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|ak 725 | Kultur

Denkende und unendliche Materie

Das Essay »Kosmologie des Geistes« des sowjetischen Philosophen Ewald Iljenkow liegt erstmals auf Deutsch vor 

Von Mesut Bayraktar

Man sieht das All und einen Planeten.
Hat die Menschheit eine Funktion im Kosmos? Iljenkow gibt darauf eine überraschende Antwort. Foto: gemeinfrei

Hat das Denken einen Zweck im Weltkosmos, so wie zum Beispiel die Sonne als Gravitationsanker für die Umlaufbahnen der umliegenden Planeten? Warum denkt die Materie durch die Menschen? In seinem Text »Kosmologie des Geistes« fokussiert der marxistische Philosoph Ewald Iljenkow auf die Anfangs- und Endgründe des Denkens im Maßstab eines naturdialektisch verfassten Universums. Der Titel des Dokuments aus der späten Stalin-Ära erinnert dabei an die »Phänomenologie des Geistes« von Hegel. Ihm liegt die Erfahrungs- und Selbstbildungsgeschichte des Denkens zugrunde, die Phänomenologie eben, allerdings in der Version einer materialistischen Spekulation. 

Teile des Textes waren 1988 im Journal Wissenschaft und Religion veröffentlicht worden, der gesamte Text auf Russisch in den letzten Atemzügen der UdSSR in einem Iljenkow-Sammelband mit dem Titel »Philosophie und Kultur«. Das in den frühen 1950er Jahren entstandene Essay erschien damit nicht mehr zu Iljenkows Lebzeiten, der 1979 starb. Es wurde damals zunächst nur »von einem Zirkel verschiedener Freunde und Bekannter gelesen«, so die Herausgeber im Vorwort der nun erstmals in deutscher Sprache vorliegenden Ausgabe. Es wurde aus dem Russischen von Isabel Jacobs übersetzt und ebenso sorgfältig wie gewissenhaft von Martin Küpper und Sascha Freyberg mit einer überzeugenden Einordnung im Matthes & Seitz Verlag publiziert. 

Zwangsläufige Selbstauslöschung 

In Iljenkows kurzer Schrift geht es um nichts Geringeres als um die kosmologische Bedeutung der menschlichen Gattung. Iljenkow behauptet, dass das Denken, worin die Materie in höchster Form organisiert sei, eine kosmologische Rolle habe, die zwangsläufig auf eine Selbstauslöschung der Menschheit hinauslaufe. Was zunächst apokalyptisch daherkommt, führt der 1924 geborene Philosoph aus Smolensk und Artillerist beim Kampf gegen den deutschen Faschismus mit logischen und kreativen Argumenten aus. Zentral für Iljenkow ist die mit der Entwicklung der Kernfusion Anfang der 1950er Jahre verbundene Möglichkeit grenzenloser Energiegewinnung, die zugleich eine Vernichtung der menschlichen Gattung durch die Atombombe nach sich zieht. Daraus schließt Iljenkow, dass die Menschheit bis zur Entdeckung der Atomenergie in der Tat nur eine unbedeutende Beobachterin des Universums war und keinen Einfluss auf die Sterne hatte. 

Man kann Iljenkows Text als Drehbuch für eine sowjetfuturistische Science-Fiction lesen oder als philosophische Abhandlung über das Naturverhältnis des Menschen auf der Grundlage astronomisch erweiterter Produktivkräfte.

Seither zeige sich aber, dass die Menschheit künftig ihre Produktivkräfte in galaktischen Dimensionen entwickeln könne, sodass die Menschen eines Tages in die Bewegung der Sonnensysteme eingreifen werden können. Denkt man die aus Atomkernen freisetzbaren Energiemassen in Kombination mit den Durchbrüchen der Astrophysik, etwa durch das James-Webb-Weltraumteleskop, scheint Iljenkows Gedankenspiel nicht abwegig. Im Gegenteil. Schon heute bestätigen Wissenschaftler*innen, dass der Mensch die Erde mit irreversiblen Folgen verändert. Manche Ökonomien trachten bereits nach dem Mond zur Ressourcenausbeutung. Warum soll also nicht irgendwann der Stoffwechselprozess der Menschen das eigene und weitere Sonnensysteme beeinflussen?

