Weltverhältnisse der Gewalt
Feministische Perspektiven auf Militarismus und Krieg
Von Uta Ruppert
Feministische Perspektiven auf Krieg haben bereits vor Jahrzehnten sichtbar gemacht, dass Kriege nicht vereinfachend als historische Ereignisse oder Prozesse, sondern als kontextbedingte gesellschaftliche Verhältnisse begriffen werden müssen. Zugleich ringen gesellschaftskritische feministische Auseinandersetzungen mit bzw. gegen Krieg und Militarismus immer schon um gerechtere Weltverhältnisse.
Wir alle wissen, dass Militarisierung auf spezifischen, großenteils toxischen Formen von Männlichkeit aufbaut, diese stärkt und reproduziert, während gleichzeitig Geschlechterkonstruktionen genutzt werden, um Gewalt politisch legitimierbar zu machen (Cockburn 2010). Genauso anerkannt ist, dass nationalistische Mobilisierungen, rassistische Grenzpolitiken und sexualisierte Gewalt zu den wichtigsten vergeschlechtlichten Kontinuitäten gesellschaftlicher Ordnungen zählen, die Kriege ermöglichen (Yuval-Davis 1997).
Doch wie lassen sich diese Zusammenhänge aktuell, in einer Zeit, in der sich die Realitäten und Formen, die Bilder und Ausmaße von Militarisierung und Kriegen rund um die Welt in kaum noch zu begreifendem Tempo verändern und vervielfältigen, noch angemessen fassen? Wie lässt sich inmitten aller Ereignisse zu Beginn des Jahres 2026 aus feministischer Perspektive überhaupt noch zutreffend über Militarisierung und Kriege sprechen?
Maduro, gefesselt, in Badeschlappen
4. Januar 2026. Handyvideos von US-Militärhubschraubern über brennenden Regierungsgebäuden in Caracas gehen um die Welt. Sind dies Bilder einer neuen Form der Kriegsführung? Auf jeden Fall demonstrieren sie Geo-Macht durch spektakuläre militärische Logistik. Sie zeigen keine Opfer des Einsatzes, von den mindestens 80 getöteten Sicherheitskräften und Zivilist*innen (Robles 2026) gibt es keine Fotos, und sie zeigen kein schweres militärisches Gerät. Nur eine altbekannte Form der Kriegsgewalt inszenieren die Vereinigten Staaten weltöffentlich mittels einiger weniger ikonischer Bilder: der mit verbundenen Augen und Ohren orientierungslos gemachte, an den Händen gefesselte Nicolás Maduro auf einem Kriegsschiff, in Badeschlappen, nach der Landung in den USA.
Die Symbolik dieser Bilder ist eindeutig. Sie suggerieren einen Präzisionssieg des US-Militärs, dessen Beweis in der komplett entmachteten, öffentlich gedemütigten Männlichkeit Maduros liegt. Die unterworfene Männlichkeit eines (nicht nur) in seiner physischen Erscheinung den Stereotypisierungen von Machismo entsprechenden Regierungschefs wird zum komprimierten Beleg geopolitischer Überlegenheit. Welche Macht diese Bilder entfalten, wird auch daran deutlich, was weltweit darüber ungesagt bleibt. Ihr vergeschlechtlichter Gehalt wird nirgendwo auf der Welt zum Gegenstand öffentlicher Diskussionen. Diese Bilder des erniedrigten venezolanischen Staatspräsidenten führen uns genau jene komplexen Verschränkungen von Militarismus und Männlichkeit vor Augen, die feministische Analysen schon sehr lange en détail diskutieren (Tickner 2001): Männlichkeitskonzepte, die aus Aspekten wie Dominanz, Autorität und Wehrhaftigkeit zusammengesetzt sind, stellen eine der wichtigsten symbolischen Ressourcen staatlicher Gewalt dar. Zugleich zählen Männlichkeitsentwürfe – und damit implizit immer auch die komplementären Konstruktionen von (unterlegener, emotionaler, schutzbedürftiger) Weiblichkeit – selbst zu den Kampffeldern von Kriegen, die eben nicht nur um die Herrschaft über Territorien und den Zugang zu materiellen Ressourcen, sondern auch um kulturelle und normative Hegemonien geführt werden.
