Für Rojava geht es um alles
Den aktuellen Angriffen auf die Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien ging eine Reihe internationaler Entwicklungen voraus – dabei geht es auch um den Zugang zu Öl
Von Michael Knapp
Wir sind entschlossen, jedes Opfer zu bringen, um die Menschen vor dem Terror zu schützen«, erklärten Mitglieder der Demokratischen Kräfte Syriens (QSD bzw. SDF), während Truppen der sogenannten syrischen Übergangsregierung von Ahmed al-Scharaa (früher bekannt als al-Jolani) sowie türkeitreue dschihadistische Milizen das al-Aqtan-Gefängnis in Raqqa angriffen. Mit ihrem Vorrücken und dem Rückzug der QSD war eine Verlegung der dort inhaftierten IS-Kämpfer nicht mehr möglich. Die US-geführte Anti-IS-Koalition hatte die Verteidiger*innen aufgefordert, die Stellung zu halten – Hilfe werde kommen. Doch sie kam nicht. Stattdessen setzten sich die Angriffe fort. Zugleich bombardierte die Türkei (offiziell Anti-IS-Koalitionsmitglied) das Gefängnis mit Drohnen. Die QSD erklärten daraufhin, sie hätten aufgrund der anhaltenden Weigerung internationaler Akteure, Verantwortung zu übernehmen, keine andere Wahl, als ihre Kräfte aus dem Camp al-Hol bei Hesekê zurückzuziehen.
Wie in einem Brennglas werden hier die Linien des Konflikts deutlich, der derzeit in Syrien eskaliert. Sämtliche Akteur*innen sind auf dem Feld. In Rojava wird ein Kampf ums Überleben geführt. Die Truppen der sogenannten syrischen Übergangsregierung haben weite Teile der selbstverwalteten Regionen eingenommen, darunter die unter hohem Blutzoll aus der IS-Herrschaft befreiten Gebiete Deir-ez-Zor und Raqqa. Nun ist Rojava im Kern durch die von Dschihadisten dominierten Truppen bedroht. Die USA als unzuverlässige Garantiemacht bleiben untätig.
Grünes Licht für den Angriff
Um die aktuelle Situation besser zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die Entwicklungen der letzten Wochen. Den aktuellen Angriffen gingen eine Reihe internationaler Entwicklungen voraus. Parallel zum sogenannten Sicherheitsgipfel in Paris am 6. Januar fanden dort trilaterale Gespräche zwischen den USA, Vertretern der al-Sharaa-Regierung und Israel statt. Offiziell wurde ein gemeinsamer »Sicherheitsmechanismus« vereinbart. Inoffiziell ging es offensichtlich um mehr. Das zeigte sich am folgenden Tag, als Angriffe auf die selbstverwalteten Stadtviertel in Aleppo begannen. Innenpolitisch versuchte die al-Sharaa-Regierung so, ihre Position im Vorfeld der Umsetzung des Eingliederungsabkommens der QSD in die Armee der Übergangsregierung zu demonstrieren. Wohnviertel und Krankenhäuser wurden bombardiert. Dabei kamen türkische Drohnen zum Einsatz. Die QSD mussten sich nach mehrtägigen Kämpfen zurückziehen, um eine humanitäre Katastrophe zu verhindern.
Gleichzeitig wurde der Druck auf die QSD zur Selbstauflösung in der sogenannten syrischen Armee erhöht. Damit sollten die QSD vollständig ihre Autonomie verlieren und die Frauenarmee zerschlagen werden. Man erkennt hier deutlich die Handschrift von al-Nusra, HTS und schließlich der Türkei. Entsprechend überrascht es kaum, dass der türkische Außenminister Hakan Fidan am 9. Januar öffentlich erklärte, die sogenannte syrische Regierung solle »notfalls militärische Gewalt gegen die QSD anwenden«, falls die »Integration« nicht umgesetzt werde.
In den vergangenen Monaten hat die Syrian Petrol Company, die sich in der Hand der Übergangsregierung befindet, eine Reihe von Vorverträgen mit Energieunternehmen unterzeichnet.
Dass die USA auch hier eingebunden waren, ist naheliegend. Am 13. Januar besuchte der US-Syrien-Sondergesandte Tom J. Barrack Fidan in Ankara, ein weiterer Besuch folgte am 20. Januar. Der Manager des Immobilienfonds Colonial Capital Inc., mit engen Geschäftsbeziehungen in die Golfstaaten, vertritt Trumps Deal-Politik im Nahen Osten. In diesem Sinne versuchte Barrack, die Demokratischen Kräfte Syriens zu zwingen, sich unter allen Bedingungen in die Armee unter dem Kommando der Übergangsregierung einzufügen.
Während die USA den politischen Druck erhöhten, verweigerten sie jede Unterstützung gegen die Angriffe der Übergangsregierung. Dabei wird das Freikommen Tausender IS-Dschihadisten unter den Augen der US-Truppen in Kauf genommen.
