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|ak 674 | Wirtschaft & Soziales

Oh Schreck, eine Inflation!

Seit die Verbraucherpreise wieder steigen, erinnern Wirtschaft und Politik daran, dass wir Angst haben sollten. Sollten wir?

Von Lene Kempe und Guido Speckmann

Der Opa von Herrn Schmidt war damals wohl schon zu alt für solche Späßchen: Kinder beim Geldburgen bauen, anno 1923 irgendwo in Deutschland. Foto: Unbekannter Fotograf / Wikimedia Commons

Es gibt sie noch: die rüstigen Senior*innen, die im Radio von ihren Familienerinnerungen über das Jahr 1923 erzählen. Damals, als der Preis für ein Ei von 800 Mark im Juni auf 320 Milliarden Mark im Dezember kletterte und die Menschen Geldscheine in Schubkarren zum Bäcker transportierten. »Mein Opa … hat mir mal eine Zigarrenkiste geschenkt mit Inflationsgeld, da war ich sogar schon Milliardär«, berichtet ein Herr Schmidt aus Essen im Deutschlandfunk. Der Anlass: der Anstieg der Inflationsrate um 3,9 Prozent im August.

Herr Schmidt, selbst nach dem Zweiten Weltkrieg geboren, mag es noch verinnerlicht haben, das »Deutsche Trauma«, die »Inflationsangst«. Ein oder gar zwei Generationen weiter dürfte es schon schwieriger werden, noch Menschen zu finden, denen beim Wort Inflation ein kalter Schauer über den Rücken läuft. Unwahrscheinlich auch, dass die Mehrheit der unter 30-Jährigen überhaupt weiß, worauf Herr Schmidt mit seiner Zigarrenkisten-Geschichte anspielte. Bei den 14 bis 24-Jährigen wissen laut einer aktuellen Studie des Bankenverbandes nur noch knapp über die Hälfte, was eine Inflationsrate ist. Sogar nur 14 Prozent hätten die aktuelle, monatliche Inflationsrate auswendig gekannt. »Diese Bildungslücken sind alarmierend«, kommentierte Andreas Krautscheid, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes.  

What the hell is Hyperinflation?

Inflation wird definiert als ein anhaltender Anstieg des allgemeinen Preisniveaus von Gütern und Dienstleistungen. Auf das Wort »anhaltend« kommt es dabei an. Denn die jüngst gestiegenen Inflationszahlen in Deutschland zeugen nicht von einem anhaltenden Anstieg des Verbraucherpreisindexes. Sie liegen erst seit zwei Monaten (Juli: 3,8; August: 3,9 Prozent) deutlich über jenem Wert, den die Europäische Zentralbank (EZB) »auf mittlere Sicht« anstrebt: zwei Prozent. Hinzu kommt, was Statistiker*innen den Basiseffekt nennen. Die Inflationszahl von 3,9 Prozent für August bezieht sich auf den Vorjahresmonat, also auf August 2020. Damals betrug die Inflationsrate null Prozent. Gründe hierfür waren die Senkung der Mehrwertsteuer ab Juli für ein halbes Jahr und gesunkene Energiepreise infolge der Corona-Lockdowns. Die Inflation ist also derzeit so hoch, weil sie aufgrund von Sonderfaktoren im Vergleichszeitraum so gering war.

Die Inflation ist derzeit so hoch, weil sie aufgrund von Sonderfaktoren im Vergleichszeitraum so gering war.

Der im Juli 2021 sprunghaft einsetzende Basiseffekt war zu erwarten gewesen. Vergleicht man die Inflationsrate im August mit der aus dem Jahr 2019 zeigt sich nichts Dramatisches. Die Rate liegt bei 1,81 Prozent – und damit noch unterhalb der Preisstabilitätsdefinition der EZB.