Aktuelle Prozesse der Militarisierung, insbesondere im Kontext erstarkender Autoritarismen, vor allem in den USA und Europa, greifen verstärkt auf die Idee von hegemonialer Männlichkeit als stark und heroisch (beschützend), als emotional distanziert und physisch wie psychisch diszipliniert zurück, während sie zugleich Männlichkeit selbst militarisieren. Die italienische Friedensforscherin Viviana Rizzo (2025) beschreibt in ihrem Beitrag zur Militarisation of Hegemonic Masculinity für Italien eine doppelte Bewegung, in der einerseits disziplinierte männliche Körper nationale Stärke symbolisieren und andererseits die Rhetorik des Schutzes und der Rationalität, die auch zivile Institutionen sowie mediale und wissenschaftliche Diskurse durchzieht, Männlichkeit zur Verkörperung von Souveränität erhöht. Militarisierung erscheint in dieser Lesart (auch) als männliche Selbsttechnologie, die, quasi spiegelbildlich zur »Entmännlichung« Maduros, vermeintlich männliche Tugenden sozial codiert.
Empirische Befunde aus der Ukraine verweisen dagegen für die Zeit seit Beginn der russischen Vollinvasion auf größere Widersprüchlichkeiten hinsichtlich der Zusammenhänge von Militarismus und Maskulinitäten. Olena Strelnyk (2024) vertritt auf Basis repräsentativer landesweiter Erhebungen in der Ukraine die These, dass seit Beginn der russischen Angriffe einerseits binäre Geschlechterkonstruktionen wie »men are defenders, women are defended« durch institutionelle Politiken, Verordnungen und Gesetze reproduziert und verstärkt werden – dass aber andererseits mitten im Krieg gesellschaftliche Geschlechterbilder auch deutlich vielschichtiger und fluider werden. Die Akzeptanz queerer Lebensentwürfe nimmt hier zu, Frauen in Führungspositionen erfahren mehr Anerkennung, viele ukrainische Männer verweigern die Rolle des Verteidigers und verlassen wie schon zu Beginn des Krieges auf mehr oder weniger legalen Wegen das Land (ebd. 144 f.). Immerhin 46 Prozent der Befragten einer Erhebung aus dem Jahr 2024 stimmten der Aussage zu, dass Verteidigung eine Sache gleichermaßen von Männern und Frauen sei.
Strelnyks Analysen sind auf den Verteidigungskrieg der Ukraine gegen Russland bezogen. Gleichwohl stellen sie die antimilitaristische feministische Herrschaftskritik infrage, nach der Militarismus und die ihm vorgelagerten Formen der Militarisierung in all ihren Verquickungen von Macht und hegemonialer Männlichkeit grundsätzlich patriarchal und antifeministisch sind (Brunner 2023; Ruppert 2022). Offen lässt die tendenziell positive Bewertung der Erosionen von Gender-Stereotypen im Krieg allerdings weitere Fragen nach den neuen und alten Intersektionalitäten von Geschlechterkonzepten. Dass sich Nationalismus und Klassismus im Krieg gegen die Ukraine gewissermaßen zur Militarisierung sozialer Ungleichheit verschränken, wissen wir aus polit-ökonomischen Betrachtungen der Kriegssituation (Żuk 2023). Die größte Last von Militarisierung und Krieg, im Innern wie an der Front, tragen eindeutig die unteren Klassen. Die Arbeitslosigkeit insbesondere von Industriearbeiter*innen ist stark angestiegen, Löhne und Einkommen sind bei steigender Inflation und Preisdruck gesunken, Prekarität und Armut weiten sich aus. Doch die nationale Mobilisierung verhindert politische Selbstorganisation von Arbeiter*innen, und soziale Anerkennung wird zunehmend an Soldatentum, soldatische Überzeugung und den gegebenenfalls individuellen Beitrag zur Kriegswirtschaft gebunden. Strelnyk selbst fasst in einer anderen Untersuchung diese Prozesse im Begriff »belligerent citizenship« (kriegerische Staatsbürger*innenschaft) zusammen (Strelnyka/Phillips 2025: 173).
Dass andererseits rassistische Konstruktionen seit Beginn des Krieges stark zugespitzt wurden, belegen z.B. eine Untersuchung von TikTok-Videos über die rassistischen Zurückweisungen Schwarzer Menschen an den ukrainischen Grenzen bei Ausbruch des Krieges (Jones 2023) oder Studien zu zunehmender Diskriminierung, Racial Profiling und Angriffen auf Roma-Communitys im Kontext des Krieges (European Roma Rights Centre 2023). Im Gegensatz zur »guten« und »tapferen« Männlichkeit weißer, heterosexueller Soldaten werden rassifizierte, migrantische oder auch queere Männlichkeiten als potenziell gefährlich oder defizitär markiert. Die Männlichkeit der Kriegsgegner wird auch im Verteidigungskrieg der Ukraine in der Regel barbarisiert (Skorokhod 2023).
