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|ak 681 | Soziale Kämpfe

»Gewerkschaften müssen von Arbeiter*innen angeführt werden«

Packerin Justine Medina erklärt, wie es gelungen ist, in Staten Island erstmalig in den USA eine Gewerkschaft bei Amazon zu erkämpfen

Interview: Lukas Hermsmeier

Etwa 20 Menschen stehen für ein Gruppenbild zusammen und jubeln
Während Amazon-Boss Jeff Bezos ins All geflogen ist, haben sie sich organisiert. Aktive der Amazon Labor Union in Staten Island, die in ihrem Warehouse einen historischen Sieg eingefahren haben. Foto: via Justine Medina

Der 1. April 2022 wird in die Geschichte der Arbeiter*innenbewegung eingehen. In Staten Island (New York) stimmte die Mehrheit der Beschäftigten eines großen Amazon-Warenlagers für eine Gewerkschaft. Historisch ist dieses Resultat deshalb, weil es in den USA, wo das 1994 gegründete Unternehmen über eine Million Angestellte hat, bislang keinen einzigen Standort mit gewerkschaftlicher Vertretung gibt. Das liegt unter anderem daran, dass in den USA Gewerkschaften erst dann in einem Betrieb aktiv werden können, wenn mindestens 50 Prozent der dort Beschäftigten sich in einer Wahl für die Gewerkschaft ausgesprochen haben. Unternehmen in den USA verwenden daher viel Energie darauf, entsprechende Wahlen zu sabotieren, Aktive im Vorfeld zu feuern oder Arbeiter*innen einzuschüchtern, damit sie gegen eine gewerkschaftliche Vertretung ihres Betriebes stimmen. Wir sprachen wenige Tage nach der erfolgreichen Wahl mit Justine Medina, die in Staten Island zum engen Kreis der Organizer*innen gehört.

Es passiert nicht oft, dass eine Gewerkschaft so viel Aufmerksamkeit bekommt wie ihr gerade. Das Magazin Jacobin spricht vom »wichtigsten erfolgreichen Arbeitskampf seit den 1930er Jahren«. Du warst auf der Titelseite der New York Daily News, einer der größten Zeitungen des Landes. Wie fühlt sich das alles an?

Justine Medina: Als ich gestern zu Besuch bei einer der Starbucks-Filialen hier in der Stadt war, in der sich die Arbeiter*innen ebenfalls gewerkschaftlich organisieren, um meine Solidarität mit ihnen zu zeigen, haben die Leute plötzlich mein Gesicht erkannt – das ist schon ziemlich seltsam und surreal. Ich bin vor allem stolz auf all die Organizer*innen in Staten Island, die den Erfolg möglich gemacht haben, und fühle mich unglaublich geehrt, Teil von etwas zu sein, das die Welt verändert.

Inwiefern kann dieser Erfolg die Welt verändern?

Ich glaube, dass der Erfolg dieses Projektes die derzeitige Orthodoxie komplett auf den Kopf gestellt hat. Deutlich wurde, dass Gewerkschaften von den Arbeiter*innen selbst geführt werden müssen, nicht von Leuten außerhalb. Wir erleben eine radikale Basisbewegung. Und dann ist der Erfolg auch wegen Amazons Größe und Stellung bemerkenswert, weil das Unternehmen nun mal so zentral für die globale Versorgungskette ist.

Die bisherigen Versuche von Amazon-Beschäftigten, eine Gewerkschaft zu bilden, waren erfolglos. Was war bei dieser Kampagne anders?

Die Gründer der Amazon Labor Union (ALU), Chris Smalls und Derrick Palmer, habe die früheren Bemühungen studiert und daraus ihre Lehren gezogen: Gewerkschaftskampagnen sind dann erfolgreich, wenn sie von innen aufgebaut und von den Beschäftigten geleitet werden. In dem Fall von Leuten, die Amazon aus eigener Arbeitserfahrung kennen. Für Außenstehende ist es wirklich schwer, die spezifischen Bedingungen hier nachzuvollziehen. Auch mir ging das nicht anders, obwohl ich vorher viel über die Ausbeutung und Repressionen bei Amazon gelesen hatte. Das zu erleben, ist aber was anderes.