Anders stellte sich die Lage 1923 dar, dem Ursprungsjahr jener deutschen Inflationsangst, von der nicht nur Herr Schmidt ein Liedchen singen kann. 1923 hatte die zunächst schleichende Geldentwertung zu »galoppieren« begonnen, die Inflation schlug um in eine Hyperinflation. Der Startschuss für den Weg in diese wirtschaftliche und soziale Katastrophe fiel schon 1914. Bis zum Beginn des Krieges musste wenigstens ein Drittel aller Banknoten, die in Umlauf waren, jederzeit in einem festen Verhältnis gegen Gold eintauschbar sein, was die verfügbare Geldmenge automatisch begrenzte. Um den Krieg zu finanzieren, hob die Reichsbank diesen »Goldstandard« auf und pumpte über die großzügige Ausweitung ihres Kreditgeschäfts viel Geld in den Wirtschaftskreislauf, insbesondere in kriegswichtige Industrien – insgesamt geschätzte 156 Milliarden Mark.

Nach der deutschen Niederlage 1918 traten neben die inneren Staatsschulden zusätzlich milliardenschwere Reparations­zahlungen an die Alliierten. Zudem mussten Kriegsversehrte und Arbeitslose versorgt und die Wirtschaft wieder auf zivilen Bedarf umgestellt werden. All dies kostete Geld, während der Staat kaum Steuereinnahmen hatte. Die Reichsbank hielt also die Geldpresse am Laufen – auch als Anfang 1923 französische Truppen wegen ausstehender Reparationsforderungen das wirtschaftlich wichtige Ruhrgebiet besetzten. Lohnzahlungen und der Import ausländischer Kohle erforderten weitere Millionen und destabilisierten die Währung so sehr, dass die im August 1923 neu gewählte Regierung unter Gustav Stresemann eine Währungsreform einleitete. Zu diesem Zeitpunkt waren etwa 400 Trillionen Mark Bargeld in Umlauf.

Die einen sagen so, die anderen so

Dass sich dieses Szenario heute wiederholen könnte, ist unwahrscheinlich. Die wenigsten Ökonom*innen rechnen bislang ernsthaft mit einem dauerhaften und konstanten Preisanstieg. Überdies ist bis heute umstritten, wie Inflation eigentlich genau entsteht. Je nach Denkschule werden darauf verschiedene Antworten gegeben. Anhänger*innen des in Deutschland dominierenden Monetarismus, der auf den amerikanischen Volkswirtschaftler Milton Friedman (1912–2006) zurückgeht, argumentieren: Eine zu starke Ausweitung der Geldmenge, über das Produktivitätsniveau der Wirtschaft hinaus, führe zu Inflation.

Dieser Zusammenhang zwischen Geldmenge und Preisanstieg taucht erstmals 1927 im Jahresbericht der Reichsbank auf. Die Reichsbank änderte nach den Inflationsjahren entsprechend ihren Kurs: Als nunmehr unabhängige Institution erhob sie die Geldwertstabilität zum zentralen Anliegen. Die Wiedereinführung der Golddeckung, hohe Zinssätze und massiv verringerte Sozialausgaben sollten die Staatsfinanzen konsolidieren und die Währung stärken. Die Politik zog mit: Als die Weltwirtschaftskrise 1929 in die Weimarer Republik herüberschwap­pte, reagierte Reichskanzler Heinrich Brüning mit einem harten austeritätspolitischen Kurs, um eine Abwertung der Mark zu verhindern. Seine Deflationspolitik traf die untersten Klassen am härtesten.

In der Bundesrepublik setzte sich der in dieser Tradition stehende Monetarismus Anfang der 1970er Jahre wieder durch – als konservative Antwort auf den bis dato vorherrschenden nachfrageorientierten Keynesianismus und auf zunehmende Konjunkturschwächen seit Ende der 1960er Jahre. Schon 1974 ging die Deutsche Bundesbank als erste zentrale Notenbank der Welt zu einer Geldmengensteuerung über. Arbeitsmarktfragen und Sozialpolitik wurden der Geldwertstabilität immer mehr untergeordnet. Der Staat sollte sich mit Ausgaben zurückhalten und das Prinzip von Angebot und Nachfrage walten lassen.