Hingerichtet: Renée Good, Alex Pretti
7. Januar 2026. Wieder Handyvideos. Dieses Mal Aufnahmen von Privatleuten aus Minnesota. Sie zeigen aus verschiedenen Perspektiven die letzten Sekunden im Leben der 37-jährigen US-Bürgerin Renée Good, die als legal observer eines Abschiebe-Einsatzes der staatlichen ICE-Behörde von einem Angestellten dieser Behörde ohne jeglichen ersichtlichen Grund und ohne irgendeine Vorwarnung in ihrem Auto, an dessen Steuer sie sitzt, mit mehreren Schüssen in Brust und Kopf durch die Frontscheibe und das Seitenfenster getötet wird. Es sind Dokumente der Gewalt, wie sie aus den weltweit aktuellen Verflechtungen von Autoritarismus und Militarismus hervorgehen. Sie erinnern an die Formen staatlicher Gewalt, an die »politische Kriegsführung« etablierter Militärdiktaturen (Karakayali 2026), die immer wieder innere Feinde außergerichtlich töten.
Erst als etliche Stunden nach dem Tod von Renée Good ein weiteres Video im Netz auftaucht – aufgenommen von dem Mann, der sie erschossen hat –, wird ein anderer Aspekt dieses Mordes ersichtlich. Auf der Aufnahme sind außer Renée Good, die ihren Mörder freundlich anspricht, auch ihre Ehefrau zu sehen, die hinter dem Wagen steht, mit ihrem Handy filmt und dabei den ICE-Angestellten in lässig-ironischem Ton zurechtweist. Als Good versucht, den von weiteren ICE-Leuten umringten Wagen vorsichtig wegzufahren, wird sie erschossen. Unmittelbar darauf ist zu hören, wie ein Mann, höchstwahrscheinlich ihr Mörder, die Worte »fucking bitch« im Tonfall einer Verfluchung ausstößt. In diesem Moment wird sichtbar, dass dieser Mord nicht nur eine drastische Variante staatlicher Gewalt gegen politische Opposition darstellt, sondern ganz offenkundig auch eine Komponente der Bestrafung aufweist. Mit dem Tode bestraft wird hier das durchaus freundliche, selbstbewusste Verhalten zweier als Lesben in einer Lebensgemeinschaft sichtbaren Frauen, die sich von dem militärischen Gehabe der bewaffneten ICE-Angestellten nicht beeindruckt zeigen. Auf eine solche Infragestellung der heterosexuellen Ordnung folgt die Hinrichtung. Oder, wie die feministische US-Autorin und Journalistin Andi Zeisler (2026) in einem Artikel mit dem Titel »Renée Good’s killing, ICE’s misogyny isn’t a side note – it’s the point« formuliert: »Eine Lesbe mit einer ›Butch‹-Ehefrau machte es dem ICE-Agenten, der vor ihrem Auto stand, unmöglich, sie nicht zu erschießen« (Übersetzung iL).
In Kriegen werden die Konstruktionen von Nation und Gender in der heterosexuellen Machtmatrix eng verschmolzen.
Auch in diesem Fall unterstreicht das öffentlich Ungesagte den Gehalt der Interpretation. In Deutschland bleiben die Reaktionen der liberalen Öffentlichkeit auf die Tötung von Renée Good sehr verhalten. Erst als gut zwei Wochen später, am 24. Januar, der ebenfalls 37-jährige Alex Pretti ebenfalls in Minnesota von mehreren ICE-Angestellten erschossen wird, steigt international die öffentliche Empörung. Auch Prettis Tod kann nur als Hinrichtung bezeichnet werden. Die Empörung ist absolut angemessen. Allerdings wird sie dann deutlich vernehmbar, als das Opfer ein hilfsbereiter Mann ist, der von einem ICE-Kommando angegriffen wird, weil er einer Gruppe von ebenfalls attackierten weiblichen zivilen Beobachterinnen des Kommandos zur Hilfe kommt. Seine Berufstätigkeit als Krankenpfleger für US-Veteranen wird überall positiv hervorgehoben.
