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»Sie wollen verhindern, dass wir siegen«

Aktivist Dario Salvetti über die Blockade des Umbaus der besetzten GKN-Fabrik in Florenz und wie eine öffentliche Shareholderkampagne den Durchbruch bringen soll

Interview: Lucia Steinwender

Ein Bühne in der Dämmerung mit Musiker*innen, davor Pavillion-Zelte mit Zuschauenden.
Solidaritätsaktion für die Fabrikbesetzer*innen. Foto: Collettivo di Fabbrica

Seit viereinhalb Jahren kämpfen die Arbeiter*innen von Ex-GKN für den ökologischen Umbau ihrer Fabrik – trotz massiver Widerstände. In dem ehemaligen Automobilzulieferbetrieb sollen ökologisch sinnvolle Dinge wie Lastenräder hergestellt werden. Der Versuch gilt als Musterbeispiel ökosozialistischer Konversion (ak 694).

Du gibst dieses Interview in den Räumen deines ehemaligen Arbeitsplatzes, der GKN Driveline-Fabrik in Florenz. Deine Bosse haben das Gebäude seit viereinhalb Jahren nicht betreten – du und deine Kolleg*innen führen die längste Fabrikbesetzung in Italiens Geschichte an. Bevor wir auf die aktuellen Entwicklungen eingehen: Wie hat das alles begonnen? 

Dario Salvetti: An diesem Standort haben wir seit vielen Jahrzehnten Autoteile produziert – früher unter Fiat, seit 1994 unter GKN. GKN verkaufte uns 2018 an den Private-Equity-Fonds Melrose. Dieser beschloss im Jahr 2021, unsere Fabrik zu schließen und an eine Immobilienagentur zu verkaufen – ein klassisches Beispiel von Immobilienspekulation. Am 9. Juli desselben Jahres, einem Feiertag, erhielten wir eine E-Mail, in der stand, dass wir alle entlassen worden seien und das Werk nicht mehr betreten dürften. Noch am selben Morgen haben wir uns vor der Fabrik versammelt, die Security verdrängt und die Fabrik unter unsere Kontrolle gebracht. Wir haben eine permanente Versammlung gestartet – in Italien ist dies eine gesetzlich anerkannte Methode. Die Versammlung dauert bis heute an. So haben wir verhindert, dass die Fabrik geschlossen und abgerissen wird. 

Bis zur Schließung habt ihr Achswellen für Maserati oder Fiat hergestellt. Nach eurer Entlassung habt ihr gemeinsam mit Wissenschaftler*innen einen neuen, ökologischen Produktionsplan entwickelt, um stattdessen Lastenräder und Photovoltaikanlagen herzustellen. Wie seid ihr auf diese Idee gekommen? 

Uns war klar, dass wir diesen Kampf alleine nicht gewinnen können. Zwar waren wir innerhalb der Fabrik unglaublich gut organisiert – während der Verhandlungen mit dem Management reichte oft ein Pfiff, damit das ganze Werk die Arbeit niederlegte. Aber ab dem Moment der Entlassung nützte uns das nichts mehr. Was juckt den Arbeitgeber ein Streik, wenn er die Fabrik ohnehin schließen will? Der gewerkschaftliche Kampf musste an diesem Punkt zu einem sozialen Kampf werden. Also haben wir den Kampf um die Verteidigung der Fabrik in eine Bewegung gewandelt, die eine Reindustrialisierung mit einem ökologischen Plan fordert. Und so haben wir relevante Gruppen wie die Klimabewegung an Board geholt und letztlich Tausende von Menschen dazu gebracht, sich unserem Kampf anzuschließen und ihn zu unterstützen. 

Statt weiter jahrelang auf die Regierung zu warten, lassen wir unser Boot in See stechen, setzen unsere wirtschaftliche Flottille auf den Markt und sagen: Seht her, was wir erreichen könnten.

Seitdem habt ihr wiederholt Zehntausende Menschen in Italien auf die Straße gebracht, um eure Forderung nach der Wiedereröffnung zu unterstützen. Auch international seid ihr mittlerweile bekannt. Wie habt ihr es geschafft, so breite Unterstützung zu mobilisieren? 

Ich denke, viele Menschen fühlen die Ausbeutung und immer schlechteren Bedingungen an ihrem eigenen Arbeitsplatz. Viele wissen, dass der Kapitalismus schlecht ist, dass wir mitten in der Klimakrise sind und eine wirtschaftliche Katastrophe durchleben. Aber es gibt selten Kämpfe, die konkret sind und die man gewinnen kann. Kämpfe, die eine Alternative aufzeigen. 

Wie sieht euer Plan zu gewinnen konkret aus?

Wir haben einen Produktionsplan entwickelt, um einerseits Lastenfahrräder und andererseits Photovoltaikmodule herzustellen. Leiten soll die Produktion eine Arbeiter*innengenossenschaft. Auf diese Weise haben wir direkte Demokratie am Arbeitsplatz. Trotzdem wäre auch diese Kooperative dem Druck des kapitalistischen Marktes ausgesetzt – und liefe Gefahr, sich wie jedes andere kapitalistische Unternehmen auf Profite zu konzentrieren. Deshalb haben wir eine öffentliche Shareholder-Kampagne ins Leben gerufen. Durch sie kann die lokale Bevölkerung, aber auch die internationale Unterstützungsbewegung Anteile kaufen und sich damit auch an gewissen Richtungsentscheidungen beteiligen. Wir wären damit auch ein Experiment gesellschaftlich kontrollierter Produktion. Gleichzeitig ist die öffentliche Kampagne auch ein Weg, selbst finanzielle Mittel für den Start der Produktion zu beschaffen. 