Erst nach der Finanzkrise 2008/2009 setzte die Wirtschaftspolitik wieder stärker auf konjunkturstützende Maßnahmen; mit ihrer Wende hin zu einer lockeren Geldpolitik (Nullzins, Anleihekäufe) bestärkte die EZB seit 2015 diesen Kurs. Sie weitete die Geldmenge stark aus. Trotzdem kam es nicht zu einer Inflation. Im Gegenteil: Das Problem waren in der letzten Dekade eher stagnierende oder sogar fallende Preise. Warum? Weil, so wird aus keynesianischer Sicht argumentiert, eine massive Nachfragesteigerung auf den Märkten ausblieb, die Wirtschaft zu geringe Wachstumsraten aufwies. Denn Ursache für Preissteigerungen seien Nachfragesteigerungen, die die Unternehmen an die Grenzen ihrer Produktionskapazitäten bringen. Diese Grenzen sind weder in Deutschland noch in Europa erreicht.

Die gefährliche Lohn-Preis-Spirale

Laut Mainstream-VWL-Lehrbuch ist diese Sichtweise falsch. Vielmehr könne eine Inflation gerade durch höhere Löhne (eine Voraussetzung für gesteigerte Nachfrage) getrieben werden. Wenn die Nominallöhne die Produktivität überschreiten, kann es demzufolge zu deutlichen Preissteigerungen kommen. Die sogenannte Lohn-Preis-Spirale, der zufolge Gewerkschaften die erwartete Inflation in ihren Lohnforderungen berücksichtigen, worauf Unternehmen dann mit erhöhten Preisen reagieren, war historisch betrachtet stets ein wirksames Argument, um hohe Lohnforderungen zurückzuweisen. Die »Inflationsangst« kommt da gerade recht. Auch in den aktuellen Tarifauseinandersetzung der Eisenbahngewerkschaft GDL spielt diese Erzählung eine Rolle.  

Kräftige Lohnsteigerungen, die über der Produktivitätsentwicklung lagen, gab es seit Einführung des Euros selbst in den letzten Boomjahren in Deutschland nicht. Im Gegenteil: Die Reallöhne sanken lange Zeit, weil sie unterhalb der Inflationsentwicklung bleiben sollten. Erst seit der Finanzkrise 2008/2009, als sich wieder eine stärkere nachfrage- und beschäftigungsorientierte Wirtschaftspolitik durchsetzte, konnten sich tariflich Beschäftigte wieder über reale Lohnsteigerungen freuen. Die Inflationsrate blieb dennoch stets deutlich unter dem Zwei-Prozent-Ziel.

Enteignung der Reichen

Aber was hieße es eigentlich, wenn die Inflation steigt, oder anders gefragt: Ist Inflation schlecht? Per se ist das nicht so. So ist zum einen die Fixierung auf eine Zahl wenig aussagekräftig. Wenn beispielsweise zwei oder vier Prozent Preissteigerungen mit ähnlichen Lohnsteigerungen einhergehen, bedeutet das für die Lohnabhängigen keinen Kaufkraftverlust. Ein solches Szenario ist in den Augen von Volkswirtschaftler*innen Ausdruck einer guten konjunkturellen Entwicklung, sprich Kapitalismus mit guten Wachstumsraten. Deswegen liegt das EZB-Inflationsziel auch nicht bei null, sondern mittelfristig bei zwei Prozent. So wird verhindert, dass zu frühe Leitzinserhöhungen die durch Finanz-, Euro- und Coronakrise ohnehin geringen Wachstumsraten weiter abwürgen.

