Antifa heißt …
... um die ganze Geschichte kämpfen
Von Sultana Sediqi
Einige Tage vor dem Parteitag der AfD in Erfurt und den geplanten Blockaden von Widersetzen wurde Zubair, unser Freund und Überlebender eines Schiffbruchs, gewaltsam abgeschoben. Auf seiner Flucht nach Deutschland hatte er in der Nacht des 5. Oktober 2022 vor der griechischen Insel Kythira mehrere Mitglieder seiner Familie verloren und war selbst schwer verletzt worden. Auch meine Familie war von dem Schiffbruch betroffen. Mein Onkel kam ums Leben, meine Tante überlebte.
Zubair kämpfte sich durch die Zeit in Griechenland und schaffte es schließlich nach Deutschland. Er lernte Deutsch, arbeitete, heiratete und stand kurz davor, eine Ausbildung zu beginnen. Er wurde brutal aus all dem herausgerissen und an den Ort seiner Albträume abgeschoben.
Wir erzählen die Gewalt dieser Verhältnisse noch immer als zwei verschiedene Geschichten. Hier der Kampf gegen rechts. Dort die Abschiebung eines Freundes.
Während sich in Erfurt alles um den AfD-Parteitag drehte, saßen wir Freund*innen in den frühen Morgenstunden beieinander – zwischen der Trauer um unseren Freund, seine geraubte Zukunft und um jene, die wir vor Kythira verloren hatten, aber auch um all die Namenlosen, deren Leben demselben mörderischen Grenzregime zum Opfer fallen – und telefonierten verzweifelt Fluggesellschaften ab, in der fast aussichtslosen Hoffnung, seine Abschiebung doch noch zu verhindern.
Inmitten all dessen kehrte derselbe Gedanke immer wieder zurück: Wie anders unsere Leben aussähen, wenn beispielsweise dieselben 50.000 Menschen, die wenige Tage später die Straßen Erfurts gegen den AfD-Parteitag füllen würden, an jenem Morgen mit uns am Flughafen gestanden hätten, um die Abschiebung zu verhindern. Wie sehr ich mir wünschte, eine solche politische Kraft würde sich gegen die Merz-Regierung wenden, die Abschiebungen verschärft, das Recht auf Asyl aushöhlt, den Sozialstaat abbaut und Protest kriminalisiert. Wie sehr ich mir wünschte, diese Massen ließen sich gegen eine längst autoritär organisierte Gegenwart mobilisieren, die in kolonialen Herrschaftsverhältnissen wurzelt und in imperialen Grenzregimen fortlebt. Wie sehr ich wünschte, wir würden unseren Blick von dem spektakulären Bild des aufsteigenden Faschismus’ lösen und auf die sozialen Krisen, die Abstiegsängste und den Rassismus richten, aus denen er erwächst.
Doch wir erzählen die Gewalt dieser Verhältnisse noch immer als zwei verschiedene Geschichten. Hier der Kampf gegen rechts. Dort die Abschiebung eines Freundes. Hier der antifaschistische Ausnahmezustand. Dort die alltägliche rassistische Gewalt.
Ich empfinde tiefes Unbehagen gegenüber einer antifaschistischen Praxis, die sich mit der liberal-demokratischen Ordnung versöhnt und den Kampf gegen Faschismus auf die AfD verengt. Eine antifaschistische Praxis, die den Namen verdient, müsste die Interessen derjenigen ins Zentrum stellen, die von Ausbeutung, Verarmung, Entrechtung betroffen sind. Sie müsste die soziale Frage und den Kampf gegen Rassismus als untrennbar begreifen und daraus eine klassenkämpferische Praxis entwickeln.
Wir brauchen eine starke soziale Bewegung gegen Prekarisierung und Unterdrückung, wir brauchen Netzwerke der Solidarität, in denen wir einander schützen und gemeinsam für das Leben kämpfen. Eine revolutionäre Gegenmacht, die aus unseren Beziehungen wächst. Unser Freund wurde abgeschoben. Doch seitdem fließen jeder Atemzug, jede Erinnerung und jede erschöpfte Kraft in den Versuch, ihn nicht loszulassen: gemeinsam weiterzukämpfen, füreinander zu sorgen und das Leben gegen eine Welt zu verteidigen, die es uns immer wieder entreißen will. So entsteht die Kraft, der Gewalt dieser Verhältnisse nicht nur zu widerstehen, sondern für eine andere Wirklichkeit zu kämpfen – im Schmerz, in der Erschöpfung und allem zum Trotz.
Weitere Beiträge zur Frage »Antifa heißt …« schreiben in dieser Ausgabe Robert Fietzke und Simin Jawabreh.
