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Die Angst vor kalten Heizungen ist Ablenkung

Die Chemieindustrie weiß ihre Existenz und den Ausbau von Gasinfrastrukturen gut zu begründen – ein Rückbau wäre nötig

Von Nico Graack

Illustration: Maik Banks

Es ist ein Satz, der eine energiepolitische Zeitenwende markieren soll: Ursula von der Leyen erklärte im Dezember, dass das »Zeitalter der vollständigen Energieunabhängigkeit Europas von Russland« beginne. Die EU-Kommissionschefin meinte damit vor allem das Ende der russischen Gasimporte in die EU, das nun bis November 2027 erreicht sein soll. Der wichtigste Baustein dabei: der Ersatz von russischem Pipelinegas durch den Import von verflüssigtem Erdgas, besser bekannt als LNG. Es wird über Schiffstanker und die nach dem Großangriff Russlands auf die Ukraine schnell gebauten Hafenterminals transportiert. Dieser Import erfolgt zu 96 Prozent aus den USA. Er soll die EU vor neuen, geopolitisch motivierten Erpressungen schützen – eben die »Energieunabhängigkeit« sichern. Aber das US-Gas führt nur in eine neue Abhängigkeit.

Die Diskurse um LNG bzw. Erdgas liefen immer unter Schlagwörtern, die zu ihrer Zeit vor allem die Antwort auf eine Frage gaben: Wie lässt sich der möglichst große und langfristige Ausbau der Gasinfrastruktur rechtfertigen? Ist heute von LNG und Erdgas die Rede, fällt dabei vor allem das Wort »Unabhängigkeit«. Das war nicht immer so.

Kleine Geschichte des Erdgas-Theaters

Die 2010er Jahre waren eine Zeit, in der fossile Unternehmen ihre Geschäftsgrundlagen zunehmend durch die UN-Klimaprozesse bedroht sahen. In diesem Kontext griffen Gasunternehmen in ihren Lobbybemühungen jenes Wort auf, das zuvor bereits der Anti-Atom-Bewegung den Wind aus den Segeln nehmen sollte: »Brückentechnologie«. Beim Übergang von fossilen zu erneuerbaren Energien bräuchte es Energieträger, die die Brücke herstellen. In den 1980er Jahren wurde so die Kernkraft verkauft, 30 Jahre später das Erdgas. Dabei sind Investitionen in Gasinfrastrukturen auf viele Jahre ausgelegt, um sich überhaupt zu rentieren. Und Erdgas ist aufgrund der Methanemissionen sogar noch vor der Braunkohle der klimaschädlichste Energieträger – von den Grundwasserverseuchungen und dem Vertreiben der oft indigenen Bevölkerung für die Förderstätten bei der Frackingförderung ganz zu schweigen.

Seit Pandemie und Krieg hat jedoch der Rechtfertigungsdruck auf Unternehmen bezüglich der Klimaauswirkungen ihrer Produkte merklich abgenommen. Die Zeiten, in denen sich selbst der bayerische Ministerpräsident Markus Söder als Klimaschützer gab, sind vorbei: »Klimaschutz« ist kein Garant für öffentliche Zustimmung mehr, sondern wird zunehmend im rechten Kulturkampf verbrannt. Das neue Schlagwort »Unabhängigkeit« knüpft stattdessen an die Reden der ersten Trump-Administration an. Der damalige Energieminister Rick Perry nannte Erdgas 2019 »Freiheitsgas«.

Die Kernidee dieses Schlagwortes war die gleiche wie auch heute: Mit zunehmenden US-Importen von LNG würde es Europa schaffen, von Russland unabhängig zu werden. Warum aber sahen sich die USA genötigt, selbst so alte Kamellen aus der Zeit des Kalten Krieges – in der der Westen stets die »freie Welt« war – aus der rhetorischen Mottenkiste zu kramen?

Der Hintergrund ist der sogenannte Frackingboom. Beim Fracking wird ein Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien unter hohem Druck in das Gestein gepresst, um feine Risse zu erzeugen, die das Gas/Öl zum Bohrloch fließen lassen. Seit 2005 stieg die USA mit dieser neuen Technik zum weltweit größten Gasproduzenten auf. Verbunden damit sind und waren enorme Hoffnungen: echte, realwirtschaftliche Investitionen, die zu einer US-Dominanz im Gasweltmarkt führen könnten. Dieser in fossilen Wirtschaftskreisen gehegten Hoffnung fühlten sich die US-Regierungen nicht nur, aber vor allem unter Trump (»Drill, baby, drill«) verpflichtet.