Queer-feministische Analysen von Gewalt haben immer wieder darauf hingewiesen, dass heteronormative Geschlechterordnungen nicht nur symbolisch, sondern auch materiell durchgesetzt werden (Butler 2004). Gewalt, häufig sexualisiert, fungiert dabei gleichsam als Grenzwache der vermeintlichen sozialen Normalität. Militärische Gewalt, Polizeigewalt und gesellschaftliche Gewalt gegen queere Menschen bilden eine gemeinsame – stets rassifizierte – Struktur, die definiert, welche Körper als Bedrohung der Ordnung permanenter Gewalt ausgesetzt werden.
In Kriegen, so ein zentraler Befund queerer Kriegsforschung (Amar 2013), werden die Konstruktionen von Nation und Gender in der heterosexuellen Machtmatrix eng verschmolzen. Sie funktionieren durch und als Disziplinierung von Körpern, Intimität und Begehren. Umgekehrt zeigen queer-feministische Militarismus-Analysen aber auch, dass Heteronormativität selbst als eine Form politischer Infrastruktur verstanden werden muss, die militärische und staatliche Gewalt stabilisiert (Weber 2016). Je mehr die Militarisierung zunimmt, umso stärker erscheinen queere Körper und Beziehungen als Störung der symbolischen Ordnung des Militärischen.
Wer leben darf, wer sterben muss
15. Januar 2026. Drohnenvideos aus Gaza. Sie zeigen keine Explosionen, kein Militär, keine Kämpfer. Wir sehen Menschen, die in langen Reihen an der Küste stehen. Hinter ihnen liegen zu Schutt und Asche gebombte Wohnhäuser. Viele der Menschen auf den Bildern tragen Plastiksäcke oder Decken, leere Behälter oder improvisierte Körbe. Sie warten auf Hilfslieferungen, die aus Flugzeugen abgeworfen werden sollen. Was wir hier erkennen können, sind nicht die militärischen Ereignisse von Krieg, sondern die lebensweltlichen Verfestigungen von totaler Zerstörung durch Krieg. Mit dem Begriff der Necropolitics beschreibt Achille Mbembe (2003:11) jene Formen politischer Macht, die nicht nur über das Leben, sondern über die organisierte Exposition von Menschen gegenüber dem Tod verfügen – darüber, »wer leben darf und wer sterben muss«. Ganze Bevölkerungen werden systematisch Bedingungen ausgesetzt, die sie zu »lebenden Toten« machen, Bedingungen, unter denen sie wahrscheinlicher sterben werden, als leben zu können.
In diesem Sinne versteht insbesondere postkoloniale feministische Kriegsforschung Krieg nicht nur im Kontext von Militarismus und militärischer Zerstörung, sondern als eine politische Ordnung, in der sich die Dimensionen von Kolonialität, Rassifizierung, Geschlecht und sozialer Reproduktion extrem verdichten. Sie fragt nicht nur danach, wie Menschen Gewalt durch Militarismus und Krieg erleben und daran sterben, sondern auch danach, unter welchen gewaltvollen Bedingungen sie weiterleben müssen (Al-Ali/Pratt 2009). Die Szene an der östlichen Mittelmeerküste macht Lebensbedingungen sichtbar, die in all ihren grundlegenden Aspekten, von Nahrung und Wasser über Unterkunft und medizinische Basisversorgung, vollständig abhängig sind von geopolitischen Kräfteverhältnissen und jener geringfügigen Unterstützung internationaler Hilfsorganisationen, die die israelische Besatzungsmacht zu ihnen durchkommen lässt.
Postkoloniale Theorien haben für solche Konstellationen den Begriff der kolonialen Kriegsordnung geprägt. Beschrieben wird mit dem Terminus eine Form der Gewalt, in der militärische Kontrolle, territoriale Fragmentierung und die rassifizierte Regulierung von Lebensbedingungen engstens ineinandergreifen. Krieg zielt in dieser Perspektive auch auf Unterwerfung durch die Zerstörung von Lebensgrundlagen und die Kontrolle über den Zugang zu lebensnotwendigen Ressourcen ab.
Die Organisation von Leben – wer Zugang zu Ressourcen erhält, wer warten muss, wer versorgt wird und wer nicht – wird selbst zu einem zentralen Schauplatz politischer Gewalt.
