Die letzte Chance der Menschheit?
Wie Chinas Bevölkerungsrückgang ungewollt den Übergang zum Sozialismus einleiten könnte
Von Minqi Li
Nach der Weltsystemtheorie, wie sie von Immanuel Wallerstein, Giovanni Arrighi, Po-Keung Hui, und anderen konzipiert wurde, ist das kapitalistische Weltsystem ein historisches System, das vom Streben nach »endloser Kapitalakkumulation« angetrieben wird. Damit die kapitalistische Akkumulation in immer größerem Maßstab stattfinden kann, sind politische Voraussetzungen nötig. Das kapitalistische Weltsystem muss innerhalb einer politischen Struktur funktionieren, in der Staaten ständig miteinander konkurrieren. Der Wettbewerb zwischen den Staaten schafft ein Umfeld, in dem die Staaten sowohl unter Druck stehen als auch motiviert werden, die kapitalistische Akkumulation politisch zu fördern.
Wird der zwischenstaatliche Wettbewerb hingegen übermäßig und gerät außer Kontrolle, könnte dies katastrophale Folgen haben, die das Überleben des Systems zu untergraben drohen – globale Wirtschaftskrisen etwa oder schwere Konflikte zwischen Großmächten. Historisch ist es dem kapitalistischen Weltsystem gelungen, dieses Dilemma durch aufeinanderfolgende Hegemoniezyklen zu »lösen«. Von Zeit zu Zeit erhob sich eine der stärksten Großmächte zur Hegemonialmacht, um den zwischenstaatlichen Wettbewerb zu regulieren und die gemeinsamen Interessen des Systems zu verwalten.
In seinem 1994 erschienenen Werk »The Long Twentieth Century« bezeichnete Giovanni Arrighi die Perioden des Aufstiegs und Niedergangs von Hegemonialmächten als »systemische Zyklen der Akkumulation«. Arrighi stellte fest, dass das Vereinigte Königreich, als es zur Hegemonialmacht aufstieg, in Bezug auf Bevölkerung, Territorium und Staatsmacht um ein Vielfaches größer war als die Niederlande (die vorherige Hegemonialmacht). Als die Vereinigten Staaten zur Hegemonialmacht aufstiegen, waren sie um ein Vielfaches mächtiger als das Vereinigte Königreich. Angesichts dieses historischen Musters und der Tatsache, dass die USA ein Staat von der Größe eines Kontinents sind, könnte es, wenn die US-Hegemonie in ihre »finale Krise« eintritt, unmöglich werden, dass ein anderer Staat die USA als Hegemonialmacht ablöst. Denn es gibt keinen anderen Staat, der um ein Vielfaches mächtiger ist als die USA. Wenn das kapitalistische Weltsystem eine Hegemonialmacht benötigt, um zu funktionieren, aber keine neue Hegemonialmacht mehr entstehen kann, dann würde das System nicht überleben können. In diesem Fall, so argumentierte Arrighi, hätte die »kapitalistische Geschichte« ihre endgültige Grenze erreicht.
Der Irankrieg könnte sich als letztes Glücksspiel des amerikanischen Imperiumsprojekts erweisen.
Am Ende von »The Long Twentieth Century« erwägt Arrighi mehrere weltgeschichtliche Möglichkeiten. Die erste besteht darin, dass die USA ihre unangefochtene Militärmacht nutzen könnten, um den zwischenstaatlichen Wettbewerb zu beenden und ein neues globales Imperium zu errichten. Sollten die USA bei diesem imperialen Projekt Erfolg haben, wäre ein solches globales Imperium keine Hegemonialmacht innerhalb des kapitalistischen Weltsystems mehr, da eine Hegemonie ein System zwischenstaatlicher Konkurrenz beherrscht, nicht beseitigt.
Die zweite Möglichkeit besteht darin, dass die aufstrebenden kapitalistischen Volkswirtschaften Ostasiens den weltgeschichtlichen Wandel anführen. Da den ostasiatischen Volkswirtschaften jedoch die Militärmacht fehlt, die zur Sicherung und Konsolidierung großer und monopolistischer Profite nötig ist, würde sich das kapitalistische Weltsystem allmählich zu einer Art nicht-kapitalistischer »Weltmarktgesellschaft« entwickeln. In seinem späteren Werk »Adam Smith in Beijing« argumentierte Arrighi weiter, dass China in der Lage sein könnte, den weltweiten Übergang zu einer von mehr globaler Gleichheit geprägten »Gemeinschaft der Zivilisationen« anzuführen. Sollte sich schließlich keine der beiden Möglichkeiten verwirklichen, befürchtete Arrighi, dass die Welt in ein dauerhaftes systemisches Chaos stürzen würde, das nicht nur das Ende der kapitalistischen Geschichte, sondern das Ende der Menschheitsgeschichte herbeiführen könnte.