Die Chemieindustrie in ihrer aktuellen Form ist ein Sicherheitsrisiko.

Und dieser US-Präsident setzte schon in seiner ersten Amtszeit sein liebstes Druckmittel ein, um der Gasindustrie unter die Arme zu greifen: Zölle. 2018 schlossen er und der damalige EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker einen Deal: Die USA würden darauf verzichten, höhere Zölle auf Autoimporte aus der EU zu erheben, und die damals erhobenen Strafzölle auf Stahl und Aluminium zurücknehmen. Im Gegenzug verpflichtet sich die EU dazu, in Zukunft deutlich mehr LNG aus den USA zu kaufen. Die US-Zölle auf Aluminium und Stahl aus der EU sind inzwischen mit bis zu 50 Prozent höher als 2018, während die EU heute in der Tat mehr LNG aus den USA abnimmt.

Der Weg dorthin war lang: 2019 sollte die »LNG-Verordnung« unter dem damaligen Wirtschaftsminister Peter Altmaier den europäischen Unternehmen auf die Sprünge helfen, das Gas aus den USA zu importieren. Aber LNG war schlicht zu teuer und das russische Pipelinegas aus Nord Stream I zu günstig. Man fuhr also zweigleisig: 2020 bot der seinerzeitige Vizekanzler Olaf Scholz den USA in einem dubiosen Kuhhandel erfolglos eine Milliarde Euro mehr Subventionen für LNG-Terminals an, wenn sie im Gegenzug ihren Widerstand gegen die Nord-Stream-II-Pipeline aufgäben.

Abhängigkeit reduzieren? Ja, bitte!

Der gordische Knoten dieser Gaspolitik wurde erst durch den Angriff Russlands auf die Ukraine 2022 zerschlagen: Unter dem Schlagwort von »Sicherheit« war plötzlich möglich, was sich unter dem Schlagwort »Brückentechnologie« niemand traute: Unter dem grünen Wirtschafts- und Umweltschutzminister Robert Habeck wurden die Genehmigungsverfahren für LNG-Terminals auf ein Minimum gesenkt – auf Kosten von zum Beispiel Umweltverträglichkeitsprüfungen. Innerhalb kürzester Zeit entstanden die mittlerweile fünf funktionsfähigen Terminals. Durch sie wurden laut Bundesnetzagentur im Januar 2026 im Schnitt knapp zwölf Prozent des deutschen Gasverbrauchs gedeckt.

Die Idee hinter dem neuen Schlagwort »Unabhängigkeit« ist richtig: Energiepolitische Abhängigkeiten sind in einem Wirtschaftssystem, das auf der Nutzung enormer Mengen von Primärenergie aufbaut, fatal. Versteht man unter »Unabhängigkeit« aber das, was einem schon die erste Trump-Administration als solche verkaufen wollte, dann wird wie jetzt gerade mit riesigen Investitionen eine neue Abhängigkeit aufgebaut. Noch dazu eine Abhängigkeit von jemandem, der schon mehrfach klargemacht hat, dass er auch vor den plumpesten Erpressungen nicht zurückschreckt. Schließlich war eine solche schon der erste LNG-Deal zwischen der EU und Trump 2018.

Warum aber fällt das vollmundig verkündete Versprechen, »Abhängigkeit zu reduzieren«, so schwer? Ein Grund ist die Angst der EU vor einem intensivierten Handelskrieg mit den USA, der mit ganz harten Bandagen geführt wird. »Unterwürfigkeit schafft keine Sicherheit«, hat der kanadische Premierminister Mark Carney richtigerweise in Davos im Januar gesagt. Ein anderer Grund ist jener, der auch schon dafür sorgte, dass die historische Chance eines weitgehenden Gasausstiegs im Jahr 2022 selbst vom grünen Wirtschaftsminister Habeck ungenutzt blieb: die deutsche Chemieindustrie.

Die eigentliche Energieabhängigkeit besteht nicht gegenüber einem Exportland für Erdgas, ganz gleich, um welche Diktatur es sich handelt, sondern gegenüber der Chemieindustrie und anderen Großverbrauchern.

Diese ist mit globalen Größen wie BASF und Bayer nicht nur der größte industrielle Verbraucher von Energie in Deutschland überhaupt, sondern insbesondere von Erdgas. Nach Zahlen des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI) entfielen auf die chemisch-pharmazeutische Industrie im Jahr 2024 gut 18 Prozent des gesamten deutschen Erdgasverbrauchs. Zum Vergleich: Alle Haushalte zusammen kamen der Bundesnetzagentur zufolge im selben Jahr auf 39 Prozent. Die Chemieindustrie benötigt Erdgas nicht nur zur Energieproduktion, sondern auch als Rohstoff für etwa Düngemittel.

