen.
Dem Aufruf der vier Tage nach der Abschaltung angemeldeten Demonstration unter dem Motto »Jugend gegen Korruption« folgten viele, Schüler*innen kamen in ihren Uniformen. Die Polizei eröffnete das Feuer, mehr als 50 Menschen starben, rund Tausend wurden verletzt. Die Regierung kollabierte am Tag darauf. Protestierende gelangten in das Parlament und andere offizielle Gebäude und zündeten sie an. Das Militär übernahm zwischendurch die Regierungsgeschäfte. Inzwischen hat sich die Lage beruhigt, nach Verhandlungen mit einigen Vertreter*innen der Gen-Z-Bewegung hat Nepals Präsident die ehemalige Verfassungsrichterin Sushila Karki zur Premierministerin ernannt.
Vieles erinnert an die Protestzyklen der 2010er Jahre: die Spontaneität, die horizontale Organisierung, der Jubel über die Wiederaneignung kollektiver Handlungsmacht.
Obwohl die Zahl aufstandsähnlicher Proteste nach einem Höhepunkt 2019 abgenommen hat, so ganz scheint der Protestzyklus nicht beendet zu sein. In Sri Lanka stürzten Proteste 2022 die Regierung, in Bangladesch 2024. In Kenia entstand 2024 die Gen-Z-Bewegung, die trotz Repression auch dieses Jahr weiter mobilisiert hat, und in Togo setzten sich junge Menschen gegen die autoritäre Macht der Gnassingbé-Familiendynastie zur Wehr, die seit mehr als sechs Jahrzehnten das Land beherrscht. In Serbien protestieren die Menschen seit Monaten gegen Premier Aleksandar Vučić.
Vieles erinnert dabei an die Protestzyklen der 2010er Jahre: die Spontaneität, der eher horizontale Charakter der Organisierung, der überraschte Jubel über die Wiederaneignung kollektiver Handlungsmacht. Allerdings, auch das zeigt die Vergangenheit, ist die Explosion nicht von Dauer: Backlashs, Verfolgung oder Vereinnahmung sind reale Gefahren.
Das zeigte der Journalist und Autor Vincent Bevins in seinem Buch »If We Burn« eindrücklich, der mit 200 Aktivist*innen aus zwölf Ländern sprach. Rückblickend sagen viele von ihnen, hätten sie eine organisiertere Bewegung schaffen müssen, mit einem Plan für das, was »danach« passiert. Etablierte und erfahrene Institutionen wie Gewerkschaften oder Oppositionsparteien tun sich andererseits schwer im Umgang mit den neuen Bewegungen und wollen diese oft eher einhegen. Dabei braucht es eine dauerhaftere, stabilere Struktur, die die Leben derjenigen schützen kann, die noch daran glauben und dafür kämpfen, dass alles besser wird.