analyse & kritik

Zeitung für linke Debatte & Praxis

|ak 684 | Diskussion

Wer dreht den Gashahn zu?

Das Klimacamp in Hamburg will eine internationalistische Bewegung

Von Bilke Schnibbe und Johannes Tesfai

Sensationen an jeder Ecke: Aktivist*innen führen Journalist*innen ihre Maleranzüge vor. Foto: ak

Viele junge Menschen drängen sich an den Gebäuden der Landungsbrücken in Hamburg in den Schatten. Sie tragen Fahnen und Transparente der Klimabewegung. Die Sonne knallt auf den Parkplatz vor ihnen, wo der Lautsprecherwagen seine Ansagen über die Straße pustet. Wo sonst Tourist*innen ihren Friesennerz an der Hafenkante spazieren tragen, ist Anfang August wenig vom Hamburger Schietwetter zu merken. Dass kurz zuvor der heißeste Tag seit Beginn der Wetteraufzeichnungen vermeldet wurde, passt zum Anlass der Menschenansammlung: Sie sind größtenteils wegen des Klimacamps mit dem Namen »System Change« nach Hamburg gekommen, in dessen Rahmen auch diese Demonstration stattfindet.

Die Themen der Demonstration sind dieser Tage auch in den Medien allgegenwärtig: In Brandenburg und Sachsen brennen die Wälder. Der Rhein führt mittlerweile so wenig Wasser, dass die Schiffe mit ihrer klimaschädlichen Kohle nicht mehr zu den Kraftwerken kommen. Was jahrelang als Mahnung von Wissenschaftler*innen und Planspiel der Forschung diskutiert wurde, ist längst auch in Europa Realität. Der erwärmte Planet bedroht die Lebensgrundlage der Menschen.

Deutsche Frackingfans

Der russische Angriffskrieg in der Ukraine stellt selbst auf der deutschen Regierungsbank alte Gewissheiten des Klimaschutzes und das »grün« im Namen der Grünen in Frage. Um den Wegfall des russischen Gases zu kompensieren, werden Kohlekraftwerke wieder hochgefahren und entlang der Nordseeküste sollen Terminals für Flüssiggas, sogenanntes LNG, gebaut werden.

Dieses Gas wird über das sogenannte klimaschädliche Fracking gewonnen, vor allem im Globalen Süden, und landet dann in Deutschland im Hamburger Hafen an. Der ist außerdem ein Umschlagplatz für Rohstoffe aus dem Globalen Süden, zum Beispiel für Kohle aus Kolumbien, sowie Drehscheibe für Waffen und Atomtransporte. Die Hansestadt ist also ein guter Ort zum Protestieren und Zelten. Er symbolisiert damit eine »koloniale Kontinuität« wie wenige Orte in Deutschland, wie Luka Scott am Rande des Lautsprecherwagens berichtet. Scott ist Pressesprecherin bei Ende Gelände.

Gemächlich stellt sich der Zug auf. Vom Lautsprecherwagen gibt es unterschiedliche Redebeiträge. Auffallend ist, dass vor allem Aktivist*innen aus dem Globalen Süden das Wort haben. Kurz bevor es losgeht, spricht der Anti-Fracking-Aktivist Esteban Servat aus Vaca Muerta in Argentinien. Seit er sich mit der argentinischen Gasindustrie angelegt hat, die eines der weltgrößten Fracking-Felder ausbeutet, bekommt er Morddrohungen. Er lebt seitdem im Exil in Deutschland. (siehe ak 670)

Die mehr als 1.800 Menschen nehmen ihren Weg entlang der U-Bahnstrecke mit Hafenpanorama. Ein paar wenige Zuschauer*innen schauen sich die Demo aus den umliegenden Bürogebäuden an, dafür umso mehr Tourist*innen, die sich wahrscheinlich bald auf die Plaza der Elbphilharmonie begeben werden. Der Demonstrationszug wartet mit den üblichen linken Transparenten auf, unterschiedliche klimapolitische Initiativen haben aufgerufen, aber auch die Grüne Jugend, deren Partei in Bundes- und der Hamburger Landesregierung sitzt.

