Was kommt nach Khameneis Tod?
Die USA und Israel haben einen neuen Krieg gegen Iran entfacht, diesmal mit dem erklärten Ziel, einen Machtwechsel zu erzwingen
Von Amina Aziz
Nach stundenlanger Unklarheit bestätigte das iranische Staatsfernsehen am frühen Sonntagmorgen den Tod des Staatsoberhaupts Ali Khamenei. Die Islamische Republik verhängte eine 40-tägige Staatstrauer. Landesweit kam es in mehreren Städten zu spontanen Feiern auf der Straße. Dass nicht wenige Iraner*innen eine ausländische Intervention begrüßen, ist vor allem Ausdruck von Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit nach Jahren brutal niedergeschlagener Proteste gegen ein extrem repressives Regime: Viele Menschen freuen sich, dass sie den Tyrannen Khamenei los sind, der seit 1989 an dessen Spitze stand. Auch Sicherheitskräfte waren in der Nacht im Einsatz, und es gibt Berichte von Angriffen auf Feiernde. Ein Zeichen dafür, dass die Maschinerie hinter dem Regime auch ohne Khamenei weiterläuft. Am Sonntagmorgen gab es auch Trauermärsche für Khamenei mit Tausenden Menschen.
In der gesamten Region kam es sowohl zu Freudenfeiern, wie in Syrien, als auch zu Protesten gegen die US-Angriffe, wie in Pakistan. Inzwischen hat sich ein Übergangsgremium um den Präsidenten Masoud Pezeshkian und die beiden Kleriker Alireza Arafi und Gholamhossein Mohseni Ejei gebildet, das die Aufgaben Khameneis übernehmen wird.
Was ist passiert?
Am Morgen des 28. Februar griffen die USA und Israel völkerrechtswidrig und ohne Vorwarnung iranisches Staatsgebiet an. Beide Länder hatten die Operation politisch abgestimmt und militärisch koordiniert. Ziel waren nach offiziellen Angaben die Machtzentren Irans, weshalb die landesweiten Angriffe sich in Teheran auf das Regierungsviertel und Khameneis Residenz fokussierten. Neben Khamenei kamen mehrere hochrangige Militärs ums Leben, darunter der Kommandeur der Revolutionsgarden, Mohammad Pakpour. US-Präsident Donald Trump appellierte zugleich an die iranische Bevölkerung, das Regime zu stürzen.
Bei den Angriffen sollen nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Activists News Agency (HRANA) auch über 300 Zivilist*innen ums Leben gekommen sein. Ein Raketeneinschlag in einer Mädchenschule hat Medienberichten zufolge über 100 Grundschulmädchen getötet.
Irans Reaktion
Teheran reagierte auf die Angriffe mit einem unerwartet breit angelegten Gegenschlag, ebenfalls völkerrechtswidrig, und traf neben einigen zivilen Gebäuden vor allem Militäreinrichtungen der USA in der Region. Derzeit ist nicht davo auszugehen, dass die betroffenen Staaten Interesse an einer Eskalation der Situation haben, doch das kann sich ändern, je nachdem, wie Teheran sich verhält.
Zusätzlich hat Iran die Meerenge von Hormuz gesperrt – eine der wichtigsten globalen Handelsrouten. Ihre Sperrung hat zur Folge, dass die Golfstaaten kein Öl mehr exportieren können. Etwa 20 Prozent des globalen Rohöls werden über diese Route transportiert, was, zumindest bis andere Länder die Förderung hochfahren, zu einem Anstieg des Ölpreises führen könnte. In einer gemeinsamen Erklärung forderten Deutschland, Großbritannien und Frankreich Iran auf, seine Angriffe einzustellen – ähnliche Appelle an die USA und Israel gab es nicht.
Der aktuelle Angriff unterscheidet sich qualitativ von früheren: Israel und die USA haben ihn gemeinsam geplant. Ziel ist nicht nur die Zerstörung von Raketenstellungen oder Atomanlagen, sondern das Machtzentrum selbst.