Für den Krieg Russlands gegen die Ukraine werden aus westeuropäischer Perspektive die Unrechtmäßigkeit und der imperiale Charakter dieser Zusammenhänge immer wieder betont und von Regierungsvertreter*innen unterschiedlicher Länder und Parteien zu Recht als völkerrechtswidrig hervorgehoben. Für Gaza hingegen sind solche Einschätzungen entgegen allen erschütternden Bildern, Nachrichten und Fakten auch zu Beginn des Jahres 2026 selbst innerfeministisch noch immer umstritten (Kynsilehto 2025).
Dabei haben vor allem feministische Analysen darauf hingewiesen, dass und wie die Kolonialität von Kriegen über die Vernichtung der Lebensgrundlagen tief in gesellschaftliche Strukturen eingreift (Shalhoub-Kevorkian 2019). Sie verändert sämtliche Formen sozialer Reproduktion und Fürsorgebeziehungen, verschiebt Verantwortlichkeiten innerhalb von Familien und Gemeinschaften und prägt die alltägliche Arbeit des Überlebens. Die Organisation von Leben – wer Zugang zu Ressourcen erhält, wer warten muss, wer versorgt wird und wer nicht – wird damit selbst zu einem zentralen Schauplatz politischer Gewalt. Für Gaza und die Westbank hat Nadera Shalhoub-Kevorkian (ebd.) eindringlich beschrieben, wie dies – auch schon lange vor dem aktuellen Krieg – konkret das Leben der Kinder (und ihrer Mütter) betrifft, die symbolisch und politisch ihrer Kindheit beraubt werden, indem ihnen der geschützte Status als Kind schlicht abgesprochen wird. »Unchilding« nennt sie diesen Prozess der Entmenschlichung von Kindern, in deren Alltag Angst und Gewalt zutiefst eingeschrieben sind, die eher als Sicherheitsproblem und zukünftige Terrorist*innen denn als unschuldige Kinder dargestellt und wahrgenommen werden. Letztlich werden so selbst Verhaftungen oder Erschießungen von Kindern, ob bei Protesten, Verfolgungen oder im Gefecht, international akzeptabel.
Zerstörte Dörfer, zerstörte Ernten
Rückblende: 28. Oktober 2025. Videoaufnahmen aus dem Sudan zeigen auf internationalen Nachrichtensendern Szenen der Einnahme von Al Faschir, der größten Stadt im Westen des Landes, durch die regierungsfeindlichen Rapid Support Forces (RSF). Die inhaltlichen Informationen dazu sind in höchstem Maße grausam: Massenerschießungen, zigtausend Tote in wenigen Tagen, ethnische Verfolgung, oft als Genozid charakterisiert, Massenvergewaltigungen, zerstörte Dörfer, zerstörte Ernten, rund hunderttausend Menschen aus der Region auf der Flucht, die allermeisten von ihnen mehrfach Vertriebene. Zu Beginn des Jahres 2026 weitet sich der ohnehin endlose Krieg im Sudan, der zu Recht als die größte humanitäre Katastrophe des 21. Jahrhunderts gilt, noch weiter aus, zu einem immer mehr Parteien umfassenden Bürgerkrieg.
Dennoch gehört dieser Krieg zu den immer wieder und am schnellsten vergessenen der Gegenwart. Aus europäischer und deutscher Perspektive ist dies bequem und politisch äußerst zweckmäßig. Vom Sudan geht keine unmittelbare geopolitische Bedrohung aus; weder die zentralen Konfliktakteure noch die Mehrheit der betroffenen Menschen sind weiß oder christlich, der Konflikt hat tiefe koloniale Wurzeln und ist mittlerweile sehr komplex – so wie die europäischen und deutschen politischen und ökonomischen Verstrickungen.
Während der sudanesischen Revolution von 2018/19 stellten Frauen, deutlich mehr als die Hälfte der Beteiligten beim Aufbau der Protestbewegungen.