Der Fiebertraum eines globalen US-Imperiums
Die 1990er Jahre waren die Blütezeit der amerikanischen Weltmacht. Nach dem Zerfall der Sowjetunion galten die Vereinigten Staaten als einzige Supermacht, die über eine unipolare Welt herrschte. Nach vielen Jahren der Finanzialisierung und Deindustrialisierung ist das reichste und mächtigste imperialistische Land der Welt nicht mehr in der Lage, diese Rolle auszufüllen.
Im Ende Februar begonnenen US-israelischen Krieg gegen Iran hat sich gezeigt: Die USA verfügen nicht mehr über die Fähigkeit, Waffen und anderes Militärmaterial in den Mengen und der Qualität herzustellen, die für die Aufrechterhaltung eines langwierigen Großkrieges erforderlich sind. Schon vor Beginn der Aggression gab es Bedenken, dass das US-Militär mit Munitionsengpässen zu kämpfen haben könnte. In den ersten Kriegswochen haben die USA einen relevanten Teil ihres Vorkriegsbestands an Angriffswaffen (Raketen unterschiedlicher Gattungen) und Luftabwehrmunition verbraucht. Bei diesen Raten wären die US-Bestände an bestimmten Arten entscheidender Munition bald erschöpft.
Zudem hat Iran seine Fähigkeit unter Beweis gestellt, große Mengen an Raketen und Drohnen zu geringen Kosten zu produzieren und seinen Gegnern verheerenden Schaden zuzufügen. Diese Entwicklungen haben Auswirkungen auf das weltweite militärische Kräfteverhältnis. Der Irankrieg könnte sich somit als das letzte Glücksspiel des amerikanischen Imperiumsprojekts erweisen. Sollte der US-Imperialismus im Iran eine Niederlage erleiden, könnte sein Fiebertraum eines globalen Imperiums an sein Ende kommen.
Giovanni Arrighi hoffte, dass China und andere ostasiatische Volkswirtschaften den Übergang zu einer nicht-kapitalistischen »Weltmarktgesellschaft« anführen könnten. Doch Arrighi übersah die Ironie, die diese Erwartung birgt. China ist heute wohl das am stärksten auf Akkumulation ausgerichtete Land der Welt, mit der höchsten Sparquote und dem höchsten Verhältnis von Investitionen zum BIP unter allen großen Volkswirtschaften. Wie kann ein Land, das so sehr auf Akkumulation ausgerichtet ist, den Übergang zu einem nicht-kapitalistischen System anführen?
Vom Ende des Wachstums zum Ende des Kapitalismus
Die Antwort liegt möglicherweise in dem langfristigen demografischen Trend, der noch nicht erkennbar war, als Arrighi über die weltgeschichtlichen Möglichkeiten nachdachte. Chinas rasantes Wirtschaftswachstum der letzten Jahrzehnte wurde einerseits durch die Übernahme westlicher Technologien, andererseits durch die Ausbeutung einer riesigen Zahl billiger Arbeitskräfte ermöglicht. Da Chinas Bevölkerungszahl jedoch zurückgeht, wird auch die chinesische Erwerbsbevölkerung in den kommenden Jahrzehnten rapide schrumpfen.
Nach Prognosen der Vereinten Nationen wird Chinas Bevölkerung voraussichtlich von 1,42 Milliarden im Jahr 2024 auf 1,26 Milliarden 2050 und etwa 630 Millionen im Jahr 2100 zurückgehen. In der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts könnte die Zahl der Menschen in China demnach um etwa 1,4 Prozent pro Jahr sinken – mit gravierenden wirtschaftlichen Folgen: Das Wirtschaftswachstum eines Landes entspricht der Bevölkerungswachstumsrate plus der Wachstumsrate des realen Pro-Kopf-BIP. Bei einem Bevölkerungsrückgang entspricht die Rate des Wirtschaftswachstums eines Landes der Wachstumsrate des realen Pro-Kopf-BIP minus der Bevölkerungsrückgangsrate.
Kann die Welt die ökologischen und geopolitischen Katastrophen überstehen, bevor einige Länder den Übergang zu Nullwachstum und einer nicht-kapitalistischen Gesellschaft beginnen?
Chinas reales Pro-Kopf-BIP ist rapide gewachsen. Die Wachstumsrate des realen Pro-Kopf-BIP Chinas ist jedoch gesunken. Das durchschnittliche Wachstum des realen Pro-Kopf-BIP Chinas sank laut Zahlen der Weltbank von 10,1 Prozent im Zeitraum 2001–2011 auf 5,5 Prozent zwischen 2014 und 2024. Langfristig ist es nicht abwegig anzunehmen, dass Chinas reales Pro-Kopf-BIP-Wachstum auf ein Niveau sinken wird, das dem der heutigen entwickelten kapitalistischen Volkswirtschaften entspricht. Im Zeitraum 2000–2024 wuchs das reale Pro-Kopf-BIP der OECD-Länder um durchschnittlich 1,2 Prozent pro Jahr. Angenommen, Chinas reales Pro-Kopf-BIP wächst in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts auch mit dieser Rate, dann wird Chinas Wachstum des realen Pro-Kopf-BIP den Bevölkerungsrückgang nicht ausgleichen können, und China wird ein negatives Wirtschaftswachstum verzeichnen!