Bereits im Sommer 2025 hatte Israel Iran völkerrechtswidrig angegriffen, während Teheran sich in indirekten Gesprächen mit den USA über sein Atomprogramm befand. Dieser Angriff mündete im sogenannten Zwölf-Tage-Krieg, in dem sich ein intensiver, aber zeitlich begrenzter Schlagabtausch zwischen Israel und Iran und später den USA entwickelte, in dessen Verlauf die USA iranische Atomanlagen mit bunkerbrechenden Bomben zu zerstören versuchten. Der jetzige Angriff unterscheidet sich jedoch qualitativ: Israel und die USA haben ihn gemeinsam geplant. Ziel war nicht nur die Zerstörung von Raketenstellungen oder Atomanlagen, sondern das Machtzentrum selbst.
Atomverhandlungen als Vorwand
Im Rückblick scheinen die Atomverhandlungen vorgeschoben worden zu sein, um Zeit für die Planung der Angriffe zu gewinnen. Teheran befindet sich seit Jahren in Verhandlungen über sein Atomprogramm. Im Kern knüpfen sie an das 2015 geschlossene Atomwaffenabkommen, den sogenannten Atomdeal, an, aus dem die USA 2018 einseitig ausgestiegen waren. Dieser Ausstieg untergrub nicht nur die Glaubwürdigkeit westlicher Zusagen, sondern stärkte in Iran jene Kräfte, die ohnehin skeptisch gegenüber Kompromissen mit Washington waren. Für die Bevölkerung blieb die wirtschaftliche Entlastung, die der Deal ursprünglich versprochen hatte, aus.
In der jüngsten Gesprächsrunde, vermittelt durch Oman, hatte Teheran überraschend weitreichende Zugeständnisse gemacht. Omans Außenminister Badr al-Busaidi sprach am 27. Februar, einen Tag vor dem Angriff, von einem »wichtigen Durchbruch«. Iran habe zugesagt, kein angereichertes Uran zu lagern; eine Einigung sei greifbar gewesen.
Formal begründen Washington und Jerusalem ihre Angriffe mit der Bedrohung durch das iranische Atomprogramm. Internationale Expert*innen verweisen jedoch darauf, dass Iran noch Monate oder Jahre von einsatzfähigen Nuklearwaffen entfernt gewesen sei. Akut geht derzeit de facto keine atomare Gefahr von Iran aus, , wenngleich die Islamische Republik auch auch ohne Atomwaffen eine Gefahr für Israel darstellt. Die militärische Eskalation ist nun die bewusste Abkehr vom Verhandlungsweg zugunsten des Bestrebens, einen Machtwechsel zu erzwingen.
Innenpolitische Dynamik
Iran befindet sich seit Jahren in einer innenpolitischen Dauerkrise. Seit 2018/19 mehrten sich die Proteste gegen das Regime, vor allem aber nach dem Mord an Jina Mahsa Amini im September 2022. Anfang dieses Jahres reagierte das Regime mit einem Massaker und der wochenlangen Abschaltung des Internets auf neue Aufstände. Die Bilanz: zehntausende Tote, Vermisste, zehntausende Festnahmen. Für politische Gefangene und Aktivist*innen im Land kann eine militärische Eskalation die ohnehin prekären Bedingungen verschlimmern, weil der Sicherheitsapparat keine Menschenrechte kennt. In den letzten Wochen vor dem Angriff waren die Proteste abgeflaut, das Regime feierte demonstrativ sein 43-jähriges Bestehen und vermittelte nach außen den Eindruck von Stabilität. Es führt jedoch einen Überlebenskampf.
In außenpolitischen Fragen wie dem Atomprogramm konnte die iranische Regierung nur solche Zugeständnisse machen, die Khamenei ausdrücklich guthieß. Innenpolitisch sind tiefgreifende Reformen, die die Macht der Sicherheitsorgane beschneiden würden, praktisch ausgeschlossen. Die inoffizielle Lockerung der Kleidervorschriften in den vergangenen Jahren war das Maximum an Entgegenkommen unter Khamenei, damit die Menschen nicht mehr protestieren, was eine Zeit lang funktioniert hat. Gleichwohl gibt es innerhalb der Elite Akteure, die ihre Chancen in einem Iran nach Khamenei sehen. Ehemalige Machthaber wie Ex-Präsident Hassan Rouhani oder Ex-Außenminister Javad Zarif, die den ersten Atomdeal verhandelt hatten, haben weiterhin Netzwerke und Reputation – und sie haben ihren Machtanspruch nicht aufgegeben.
