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|ak 684 | Soziale Kämpfe

Alle mit drin

Kevin Karakus zum Tarifabschluss und zu den Strukturen beim Klinikstreik in NRW

Interview: Alix Arnold

»Ich habe gemerkt, dass man als einzelne Person doch was erreichen kann. Für mich war Politik immer etwas weit Entferntes, etwas nicht Greifbares, wo ich als kleiner Mann keine Handhabe habe.« Foto: Claus Ludwig

Nachdem knapp 74 Prozent der ver.di-Mitglieder in einer Urabstimmung der Tarifeinigung zugestimmt haben, wurde der Streik an den sechs Unikliniken in NRW, der elf Wochen gedauert hat, offiziell beendet. Das ausgehandelte Eckpunktepapier ist die Grundlage für den Tarifvertrag Entlastung, der am 1. Januar 2023 in Kraft tritt, mit einer Laufzeit von fünf Jahren. »Krankenhaus ist Teamarbeit« war eine der Parolen, mit denen die Streikenden klargemacht haben, dass es nicht nur um die Pflege geht, sondern um alle Berufsgruppen. Mit dem langen Streik konnte ein Tarifvertrag durchgesetzt werden, der Entlastung für alle Berufsgruppen vorsieht – allerdings in unterschiedlichem Ausmaß.

Wie bewertest du den Abschluss?

Kevin Karakus: Für mich ist das Wichtigste, dass wir alle mit drin sind, dass alle was vom Kuchen abbekommen. Von der Pflege am Bett über nicht refinanzierbare Bereiche wie der Notaufnahme bis zu Servicekräften, Therapeut*innen, IT und Einkauf, wirklich alle Berufsgruppen. Manche sind unzufrieden, weil wir mehr gefordert hatten. Aber wir haben einen flächendeckenden Tarifvertrag erreicht. Da sind wir Vorreiter. Wir mussten natürlich Abstriche machen, um das Gesamtpaket zu bekommen. Den schichtgenauen Belastungsausgleich, den wir gefordert haben, bekommen nicht alle. Dabei werden an Tagen mit zu wenig Personal Belastungspunkte angesammelt, die zu Belastungsausgleichstagen führen. Für die anderen Bereiche gibt es pauschale Entlastungsmodelle.

In Düsseldorf, wo viele aus nicht-pflegerischen Bereichen mitgestreikt haben, waren die Streikenden gegen den Abschluss.

Wir haben an allen Standorten gleichzeitig Streikversammlungen durchgeführt, bei denen das Eckpunktepapier vorgestellt wurde. Für die meisten Streikenden war das Papier erstmal okay. In allen Kliniken haben sie mehrheitlich zugestimmt, bis auf Düsseldorf. Dort sagen sie, dass die 30 Vollzeitstellen, die für die Bereiche neu besetzt werden müssen, zu wenig sind.

Die Kliniken müssen das System der Belastungspunkte erst Mitte 2024 anwenden. Wie sieht die Entlastung bis dahin aus?

Wir mussten das Hochschulgesetz ändern, damit der Arbeitgeber auch für den nicht refinanzierbaren Bereich verhandlungsfähig ist. Das Gesetz und damit auch der Tarifvertrag Entlastung (TV-E) treten erst am 1. Januar 2023 in Kraft. Ab dann hat der Arbeitgeber 18 Monate Zeit, das EDV-System einzuführen. Bis dahin bekommen wir pauschale Entlastungstage. Dieses Jahr noch nicht, aber 2023 kriegen wir alle, in allen Bereichen, für die der TV-E gilt, pauschal fünf Entlastungstage. Einen davon müssen wir ausgezahlt bekommen, bei den anderen vier Tagen können wir wählen, ob wir sie ausbezahlt haben möchten oder frei kriegen.

Kevin Karakus

hat 2018 sein Examen als Krankenpfleger gemacht. Seit 2019 arbeitet er an der Kölner Uniklinik auf einer Station für Hämatologie-Onkologie und Infektiologie. Im Streik war er Teamdelegierter und im Delegiertenrat. Er hat viele Aufgaben am Streikposten übernommen, auch in der Streikleitung.

Es gab im Streik ungewöhnliche basisdemokratische Strukturen. Kannst du das Prinzip der Teamdelegierten erklären?

Das war für uns die Voraussetzung! Wir haben uns damit sehr viel Arbeit aufgehalst. Wir haben viel Zeit investiert, um mit allen zu sprechen. Aber das war unsere Basis, unser Grundgedanke: dass wir alle damit d’accord sind, wenn wir am Ende einen Abschluss haben, und dass wir keinen vergessen. Eine Uniklinik ist eine Rieseneinrichtung, hier in Köln sind wir 11.000 Beschäftigte, und bei sechs Unikliniken sind das noch viel mehr. Wir hatten eine Tarifkommission, da konnte sich jede*r reinwählen lassen. Außerdem gab es den Delegiertenrat. Dafür hat jede Station und jeder Bereich aus dem Team Delegierte gewählt, um die Informationskette ins Team zu gewährleisten. Man hat auf seiner Station jemanden gewählt, der darauf Lust hatte, der engagiert ist, der bereit war, dafür in nächster Zeit ganz viel Freizeit zu opfern, und dem man vertraut. Der Teamdelegierte war dafür zuständig, dass alle Informationen aus dem Streik auch im Team ankommen, und dass jede*r sie bekommt. Aus den Teamdelegierten wurde eine Auswahl von 200 Kolleg*innen getroffen, aus allen sechs Häusern, die sich regelmäßig getroffen haben, um nochmal alles zusammenzufassen und die Informationen an die anderen Teamdelegierten weiterzugeben. Die Infos kamen aus der Tarifkommission. Von den über 70 Mitgliedern der Tarifkommission hatten wir pro Haus zwei Kolleg*innen, die dafür zuständig waren. Die Infos liefen also von der Tarifkommission zum Delegiertenrat, von da ging es an alle Teamdelegierten, und die informierten ihre Teams.

