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Erfolgsopfer

So geht es nicht weiter, aber ohne geht es auch nicht. Olympia 2026: ein Tagebuch

Von Nelli Tügel

Man sieht zwei Frauen auf einem Rennschlitten.
Die Rodlerinnen Marta Robezniece und Kitija Bogdanova im Doppelsitzer. Foto: picture alliance / NurPhoto | Foto Olimpik

Die Sache ist die: Ich liebe Olympia. Aber ich schäme mich auch dafür. Weil vor allem linke Menschen Olympia oft ablehnen. Und sie haben gute Gründe. Diese Veranstaltung ist schädlich für Mensch und Natur. Sie führt überall, wo sie stattfindet, zu Verdrängung, steigenden Mieten, Umweltverschmutzung, Verschwendung öffentlicher Mittel. In einem Artikel des linken Sportjournalisten Martin Krauß habe ich dafür kürzlich den Begriff des »Celebration Capitalism« kennengelernt, der mir sehr passend erscheint. Auf der anderen Seite fühle ich mich meiner kleinen (vermutlich eingebildeten) Fangemeinde verpflichtet, bin also gewissermaßen Opfer des eigenen (vermutlich eingebildeten) Erfolgs als Erfinderin des ak-Olympiatagebuchs, das es seit Tokio 2020 gibt. (ak 706, 707, 679 & 673) Wie so manch*e Olympionik*in stehe ich nun unter Druck und muss abliefern. Da hilft nur: eiserne Disziplin und gucken, gucken, gucken; in ungesunder Körperhaltung vor dem Laptop kauern und Wettkämpfe ballern, bis der Orthopäde kommt.

6. Februar: Eröffnungsfeier. Haitis zweiköpfige Olympia-Delegation – angereist sind die Skifahrer Richardson Viano (Slalom) und Stevenson Savart (Langlauf) – trägt Outfits, die die italienisch-haitianische Designerin Stella Jean extra für die Einführungszeremonie entworfen hat. Auf der offiziellen Webseite der Olympischen Spiele ist zu lesen, die handbemalten Uniformen mit einem »riderless horse«, einem reiterlosen Pferd, vor tropischem Hintergrund, seien ein »symbol of the Haitian spirit«. So so, aha aha. Wer sich die Outfits genauer anschaut, stellt schnell fest, dass das reiterlose Pferd irgendwie seltsam anmutet. Und siehe da. Was auf der offiziellen Webseite unterschlagen, anderswo jedoch nachzulesen ist: In den ursprünglichen Entwürfen war das Pferd keineswegs »riderless«, es saß vielmehr der haitianische Revolutionär Toussaint Louverture darauf, der jenen Aufstand Ende des 18. Jahrhunderts in der damaligen französischen Kolonie Saint-Domingue anführte, mit dem die dort versklavten Menschen sich selbst befreiten und den Staat Haiti gründeten. »Zu politisch«, fand das Internationale Olympische Komitee. Nach dieser »Logik« müsste auch das Absingen der »Marseillaise« zu politisch sein, oder?

6. Februar: Nochmal Eröffnungsfeier. Südafrika hat ein Whites-Only-Team nach Italien geschickt. Wirft ein Schlaglicht darauf, dass Winterspiele noch viel stärker als Sommerspiele weiße Spiele sind – und damit ist nicht der Schnee gemeint.

8. Februar: Abolish Sport-Kommentatoren!

8. Februar: In Mailand hat es militante Proteste gegen Olympia gegeben. Die Genoss*innen haben meine volle Unterstützung. Ich mein’s ernst. Von mir aus kann auch Olympia abolished werden. Danach schaffen wir ein neues Olympia, ohne Geschlechter- und Nationenwahn und Vermarktung und das alles. Es wird super werden, Leute!

8. Februar: Aufritt Ilia Malinin im Eiskunstlauf-Teamwettbewerb, den natürlich die USA gewinnen. Leute (Männer), die als »Gott« bezeichnet werden (oder sich selbst so nennen??), sind mir ja grundsätzlich suspekt. Seinen vieldiskutierten Vierfach-Axel zeigt er (noch) nicht. Dass er ihn beherrscht – es schockiert mich irgendwie. Der Axel, muss man wissen, ist ein Sprung mit einer halben Umdrehung mehr als andere, deshalb ist er der schwierigste. Tonya Harding war nicht nur berühmt dafür, dass sie Nancy Kerrigans Knie zertrümmern ließ, sondern auch, weil sie als eine der ersten Frauen einen dreifachen Axel sprang. Mehr schien bis vor kurzem physikalisch unmöglich – auch für Männer.