Auf der anderen Seite existiert eine zersplitterte Opposition im Exil, von linken über demokratisch-feministische, liberal-republikanische bis zu monarchistischen Strömungen. Reza Pahlavi, Sohn des 1979 gestürzten Schahs, hatte letzten Sommer die Revolutionsgarden ausdrücklich zum Überlaufen aufgefordert und eine eigene Plattform geschaffen, auf der sich Deserteure registrieren sollten. Die Resonanz war minimal, ein Hinweis darauf, dass das Regime in den Revolutionsgarden weiter über eine loyale und entschlossene Basis verfügt.
Strategische Motive Washingtons
Unter Trump verfolgen die USA einerseits eine Politik der Destabilisierung der Region, ähnlich wie George W. Bush nach dem Irakkrieg 2003, um gleichzeitig neokoloniale Ambitionen verfolgen zu können. Was damals nicht funktionierte, könnte dieses Mal aufgehen. Trump will eine Annäherung von Staaten der Region an Israel, um den USA wirtschaftliche und geopolitische Vorteile zu sichern. Während seiner ersten Amtszeit initiierte er daher die Abraham-Abkommen, die zu einer Normalisierung der Beziehungen zwischen Israel und Ländern wie den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain, Sudan sowie Marokko führten. Die Vereinbarungen umfassen sicherheitspolitische Kooperationen, Rüstungsgeschäfte und wirtschaftliche Öffnung, mit dem Ziel, gemeinsame Interessen – insbesondere gegenüber Iran – in ein neues regionales Sicherheitsgefüge zu überführen.
Ob die Angriffe das Regime langfristig destabilisieren oder im Gegenteil paradoxerweise den Sicherheitsstaat stärken, weil die Revolutionsgarden noch an Macht gewinnen, ist aktuell offen.
Trumps Ansatz basiert im Kern auf Druck und militärischer Eskalation, um alte Strukturen aufzubrechen – eine Strategie, der sich Iran bislang nur schwer anpassen konnte. Andere Staaten wie Saudi-Arabien begrüßen Trumps Vorgehen jedoch. Sie erhoffen sich nicht nur wirtschaftliche Gewinne; die Annäherung und Verträge dienen auch zur eigenen Legitimation.
Wie geht es weiter?
Ob die Angriffe das Regime langfristig destabilisieren oder im Gegenteil paradoxerweise den Sicherheitsstaat stärken, weil die Revolutionsgarden noch an Macht gewinnen, ist aktuell offen. Möglich ist auch, dass der Expertenrat – wie in der Verfassung vorgesehen – Khameneis Nachfolger wählt. Auf den Nachfolgeprozess für den 86-jährigen Khamenei war das Regime vorbereitet. US-Vizepräsident JD Vance erklärte gegenüber der Washington Post einen Tag vor den Angriffen, dass ein langer Krieg »ausgeschlossen« sei. Es ist denkbar, dass Israel und die USA die Angriffe fortsetzen, bis Teheran einknicken muss, was je nach der Vehemenz der weiteren Angriffe aufgrund der militärischen Unterlegenheit Irans nicht sehr lange dauern dürfte. Es hängt aber auch davon ab, welche Kriegsziele die USA und Israel genau verfolgen – zumindest öffentlich sind sie nicht klar benannt worden. Bislang ist unklar, ob die USA sich mit dem Tod Khameneis zufriedengeben werden oder so lange bombardieren, bis das gesamte jetzige Regime ausgeschaltet ist. Ali Larijani, langjähriger Vertrauter Khameneis und Sekretär des Nationalen Sicherheitsrats, sagte am Sonntag, dass die Regierung ihre Arbeit ohne Unterbrechung fortsetzen werde.
Prognosen bleiben spekulativ – erst recht, wenn unberechenbare Akteure wie Iran, Israel und die USA im Spiel sind. Die Region ist von Afghanistan über Syrien und Irak bis zum Libanon instabil. In einer Zeit, in der westliche Staaten das Völkerrecht zunehmend missachten, wächst der Raum für militärische Machtpolitik um Öl, Gas und geo- und wirtschaftspolitische Vorteile – meist auf Kosten jener, die ohne Mitspracherecht unter Krieg und Autoritarismus leiden. Eins ist aber klar: Auf Dauer wird die Islamische Republik so nicht weitermachen können, denn sie hat zu wenig Rückhalt in der Bevölkerung. Und das ist vielleicht zumindest ein Hoffnungsschimmer.