Wen ruft der Berg?
Die Historikerin Martina Gugglberger über Geschlechterverhältnisse und koloniale Spuren im Alpinismus
Interview: Nelli Tügel
Der Tod der Ex-Biathletin und Olympiasiegerin Laura Dahlmeier hat 2025 große Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Die 31-Jährige war beim Bergsteigen am Laila Peak im pakistanischen Karakorum-Gebirge verunglückt. Warum Menschen überhaupt das Bergsteigen als Sport betreiben, wann Frauen damit begonnen haben und welche Klassenverhältnisse am Berg wirken, erklärt die Geschichtswissenschaftlerin Martina Gugglberger im Interview.
Einer Ihrer Forschungsschwerpunkte als Historikerin ist die Geschichte des Alpinismus. Auch wenn Sie das bestimmt oft gefragt werden, bin ich neugierig: Sind Sie selbst auch Bergsteigerin?
Martina Guggelberger: Ich bin in Tirol aufgewachsen, und da ist man ja umgeben von Bergen. Ich bin schon in Jugendjahren mit meinem Vater vor allem kleinere Bergtouren gegangen, auch leichtere höhere Berge, das mache ich immer noch gerne. Eine kurze Zeit habe ich auch versucht, am Felsen zu klettern, aber schnell gemerkt, dass ich da an meine Grenzen komme.
Auf dem Mount Everest waren Sie also nicht?
Nein, nein (lacht). Das würde ich auch nicht wollen. Ich war aber für meine Forschungen drei Monate in Nepal und bin dort dann eher in den Metropolen geblieben. Allerdings habe ich einen kleinen Flug unternommen, um den Mount Everest einmal aus der Höhe zu sehen.
Ihr Forschungsfeld – die Geschichte des Alpinismus – ist kein sehr geläufiges. Warum ist es überhaupt interessant, sich damit auseinanderzusetzen?
Ja, das Forschungsfeld ist klein, die Sportgeschichte generell hat leider keinen großen Stellenwert. Der Alpinismus eignet sich dabei in mehrfacher Hinsicht, um kultur- und gesellschaftsgeschichtliche Themen zu erforschen. Etwa die Naturwahrnehmung: Wie hat sich die verändert? Wie sind Menschen überhaupt dazu gekommen, die hohen Berge als etwas zu sehen, wo man raufgehen und von wo man runterschauen will. Die waren ja lange Zeit als Gegend völlig unwirtlich. Das Bergsteigen ist ein Phänomen der Aufklärung. Die Erstbesteigung des Mont Blanc 1786 fällt genau in diese Zeit, in der das Interesse daran wuchs, zu sehen, was ist dort oben, und als Mensch sozusagen die Position von Gott einzunehmen, sich nicht abhängig zu fühlen von einer Welt, in der man einfach im Tal das macht, was einem zugedacht ist, sondern als Individuum in die Höhe zu gehen und von der Spitze hinunterzuschauen.
Also einerseits die Naturwahrnehmung, aber andererseits verbergen sich gerade im Höhenalpinismus, aber auch in den Alpen, koloniale Ideen.
Was meinen Sie?
Damit meine ich die Vorstellung, dass man Landschaften in Besitz nehmen, sie erobern kann. Das passiert nicht nur mit militärischer Gewalt, sondern auch, indem man sie, wie es heißt, entdeckt, obwohl da vorher ja schon Menschen gelebt haben, und sich damit autorisiert, etwas darüber aussagen zu können, etwa, wenn man eine Karte zeichnet.
Ein anschauliches Beispiel ist der Mount Everest. Der Name ist schon Ausdruck eines kolonialen Unternehmens. In Nepal heißt der Berg Sagarmatha, in Tibet Chomolunga, aber die Briten haben ihn dann zu Ehren ihres Chef-Landvermessers, Sir George Everest, benannt – und so heißt er jetzt. Diese Namensgebung ist auch eine Art Inbesitznahme. Gerade die Geschichte des Höhenbergsteigens ist eingebettet in die koloniale Geschichte Großbritanniens. Aber nicht nur.
Sondern?
Alpinismus hat generell viel mit nationaler Geschichte zu tun. Gerade die Besteigung der Achttausender nach dem Zweiten Weltkrieg war oft eine nationale Angelegenheit, in der Identitätspolitiken verhandelt wurden, nicht nur in Großbritannien, sondern beispielsweise auch in Japan.
