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»Alle haben Angst vor Repressionen«

Liuba von Fridays For Future über die russische Klimabewegung und die Möglichkeiten, gegen den Krieg zu protestieren 

Interview: Hannah Eberle und Guido Speckmann

Liuba in uncomfortable company. Foto: private

Am 20. März wird die Wohnung einer Fridays-For-Future-Aktivistin in Volgograd durchsucht. Auf Twitter schreibt ein Aktivist der Bewegung: »Es wirkt, als würde die Klimabewegung in Russland zur meist kriminalisierten Bewegung erklärt. Für die Zukunft zu kämpfen ist illegal in einem Land, wo das Regime für die Vergangenheit kämpft«. ak hat mit der betroffenen Aktivistin Liuba (22) gesprochen. Unterdessen verlassen die ersten FFF-Aktivist*innen Russland, weil ihnen die repressive Situation in Russland unerträglich wurde.

Liuba, die russischen Behörden haben gegen dich ein Strafverfahren eingeleitet und deine Wohnung wurde durchsucht. Wie geht es dir? 

Liuba: Zunächst war ich schockiert – wie auch meine Bekannten. Fast alle technischen Geräte wurden beschlagnahmt, die Wohnung ist zerstört, und auch die der Nachbar*innen wurde durchsucht. Keiner weiß, wie lange es dauern wird, bis wir unsere Sachen zurückbekommen. Inzwischen geht es mir aber gut. Viele meiner Kolleg*innen und Freund*innen waren emotional und auch finanziell solidarisch.

Wurden dir Gründe für das Vorgehen genannt?

Die Ermittelnden haben mir mitgeteilt, dass die Durchsuchung mit meiner »möglichen Beteiligung an der Begehung von Verbrechen« begründet wird. Das bedeutet, dass sie mich beschuldigen, Mitglied einer kriminellen Organisation zu sein, ähnlich wie bei Terrorist*innen. Ich bin Teil der Fridays-For-Future-Bewegung und stehe jetzt gegen diesen Krieg. Anscheinend reicht ihnen das aus.

Gab es weitere Ermittlungen gegen FFF-Aktivist*innen?

Nein, ich war erstaunlicherweise die erste. Im Moment ist es für uns nicht einfach, miteinander zu kommunizieren und zu diskutieren. Wir versuchen aber, Informationen auszutauschen.

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Nach dem Beginn des Krieges gegen die Ukraine, den man in Russland nur »Spezialoperation« nennen darf, hat Fridays For Future sehr schnell einen Aufruf auf Facebook veröffentlicht, an einem weltweiten Klimastreik gegen den Krieg teilzunehmen. Wie kam es dazu?

Uns war es sehr wichtig zu reagieren. Wir haben unsere Anti-Kriegs-Erklärung veröffentlicht und riefen dazu auf, sich an den kommenden Freitag und vor allem am weltweiten Klimastreik am 25. März zu beteiligen. In Russland hatte das leider wenig Resonanz, weil die Situation so gefährlich ist. Normalerweise versuchen wir, größere Streiks oder Protestkundgebungen zu organisieren und mobilisieren dazu, sich unserem Protest anzuschließen – oder machen zumindest Ein-Personen-Kundgebungen. Heute ist das alles zu gefährlich geworden. Wir müssen andere Möglichkeiten finden, um unsere Kritik zum Ausdruck zu bringen.

Kannst du uns mehr über FFF in Russland erzählen?

Wir streiken sei März 2019. Damals gab es noch keine Gruppe, die eine Klimabewegung in Russland organisieren wollte. Richtig begonnen mit der Arbeit haben wir im vergangenen Sommer. Ich schätze, mittlerweile sind wir etwa 200 Aktivist*innen. Wir sind keine NGO, und nicht alle sind immer sofort bereit, etwas zu tun, wie in jeder Bewegung. 

Ich habe gehört, dass es große Unterschiede zwischen den Regionen gibt, in denen FFF in Russland organisiert ist …

Wir hatten mehrere Gruppen von Kaliningrad bis Wladiwostok. Wir haben über Telegram kommuniziert und sind jeden Freitag unter meist einem gemeinsamen Thema auf die Straße gegangen, um den Protest wirkungsvoller zu machen. In manchen Regionen gibt es weniger Mitstreiter*innen, in manchen mehr. Aber so war es auch bei den ersten Antikriegsprotesten. In Sankt-Petersburg leben fünf bis sieben Millionen Menschen, und man hat nicht das Gefühl, allein zu sein; es ist sicherer, weil die Zahl der Teilnehmer*innen so groß ist. In Wolgograd hingegen, wo eine Million Menschen leben, kann man nicht einmal »Nein zum Krieg« rufen, weil man sofort auffällt und verhaftet wird. 