Dementsprechend ist es die Chemieindustrie, die sich am stärksten für neue Gasinfrastruktur einsetzt. Der VCI interveniert seit dem Angriff Russlands regelmäßig in die öffentlichen Debatten. So warnte der damalige Vorsitzende Mitte 2022 vor einem »Herzinfarkt der deutschen Wirtschaft«, sollte es zu einer Gasmangellage kommen, und sprach sich dagegen aus, Industrie und Haushalte beim Gasverbrauch gegeneinander auszuspielen.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung nannte das seinerzeit unbegründete »Panikmache«, aber etwas daran ist durchaus richtig: Es geht bei den Debatten um Gasmangellagen eigentlich nicht um die oft beschworenen »kalten Haushalte«, sondern um die deutsche Wirtschaft. Und dabei vor allem um die Chemiewirtschaft. In zahlreichen Positionspapieren spricht sie sich für mehr heimische Gasproduktion, mehr LNG aus langfristigen Verträgen und mehr Gasinfrastruktur aus. Dabei macht sie bereitwillig Gebrauch von den Schlagworten, die jeweils am wirksamsten erscheinen – früher »Brückentechnologie«, heute »Energieunabhängigkeit«.

Ebenso wie hinter der Energieunabhängigkeit verbirgt sich auch hinter der »Brückentechnologie« ein richtiger Gedanke: Die Klimakatastrophe ist eine riesige Bedrohung. Nimmt man diese Bedrohung und die Bedrohung durch geopolitische Erpressungen ernst, gibt es nur eine ehrliche Einschätzung: Die Chemieindustrie in ihrer aktuellen Form ist ein Sicherheitsrisiko.

Hauptfeind BASF und Bayer

Statt also Angst vor kalten Haushalten zu schüren und die Angst vor Klimakatastrophe und Erpressung zu instrumentalisieren, um noch mehr Gas zu importieren, müssten ganz andere Debatten geführt werden: Welchen Gasverbrauch wollen wir uns leisten? Die Eigenproduktion aus Deutschland und die Importe aus Norwegen decken etwa 53 Prozent des aktuellen Verbrauchs hierzulande ab – genug, um alle Haushalte für eine Übergangszeit während der notwendigen Wärmewende von Gas hin zu erneuerbaren Energieträgern zu versorgen, und noch etwas mehr. Was soll mit dem Rest passieren? Und was geschieht, wenn die Quellen versiegen? Die Frage nach einem Rück- und Umbau der Chemieindustrie muss man sich stellen, ob nun die Gasquellen in Norwegen oder irgendwann in den USA versiegen. Und welche Teile der Chemieindustrie braucht es denn angesichts der extremen Umweltschäden überhaupt?

Solche Debatten werden vermieden. An den Produkten der Chemieindustrie hängen große Teile aller möglichen Wertschöpfungsketten. Ein Rück- und Umbau derselben ist ein Eingriff in die gesamte Wirtschaft. Aber er ist notwendig. Nicht, weil man Spaß an der Destruktion hat. Sondern weil die geopolitische Lage und die Klimakatastrophe einen dazu zwingen. Das ist die Chance, wenn von »Energieunabhängigkeit« die Rede ist: Es ist leicht einzusehen, dass die aktuelle Strategie nur eine neue Abhängigkeit von den USA schafft und dieselben Risiken birgt wie zuvor mit Russland. Und es ist ebenso leicht einzusehen, dass es dazu gar keine Alternativen gibt.

Die einzige Schlussfolgerung: Die eigentliche Energieabhängigkeit besteht nicht gegenüber einem Exportland für Erdgas, ganz gleich, um welche Diktatur es sich handelt. Die eigentliche Energieabhängigkeit besteht gegenüber der Chemieindustrie und anderen Großverbrauchern. Wenn also von »Energieunabhängigkeit« die Rede ist, gilt das alte Diktum: Der Hauptfeind steht im eigenen Land. Die Angst vor Trump hilft uns vielleicht, das endlich anzuerkennen.

Nico Graack

ist freier Autor und Philosoph. Er arbeitet am Institut für Philosophie, Psychoanalyse und Kulturwissenschaften in Berlin und engagiert sich in verschiedenen Klimakontexten.

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