Urknall, Zyklus und Wärmetod

Iljenkow stützt seine These auf das Urknallmodell, dem zufolge die Geschichte des Universums mit einem Übergang von einem unendlich heißen, dichten Punkt in eine rasante Expansion der Materie vor Milliarden Jahren begann. Diesen Urknall deutet er allerdings nicht als einen Anfang aus dem Nichts. Der Urknall könne vielmehr als Moment eines Zyklus aufgefasst werden, wovon heute viele Forscher*innen ausgehen. Jeder Zyklus müsste jedoch mit der Abnahme der Expansion im Wärmetod enden. Das wirft die Frage auf, wie dann der Prozess mit den Kollisionen ins Unendliche in Gang gesetzt wird, damit ein neuer Zyklus entsteht. Nun denkt Iljenkow die Historizität des Kosmos auf der einen und die Universalität der Naturgesetze auf der anderen Seite unter Beteiligung der »denkenden Materie« philosophisch-poetisch fort.

Mit Bezug auf Friedrich Engels’ Hypothese über die Entstehung des Universums aus kosmischen Nebelflecken exerziert Iljenkow durch, dass der Mensch eine Mission »im allgemeinen Kreislauf der universellen Materie« habe, nämlich dem Wärmetod durch eine gewaltige, kosmische Explosion zuvorzukommen. So erzeuge die Materie irgendwo im Raum das Denken, das am Ende seiner Existenz der »Zünder« für die Wiedergeburt des Weltalls durch einen neuen Urknall sein müsse. In diesem kosmologischen Sinn sei das Denken die Bedingung und der Zweck »für die Existenz der unendlichen Materie«. 

Blüte oder Schimmel 

Iljenkow gehörte bis zu seinem Tod dem Institut für Philosophie an der Akademie der Wissenschaften an, musste aber parteipolitische Restriktionen über sich ergehen lassen aufgrund seiner Position, dass das Ideelle nur durch die in die Außenwelt gerichtete Tätigkeit des gesellschaftlichen Menschen existiert. Schließlich trieben ihn die Enttäuschung über die Entwicklung in der Sowjetunion und der Welt in Alkoholismus und Verzweiflung: Am 21. März 1979 nahm er sich mit einem Brieföffner das Leben. Zu Iljenkows bekannteren Werken gehörten seine 1960 unter dem Titel »Die Dialektik des Abstrakten und Konkreten im ›Kapital‹ von Karl Marx« erschienene Dissertation, die in den Debatten um die Logik des Kapitals breit aufgenommen wurde, und das populärphilosophische Buch »Über Idole und Ideale« von 1968.

Mit der »Kosmologie« wiederum hat er vielleicht eines der, wie die Herausgeber der deutschen Ausgabe schreiben, »merkwürdigsten philosophischen Dokumente aus der Zeit des ›real existierenden Sozialismus‹ hinterlassen«. Man kann Iljenkows Essay als Drehbuch für eine sowjetfuturistische Science-Fiction lesen. Man kann es aber auch als eine philosophische Abhandlung über das Naturverhältnis des Menschen auf der Grundlage astronomisch erweiterter Produktivkräfte ernst nehmen. In jedem Fall zeugt es von der kommunistischen Sorge um die Menschen und die Zukunft der Menschheit. Entweder wird die Menschheit ihre gesellschaftlichen Kräfte einmal vernünftig organisieren können oder dieselben Kräfte kehren sich mit blinder Notwendigkeit gegen sie in Gestalt von Destruktivkräften und vernichten die Menschen. Entweder ist das Schicksal des Denkens, die »Blüte« des Weltalls zu werden, oder das Denken ist eine Art »Schimmel«, der die Alterskrankheit der Materie anzeigt, wie Iljenkow sich ausdrückt. Wie es kommen wird, liegt am Menschen.

Mesut Bayraktar

ist Autor. Von ihm sind zuletzt der Gedichtband »Linke Melancholie« und der Erzählungsband »Die Lage» erschienen.

Ewald Iljenkow: Kosmologie des Geistes. Matthes & Seitz, Berlin 2026. 126 Seiten, 14 EUR.

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