Dario Salvetti

war bis zur Entlassung am 9. Juli 2021 beim Autozulieferbetrieb GKN beschäftigt und im Betriebsrat aktiv. Seitdem ist er einer der Kernaktivist*innen der Besetzung. Foto: Cedric Büchling

Mit dieser Aktionärskampagne habt ihr bis heute Investitionszusagen von 1.500 Personen, Gruppen und Organisationen gesammelt – im Wert von 1,5 Millionen Euro. Reicht das aus, um die Produktion zu starten?

Nein. Um unseren Reindustrialisierungsplan umzusetzen, braucht es zwölf Millionen Euro. Natürlich planen wir nicht, das gesamte Geld selbst aufzubringen. Wir haben uns sowohl an die Regionalregierung als auch an ethische Banken auf der ganzen Welt gewandt, in unseren Plan zu investieren. Aber selbst mit diesen Mitteln planen wir nicht, das gesamte Geld für den Kauf des gesamten Werksgeländes vom Eigentümer aufzubringen. Dafür haben wir die Regionalregierung aufgefordert, einzuschreiten. Sie verfügt über die Kompetenzen, das Gelände zu kaufen oder sogar zu enteignen, um die spekulationsgetriebene Deindustrialisierung der Region zu stoppen. Um dies zu prüfen, sollte ein öffentliches Industriekonsortium eingerichtet werden.

Ihr habt mit allen Mitteln versucht, Druck auf die Politik auszuüben. Ihr habt das Rathaus und Wahrzeichen von Florenz besetzt, habt eine Volksbefragung selbst organisiert und dabei 16.000 Unterschriften in der lokalen Bevölkerung gesammelt. Ihr hattet den Bürgermeister eurer Gemeinde Campi Bisenzio so weit, eine mögliche Enteignung des Werkes anzukündigen.

Ja. Aber in der Zwischenzeit ist klar geworden, dass der Staat kein öffentliches Kapital für die Organisation der Klimawende einsetzen will. Die Regionalregierung hat das von uns geforderte Industriekonsortium zwar ins Leben gerufen, aber das ist eine Farce. Es ist komplett inaktiv – weil schlicht kein Interesse daran besteht, die ökologische Reindustrialisierung der von der Krise betroffenen Fabriken zu fördern. Wir sind nur ein wichtiges Beispiel für die Finanz- und Rentenspekulation, die derzeit die europäische Industrie zerstört. Das private Kapital hat dieses Vakuum, dieses soziale Massaker in der europäischen Automobilindustrie geschaffen. In den letzten fünf Jahren haben Aktionär*innen sehr hohe Gewinne erzielt und gleichzeitig überall in Europa Arbeitsplätze abgebaut. Weder die privaten Investor*innen noch die Politiker*innen sind daran interessiert, dass wir ein erfolgreiches Gegenbeispiel dazu schaffen. Sie wollen uns davon überzeugen, dass die einzige Lösung, Europas Industrie zu retten, die Rüstungsproduktion ist.

Gibt es unter diesen Umständen überhaupt noch eine Chance, den Kampf trotzdem zu gewinnen?

Uns ist klar, dass wir nicht länger auf Lösungen aus der Politik warten können. Deshalb setzen wir nun alles auf die öffentliche Shareholder-Kampagne. In einer intensiven und vielleicht letzten Phase versuchen wir nun, durch das Crowdfunding so viel Geld wie möglich selbst aufzubringen. Konkret wollen wir zwei Millionen Euro sammeln. Wir wären damit selbst der Hauptinvestor unseres ökologischen Reindustrialisierungsplans. Entweder die Regionalregierung und alle anderen Investor*innen erhöhen dann unser Startkapital, oder wir starten unseren Produktionsplan in kleinem Maßstab an einem neuen Ort.

Ihr nennt das die »Flottillenmethode« – warum?

Wir haben uns vom Beispiel der Flottille inspirieren lassen, weil sie hier in Italien einen enormen Schub für die Solidaritätsbewegung mit Palästina gegeben hat. Zwei Jahre lang hatten wir die Regierung aufgefordert, das Massaker in Palästina zu beenden. Dann hörte die Flottille auf zu bitten und schickte einfach immer mehr Schiffe ins Mittelmeer. Wir wissen, dass wir den Völkermord nicht stoppen können, indem wir humanitäre Hilfe auf einige Schiffe laden. Aber zum ersten Mal hatten die Menschen das Gefühl, nicht mit abstrakten Forderungen an gleichgültige Regierungen zu appellieren, sondern eine konkrete Aktion der gegenseitigen Hilfe zu unterstützen. Und das hat in Italien zwei Generalstreiks und zwei Millionen Menschen auf die Straße gebracht. Auch wenn unser Fall ganz anders ist, verwenden wir den Ausdruck »Flotillenmethode«: Statt weiter jahrelang auf die Regierung zu warten, lassen wir unser Boot in See stechen, setzen unsere wirtschaftliche Flottille auf den Markt und sagen: Seht her, seht, was wir erreichen könnten. Wir könnten mit einem konkreten Beispiel beweisen, dass es möglich ist, dass Arbeiter*innen ihre Fabrik verteidigen und ökologisch umbauen können. Ich halte das für entscheidend – denn wenn wir, die wir die Fabrik viereinhalb Jahre lang verteidigt haben, diesen Kampf nicht gewinnen können, wer dann?

Wie können Menschen euren Kampf unterstützen?

Zunächst einmal, indem sie unsere Geschichte verbreiten, unseren Social-Media-Konten folgen und ihr Umfeld über unseren Kampf informieren. Finanziell gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man erwirbt über Ener2Crowd Anteile an der zukünftigen Genossenschaft. Oder man trägt mit einem beliebigen Betrag, egal wie klein, zum Crowdfunding auf ARCI bei.

Lucia Steinwender

ist freie Journalistin in Belgrad.

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