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»Mein Zuhause ist eine Katastrophe, was kann ich tun?«

Seit den Hauseinstürzen in Marseille im November 2018 organisieren sich Nachbar*innen – nicht nur gegen die Wohnmisere

Von Anna Steenblock

Erfolgreich kämpften Abdelmana und andere aus dem CHO3 im November 2021 für die Preissenkung von Bus- und Bahntickets. Foto: Abdelmana Maoui

Für Abdelmana hat sich seit dem confinement, wie der Lockdown in Frankreich genannt wird, vieles verändert – einiges zum Guten: »Ich hab ein neues Leben begonnen, ein solidarisches und mutiges, trotz des confinement. Die ganzen Kämpfe und wie man solche Kämpfe organisiert… Ich kann mich hier auf die Solidarität verlassen. Das macht mich sehr stolz.« Am Anfang wollte er eigentlich nur helfen. Die Folgen der Pandemie, die Unsicherheit machten ihn nervös, so dass er seine Hilfe bei der Verteilung von Lebensmitteln anbot, obwohl er als Vater von fünf Kindern und ohne Papiere selbst auf Unterstützung angewiesen war, wie er sagt. So lernte er das Collectif d’habitant.e.s organis.é.s du 3ième, kurz CHO3, im Stadtteil Belle de Mai kennen, wo er im Januar 2019 mit seiner Familie bei der Ankunft in Marseille hingezogen war. Seitdem gehört Abdelmana zum engen Kreis der aktiven Mitglieder, der rund 60 Personen zählt.

»Auf dem Papier sind es 1.000 Mitglieder, aber das ist wirklich nur auf dem Papier. Etwa 100 bis 150 sind mittelmäßig aktiv und 60 sehr aktiv«, sagt Arthur, der als bezahlter Organizer für das CHO3 arbeitet und den Grund für das Wachstum der Stadtteilgewerkschaft eindeutig in der Pandemie sieht. »Die solidarische Nachbarschaftshilfe hat in der Dynamik des Kollektivs eine große Rolle gespielt. Wir sehen zudem, dass die Pandemie die sozialen Ungleichheiten massiv verstärkt hat.«

Das »Drama der Rue d’Aubagne«

Gegründet hat sich die Stadtteilgewerkschaft im Sommer 2019, einige Monate nach dem Zusammenbruch von zwei Wohnhäusern in der Innenstadt am 5. November 2018, bei dem acht Menschen unter den Trümmern starben. Rund 5.000 Personen wurden daraufhin in ganz Marseille aus ihren Wohnungen evakuiert und in Notunterkünften, oft Hotels, untergebracht, weil ihre Häuser als einsturzgefährdet galten. Dieses »Drama der Rue d’Aubagne«, wie die Straße heißt, in der die Häuser zusammengebrochen waren, hat das Ausmaß einer Wohnkrise sichtbar gemacht, die bereits lange vor dem 5. November existierte, und zahlreiche Bewohner*innen mobilisiert, gegen die miserablen, gesundheitsgefährdenden Wohnverhältnisse aktiv zu werden. Deutlich werden dabei strukturelle Probleme, die aus neoliberalen Strategien der Urbanisierung, einer dysfunktionalen Stadtverwaltung und einer Kolonialität der Stadt, die bestimmte Stadtteile und Subjekte ausgrenzt und stigmatisiert, resultieren.

Das CHO3-Kollektiv wollte sich nicht auf das Wohnthema beschränken, sondern es mit den anderen Problemen des Alltags im 3. Arrondissement verbinden: Arbeit, Diskriminierungen, Schulen, Transport, öffentliche Plätze und so weiter. »Es vereint die Wut der Bewohner*innen und jede Idee, die zum Aufbau solidarischer Strukturen beiträgt«, wie es in einer Broschüre heißt, die jedes neue Mitglied bekommt.

Ausgangspunkt blieb aber das Wohnthema, das in der Folge des 5. November 2018 die ganze Stadt beschäftigte und im 3. Arrondissement ohnehin ein großes Problem ist. »Der 5. November hat zum Vorschein gebracht, dass die komplette Verwaltung rund um das Thema Wohnen dysfunktional war. Eine absolute Katastrophe, weitaus schlimmer, als ich mir vorgestellt habe«, erinnert sich Arthur. »In den Methoden des Community Organizing sahen wir die Möglichkeit, Druck von unten aufzubauen.« In ganz Marseille werden etwa 13 Prozent des Wohnungsbestandes als »unwürdiger« Wohnraum eingestuft, allein im Stadtteil Belle de Mai sind es 65 Prozent, wie die Stiftung Abbé Pierre veröffentlichte, mit der das CHO3 eng zusammenarbeitet.