Betrachten wir den Krieg im Sudan als gesellschaftliches Verhältnis, wird daran aber nicht nur sichtbar, wie bedeutsam für ein angemessenes Verständnis von Kriegssituationen deren Kontextualisierung in Weltverhältnisse ist. Gerade der endlose, unglaublich grausame Krieg im Sudan steht zugleich auch als weltweit sichtbares Symbol für den Willen und die Kraft von betroffenen Gesellschaften, Kriegs- und Konfliktsituationen nicht nur aushalten und überleben zu wollen, sondern sie als soziales Verhältnis politisch zu bearbeiten. Während der sudanesischen Revolution von 2018/19 stellten Frauen, von denen sehr viele aus der unteren Gesellschaftsschicht und aus marginalisierten ethnischen Gruppen kamen, deutlich mehr als die Hälfte der Beteiligten beim Aufbau der Protestbewegungen, in den Nachbarschaftskomitees und lokalen Netzwerken der zivilen Selbstorganisation, die das soziale und das öffentliche Überleben in vielen Städten ermöglichten (Al-Nagar/Tønnessen 2021). Ihre Aktivitäten knüpften an Jahrzehnte der Erfahrung frauenpolitischer Selbstorganisation und des feministischen Widerstands gegen das Al-Bashir Regime im Sudan.
Allerdings wurden Frauen, bereits während der Revolution und auch danach, im vier Jahre später erneut beginnenden Krieg im Sudan wegen ihrer herausragenden politischen Rollen gezielt und besonders gewalttätig verfolgt. Dennoch sind es landesweit weiterhin vor allem Frauen, die in Selbstorganisationsstrukturen der informellen Versorgung, seien es altbekannte familiale Organisationsweisen oder neuere aus der Revolutionszeit oder Mischformen aus beiden, das alltägliche Überleben unzähliger Menschen sichern.
Jenseits der Gewalt
Militarismus und Krieg, so betonen feministische Theorie und Praxis seit Jahrzehnten, sind nicht nur historische Ereignisse und gesellschaftlicher Ausnahmezustand. Sie entwickeln sich und geschehen im Kontinuum gesellschaftlicher Gewaltverhältnisse, stellen die gewaltvollste Form aller gegenwärtigen gesellschaftlichen Organisationsweisen von Macht, Leben und Körpern dar und betreffen alle Ebenen und Strukturen des Gesellschaftlichen. Dieses Wissen ist für die politische Bearbeitung gesellschaftlicher Gewaltverhältnisse zentral, aber weder grundsätzlich neu noch weitgehend unbekannt. Wir alle kennen die Befunde – eigentlich. Auch wenn die transnationalen feministischen Diskurse darüber in den letzten 25 Jahren breiter und vielfältiger geworden sind und seit den Kriegen gegen die Ukraine und im Gaza sowohl die Widersprüche innergesellschaftlicher Entwicklungen als auch die innerfeministischen Kontroversen darüber weiter zugenommen haben.
An aktuellen Bildern der Weltpolitik habe ich hier versucht, grundlegende feministische Perspektiven auf Militarisierung und Krieg zu rekapitulieren und ihre Gehalte für die Erklärung geschlechtlicher Dimensionen von Weltverhältnissen in Erinnerung zu rufen.
Die Bilder aus Caracas und von Ex-Präsident Maduro stehen exemplarisch dafür, wie über Vorstellungen hegemonialer Männlichkeit sich Militarismus und Geschlechterordnung gegenseitig hervorbringen und stabilisieren und wie unabdingbar sie für die Absicherung der gewaltvollsten Formen von Geopolitik sind.
Die Bilder der Tötungen in Minnesota durch ICE-Angestellte machen sichtbar, wie die heteronormative Geschlechterordnung staatliche Gewalt fundiert und legitimiert, wie staatliche Gewalt und Militarisierung sich in vergeschlechtlichten Formen innerstaatlicher Repression verschränken und zu Kriegsstrategien führen, die nicht nur auf Territorien, sondern im Wortsinn auch auf Körper zielen und durch Körper (hindurch) realisiert werden.
Die Szenen an der Küste von Gaza führen vor Augen, wie mit der Kolonialität des Krieges sämtliche Bedingungen des Lebens selbst Gegenstand politischer Gewalt sind und wie die Gewalt der Auslöschung mit Geschlechterordnungen verwoben ist.
Die Bilder aus dem Sudan bezeugen jenseits der grausamsten Zuspitzungen aller Gewaltdimensionen des Krieges zugleich, wie feministische Erfahrungen und Kämpfe um die Politisierung alltäglicher Lebensverhältnisse in breiter gesellschaftlicher Solidarität und Ermächtigung von unten münden.
Bei diesem Text handelt es sich um eine gekürzte Fassung des gleichnamigen Aufsatzes aus dem jüngst im Unrast-Verlag erschienenen Sammelbands »Verweigert euch! Antimilitaristische Perspektiven auf die kriegerische Gegenwart« (Hg. interventionistische Linke FFM, 300 Seiten, 19,80 EUR).