Gab es während des Streiks auf der Ebene von Stationen oder Bereichen auch Versammlungen? Wie hast du die Informationen weitergegeben?

Das war je nach Team unterschiedlich. Es gab digitale Wege, Telegram- und WhatsApp-Gruppen oder E-Mail-Verteiler. Ich hab das ganz gerne in Teamsitzungen mit eingebaut. Mittlerweile sind viele Teamsitzungen auch schon digital, sodass man von zuhause aus daran teilnehmen kann. Und wir sind immer wieder auf Station gegangen, um mit den Kolleg*innen zu reden. Das alles zusammen waren gute Möglichkeiten, alle zu erreichen.

Es gab im Streik noch eine eigene Vernetzung unabhängig von ver.di. Wie ist die zustande gekommen?

Es gab eine offene Telegram-Gruppe, die TV-E Vernetzungsgruppe, da konnte jede*r mit einem Link reingehen. So fing die Vernetzung an. Ich habe zum Beispiel reingeschrieben, dass ich im Bereich Hämatologie-Onkologie arbeite, und andere aus diesem Bereich aufgefordert, sich zu melden. Durch diese eine Nachricht hat sich eine Vernetzungsgruppe von sechs Leuten gebildet, aus jedem Haus eine Person aus dem onkologischen Bereich. Diese Vernetzung hat sich dann regelmäßig getroffen, um die Onkologie in den Verhandlungen zu vertreten, um zu sagen, wo können wir Abstriche machen und wo nicht, um am Ende ein für alle sechs Häuser angemessenes Entlastungsmodell zu schaffen. Diese Struktur entstand parallel zu den Teamdelegierten.

Wird von diesen Vernetzungen und Strukturen etwas übrigbleiben?

Auf jeden Fall. Für mich persönlich sind aus Streikenden Freund*innen geworden. Das ist ein wunderschönes Gefühl, weil ich durch dieses politisch Tätigwerden nicht nur das Erfolgserlebnis mit dem Abschluss hatte, sondern auch neue Leute kennengelernt habe, die politisch aktiv sein möchten, und die mich auch wieder pushen und unterstützen können. Von den Teamdelegierten gibt es keine offiziellen Treffen mehr, aber wir haben im Haus eine Betriebsgruppe, die ist enorm gewachsen. Beim ersten Betriebsgruppentreffen nach dem Streik waren sehr viele Teamdelegierte anwesend. Das war an einem Mittwochnachmittag an einem schönen Tag, da waren einige auch unterwegs, wir waren aber trotzdem um die 50 Mitglieder. Ich glaube, wir haben alle so eine innere Haltung, das aufrechtzuerhalten und weiterzumachen, und weiter Verantwortung zu übernehmen.

Habt ihr Kontakte zu anderen Unikliniken oder anderen Kliniken in Köln?

Ich fand es superschön, dass die Kolleg*innen in Frankfurt am Main noch nicht mal mehr streiken mussten. Die haben das ja auch angekündigt, während wir noch im Streik waren. Der Arbeitgeber hat aber das Eckpunktepapier schon unterschrieben, bevor die Kolleg*innen in den Streik mussten. Ich glaube, da haben wir ein starkes Zeichen für Frankfurt gesetzt, dass der Arbeitgeber dort gesagt hat: Bevor mir das gleiche passiert, unterschreibe ich das lieber.

Bei anderen Kliniken entsteht im Endeffekt ein Sog. Als Pflegekraft überlegst du dir natürlich, wenn du in der Nähe einer Uniklinik wohnst, dass du dahin gehst, weil die Bedingungen besser sind. Damit sind die kleineren Kliniken in der Pflicht, ihre Arbeitsbedingungen auch zu verbessern, um ihre Mitarbeiter*innen zu halten.

Was nimmst du persönlich aus diesem Streik mit?

Ich habe gemerkt, dass man als einzelne Person doch was erreichen kann. Für mich war Politik immer etwas weit Entferntes, etwas nicht Greifbares, wo ich als kleiner Mann keine Handhabe habe. Im Zuge der Bewegung habe ich gesehen, dass es doch möglich ist – nicht ich alleine aber gemeinsam mit Kolleg*innen – an einer Sache zu arbeiten und am Ende ein Gesetz zu verändern. Ich saß an dem Tag, als das Hochschulgesetz geändert wurde, mit im Landtag. Das war für mich ein ganz großer Moment. Wir haben engagiert zusammengearbeitet, und wir haben ein Gesetz verändert!

Vor dem Streik war ich noch skeptisch. Ich war vorher nicht gewerkschaftlich aktiv. Ich bin da reingewachsen und habe mich in dem Prozess erst entwickelt. So kaputt das System auch ist, man kann es verändern, wenn man den Willen hat und die Kolleg*innen, die mit daran arbeiten wollen, dann ist das auch möglich.

Alix Arnold

gehört zum Redaktionskollektiv der ila, Informationsstelle Lateinamerika.