US-Konzerne erhalten Öl-Förderungslizenzen
Das Wegschauen der in der Region stationierten US-Truppen ist offenbar Teil eines Deals. Es geht dabei um die Ölförderung in den eroberten Gebieten im Nordosten Syriens. In den vergangenen Monaten hatte die Syrian Petrol Company, die sich in der Hand der sogenannten Übergangsregierung befindet, eine Reihe von Vorverträgen oder Absichtserklärungen mit Energieunternehmen unterzeichnet, darunter ConocoPhillips aus den USA, Dana Gas aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, Arabian Drilling aus Saudi-Arabien und UCC Holding aus Katar.
Bereits im Dezember hatte es Gespräche zwischen al-Sharaa und dem US-Ölkonzern Chevron über die Ölförderung an der syrischen Küste gegeben. Ein wichtiger Funktionär beim Ausverkauf der Ressourcen der Bevölkerung ist Youssef Qeblawi, der Direktor der von der Übergangsregierung neustrukturierten Syrian Petrol Company. Nun erklärte Qeblawi, dass Chevron und ConocoPhillips bereits Interesse am durch die Übergangsregierung eroberten Ölfeld al-Omar bekundet hätten. Er kündigte außerdem an, dass bald alle Ölfelder unter der Kontrolle der Übergangsregierung stehen würden. Unter der Selbstverwaltung wurde Öl und Gas nur in begrenztem Umfang gefördert, und der Großteil davon in der Region selbst verwendet. Nun steht offenbar der große Ausverkauf bevor.
Auch Ankara hat großes Interesse am Öl im Nordosten Syriens. Durch die Kontrolle über die Ölverteilung der Region verspricht sich die Türkei eine Stärkung ihres außenpolitischen Gewichts und eine größere Unabhängigkeit von Öl aus Südkurdistan und dem Irak. Bereits im August 2025 wurde eine Pipeline von Aserbaidschan nach Aleppo durch den türkischen Energieminister Bayraktar eröffnet. An diesem Projekt waren neben der syrischen Übergangsregierung, der Türkei und Aserbaidschan auch der enge Verbündete der AKP-Regierung, Katar, beteiligt. Im Dezember folgte ein Abkommen zur Öl-Exploration vor der syrischen Küste. Hinter alldem steht für die Türkei das Ziel, ihre imperialen Interessen im östlichen Mittelmeerraum zu stärken, die Übergangsregierung in Syrien noch abhängiger zu machen und die Errungenschaften der Bevölkerung von Rojava zu vernichten.
Zerstörung einer politischen Alternative
Bei all den ökonomischen Interessen darf nicht vergessen werden, dass das basisdemokratische Projekt Rojava von keinem Staat in der Region oder auch international gewollt ist. Die diametralen Konzepte zeigen sich bereits in der Ökonomie: Während die Selbstverwaltung mit unterschiedlichem Erfolg auf Kommunalisierung von Energie, Wasser und Ressourcen setzte, verfolgen die internationalen Mächte einen Kurs von Ausverkauf und neoimperialistischen Strukturen.
Rojava konnte bisher existieren, weil es geschickt eine Politik des Dritten Weges zwischen den Machtblöcken verfolgte. Das Zusammenfallen der Interessen von USA, Türkei und syrischer Übergangsregierung stellt nun eine existenzielle Bedrohung dar.
Das Konzept der demokratischen Autonomie und regionalen Selbstverwaltung steht im Gegensatz zum zentralistischen Modell, das die Übergangsregierung ebenso wie die regionalen und internationalen Kräfte mit Gewalt durchzusetzen versuchen. Die Massaker an der drusischen und alawitischen Bevölkerung durch die Truppen der Übergangsregierung zeigen dies ebenso wie die aktuellen Angriffe auf die Bevölkerung von Nord- und Ostsyrien und insbesondere die Kurd*innen.
Dabei ist eines wichtig: Die demokratische Autonomie ist kein ethnonationalistischer Partikularismus, sondern ein multiethnisches, multikulturelles und multireligiöses Projekt. Damit bricht die Region mit der fortgesetzten imperialen Politik, bei der die verschiedenen Mächte – die USA, Russland, die Türkei, Israel, Frankreich oder Iran – Stellvertreterkriege durch die Instrumentalisierung von Nationalismen und Partikularismen führen.
Rojava konnte bisher existieren, weil es wehrhaft war und geschickt eine Politik des Dritten Weges zwischen den Machtblöcken verfolgte. Das Zusammenfallen der Interessen der USA, der Türkei und der Übergangsregierung stellt nun jedoch eine existenzielle Bedrohung dar.
Die Menschen in Rojava, mit denen wir in den vergangenen Tagen gesprochen haben, berichten von einer Mobilisierung, wie es sie seit der Verteidigung von Kobanê 2014 gegen den IS nicht mehr gegeben habe. Die Bevölkerung bewaffnet sich und ist bereit zum Widerstand. Entscheidend werden nun – wie damals in Kobanê – auch der internationale Druck und Widerstand sein.