Zum anderen trifft die Inflation nicht alle gleich, wie erneut der Blick in das Jahr 1923 zeigt. Für viele arme Menschen bedeuteten die extremen Preissteigerungen zweifellos eine Bedrohung. Arbeitslosigkeit, sinkende Reallöhne und die zunehmend schlechte Versorgungslage setzten ihnen zu.  Zugleich erhöhten Händ­ler*innen lau­fend ihre Prei­se – bis das Geld infolge der Hyperinflation seine Funk­ti­on als all­ge­mei­nes Zah­lungs- und Wert­auf­be­wah­rungs­mit­tel verlor. Waren und Dienst­leis­tun­gen konnten fortan nur noch gegen Naturalien erstanden werden. Die Geldentwertung betraf aber auch und gerade die oberen Schichten der Gesellschaft. Vermögenswerte schmolzen dahin, Ersparnisse ganzer Familiengenerationen wurden entwertet, Zinseinkünfte wurden wertlos. Für Besitzer*innen von Geldvermögen oder -ansprüchen hatte die Hyperinflation geradezu eine enteignende Wirkung.

Wer sich in Mark verschuldete hatte, profitierte dagegen. Denn seit Frühjahr 1923 galt der Grundsatz, dass Kredite, die in höherwertigem Vorkriegsgeld aufgenommen worden waren, mit entwertetem Geld zurückgezahlt werden konnten. Davon profitierten nicht nur Unternehmergrößen wie der Industrielle Hugo Stinnes, der im Zuge der erleichterten Kreditvergabe sein Unternehmens­imperium ausgebaut hatte. Wer immer Schulden hatte, konnte sich dieser nun auf einen Schlag entledigen. Das betraf zuallererst den Staat selbst, dessen in Mark aufgenommenen Kriegskredite, gerechnet in der Kaufkraft des Vorkriegsjahres 1913, im November 1923 noch einen realen Gegenwert von 15,4 Pfennigen hatten. Die Halter*innen von Kriegsanleihen guckten in die Röhre. Aber auch viele Landwirt*innen freuten sich über den Verfall des Geldwertes, konnten sie sich doch ihrer oft über Generationen vererbten Hypotheken entledigen und überdies ihre Lebensmittel gegen Sachwerte wie Autos oder gar Diamanten tauschen. Die Hyperinflation, so beschreibt es der Historiker Frederick Taylor, hat die deutsche Gesellschaft damals »ein bisschen gleicher gemacht«.  So gesehen verwundert es also nicht, dass Wirtschaftsliberale schon bei einer Inflationsrate von 3,9 Prozent die deutsche Inflationsangst beschwören.

Klar ist: Eine anhaltende Preissteigerung wäre gerade für ärmere Menschen ein großes Problem. Denn selbst wenn die Gewerkschaften zeitgleich Lohnerhöhungen erkämpfen, hilft das den vielen nicht mehr tariflich erfassten Beschäftigten wenig. Klar ist aber auch, dass Inflation ein politischer Kampfbegriff geworden ist: Auf liberaler Seite geht es vor allem darum, Ansprüche auf Lohnerhöhungen und soziale Absicherung zurückzuweisen. Die Doppelbödigkeit der Debatte wird am besten durch ihre größte Leerstelle symbolisiert: Kaum jemand redet von der Vermögenspreisinflation. Auf den deregulierten und internationalisierten Finanzmärkten steigen die Preise für Aktien, Anleihen und Finanzprodukte jeglicher Art. Befeuert von der lockeren Geldpolitik der Zentralbanken weltweit. Dieses Phänomen ist mitverantwortlich für die zunehmende Ungleichheit im neoliberalen Kapitalismus. Ein Gegensteuern des Staates oder der Wirtschaft: hier Fehlanzeige. Inflation ist also nicht gleich Inflation und Inflationsangst kein kollektives Trauma, sondern vielmehr ein ideologisches Konstrukt zur Verteidigung der deutschen Stabilitätskultur.

Lene Kempe

ist Redakteurin bei ak.

Guido Speckmann

ist Redakteur bei ak.