Kapitalistische Volkswirtschaften können bei anhaltendem Nullwachstum oder sogar negativem Wirtschaftswachstum nicht funktionieren. Wenn das Wirtschaftswachstum bei null bleibt, das investierte Kapital jedoch weiter wächst, sinkt die Kapitalrendite (Profitrate) gegen null. Wenn sich die Profitrate null nähert, haben Kapitalisten keinen Anreiz mehr, neue Investitionen zu tätigen. Wenn die Kapitalistenklasse nicht mehr investiert, wie kann dann der Mehrwert verwendet werden?
Historisch hat sich die Kapitalistenklasse von früheren herrschenden Klassen dadurch unterschieden, dass sie einen großen Teil des Mehrwerts für die Kapitalakkumulation (also Investitionen) statt für Konsum verwendet hat. Und sie hat ihre gesellschaftliche Herrschaft damit gerechtfertigt, dass das kapitalistische System nicht nur den Kapitalisten, sondern der gesamten Gesellschaft zugutekomme. Wenn die Kapitalistenklasse nicht mehr investiert, sondern den gesamten Mehrwert konsumiert, würde dies eine der wichtigsten Rechtfertigungen für das kapitalistische System zerstören.
Investieren bis zum Sozialismus?
In der Praxis werden Kapitalisten wahrscheinlich einen Teil ihrer Einkommen sparen. Diese Ersparnisse müssen von anderen Wirtschaftssektoren absorbiert werden, um dennoch Wachstum zu generieren und die makroökonomische Stabilität aufrechtzuerhalten. Andernfalls würde die Gesamtnachfrage der Wirtschaft hinter dem Gesamtangebot zurückbleiben, was zu einer Rezession oder Depression führen würde. Eine Möglichkeit besteht darin, dass die Kapitalisten ihre Ersparnisse an die Haushalte der Arbeiter*innenklasse verleihen. Bei einem Null- oder negativen Wirtschaftswachstum werden die Realeinkommen der Arbeiter*innen jedoch nicht mehr steigen. Wenn die Realeinkommen der Arbeiter*innen nicht mehr steigen, die Arbeiter*innen aber jedes Jahr hohe Kredite bei den Kapitalisten aufnehmen, wird die Verschuldung der Arbeiter*innenhaushalte bald untragbar sein, insbesondere, wenn das Finanzkapital weiterhin positive Realzinsen (einen Zinssatz oberhalb der Inflationsrate) verlangt.
Alternativ könnten die Kapitalisten ihre Ersparnisse an den Staat verleihen, staatliche Defizite wären die Folge. Wenn der Staat Defizite zur Finanzierung staatlichen Konsums oder von Transferzahlungen nutzt, wird, bei Nullwachstum der Wirtschaft, die Staatsverschuldung schnell explodieren. Die einzige Lösung scheint zu sein, dass der Staat das Defizit zur Finanzierung staatlicher Investitionen in produktive Vermögenswerte nutzt und die Erlöse aus den staatseigenen Vermögenswerten zur Rückzahlung der Zinsen und Schulden verwendet. Wenn die Kapitalisten keine neuen Investitionen mehr tätigen, der staatliche Sektor jedoch immer mehr produktive Vermögenswerte ansammelt, wird der staatliche Sektor irgendwann den Großteil der Produktionsmittel besitzen und damit die wirtschaftlichen Voraussetzungen für den Übergang zum Sozialismus schaffen.
Nach Prognosen der Vereinten Nationen wird die Weltbevölkerung in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts ihren Höchststand erreichen, und viele Länder in Asien und Europa werden einen Bevölkerungsrückgang erleben. Gegen Ende des 21. Jahrhunderts könnte es eine große Zahl Länder geben, die unter dem Druck von Null- oder Negativwachstum gezwungen sind, den Übergang zu einer Form des Sozialismus zu vollziehen. Diese Länder könnten die Grundlage für eine nichtkapitalistische »Weltmarktgesellschaft« bilden, wie Giovanni Arrighi sie sich vorstellte.
Doch kann die Welt die drohenden ökologischen und geopolitischen Katastrophen überstehen, bevor einige Länder den Übergang zu Nullwachstum und einer nichtkapitalistischen »Weltmarktgesellschaft« beginnen? Während die geopolitischen Konflikte eskalieren, beschleunigt sich die globale Erwärmung weiter. Man kann mit Sicherheit sagen, dass die Welt seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs noch nie so gefährlich war wie heute. Die kommenden Jahrzehnte, vielleicht schon die nächsten Jahre werden entscheiden, ob die Menschheit noch eine Chance hat.
Übersetzung: ak