Bergsteigen war in diesem Sinn nie nur Vergnügen oder eine Privatsache, sondern eine politisch eingebettete Unternehmung. Auch in den Alpen. Da waren es im 19. Jahrhundert die Städter, die aufs Land gekommen sind und dort was erleben wollten oder ein wissenschaftliches Interesse daran hatten, in ihnen unbekannte Gebiete vorzudringen. Da sind die Einheimischen zunächst ignoriert worden, die vorher die Berge ja auf ihre Weise immer schon genutzt hatten. Dass daraus eine sportliche Betätigung wurde, war ein Projekt, das von den Städten ausging. Insofern hat die Geschichte des Alpinismus auch mit Gesellschaftsgeschichte zu tun.
Und natürlich mit Geschlechtergeschichte. Viele Mechanismen, die wir aus anderen gesellschaftlichen Bereichen kennen, mit denen Frauen ferngehalten oder ihre Leistungen ignoriert wurden, sind denen am Berg gar nicht unähnlich.
Sie haben ein Buch über Frauenexpeditionen in den Himalaya geschrieben – was haben Sie herausgefunden? Wie waren denn die Anfänge für Frauen im Höhenbergsteigen?
Frauen aus dem Westen waren schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts, als die ersten westlichen Expeditionen in das Gebiet des indisch-nepalesischen, auch pakistanischen Himalayas stattfanden, vereinzelt dabei. Anfangs oft im Zusammenhang mit ihren Ehemännern, und es waren vor allem reiche Frauen, die sich das leisten konnten. Oft gab es bei diesen Expeditionen dann eine geschlechterklassische Trennung: Die Frauen haben organisiert und ihre Ehemänner umsorgt. Viele waren nicht explizit aktivistisch unterwegs, aber das gab es auch: Fanny Bullock Workman zum Beispiel, eine Amerikanerin, die schon Anfang des 20. Jahrhunderts einen Höhenweltrekord für Frauen aufstellte, der bei 6.960 Metern lag. Es gibt ein Foto von ihr, auf dem sie auf dem Gletscher steht und ein Plakat »Vote for Women« hochhält.
Auch damals gab es bereits Frauen, die Ambitionen hatten, noch höhere, schwierigere Berge zu besteigen, und auch die Fähigkeiten dazu besaßen. Die Teilnahme an einer Expedition dezidiert als Bergsteigerin galt aber als etwas Unerreichbares für Frauen. Das war auch noch in den 1950er Jahren so. Eine Vorreiterrolle haben hier die Britinnen gespielt. Im 19. Jahrhundert hatte sich in Großbritannien – früher übrigens als in Deutschland und Österreich – der Alpine Club gegründet, ein reiner Männerverein. Frauen in Großbritannien haben dann eigene Vereine aufgebaut, die selbstständig Expeditionen geplant haben. Anfangs haben sie sich aber auffallend bescheiden gegeben und keine Achttausender anvisiert.
Wann hat sich das geändert?
Ende der 1950er Jahre, als die Französin Claude Kogan mit einer Frauengruppe dann tatsächlich auf einen Achttausender, den Cho Oyu, wollte. Kogan war eine der wenigen, die in den 1950er Jahren auch schon bei gemischten Expeditionen mit dabei gewesen waren. Dort hatte sie aber die Erfahrung gemacht, dass sie, auch wenn sie besser war im Bergsteigen als manche Männer, im Basiscamp die typischen Frauenaufgaben zugeteilt bekam. Sie wollte deshalb dezidiert ein eigenes Team leiten, und das war in dieser Zeit nur als Frauenteam möglich. Diese Expedition hat sehr viel Medienaufmerksamkeit erfahren, es gab auch Medienverträge mit den Teilnehmerinnen, nach denen ein Teil des Sponsorings erst nach erfolgter Gipfelbesteigung ausgezahlt werden sollte – und es gab viel Skepsis. Damit lastete viel Druck auf den Teilnehmerinnen. Leider endete die Unternehmung in einem Unglück. Kogan, eine weitere Teilnehmerin und zwei der einheimischen Höhenbergsteiger, die mitgegangen waren, sind in einer Lawine umgekommen. Das hat dann eine teilweise sehr negative und sensationslüsterne Berichterstattung nach sich gezogen und solche Ambitionen für Jahre beendet. Ein Wendepunkt waren dann die 1970er Jahre, in denen es vor allem aus einem anderen Land Frauenexpeditionen auf die Achttausender gab: aus Japan. Junko Tabei war dann auch die erste Frau, die 1975 auf dem Mount Everest stand, im Rahmen einer Frauenexpedition.

Martina Gugglberger
ist Assoziierte Universitätsprofessorin am Institut für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte der Johannes Kepler Universität Linz in Österreich. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Frauen- und Geschlechtergeschichte sowie Sport- und Alpingeschichte. Sie hat zu Frauenexpeditionen in den Himalaya habilitiert. Ihr Buch »Grenzen im Aufstieg. Frauenexpeditionen in den Himalaya (1955–2014)« erschien 2021 im Campus Verlag.
