analyse & kritik

Zeitung für linke Debatte & Praxis

0

| Diskussion

Was sind linke Antworten auf den US-Angriff auf Venezuela?

Klassenkampf gegen Imperialismus und der Mythos der nationalen Unabhängigkeit

Von Angry Workers

Wandgemälde bei dem einer Uncle-Sam-Figur die Zähne ausgeschlagen werden, daneben steht "Fuera el Imperialismo".
Wandbild in Caracas, Venezuela, 2011. Foto: Erik Cleves Kristensen / Flickr, CC BY 2.0

Die Angriffe der US-Armee in Venezuela sind Ausdruck des Imperialismus, aber wie können wir auf sie reagieren? Verständlicherweise rufen viele Menschen zur Verteidigung der »nationalen Unabhängigkeit« auf. Aber aus der Perspektive der Arbeiter*innenklasse und der internationalen Emanzipation ist der Ruf nach »Souveränität« ein gefährlicher Mythos. Die Situation in Venezuela ist Teil eines globalen Panoramas der Blockkonfrontation, und als internationale Arbeiter*innen müssen wir Wege finden, nicht zwischen den Fronten zerrieben zu werden.

Einer der Gründe, den die US-Regierung für den Kampf gegen den »Kommunismus« in Venezuela angibt, sind die engen Beziehungen des Landes zu »Feinden der USA«: China und Iran. Am Abend vor seiner Entführung empfing Maduro eine hochrangige chinesische Delegation. Nur wenig später saß er in einem Hubschrauber der US-Armee. China ist derzeit praktisch der einzige relevante Faktor, der dem aktuellen Vormarsch der USA und der mit den USA verbündeten Bewegungen in Lateinamerika (Milei/Argentinien, Bukele/El Salvador, Asfura/Honduras, Kast/Chile, Mulino/Panama usw.) entgegenwirkt.

Venezuela und China

China importiert derzeit etwa 80 Prozent der täglichen Ölproduktion Venezuelas von 950.000 Barrel (Stand November 2025, bevor der erste Tanker von US-Truppen beschlagnahmt wurde). Es gibt keinerlei Angaben zu den tatsächlichen Preisen, zu denen China in den letzten zehn Jahren venezolanisches Öl gekauft hat oder zu denen die »ungeheure Warensammlung« (Haushaltsgeräte von Haier, Yutong-Busse, Autos), die China auf Kredit nach Venezuela geliefert hat, in Rechnung gestellt wird. 2015 wurde sogar eine Fabrik zur Montage von Yutong-Bussen in Yaracuy errichtet.

In der peruanischen Stadt Chancay, 100 Kilometer nördlich der Hauptstadt Lima, betreibt der chinesische Logistikriese Cosco einen großen Tiefseehafen, wodurch sich die Fahrtzeit der Schiffe nach China von 40 Tagen auf 23 Tage verkürzt hat. In Panama wollen die USA China aus den Häfen an beiden Enden des Kanals (Colón und Balboa) verdrängen. Unterdessen streiten sich Black Rock/MSC und Cosco um die Anteile. Panama hat das chinesische Lieferkettenprojekt »Seidenstraße« wieder verlassen.

Wie es aussieht, befinden sich nach den Angriffen keine nennenswerten Truppen der USA mehr in Venezuela. Wenn Trump verkündet, dass die USA das Land nun bis zu einem »geordneten Übergang« regieren werden, kann dies nur auf der Drohung beruhen (die mit der Entführung von Maduro wahrgemacht wurde), dass sie jederzeit und überall effektiv und tödlich zuschlagen können.

Die Ukraine und Palästina sind Teil des Bildes

Das Ergebnis des angeblichen Kampfes um »nationale Unabhängigkeit« können wir in der Ukraine sehen: Arbeiter*innen beider Seiten werden in den Fleischwolf geschickt. Die russische Regierung braucht den Krieg, um ihre Macht zu erhalten, und wird zunehmend abhängig von Lieferungen aus China und dem Iran. Die ukrainische Regierung ist absolut abhängig von militärischer und finanzieller Unterstützung durch die EU und die USA und verkauft im Gegenzug landwirtschaftliche Flächen und Infrastruktur an westliche Unternehmen. Statt »die Demokratie zu verteidigen«, schränkt der ukrainische Staat gewerkschaftliche und politische Rechte ein und zwingt junge Männer zum Militärdienst an der Front. »Linke«, wie die Grünen in Deutschland, aber auch Gruppen in unserem Land, bemühen den Mythos von der »nationalen Selbstverteidigung«, um immer mehr Waffen für das Massaker zu fordern.

Die Idee der nationalen Unabhängigkeit ist in einer globalen kapitalistischen Welt ein Mythos.

