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No Days for Future

Kinder und Jugendliche werden in der Pandemie besonders laut beweint – das war’s dann aber auch

Von Nelli Tügel

In der Pandemie besonders am Arsch: junge Menschen. Foto: Matthias Berg

Es ist schon erstaunlich: Einerseits wurde nie zuvor in der deutschen Öffentlichkeit so ausdauernd das Wohlergehen von Kindern und Jugendlichen angemahnt wie in den vergangenen zwei Jahren, besonders jener, die Politiker*innen gerne als »benachteiligt« bezeichnen, weil sie es vermeiden, das Wort »arm« in den Mund zu nehmen. Andererseits wurden genau diese Kinder und Jugendlichen selten so skrupellos unter den Bus geworfen wie in den vergangenen zwei Jahren.

Wobei, so erstaunlich ist das auch wieder nicht, oder anders gesagt: Beides gehört zusammen; das lautstarke Beweinen ihrer schweren Lage kaschiert die ungeheure Ignoranz gegenüber dem, was Kinder und Jugendliche brauchen.

Aber Moment, was brauchen denn eigentlich »Kinder und Jugendliche«? Schon diese, in der Pandemie völlig abgenutzte, aber auf den ersten Blick noch harmlos erscheinende Formulierung ist eine Propaganda-Figur. Sie macht Kinder und Jugendliche gleich, ebnet Charakter, Lebensumstände, Klassenzugehörigkeit und sich voneinander unterscheidende, ja auch widersprechende Bedürfnisse ein und erweckt den Eindruck, bis zum Erreichen der Volljährigkeit sei vornehmlich und fast ausschließlich das Alter maßgeblich für das, was ein junger Mensch benötigt, um glücklich zu sein. Und wenn man der öffentlichen Debatte Glauben schenken dürfte, dann wäre das vor allem eines: die Schule. Geschätzt 90 Prozent der Debatte um das Wohl von Kindern und Jugendlichen drehte und dreht sich um die Frage der Schulöffnungen, der Rest um die Kitas, und das sagt auch schon eine ganze Menge aus – über die Bedeutung der Institution Schule als Vorzimmer zur Lohnarbeit zum Beispiel.

Jedenfalls ging und geht diese Debatte zielsicher am Wesentlichen vorbei. Die einen warnen: Wenn die Schulen geöffnet bleiben, drohen (Halb)Waisen und Long-Covid-Kids. Die anderen: Wenn die Schulen schließen, drohen Depressionen und Suizide. Das Wesentliche: Es ist noch viel schlimmer, denn beides ist wahr und zwar besonders für Kinder und Jugendliche aus armen Familien.

Warum nicht endlich Noten und Klausuren aussetzen, damit Kinder und Jugendliche Kraft und Zeit für ihre Freund*innen haben und einfach mal entspannt lernen können?

Es würde schon mal helfen, anzuerkennen: Ob mit offener Schule oder ohne – Kinder und Jugendliche sind in der Pandemie besonders am Arsch; und zwar weil sie ohnehin recht weit unten auf der gesellschaftlichen Leiter stehen und – das wissen wir ja inzwischen – schon existierende Ungleichheiten, Ungerechtigkeiten und Hoffnungslosigkeiten einen ziemlichen Booster erhalten haben.

Dies anerkennend gäbe es doch einige sinnvolle Maßnahmen, die das Pandemie-Leben zumindest etwas erleichtern könnten. Wenn es bei der Schule angeblich – viele Politiker*innen behaupten das ja – vor allem um das soziale Miteinander geht, warum dann nicht endlich Noten und Klausuren bis zum Ende der Pandemie aussetzen, damit Kinder und Jugendliche Kraft und Zeit für ihre Freund*innen und das Zusammensein haben und einfach mal entspannt lernen können? Und wo sind eigentlich all die neuen Jugendclubs und zusätzlichen Freizeitangebote in den »benachteiligten« Kiezen, wo die vielen neuen Spielstraßen und Spielplätze und verkehrsberuhigten Zonen? Ein Angebot je warnendem Politiker, eine Barriere weniger je besorgter Spaziergängerin – Kinder und Jugendliche würden sich unversehens im Paradies wiederfinden. Die Realität ist dagegen unfassbar trostlos: Nichtmal die einfachsten Dinge werden gegönnt, etwa Luftfilter oder Masken oder ticketfreier Zugang zu öffentlichen Bädern, Nahverkehr, Museen und Theatern für alle Menschen unter 18 Jahren.

Das verstärkt den Eindruck, dass es denen, die sich seit zwei Jahren darauf spezialisiert haben, das Wohlergehen der Jüngeren als Argument einzusetzen, um etwas anderes geht und ging; vor allem zu Beginn der Pandemie war es meistens, Munition pro oder contra Lockdowns zu sammeln. Dass sich das so unbehelligt tun lässt, liegt vielleicht auch daran, dass – zumindest die jüngeren – Kinder sich nicht dagegen wehren können, vereinnahmt zu werden. Aber Millionen ältere Kinder und Jugendliche lernen gerade etwas »für’s Leben«, wie man so schön sagt, nämlich wie egal sie den politisch Verantwortlichen sind, die ständig in ihrem Namen reden. Eine derart früh von ihnen entfremdete Generation hat es hierzulande lange nicht mehr gegeben.

Nelli Tügel

ist Redakteurin bei ak.

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