Antifa heißt …
... Bindung organisieren
Von Robert Fietzke
Noch nie seit 1945 war die Gefahr einer faschistischen Machtübernahme in einem Bundesland so real wie derzeit in Sachsen-Anhalt. Für viele wäre das ein existenziell bedrohlicher Horror: für 80.000 Menschen mit Migrationsgeschichte, für Queers, Menschen mit Behinderung, Linke, Demokrat*innen, für alle, die sich gegen rechte Gewalt und autoritäre Politik engagieren.
In vielen Regionen Sachsen-Anhalts bedeutet antifaschistische Arbeit seit Jahrzehnten, mit Einschüchterungen, Bedrohungen und rechten Mehrheiten umgehen zu müssen. Gerade deshalb stellt sich die Frage, wie Antifaschismus unter den neuen, ungleich härteren Bedingungen aussehen muss. Für uns im Harz hat sich in den vergangenen Jahren eine ziemlich klare Antwort herausgebildet: Antifaschismus ist heute vor allem Bindungs- und Beziehungsarbeit.
Wir haben hier vor Ort keinen echten Impact darauf, was die autoritäre Merz-Klingbeil-Regierung uns als nächstes präsentiert, was nicht heißt, dass wir ihre Zumutungen nicht als Ermöglichungsschneise für den Faschismus kritisieren müssen. Wir haben aber Einfluss darauf, das Zusammenleben in unserer Stadt Halberstadt zu gestalten. Ob Menschen Orte finden, an denen sie dazugehören. Ob sie erleben, dass Solidarität mehr ist als ein Schlagwort aus austauschbaren Sonntagsreden.
Wo Jugendliche Angebote vorfinden, Anerkennung und Gemeinschaft erfahren, verliert die rechte Konkurrenz an Attraktivität.
Deshalb verteidigen wir mit der Zora nicht einfach ein soziokulturelles Zentrum, sondern einen Ort, an dem Menschen seit 35 Jahren Gemeinschaft erfahren, Verantwortung übernehmen und Selbstwirksamkeit erleben können. Genau solche sicheren Räume sind zentrale demokratische Infrastruktur. Wenn sie verschwinden, verschwindet oft auch die Hoffnung, dass in einer ostdeutschen Klein- oder Mittelstadt ein gutes Leben überhaupt noch möglich ist.
Diese Erfahrung hat auch unseren Blick auf Bündnisse verändert. Mit dem Rücken zur Wand bleibt keine Zeit für die »linke Ausschließeritis«, die man sich in bequemeren Zeiten vielleicht noch leisten konnte. Natürlich gibt es rote Linien, aber wenn linke, demokratische Räume verteidigt werden müssen, zählt zuerst die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.
Der Erfolg der AfD lebt erheblich davon, Menschen das Gefühl zu geben, endlich gehört und gesehen zu werden. Ihr eigentliches Interesse gilt aber nicht den Sorgen der Menschen, sondern den Stimmen auf dem Wahlzettel. Wie schon ihre historischen Vorgänger macht die AfD aus Enttäuschung Ressentiment, und Ohnmacht wird verwandelt in die Suggestion von Selbstermächtigung, wenn man sich nur brav in die Bewegung einfügt. Genau hier müssen Antifaschist*innen wieder besser werden, Menschen in ihren Krisen ernst nehmen, ihnen zuhören, gemeinsam nach Lösungen suchen.
Deshalb ist Jugendarbeit kein Nebenschauplatz antifaschistischer Politik, sondern einer ihrer wichtigsten Orte. Wo Jugendliche Angebote vorfinden, Anerkennung und Gemeinschaft erfahren, verliert die rechte Konkurrenz an Attraktivität. Radikalisierung beginnt oft dort, wo Bindungen fehlen. In der Zora haben wir es mit gezielten Angeboten oder einfach durch das Zurverfügungstellen unserer Räumlichkeiten (zum Beispiel für Schüler*innen-Partys) geschafft, die Rekrutierungsbemühungen des Neonazismus im Jugendbereich zumindest teilweise zu unterlaufen.
Und was bei Strategiediskursen oft vergessen wird: Wir müssen uns selbst die Kraft erhalten, mit alledem weiterzumachen. Konzerte, Barabende, Karaoke singen, zusammen kochen, Ausflüge, eine gute Zeit in einer schlechten Zeit haben. Autoritäre Bewegungen leben von Vereinzelung, Erschöpfung, Ohnmachtsgefühlen und Angst. Unsere Antwort darauf muss Vergemeinschaftung und Bindung sein, gerade auch in den kleinen Städten oder Dörfern. Denn schauen wir uns die Demografie dieser Regionen an, dann wird nicht nur die Sachsen-Anhalt-Wahl künftig dort entschieden werden.
Weitere Beiträge zur Frage »Antifa heißt …« schreiben in dieser Ausgabe Simin Jawabreh und Sultana Sediqi.
