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|ak 727 | International

Lesen für den Klassenkampf

Alberto Prunetti, Leiter des »Festival di Letteratura Working Class« in der besetzten GKN-Fabrik, über die Notwendigkeit von Arbeiter*innenliteratur und kollektiven Vorstellungswelten

Interview: Florian König

Das Bild zeigt eine Veranstaltung auf dem GKN-Fabrikgelände. Viele rote Plastikstühle sind in Richtung einer Bühne ausgerichtet und laden dazu ein, sich hinzusetzen.
Seit der Besetzung der GKN-Fabrik im Jahr 2021 wird auf dem Gelände nicht nur weiterproduziert, sondern auch Theater gespielt und über Literatur diskutiert. Foto: Valentina Ceccatelli/Flickr, CC BY-SA 4.0

Im Juli 2021 wurde die gesamte Belegschaft des Automobilzulieferers GKN bei Florenz entlassen – und besetzte noch am selben Tag die Fabrik. Seitdem fordern die Arbeiter*innen, dass sie im ehemaligen Zulieferbetrieb als Arbeitergenossenschaft ökologisch sinnvolle Güter wie Lastenräder und Photovoltaikanlagen produzieren – ein Musterbeispiel ökosozialistischer Konversion. (ak 724) Seit 2023 ist die Fabrik zudem Schauplatz des »Festival di Letteratura Working Class«, inzwischen das größte seiner Art in Europa. Der künstlerische Leiter Alberto Prunetti erzählt über dessen Geschichte und die Rolle von Literatur im Klassenkampf.

Wie kam es zu der Idee, ausgerechnet ein Literaturfestival in der GKN-Fabrik zu organisieren?

Alberto Prunetti: Ich bin ein Kind der Arbeiter*innenklasse. Mein Vater war ein Arbeiter, der durch Asbestexposition (1) ums Leben kam, und meine Mutter war Hausfrau. Ich habe Bücher über die Geschichte meiner Familie und meine eigenen Erfahrungen geschrieben. Die GKN-Arbeiter*innen kannte ich, weil wir gemeinsam einige Initiativen zur Arbeitssicherheit organisiert hatten.  2018 haben sie mich gebeten, meine Bücher in ihrer Fabrik vorzustellen, aber Konflikte mit der Unternehmensleitung machten das damals unmöglich. Als die kollektive Mobilisierung nach den Massenentlassungen im Juli 2021 begann, schloss ich mich zunächst als Aktivist an. Einige Monate später, im Herbst 2021, wurde ich zu einem Arbeiterschriftsteller*innenfestival im englischen Bristol eingeladen. Es war ein wunderschönes Festival, wir waren alle Kinder von Arbeiter*innenfamilien, aber die organisierte Arbeiter*innenschaft hat gefehlt. Wir haben uns gefragt: Was würde passieren, wenn wir so ein Festival nicht um wenige Einzelpersonen, sondern um kämpfende Arbeiter*innen herum organisieren? Das erfuhren wir im folgenden Jahr, als zu unser aller Überraschung Tausende von Menschen zum ersten Festival in der GKN-Fabrik kamen.

Das Bild zeigt den italienischen Autor Alberto Prunetti. Er trägt ein rotes T-Ahirt
Alberto Prunetti. Foto: Privat

Alberto Prunetti

ist ein italienischer Schriftsteller. Sein Buch »Amianto, una storia operaia« (Asbest, eine Arbeitergeschichte) ist seinem Vater gewidmet – einem Schweißer, der durch Asbestbelastung ums Leben kam. Prunetti leitet die Reihe Working Class beim Verlag Edizioni Alegre und ist künstlerischer Leiter des GKN Working-Class-Literature-Festivals. Seine Werke wurden ins Französische, Spanische, Katalanische, Englische, Griechische und Schwedische übersetzt.

Welche Rolle spielen die Arbeiter*innen der GKN beim Festival?

Sie sind kein passives Publikum; sie sind die Gastgeber*innen, Mitorganisator*innen und der politische Kompass des Festivals. Während die meisten italienischen Festivals von Unternehmen gesponserte Instrumente der Gentrifizierung sind, ist unseres eine basisdemokratische, aktivistisch finanzierte Veranstaltung in einem Industriegebiet. Es ist ein Raum des reinen Arbeiter*innenwiderstands: Als die Stromversorgung der Fabrik 2025 sabotiert wurde, nutzte die Belegschaft das Versammlungsrecht, um die Bühne auf einen Lastwagen zu verlegen. Sie verwandelten das Festival in einen Akt des Widerstands.

Du sagtest in einem Interview, dass die GKN-Arbeiter*innen die kulturelle Vorstellungswelt der Arbeiter*innenklasse wiederhergestellt haben – etwas, das du auch mit deinen Büchern versuchst. Was meinst du damit?