Linke Gruppen mit ihren schwarzen und roten Fahnen sind ebenfalls dabei. Andere Demonstrierende schwenken Flaggen unterschiedlicher indigener Gruppen vor allem aus Südamerika. Über die Aktivist*innen aus dem Globalen Süden freuen sich die Organisator*innen besonders. »Es ist wichtig, dass diese Menschen hier sind und ihre Wut zum Ausdruck bringen. Die Klimagerechtigkeitsbewegung kann von ihnen lernen. Sie können uns berichten, was dort alles schief läuft«, sagt Scott im Gespräch mit ak.

Auf einer unscheinbaren Wiese zwischen Volksparkstadion und dem außerhalb Hamburgs vermutlich unbekannten Stadtteil Lurup liegt das Klimacamp. Um zwei große Zirkuszelte herum gruppieren sich viele kleine weiße Zelte. Morgens um 10 Uhr sind viele Camper*innen noch mit ihrer Morgenroutine beschäftigt. Sie sitzen auf Bierbänken und frühstücken, über das platt getretene und von der Hitze verdorrte Gras schlendern einige zu ihren Workshops.

Hier sieht es aus wie in den meisten Protestcamps. Es gibt eine Zeltküche, aus der veganes Essen gereicht wird und aus Pressspan gezimmerte Toiletten. Kommt man aber auf die Rückseite der Wiese, sieht man ein Dutzend Solarzellen. Die Klimaaktivist*innen meinen es ernst mit der Unabhängigkeit von der emissionsintensiven Energieindustrie.

Amaguaña hatte gehofft, dass mehr in Deutschland geborene Migrant*innen zum Camp kommen würden. Das zeige, dass sich migrantische Zusammenhänge mehr vernetzen müssten, aber das Camp sei ein guter Start dafür, sagt sie.

Eurozentrismus und Vernetzung

Eines der weißen Workshopzelte wird von Abya Yala Anticolonial bespielt. Inti Amaguaña kommt aus Ecuador und lebt in Hamburg, sie ist Teil der Hamburger Gruppe. Ihr Kollektiv möchte unter anderem über die Kämpfe der indigenen Gemeinden in Lateinamerika informieren, aber auch die Kultur ihrer dortigen Communities hier repräsentieren, wie sie im Gespräch erzählt. »Abya Yala ist ein antikolonialer Begriff und eine Forderung von Indigenen. Es ist der Name von Südamerika vor der Kolonisierung«, erläutert Amaguaña. Als Migrantin findet sie es wichtig, politische Kämpfe in Ecuador mit ihrem Aktivismus in Deutschland zu unterstützen.

Auch für die Organisator*innen »ist es wichtig, die Klimakrise global zu denken«, wie Luka Scott erzählt. Viele Initiativen mit Verbindungen in den Globalen Süden wie Abya Yala Anticolonial bieten Workshops an. Jedoch finden sich vor allem junge weiße Aktivist*innen in Zelten und vor dem Stand, an dem Pizza angeboten wird. Amaguaña hatte gehofft, dass mehr in Deutschland geborene Migrant*innen zum Camp kommen würden. Das zeige, dass sich migrantische Zusammenhänge mehr vernetzen müssten, aber das Camp sei ein guter Start dafür, sagt sie.

An einer viel befahrenen Straße in der Nähe des Camps schiebt sich ein Polizist sichtlich angestrengt auf einem Fahrrad vorbei. Die geringe Präsenz der Polizei soll wohl Zurückhaltung signalisieren, so wirkt das Zweirad im Einsatz fast schon anbiedernd. Kurz vorher übte sich die Ordnungsmacht noch in ihrer gewohnten Hamburger Verbotspolitik. Nicht schlafen, nicht kochen, das sollten die Auflagen für die Camper*innen sein. Ein Gericht kassierte die drakonischen Einschränkungen ein, und nun gibt es warmes Essen und einen großen Bereich zum Zelten. Die Gestattung der Infrastruktur ist somit anders als während des G20-Gipfels vor fünf Jahren nicht zum Zankapfel geworden. Die Polizei schwadronierte zwar im Vorhinein des Camps von ihrem größten Einsatz seit dem berüchtigten Gipfel, aber eine ähnlich große Mobilisierung wird den Aktionen gegen die herrschende Klimapolitik wohl nicht vergönnt sein.