Wie ist es mit Bergsteigerinnen aus der Himalayaregion?
Ja, auch Frauen aus der Region waren von Anfang an dabei, vor allem eingebunden in das Business, das um die westlichen Expeditionen herum entstand, als Trägerinnen zum Beispiel. Oft waren sie Schwestern oder Töchter von Männern, die ebenfalls beteiligt waren. Bei der französischen Expedition um Kogan auf den Cho Oyu beispielsweise sind zwei Töchter und eine Nichte von Tenzing Norgay mitgegangen, jenem Sherpa, der mit Edmund Hillary den Mount Everest erstbestiegen hatte und danach eine Bergsteigerschule in Indien leitete. Ab den 2000er Jahren gab es in Nepal professionelle Bergsteigerinnen, die auch international bekannt geworden sind. Die erste Nepalesin, die 1984 einen Siebentausender erklommen hat, ist in Nepal sehr gefeiert worden. Und die erste Nepalesin, die 1993 auf dem Mount Everest stand, Pasang Lhamu Sherpa, und beim Abstieg gestorben ist, wird dort heute als Ikone verehrt. Viele Frauen aus der Region sind auch in dem Geschäftsfeld rund um die Berge aktiv geworden, das mittlerweile nicht mehr nur eine Dienstleistung für ausländische Bergsteiger*innen, sondern auch ein selbstständiges Wieder-in-Besitz-nehmen der eigenen Gipfel ist.
Dieses Jahr hat der Fall Laura Dahlmeier für Aufmerksamkeit gesorgt. Die Ex-Biathlon-Olympiasiegerin ist am Laila Peak in Pakistan tödlich verunglückt. Haben Sie das verfolgt?
Ja, und mir ist aufgefallen, auch im Unterschied zu den 1950er bis einschließlich der 1990er Jahre, dass die Anteilnahme sehr hoch war und wenig Vorwurfsvolles oder Hämisches mitgeschwungen ist.
Dahlmeier hat sicherlich auch deshalb so viel Anerkennung bekommen, weil sie sich kleinere Ziele gesteckt hatte, eben nicht die Achttausender, dafür mit einem puristischen Stil, den man als Gegenfolie zum massentouristischen Besteigen verstehen kann: also mit wenig Gepäck, ohne Tragehilfe und so weiter. Das wird alpinistisch höher anerkannt und gilt als größere Leistung. Wobei die Frage, was als Leistung anerkannt wird, ohnehin eine spannende ist, also generell im Sport – eigentlich ist das eine philosophische Frage. Ich tue mich immer schwer damit, das so eindeutig zu bewerten. Ich glaube zum Beispiel, dass, auch wenn man da touristisch rangeht, diese enorme Summe Geld aufbringt und sich quasi raufziehen lässt auf den Mount Everest, es immer noch sehr, sehr anstrengend ist.
Bergsteigen war nie nur Vergnügen oder Privatangelegenheit, sondern eine politisch eingebettete Unternehmung.
Apropos raufziehen lassen: An manchen Achttausendern herrscht ja inzwischen regelrechter Massenandrang. Wie ist es dazu gekommen?
Also erst einmal: Nach wie vor bleiben diese Gipfelbesteigungen denen vorbehalten, die sie sich leisten können. Mit circa 100.000 Euro muss man da schon rechnen. Aber ja, es werden immer mehr. Am Everest, aber auch am Cho Oyu, sind mittlerweile von oben bis unten Fixseile befestigt – die müssen andere dort für die zahlenden Bergsteiger*innen anbringen. An denen zieht man sich dann mehr oder weniger hoch in der Schlange. Und manchmal gibt es sogar einen Stau, das ist schon krass.
Wie ist es dazu gekommen? Seit den 1970er Jahren hat sich die Ausrüstung enorm verbessert, ebenso die Infrastrukturen. Schon in den 1960er Jahren hat man in den Himalaya hinein den Flughafen in Lukla gebaut. Man kann die Gebiete also besser erreichen. Und natürlich ist das Geschäftsfeld gewachsen. Anfänglich waren es sehr viele ausländische Agenturen, die hauptsächlich davon profitiert und die einheimische Träger*innen und Höhenassistent*innen angestellt haben. Mittlerweile gibt es auch nepalesische Agenturen, und das Geld, das für die Berggenehmigungen gezahlt wird, geht direkt an den Staat und ist eine wichtige Einnahmequelle für Nepal. Zudem wird die Saison immer länger.
Klimawandelbedingt?