Bücher der Arbeiter*innenklasse können dazu dienen, eine gemeinsame kulturelle Vorstellungswelt dieser Klasse zu stärken, eine Art kollektives politisches Unbewusstes, das sich in Romanen, Liedern, Mythen, Geschichten, Anekdoten und Symbolen festsetzt. In »Bullshit Jobs« argumentiert David Graeber, dass die Arbeiter*innenklasse diese populären Vorstellungswelten nutzt, um »die Moral hochzuhalten« – das heißt, um in schwierigen Zeiten für sich selbst zu sorgen. Vielleicht können wir also durch unsere Bücher versuchen, soziale Kämpfe zu unterstützen, und soziale Kämpfe können wiederum unsere Bücher beflügeln.

Wenn ich acht Stunden als Tellerwäscher in einem Restaurant arbeite, kann ich nicht über den Geschmack von Madeleines schreiben.

Studien zeigen, dass breite Bevölkerungsteile und vor allem breite Teile der Arbeiter*innenklasse kaum noch lesen. Warum haltet ihr an Literatur als Werkzeug der Vermittlung fest?

In Italien lesen die Menschen klassenübergreifend wenig, selbst innerhalb des Bürgertums. Unser Anspruch als Autor*innen ist es, Bücher zu schreiben, die für Menschen wie uns zugänglich sind. Meine Bücher handeln von meinen eigenen Jobs. Wenn ich acht Stunden als Tellerwäscher in einem Restaurant arbeite – was ich jahrelang getan habe –, kann ich nicht wie Marcel Proust über den Geschmack von Madeleines schreiben; ich muss über das Geräusch des Geschirrs in der Industriespülmaschine schreiben. Und ich hoffe, dass Kellner*innen und Schulkantinenmitarbeiter*innen meine Bücher verstehen und lesen möchten.
Natürlich ist es Menschen mit niedrigem Einkommen oft unmöglich, Kultur überhaupt zu konsumieren, weil Geld für lebensnotwendige Dinge wie Miete und Essen gebraucht wird. Auf diese Weise werden wir vom Recht auf unsere eigene Vorstellungswelt ausgeschlossen. Deshalb brauchen wir Arbeiter*innen-Kulturzentren, öffentliche Bibliotheken und soziale Projekte, die es den populären Klassen ermöglichen, das Recht auf Kultur zurückzugewinnen.

Dario Salvetti, der Sprecher der GKN-Arbeiter*innen, hat in einer seiner ersten Reden gesagt: »Wir sind nicht hier, um euch unsere Geschichten zu erzählen. Wir sind hier, um unsere eigene Geschichte zu schreiben.« Um die Vorstellungswelt der Arbeiter*innenklasse aufzubauen. Was kommt zuerst: Literatur oder Kampf?

Beides gehört zusammen. Ohne Kampf würde Arbeiter*innenliteratur nicht existieren; sie würde zu reiner Unterhaltung, zu Populismus oder zu Elendsliteratur werden. Umgekehrt: Ohne Arbeiter*innenliteratur, ohne die Theateraufführungen der GKN-Arbeiter*innen, ohne ihr Lied »Occupiamola« wäre ihr Kampf bereits zum Scheitern verurteilt gewesen. Kurz gesagt: Der Kampf um Brot und der Kampf um Rosen sind ein und dieselbe Bewegung.
Vor dem ersten Festival fragten einige Arbeiter*innen: Warum kämpfen wir für Bücher, während wir unsere Jobs verlieren? Wir sollten für höhere Löhne kämpfen. Andere bestanden darauf, dass wir beides tun müssten. Und sie hatten recht. Innerhalb des Ex-GKN-Kollektivs sind diejenigen, die Theater spielen, die helfen, das Festival zu organisieren, oder die Lesungen zu Arbeiter*innenpoesie veranstalten, oft die motiviertesten im Kampf. Die Moral wird durch die Vorstellungswelt aufrechterhalten: Wenn man in der Welt der Vorstellungskraft verliert, wenn die eigene Vorstellungswelt zerstört wird, wird man auch den Kampf verlieren.

Euer Festival hat eine kleine Wiederbelebung von Arbeiter*innenliteratur-Festivals auf der ganzen Welt ausgelöst. Was können solche Formate leisten, was andere Organisierungsformen nicht können?

Wir haben uns sehr gefreut zu erfahren, dass in Washington am 1. Mai 2026 ein Arbeiter*innenkultur-Festival ins Leben gerufen wurde, das ausdrücklich von unserem eigenen inspiriert wurde. So ein Festival kann etwas leisten, was Gewerkschaften oder politische Parteien oft nicht mehr können: Es schafft emotionale Gemeinschaft, es heilt die tiefe Einsamkeit der heute atomisierten Arbeiter*innenschaft. Literatur verbindet Bauch und Verstand. Sie lässt einen verstehen, dass das individuelle Leid, die Sehnenscheidenentzündung oder die Depression prekärer Arbeiter*innen, nicht die persönliche Schuld des Einzelnen ist, sondern ein kollektiver Zustand. Und wenn man das erst einmal versteht, verwandelt sich Scham in Wut und Wut in Organisierung.

Florian König

ist Soziologe und forscht zu Finanzdienstleistern in den USA.

Anmerkung:

1) Lungenkrankheit, die durch das Einatmen von Asbest verursacht wird.