10. Februar: Kurzprogramm der Herren im Eiskunstlauf. Ich sag’s, wie es ist: Das alte 6.0-Bewertungssystem, bei dem die Preisrichter*innen nach völlig undurchsichtigen Prinzipien eine technische und eine künstlerische Note vergaben, war besser. Natürlich hatte es Bestechung und Bevorzugung Tür und Tor geöffnet. Preisrichter*innenskandale wie 2002 in Salt Lake City, als jede*r, der*die damals zusah, den Betrug live mitbekam, weil die Paarläufer*innen (nicht Eistänzer*innen, sondern die, die Springen und Werfen) Jamie Salé und David Pelletier aus Kanada einfach besser liefen als das Paar aus Russland und trotzdem nur Zweite wurden, wären heute nicht mehr möglich. Das neue (inzwischen auch schon 20 Jahre alte) Bewertungssystem ist viel transparenter! Aber die Spannung, die Unwägbarkeit und der gewisse Hauch an Mystik, die zum Eiskunstlauf gehörten wie Toeloop und Pirouette, sind futsch! Jetzt werden auch noch live oben links im Bildschirm die Werte der gezeigten Elemente zusammengezählt. Es ist alles so durchschaubar und technisch geworden. Bitte cancelt mich nicht dafür, dass ich diese unbequeme Wahrheit ausspreche!

PS: Wenigstens gibt es noch den Eistanz mit seinen weiterhin komplett rätselhaften Bewertungen.

11. Februar: Umfrage in der ak-Redaktion zu Lieblingswintersportarten. Am häufigsten genannt werden die gute alte Schneeballschlacht und »Rodeln«. Gemeint ist natürlich nicht Sportrodeln im Eiskanal, sondern sowas wie den Kreuzberg oder »die Senke« in der Hasenheide runterzufahren. (Solltet ihr in bergigen Regionen leben: Ihr macht euch keine Vorstellung, wie lächerlich das ist, aber wir Berliner*innen haben keine andere Wahl.) Oder »die S-Kurve an der Elbe«, wie eine Hamburger ak-Kollegin begeistert ruft, die sich dort als Kind mehrmals ins halsbrecherische Abenteuer gestürzt (und auch mehrfach verletzt) hat.

11. Februar: Apropos halsbrecherisch, apropos Abenteuer, apropos Rodeln. Das Doppelsitzer-Rodeln ist faszinierend. Dieses enge Aufeinanderliegen der Partner*innen. Unwillkürlich sieht man da eine weirde gleichgeschlechtliche Sexyness am Werk. Auf Bluesky erfahre ich, dass ich mit dem Eindruck nicht allein bin (Glück gehabt). Der Autor Ben Miller kommentiert Bilder des Herren-Doppelsitzers mit »Seated Rivalry«. (Wer das nicht versteht, bitte hier weiterlesen.) Übrigens: Für Frauen ist der Spaß des Zweiers beim Rodeln erst seit diesem Jahr olympisch.

11. Februar: Eistanz-Entscheidung. Bin Team Gabriella Papadakis! Wer nicht weiß, was damit gemeint ist, muss es bitte selber googlen.

Stecke gedanklich im Eiskanal fest.

12. Februar: Ähnlich absurd wie das Verbot, Louverture auf den Outfits der haitianischen Mannschaft zu zeigen, entwickelt sich die Geschichte um den Helm des Skeleton-Fahrers Wladislaw Heraskewytsch. Skeleton ist wie Rodeln, aber bäuchlings, Heraskewytsch kommt aus der Ukraine. Auf seinem Helm sind Bilder von ukrainischen Sportler*innen zu sehen, die im Krieg gestorben sind. Das verbietet das IOC, mal wieder: »zu politisch«. Heraskewytsch wird vom Wettkampf ausgeschlossen. (Ich erinnere mich daran, dass bei den letzten Sommer-Olympics die deutsche Siegerin im Kugelstoßen, Yesimi Ogunleye, einen auf die Rückseite ihrer Startnummer geschriebenen Bibelvers in die Kameras hielt und dafür nicht belangt wurde, anders als die Breakdancerin Manizha Talash, die für das Refugee Olympic Team antrat, einen Umhang mit den Worten »Free Afghan Woman« trug und dafür disqialifiziert wurde).

13. Februar: Einzelkür der Männer. Grazie und Grauen liegen so nah beieinander. Der Vierfachsprunghype ist der Schönheit nicht gerade zuträglich. Fast alle fliegen sie auf die Schnauze, unter ihnen Malinin. Platz acht statt eins. Auch selbsternannte Götter sind Menschen.

13. Februar: Stecke gedanklich immer noch im Eiskanal fest. Eine Doku über die deutsche Bobfahrerin Lisa Buckwitz mit dem Titel »Only Bob« (weil Buckwitz’ Sponsor Only Fans ist) geht mir tierisch auf den Zeiger. Buckwitz heult die ganze Zeit rum, dass sie trotz eines bereits errungenen Olympiasiegs nicht superreich mit ihrer Randsportart geworden ist! Sie kriegt als Sportsoldatin nämlich »nur« ihren Sold, die Arme. Kein Wort, nicht ein einziges, über die Tausenden von Menschen, die es mit ihrer Arbeit überhaupt erst ermöglichen, dass diese ganzen Genies und Götter und wie sie sich alle sehen auf der großen Olympiabühne glänzen können. Ich komme ins Grübeln: Habe ich je eine*n Spitzensportler*in darüber sprechen hören…?

14. Februar: Fragen einer zehn Stunden am Tag Sport-TV glotzenden Linken: Wer baute die Anlagen von Mailand, Cortina und Bormio? In den Posts und Nachrichten stehen die Namen von Sportler*innen. Haben sie etwa die Felsbrocken herbeigeschleppt? Wer kochte den Siegesschmaus? Alle vier Jahre ein*e große*r Sportler*in? So viele Berichte. So viele Fragen.

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