Das 3. Arrondissement gehört zu den ärmsten Stadtteilen Frankreichs, einige sagen sogar Europas, was sich in der Wohnsituation wie auch der infrastrukturellen Vernachlässigung zeigt. Bei ersten Haustür-Aktionen und Interventionen auf öffentlichen Plätzen zu Fragen wie »Was bedeutet ein Zuhause für dich?« oder »Mein Zuhause ist eine Katastrophe. Was kann ich tun?« lernten die Aktiven von CHO3 die Nachbar*innen und ihre konkreten Probleme kennen. Sie begleiteten den Kampf einer Nachbarin gegen ihren Vermieter, der zu hohe Nebenkosten gefordert hatte. Gemeinsam schrieben sie Briefe und machten Druck auf den Vermieter, die Zahlungsaufforderung fallen zu lassen – mit Erfolg. Außerdem unterstützten sie mehrere Mietparteien, darunter eine schwer kranke Frau und eine Familie mit prekärem Aufenthaltsstatus, die von heute auf morgen ihre Wohnungen verlassen mussten, weil das Haus als einsturzgefährdet eingestuft wurde.

Neben Arthur gibt es zwei weitere Organizer*innen, auch wenn sie sich selbst nicht unbedingt so nennen, wie er betont. »Unsere Rolle ist vor allem, die Leute zu mobilisieren und das Ganze zu koordinieren, die Leute miteinander in Kontakt zu bringen, sie einzuladen, zusammen mit ihren Nachbar*innen, Freund*innen und anderen Strukturen aktiv zu werden.« Diese Arbeit über feste, bezahlte Stellen abzusichern, sieht er als wichtige Grundlage, um ein langfristig angelegtes Projekt aufzubauen.

Im Stadtteil Belle de Mai werden 65 Prozent des Wohnungsbestandes als »unwürdiger« Wohnraum eingestuft.

Das CHO3 ist als Projekt eines Vereins angelegt, über den sie Gelder zur Finanzierung beantragen. 70 Prozent kommen aus privaten Stiftungen, zehn Prozent aus öffentlichen Mitteln und der Rest aus eigenen. Die Mitgliedschaft ist nicht an einen Beitrag gebunden, es ist allen freigestellt, ob und wie viel sie in den Topf werfen. Jonas, ein weiterer Organizer, hat den Trägerverein zur politischen Bildung gegründet, nachdem er viel in Mittel- und Südamerika unterwegs gewesen war und dort die sozialen Bewegungen und ihre Selbstorganisierung kennengelernt hatte. Seit September ist bei CHO3 eine dritte Stelle dazu gekommen: Aziza, die ebenfalls seit Gründung der Stadtteilgewerkschaft dabei ist, stellt als arabisch sprechende Frau eine wichtige Brücke zur arabisch sprechenden Community dar. Neben dem Arabischen werden alle wichtigen Infos auch in die komorische Sprache übersetzt. Perspektivisch sollen weitere Stellen geschaffen werden, um Stück für Stück Strukturen aufzubauen, die es den unmittelbar Betroffenen ermöglichen, an die Spitze der Kämpfe und Verhandlungstische zu kommen. Denn das bleibt oberste Priorität vom CHO3, auch wenn das manchmal bedeutet, weniger schnell als andere Kollektive voranzukommen, die stärker auf Effizienz setzen. »Es bleibt minutiöse Ameisenarbeit, und manchmal bin ich auch frustriert davon«, gibt Arthur zu.

Fahrkarte und Bankkonto

Mit der Covid-Pandemie sind nicht nur die Mitgliedszahlen nach oben gegangen, auch die Themen und Forderungen haben sich vervielfältigt. Wie Abdelmana sind weitere Sans Papiers zum CHO3 gekommen. Ohne den Schutz eines Arbeitsvertrages haben viele mit dem Lockdown von heute auf morgen den Job verloren und standen vor existentiellen Problemen. Den öffentlichen Nahverkehr zu benutzen wurde zu einer finanziellen Herausforderung oder zu einem angstbesetzten Unterfangen. Über Whatsapp-Gruppen teilten sich die Mitglieder mit, wo Kontrolleure sind. »Freizeitaktivitäten haben wir gestrichen. An den Strand zu fahren mit mehreren Kindern, das würde Hin und Zurück 20 Euro kosten. Damit mache ich einen Einkaufswagen voll!« sagt Rim, die als eine von mehreren als Ansprechpartnerin der Kampagne fungiert sowie Aufgaben der Mobilisierung und Organisation übernimmt. Seit September 2020 forderten die Mitglieder deshalb eine Preissenkung der Tickets im öffentlichen Nahverkehr um 50 Prozent für Personen mit irregulärem Aufenthaltsstatus. Nach 15 Monaten, vielen Briefen, Petitionen und öffentlichen Protestaktionen kündigte der Rat der Metropolregion im November an, diese Forderung umzusetzen. »Endlich kann ich mich ohne Angst bewegen, wie alle anderen«, sagt Imane, eine weitere Aktive, und fügt hinzu: »Sollten sie es nicht umsetzen, werden wir mit unseren Aktionen von vorne beginnen!«