Selbst der Genozid in Palästina kann nur im Rahmen der globalen Blockkonfrontation verstanden werden. Es war kein Zufall, dass die Konfrontation eskalierte, kurz nachdem es der chinesischen Regierung gelungen war, die saudische und die iranische Regierung an den Verhandlungstisch zu bringen. Denn dadurch wurden die zuvor von den USA vermittelten Abraham-Abkommen infrage gestellt, und es zeichnete sich eine drastische Verschiebung des regionalen Machtgleichgewichts ab. Zu diesem Zeitpunkt wollte jede Partei, die an diesem Spiel beteiligt war, ihren Einfluss geltend machen. Das palästinensische Territorium wurde als kleiner Pokerchip benutzt, insbesondere vom Regime im Iran, dem Hauptsponsor der Hamas. Auf der anderen Seite unterstützen der Westen und die USA die israelische Kriegsmaschinerie. Während Zehntausende wohlhabendere Palästinenser*innen aus der Region fliehen konnten, zahlt die lokale proletarische Bevölkerung in Gaza den Preis.

Wir sehen, dass die Idee der »nationalen Unabhängigkeit« in einer globalen kapitalistischen Welt ein Mythos ist. Das Problem ist, dass auch der Gegenpart des US-Blocks – also Staaten wie China, Iran und Russland – nichts zur Befreiung der Arbeiter*innenklasse beizutragen hat. Während bei Protesten gegen den Krieg in Gaza iranische Flaggen geschwenkt werden, kommt es im Iran selbst derzeit zu Zusammenstößen zwischen Tausenden Arbeiter*innen, die gegen die Inflation und das Regime protestieren, und staatlichen Sicherheitskräften. Auf welcher Seite stehen wir?

Arbeiter*innenwiderstand gegen die Kriegstreiberei

Wir erleben derzeit ein globales Wettrüsten, angeführt von den USA, die 2026 über eine Billion US-Dollar für das Militär ausgeben werden. Die EU plant für die kommenden sieben Jahre ein Militärbudget von über zwei Billionen Euro. Es ist klar, dass sie diese Ausgaben durch Kürzungen unserer Einkommen und von Sozialleistungen etwa im Gesundheitswesen und im Bildungsbereich finanzieren werden. Jede Regierung will diese Vorbereitung auf zukünftige Kriege normalisieren. In Großbritannien wird uns ständig erzählt, wir würden uns im Krieg mit Russland befinden.

Dagegen müssen wir uns in unseren alltäglichen Kämpfen zur Wehr setzen. Wir müssen eine umfassendere Strategie entwickeln, wie wir die Kriegsmaschinerie sabotieren und uns gegen staatliche Aggressionen, wie die Angriffe von ICE-Einheiten auf Migrant*innen, verteidigen können. Wir brauchen Strategien des proletarischen Widerstands im Untergrund, kombiniert mit Kämpfen, in denen wir über eine größere kollektive Macht verfügen.

In Frankreich haben Arbeiter*innen bei ST Microelectronics gegen die militärische Verwendung ihrer Produkte gestreikt; in München weigerten sich Straßenbahnfahrer*innen, Bahnen mit Werbung der Bundeswehr zu fahren; Hafenarbeiter*innen in Genua blockieren Schiffe mit Waffenlieferungen und rufen zum Generalstreik auf; in Deutschland protestieren Schüler*innen gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht; im Gesundheitssektor demonstrieren Beschäftigte gegen Pläne, sie in den medizinischen Apparat des Militärs einzugliedern; Arbeiter*innen bei DHL protestieren gegen die Beteiligung ihres Unternehmens an der militärischen Logistik; und Autoarbeiter*innen bei VW verurteilen die Pläne des Unternehmens, Teile der Werke an die Rüstungsindustrie zu verkaufen.

All diese kleinen Kämpfe sind Ausdruck der Frage nach Arbeiter*innenkontrolle: Wer entscheidet, was mit den von uns produzierten Gütern oder den von uns erbrachten Dienstleistungen geschieht? Diesen Kampf um Kontrolle müssen wir schrittweise auf die gesellschaftliche Ebene ausweiten. Gegen den globalen Krieg, für eine freie und kommunistische Zukunft.

Angry Workers

Die Angry Workers sind ein Kollektiv von einigen Leuten, die in West-London leben und jobben und vor Ort nach Möglichkeit an den Klassenkämpfen teilnehmen. Ihre Beobachtungen und Analysen veröffentlichen sie auf www.angryworkers.org.

Der Artikel erschien am 4. Januar unter dem Titel »Venezuela – Class struggle against imperialism and the myth of national independence« auf www.angryworkers.org. Übersetzung: Christian Frings

Unterstütz unsere Arbeit mit einem Abo

Yes, du hast bis zum Ende gelesen! Wenn dir das öfter passiert, dann ist vielleicht ein Abo was für dich? Wir finanzieren unsere Arbeit nahezu komplett durch Abos – so stellen wir sicher, dass wir unabhängig bleiben. Mit einem ak-Jahresabo (ab 64 Euro, Sozialpreis 42 Euro) liest du jeden Monat auf 32 Seiten das wichtigste aus linker Debatte und Praxis weltweit. Du kannst ak mit einem Förderabo unterstützen.