Zurück auf der sonnenverbrannten Wiese fordert Amaguaña einen Austausch auf Augenhöhe zwischen den Aktivist*innen des Nordens und des Südens. Zwar fordere die Klimakrise schnellere Reaktionen, weil ihre Auswirkungen immer mehr zu spüren wären, die Bewegung solle sich aber Zeit nehmen, um Alternativen für das Leben auf dem Planeten vorzuschlagen. »Wir glauben nicht an den grünen Kapitalismus, wir kämpfen für soziale und ökologische Gerechtigkeit überall«, so Amaguaña auf der Pressekonferenz des Camps.

Diese findet am Tag nach der Demo statt. Auf der Bühne des großen Zirkuszeltes sitzt neben Amaguaña und Esteban Servat auch Christopher Basaldú, der aus Texas angereist ist. Sein Tribe, die Carrizo Comecrudo, kämpfe nicht nur gegen die Umweltzerstörung ihrer Gebiete durch Fracking für Gas, das dann nach Europa und China exportiert wird, sondern zugleich gegen die Militarisierung der Grenze zu Mexiko und für die Rechte flüchtender Menschen, die das Gebiet des Tribes von Süd nach Nord kreuzen. Viele dieser Migrant*innen verlassen ihre Länder, weil die Ausbeutung von Rohstoffen für Europa und Nordamerika ihre Lebensgrundlage zerstört, sagt Basaldú.

Kurz nach Basaldú spricht Juan Pablo Gutiérrez, der in Paris im Exil lebt, seit er in Kolumbien damit rechnen musste, aufgrund seines Aktivismus ermordet zu werden. Gutiérrez ist Teil der indigenen Gruppe der Yupka, die an der Grenze zu Venezuela leben und deren Land primär durch Bergbau zerstört wird. Er weist darauf hin, dass in indigenen Gebieten auf der Welt ungefähr 80 Prozent der Biodiversität unserer Natur zu finden seien. Indigene Gruppen machten dabei vier Prozent der Weltbevölkerung aus. Wie schon Balsaldú und Amaguaña unterstreicht er anhand dieses Beispiels, dass sich europäischer Klimaaktivismus mit den Kämpfen indigener Gruppen vernetzen muss, um den »kollektiven Suizid« der Menschheit zu verhindern. Ohne Systemwechsel sei das nicht zu erreichen.

Dafür müssten sich deutsche Klimaaktivist*innen auch mit dem Eurozentrismus in ihrer Bewegung auseinandersetzen, betont Servat in diesem Zusammenhang. Schon am Tag zuvor hatte er vom Lauti herunter kritisiert, dass viele deutsche Klimaaktivist*innen den Namen des Unternehmens nicht kennen würden, das aus Deutschland heraus einer der größten Umweltzerstörer im Globalen Süden sei: Wintershall Dea. Wichtig sei, dass Aktivist*innen aus diesen Erdteilen und indigene Gruppen nicht als Opfer betrachtet würden, die man in Europa über die Bühnen linker Veranstaltungen schicken könne, sondern ihnen auf Augenhöhe begegne und ihre Expertise nicht herunterspiele. Wie auch Amaguaña dankt er den Camp-Organisator*innen dafür, dass sie »mehr als ihr Bestes« gegeben hätten, um das auf dem Camp umzusetzen. Trotzdem ließe sich das grundlegende Problem nicht einfach auflösen.

Diesen Eindruck bestätigen die Nachfragen der Pressevertreter*innen, die am Ende der Pressekonferenz motiviert die Hände in die Höhe strecken. Einige Journalist*innen möchten von den deutschen Vertreterinnen von Ende Gelände und vom Bündnis »…ums Ganze!« wissen, wann denn nun Blockadeaktionen geplant seien. Und ob die »radikalen« Maßnahmen nicht eher zu Unmut unter der Bevölkerung führen würde. An die Vertreter*innen aus dem Globalen Süden hingegen richten sich Nachfragen.

Liberale Töne sind auf diesem Camp kaum zu vernehmen. So erklärt auch die Ende Gelände-Sprecherin Charly Dietz der fragenden Journalistin, dass ihr Bündnis aufgrund des Ernstes der Lage alle Protestformen für notwendig und angemessen erachte, bei denen keine Menschen zu Schaden kommen. Allen voran die Blockaden der fossilen Infrastruktur. Die Auswirkungen der Klimakrise werden schärfer, die Antworten darauf wohl auch.

Anmerkung:

1) Da der Redaktionsschluss dieser Ausgabe vor den Blockadeaktionen lag, konnten wir darüber leider nicht mehr in diesem Artikel berichten.

Johannes Tesfai

ist ak-Redakteur.