Die Ausdehnung ist sicherlich auch kommerziell motiviert. Der Klimawandel verändert aber definitiv vieles; das Himalaya-Gebiet ist davon stark betroffen. Auch die Gefahren steigen. Im Jahr 2015 beispielsweise gab es Murenabgänge und Erdbeben, die das Bergsteigen dort zeitweilig unterbunden haben. Auch der Unfall von Laura Dahlmeier ging auf Steinschlag zurück – etwas, das klimawandelbedingt zunimmt. Es wird alles loser. In den Alpen ist das ebenso ein Thema.
Zum Geschäft in den Hochgebirgen gehört auch, dass Menschen ausgebeutet werden, die für die Agenturen arbeiten. Der Fall des pakistanischen Bergträgers Mohammed Hassan, der im Sommer 2023 am K2 verstorben ist, hat ein Schlaglicht auf die Zustände geworfen, die da mitunter herrschen. Was wissen Sie über diesen Fall?
Dieser Fall hat sichtbar gemacht, was vielfach Praxis ist, wenn nichtseriöse Agenturen auf Kosten derjenigen arbeiten, die die Drecksarbeit und die Absicherungsarbeit im Vorfeld machen. Damit dann alles möglichst gut abgesichert ist für die zahlenden Bergsteiger*innen.
Mohammed Hassan hatte keine Erfahrung in der Höhe und musste sich selbst seine Ausrüstung besorgen, die aufgrund fehlender Ressourcen überhaupt nicht adäquat war. Und dann ist er mehr oder weniger genötigt worden, sich in Gefahr zu begeben. Die Personen, die für die Agenturen arbeiten, werden oft unter Druck gesetzt, alles möglichst schnell zu erledigen.
Am K2 gibt es eine Stelle, die äußerst schwierig und gefährlich ist, den Flaschenhals, und dort ist Hassan ins Seil gestürzt. Seine Kollegen haben wohl noch versucht zu helfen, ihn aber erst nicht wieder hochziehen können, sodass er eine ganze Weile kopfüber im Seil hing. Später konnte er hochgezogen werden, und verstarb einige Stunden später dort oben. Verschiedene Gruppen von Bergsteiger*innen sind an diesem Tag an ihm vorbeigegangen, vorn die Norwegerin Kristin Harila, die an diesem Tag einen Rekord aufgestellt hat. Manche haben versucht zu helfen, viele sind einfach vorbeigegangen oder über Hassan hinübergestiegen, während er im Sterben lag.
Es ist sehr riskant und schwierig, einen Menschen von da oben wieder herunterzubringen, und es ist fraglich, ob man ihn hätte retten können. Aber sein tragisches Schicksal zeigt auch die kolonialen Machtsysteme, die sich hinter dem Höhenbergsteigen verbergen. Da kommen Menschen, die gut bezahlen, die sich das leisten können – und es werden Menschen ausgebeutet, ohne deren Unterstützung es nur sehr wenige Leute jemals auf die Berge schaffen würden. Das Abenteuer der einen wird auf Kosten der anderen möglich.
Wir haben jetzt recht viel übers Sterben am Berg gesprochen – lassen Sie uns zum Schluss zu den Lebenden zurückkommen: Wie sehen Sie die Zukunft des Bergsteigens?
Die Massenbewegungen, ob im Himalaya oder in den Alpen, sind ein Problem. Jeder Schritt in die Natur ist gleichzeitig eine Veränderung der Natur. Andererseits sollte es grundsätzlich allen möglich sein, in die Berge zu gehen. Das war lange Zeit nicht so. Für mich persönlich ist es ein Erlebnis, das mir emotional viel gibt. Aber ich nehme auch wahr, dass heute mitunter solch ein Speed vorherrscht: Alles soll schnell gehen. Ein kleiner Kurs, wie man sich sichert, und schon haben die Menschen das Gefühl: Ach, jetzt kann ich da gleich raufgehen. Innerhalb von wenigen Jahren steigt man dann direkt auf den Höchsten und am besten innerhalb von einem Monat auf alles … Diese Dynamik finde ich problematisch, weil so viel von der Demut und Bescheidenheit der Natur gegenüber verloren geht, weil der Berg dann ein Mittel zum Zweck wird – etwas, das bezwungen werden, wo man halt mal rauf muss.
Ich kann nicht sagen, wie die Zukunft ausschaut. Aber ich kann sagen, dass sich in den vergangenen 30 Jahren das Image des Outdoor-Bereichs total verändert hat. Früher galt in die Berge oder im Winter Skitouren zu gehen, eher als uncooler Altmännersport. Heute ist es eine richtige Mode und ein Trendsport für die Jugend. Und ich glaube, das wird bleiben.