Eine weitere Kampagne hat sich um die Forderung nach einem »Bankkonto für alle« herum entwickelt. »Ein Bankkonto ist wie ein Personalausweis. Das brauchst du einfach für dein alltägliches Leben«, sagt Abdelmana, dem über Monate die Eröffnung eines Bankkontos immer wieder verweigert wurde. Bis ihm jemand erklärte, dass er auch ohne Papiere ein Recht darauf habe und was er dafür tun müsse. Zusammen mit Amel, einer weiteren Referentin der Kampagne, teilt er diese Infos nun mit anderen. Mehr als 20 Konten wurden seither erfolgreich eröffnet. »Allerdings können wir nicht sagen, dass wir gewonnen haben. Denn es bleibt individuell. Wir haben es noch nicht geschafft, dass dieses Recht kollektiv für alle umgesetzt wird. Der Kampf geht also weiter«, fügt Amel hinzu. Als nächstes ist geplant, den Druck auf die Banque de France, die französische Zentralbank, zu erhöhen, damit sie andere Banken dazu bringt, das Recht auf die Eröffnung eines Bankkontos für alle, ob mit oder ohne Papiere, umzusetzen.

Etwas Schönes: Solidarität

Die größte Herausforderung aber bleibt das Thema Wohnen. Nach zweieinhalb Jahren haben Arthur und seine Kolleg*innen verschiedene Hürden identifiziert, die hier die Mobilisierung bremsen. Ein großes Problem bleibt, dass viele ihre Rechte nicht kennen. Ein weiteres Problem ist, dass die meisten einfach nur aus ihrer Wohnung rauswollen. Oft sind die Wohnverhältnisse so miserabel, dass niemand die Energie aufbringen will, das Zuhause zu verbessern, sondern schnellstmöglich eine andere Wohnung finden möchte. Schließlich stießen die Aktiven von CHO3 bei ihren Haustür-Aktionen auch darauf, dass es im 3. Arrondissement viele Eigentümergemeinschaften gibt. Das heißt, die Mietparteien haben nicht die gleichen Vermieter*innen, was die Identifizierung eines gemeinsamen Gegners erschwert. Deswegen haben sie ihre Taktik geändert und bieten nun alle zwei Wochen eine Fortbildung zum Thema Mietrecht an. »Es ist wichtig, unsere Rechte zu kennen und sie auch anderen erklären zu können. Ich werde deswegen keinen Termin verpassen«: So wie Amel geht es vielen. Trotz Regen und ungemütlichen Temperaturen kommen viele, überwiegend Frauen, zu diesen Terminen, bringen ihre Kinder mit und berichten von ihren Situationen, um an den Beispielen zu lernen.

Für Amel, die als Teil der Diaspora auch in der algerischen Protestbewegung, dem Hirak, aktiv ist, bedeutet das CHO3 eine Konfrontation mit den realen sozialen Problemen: »Ungerechtigkeiten bleiben oft so was Abstraktes. Aber wenn du die Leute kennenlernst, die davon betroffen sind, sie dir davon erzählen, sie Lust haben, dagegen zu kämpfen… Du kannst es einfach nicht für sie, sondern nur mit ihnen zusammen machen.« Gemeinsam erinnern Amel und Abdelmana sich lachend daran, wie sie im September 2020 zusammen mit vielen anderen am Protestmarsch von Südfrankreich nach Paris teilnahmen, um für den legalisierten Status aller Sans Papiers und ihr Bleiberecht zu protestieren. Solche Erlebnisse, genau wie die kürzlich gewonnene Kampagne zur Reduzierung der Bus- und Bahntickets, geben Kraft, wie Amel betont: »Es stimmt, dieser Erfolg bestärkt uns darin, weiterzumachen und zu sagen, es ist möglich, gemeinsam ist es möglich. Das ist etwas Schönes.« Für Abdelmana, der seit einer Räumung im Sommer mit seiner Familie in zwei Zimmern in einem Aparthotel lebt, liegt darin das Geheimnis: »Das Geheimnis des CHO3 ist die große Solidarität unter uns.«

Anna Steenblock

begleitet das CHO3 als Aktivistin seit seinen Anfängen und arbeitet an einer Doktorarbeit zu sozialen Kämpfen um Reproduktion in Marseille.