Foto: Lukas Hermsmeier

Justine Medina

ist 32 Jahre alt und Amazon-Packerin im Warenlager JFK8 in Staten Island. Sie ist Mitglied der Communist Party und ging zu Amazon mit dem Ziel, bei der Organisierung der Kolleg*innen zu helfen.

Die Gewerkschaftskampagne in Staten Island nahm im Frühjahr 2020 ihren Lauf, zu Beginn der Pandemie, als der von dir angesprochene Chris Smalls für mehr Arbeitsschutz protestierte und kurz darauf entlassen wurde. Ein Jahr später, im April 2021, gründete Smalls dann die ALU. Du hast im vergangenen September angefangen, im besagten Warenlager JFK8 zu arbeiten – und zwar mit dem expliziten Ziel, bei der Organisierung der Belegschaft zu helfen. Wie kam es dazu?

Eine Amazon-Arbeiterin wandte sich im Sommer 2021 an die Communist Party, deren Mitglied ich bin, weil sie Unterstützung suchte. Ich hatte zu dem Zeitpunkt keinen Job, aber Erfahrung als politische Organizerin. Und weil mir die Bedeutung des salting bewusst war, habe ich mich beworben.

Mit salting ist gemeint, dass Leute sich gezielt um eine Stelle in einem Unternehmen bewerben, um dort eine Gewerkschaft mit aufzubauen. Wird diese Strategie in den USA gerade wichtiger?

Ja, ich denke schon. Die Leute sehen salting als einen wichtigen Aspekt, und mehr Leute setzen es auch um. Ungefähr die Hälfte der Amazon-Organizer*innen in Staten Island hat sich den Job bewusst gesucht, um Chris und die anderen Arbeiter*innen zu unterstützen. Wichtig ist beim salting aber genau das: Dass man die bereits angestellten Arbeiter*innen unterstützt, ihnen folgt, und dass man das als langfristiges Projekt betrachtet. Ich meine, wir alle haben Egos, aber gerade im Kontext des salting ist es wichtig, das eigene Ego etwas in Schach zu halten.

Es gab mehrere entscheidende Orte für die Amazon Labor Union, einer war der Pausenraum innerhalb des Warenlagers, ein anderer die Bushaltestelle davor. Wie seid ihr in Kontakt mit den anderen Arbeiter*innen getreten?

Das Wichtigste ist, dass man mit den Leuten überhaupt spricht. Und dann muss man sie natürlich dort abholen, wo sie stehen. Einer unserer brillanten Organizer*innen, Brima Sylla, hat zum Beispiel viel Arbeit in die Organisierung der verschiedenen Migrant*innen-Gruppen gesteckt, so sind zahlreiche WhatsApp-Chats entstanden. Aber das Schöne an unserer Gewerkschaft ist, dass sie unglaublich vielfältig ist: ethnisch, geschlechtsspezifisch, auch ideologisch. Einer von uns hat Donald Trump gewählt: Pat, ein mittelalter Typ, Italiener, der Fox News schaut, old school, weißt du, was ich meine? Der hat zwischen 300 und 400 Arbeiter*innen davon überzeugt, für die Gewerkschaft zu stimmen, sein Einsatz war mitentscheidend.

Ich habe während meiner Schichten »Das Kapital« als Hörbuch gehört. Gibt es im Jahr 2022 eine bessere Art, Marx zu konsumieren, als in einem Amazon-Warenlager?

Die Tatsache, dass man einen Trump-Anhänger in den eigenen Reihen hat, war also kein Hindernis, sondern eher eine Stärke?

Wir haben die verschiedenen politischen Haltungen weder ignoriert, noch es vermieden, darüber zu reden, was uns politisch auf dem Herzen liegt. Verstehen tun wir uns, weil wir das gemeinsame Ziel haben, für die Arbeiter*innenschaft zu kämpfen. Nicht jeder macht das aus einer linken Position heraus.

Du hast gegenüber Labor Notes gesagt, dass es wichtig war, sich intellektuell mit der Arbeiter*innengeschichte auseinanderzusetzen. Wie hat das ausgesehen?

Es gab keinen festen Lesekreis, jede*r hat das für sich gemacht, dann haben wir Informationen ausgetauscht und uns gegenseitig empfohlen. Viele Leute haben sich zum Beispiel mit Jane McAlevey beschäftigt, oder mit dem Ökonomen Richard Wolff, oder mit dem Gewerkschaftsführer William Z. Foster. Ich selbst habe während meiner Schichten »Das Kapital« als Hörbuch gehört. Ich meine, gibt es im Jahr 2022 eine bessere Art, Marx zu konsumieren, als in einem Amazon-Warenlager?

Maßgeblich war offenbar auch, den Spaß an der Sache zu transportieren. Auf TikTok habt ihr mit Musik unterlegte Videos aus dem Gewerkschaftsalltag gepostet. Im Pausenraum wurde Mittagessen für die Belegschaft angeboten, vor dem Warenlager gegrillt.

Gute Gewerkschaften sind gesellschaftliche Organisationen. Man unternimmt Sachen gemeinsam, lernt sich besser kennen. Aufgrund der Arbeitsbedingungen, der Fluktuation und der abgelegenen Standorte der Warenlager ist es bei Amazon besonders schwierig, so etwas wie Gemeinschaft herzustellen. Amazon will nicht, dass es eine Verbindung zwischen den Arbeiter*innen gibt. Die Umgebung ist komplett entfremdend. All dem mussten wir entgegenwirken. Auch für uns selbst, damit wir diese Gewerkschaft aufrechterhalten können, war Spaß ein wichtiger Faktor.

Amazon ist wie wenige andere Unternehmen für Union Busting bekannt, gibt für die Bekämpfung von Gewerkschaften jährlich mehrere Million Dollar aus. Manche der Instrumente habt ihr euch zu Nutzen gemacht?

Bald nach der Gründung der ALU fing Amazon an, die Beschäftigten zu versammeln, um ihnen zu erzählen, dass eine Gewerkschaft nicht zu ihrem Vorteil wäre. Wir sind mit unseren Leuten in diese Pflichtveranstaltungen rein, um falsche Aussagen zu korrigieren und die Wahrheit zu verbreiten. Amazon hat versucht uns rauszuschmeißen, aber immer mehr Beschäftigte haben gemerkt, dass hier was nicht stimmt. Sie haben geahnt, dass Amazon etwas verbirgt. Wir haben Flyer verteilt, unzählige Gespräche geführt und, wann immer Amazon etwas Illegales gemacht hat, Klage eingereicht – was sonst fast nie passiert. Amazon hat eine Propagandamaschine, die wir auf den Kopf gestellt haben.

Warst du vom Ausmaß der Repressionen überrascht?

Nein. Wir haben uns nicht abschrecken lassen, weil wir genau damit gerechnet haben. Wir wussten, dass das kommt. Als Chris und die anderen im Februar festgenommen wurden, waren sie am nächsten Tag wieder am Warenlager. Und die Repressionen von Amazon waren ja erst der Grund, warum wir eine Gewerkschaft gründen wollten.

Du sagtest eben, entscheidend sei, dass Gewerkschaftsarbeit von den Arbeiter*innen angetrieben wird, nicht von außenstehenden Funktionär*innen. Verlieren die etablierten Gewerkschaften also an Bedeutung?

Ich glaube nicht, dass die Gründung einer ganz neuen Gewerkschaft in jeder Situation das Beste ist. Aber die etablierten Gewerkschaften müssen sich dringend ändern. Es gab mal eine Zeit, in der Gewerkschaften selbstverständlich von den Lohnabhängigen geführt wurden, dorthin müssen wir zurück.

Sie sollten sich untereinander auch stärker vernetzen, oder?

Ja, es geht um übergreifende Solidarität. Wir als ALU haben im vergangenen Jahr die Streikwellen im ganzen Land verfolgt und sie unterstützt. Wir stehen an der Seite der Starbucks-Beschäftigten, die an verschiedenen Orten Gewerkschaften gründen. Auch die Zusammenarbeit mit Graswurzelbewegungen und politischen Organisationen ist wichtig.

Wie sah das in eurem Fall aus?

Wir haben von Anfang an versucht, Unterstützung aus der Bevölkerung zu bekommen, sind in Kontakt mit anderen politischen Organisationen getreten. So konnten wir zum Beispiel die Büroräume der Communist Party und von Unite Here (der Gastronomiegewerkschaft) für unsere Telefonkampagne zur Mobilisierung der Beschäftigten benutzen. Eine Reihe von Bildungsorganisationen hat uns unterstützt, darunter Student*innen, Lehrer*innen und Professor*innen des College of Staten Island. Die Medien haben uns allerdings lange ignoriert.

Manche haben die fehlende Unterstützung linker Politiker*innen wie der Kongressabgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez kritisiert. Du hast mehrere Jahre für AOC gearbeitet. Schließt du dich der Kritik an?

Es war schon jedes mal enttäuschend, wenn wir eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens eingeladen haben und daraus dann nichts wurde – so auch bei AOC. Entscheidend ist aber, dass sie sich jetzt für uns einsetzt. Darauf kommt es an. Auch Bernie Sanders’ Team hat uns Unterstützung beim Fundraising zugesagt.

Amazon wird die Niederlage nicht einfach hinnehmen. Was erwartet ihr für die kommenden Monate?

Ja, Amazon hat bereits verkündet, dass sie die Gewerkschaft nicht anerkennen. Wir haben sie über unsere Anwält*innen aufgefordert, sich mit uns an den Tisch zu setzen und zu verhandeln. Abgesehen davon setzen wir einfach unsere Arbeit fort, verstärken die Strukturen unserer Gewerkschaft, bereiten Proteste und Aktionen im Betrieb vor. Es stehen ja auch weitere Gewerkschaftswahlen in anderen Standorten an.

Die langfristige Vision ist ein von Arbeiter*innen geführtes Unternehmen.

2.654 Beschäftigte stimmten für die Gewerkschaft, 2.131 allerdings auch dagegen. Wie geht ihr mit denen um?

Wir wollen sie einbeziehen, Fragen beantworten, über Sorgen sprechen. Dazu kommt, dass viele Leute gar nicht an der Wahl teilgenommen haben. Auch an sie werden wir uns gezielt wenden.

Ein Grund, warum Leute mit Nein abgestimmt oder sich enthalten haben, war die Befürchtung, dass Amazon eher das Warenlager schließt, als eine Gewerkschaft zuzulassen, um so einen Präzedenzfall zu verhindern. Ist das deiner Meinung ein reales Risiko?

Nein, JFK8 ist eines der größten Warenlager des Landes und damit viel zu wichtig für Amazons Produktionsfluss. Ich verstehe, dass die Leute Angst davor haben, aber das wird nicht passieren.

Auf der Agenda eurer Gewerkschaft stehen ein Mindestlohn von 30 Dollar pro Stunde, mehr Urlaubstage, bezahlte Pausen, bessere Kinderbetreuung. Was ist über diese Forderungen hinaus die Vision?

Alle Amazon-Arbeiter*innen sollten überall eine Gewerkschaft haben, gerade deshalb ist internationale Vernetzung so wichtig. Bislang ist Amazon ein völlig undemokratisches Unternehmen. Ein paar überreiche Leute bestimmen die Logistik der ganzen Welt, wie moderne Könige. Die langfristige Vision ist ein von Arbeiter*innen geführtes Unternehmen. Es geht ja nicht nur um die Bedingungen in den Warenhäusern, sondern auch darum, was für eine Rolle Amazon gesellschaftspolitisch spielt, um die Verträge mit dem Militär, die ganze Internet-Infrastruktur.

Apropos internationale Verknüpfung: Haben sich Amazon-Angestellte von anderen Locations nach der erfolgreichen Abstimmung schon bei euch gemeldet?

Aus der ganzen Welt! Europa, Asien, Lateinamerika. Und allein in den USA sind wir in Kontakt mit Amazon-Organizer*innen aus 20 Bundesstaaten. Es ist für uns eine Herausforderung, auf all das einzugehen, während wir noch unsere interne Infrastruktur aufbauen. In Staten Island zählen zum Kern-Gewerkschaftsteam bislang nur ein dutzend Leute. Wir planen aber bereits Workshops, um den Arbeiter*innen den Einstieg bei der Organisierung zu erleichtern.

Lukas Hermsmeier

arbeitet als freier Journalist in New York. In den vergangenen Monaten hat er Bundesstaaten bereist, in denen Schwangerschaftsabbrüche illegalisiert werden.

English version

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„Gelangweilt vom Leben in der linken Szene, zogen die Angry Workers in den Randbezirk, suchten sich Jobs in Warenlagern und Fabriken und versuchten, mit ihren Kolleg*innen gegen die kapitalistische Ausbeutung vorzugehen.“ Das Buch gibt es jetzt als Abo-Prämie.