Du hast gesagt, dass offener Protest zu gefährlich geworden ist. Kannst du uns etwas über die anderen Möglichkeiten des Protests erzählen?

Aktuell kleben Menschen Statements auf Taschen oder an U-Bahn-Eingänge, um gegen den Krieg zu protestieren. Andere hängen Flugblätter in Hauseingänge oder an Bushaltestellen. Außerdem wurde ein feministischer Antikriegs-Widerstand gegründet. Die Koordinator*innen denken sich sichere Protestformen aus, wie etwa das Niederlegen von Blumen an den Mahnmalen am 8. März zu Ehren der im Krieg gefallenen Ukrainerinnen. Generell denke ich aber, dass der Protest auf der Straße die beste Methode ist, um Positionen sichtbar zu machen. 

Das Geld, das Russland aus dem Export fossiler Brennstoffe erhält, wird in das Militär investiert.

Hast du da ein besonders erfolgreiches Beispiel für?

Ein wirklich gutes Beispiel sind die Demonstrationen im Winter 2021 zur Unterstützung von Alexei Nawalny, nachdem er nach der Rückkehr aus Deutschland verhaftet worden war. Der öffentliche Protest war unerwartet, Tausende von Leute waren auf der Straße. Für mich persönlich war das bedeutsam. Doch als Nawalny verurteilt wurde und für mehr als neun Jahre inhaftiert werden sollte, ging fast niemand auf die Straße. Im Grunde werden Straßenproteste in Russland schon seit 2019 immer gefährlicher, Teilnehmer*innen werden verhaftet. Alle kennen die Risiken und haben Angst vor Repressionen. Seit dem Frühjahr 2021 rufe auch ich nicht mehr zu Massendemonstrationen auf, sondern teile nur mit meinen Freunden in den sozialen Medien, dass ich protestieren werde und lade sie ein, mitzumachen. 

Ist die Zustimmung zum Krieg eher rückläufig oder steigend?

Ich würde nicht sagen, dass die Zustimmung steigt, aber das ist schwierig einzuschätzen. Aufgrund der Zensur wissen viele Russ*innen nicht, was der Zweck dieser »Spezialoperation« ist. Sie sind nicht informiert. Für sie macht es keinen Unterschied, ob man das Wort Krieg oder Sondereinsatz benutzt – für uns als Aktivist*innen aber schon. Fest steht: Es ist Teil der Propaganda, dass die Leute sich nicht in das Geschehen einmischen sollen.

Wie ist die Haltung gegenüber den westlichen Sanktionen?

Eher negativ. Aus meiner Sicht kann das einige Leute dazu bringen, an die Rhetorik Putins zu glauben, dass alle um uns herum Feinde sind und wir uns verteidigen müssen. 

Lass uns noch über Klima und Krieg sprechen, waren das schon Schwerpunkte der vergangenen Jahre?

Ich denke, ein Erfolg ist, dass Russland 2019 das Pariser Abkommen ratifiziert hat. Unser wichtigstes Ziel ist es, die russische Regierung dazu zu bringen, sich die Klimaneutralität auf die Fahnen zu schreiben. Das Thema ist präsenter im Parlament und im Fernsehen geworden, und wir haben uns darauf konzentriert, mit anderen ökologischen Bewegungen oder Projekten, die uns ideologisch nahe stehen, zusammenzuarbeiten, Streiks zu organisieren und Nachrichten in sozialen Netzwerken zu veröffentlichen. Es geht uns darum, Waldbrände und das Schmelzen des Permafrostbodens zu verhindern und den Verbrauch fossiler Brennstoffe zu reduzieren. Inzwischen geht es um die Verknüpfung von Krieg und Klima. Das Geld, das Russland aus dem Export fossiler Brennstoffe erhält, wird in das Militär investiert. Außerdem sind Rüstung und Krieg große Emittenten von Treibhausgasen. Dies wirkt sich auch dahingehend aus, dass die Länder, die in den Krieg verwickelt sind, keine Maßnahmen zur Erreichung der Kohlenstoffneutralität ergreifen oder an den Klimaverhandlungen teilnehmen können. 

Wäre es notwendig, dass Westeuropa jetzt anfängt, den Gasimport zu stoppen? 

Ich betrachte das als eine Möglichkeit, um zumindest die Menge des aus Russland exportierten Gases zu reduzieren. Als Klima- und Sozialbewegung ist das jetzt unsere Aufgabe, ja!

Und was wirst du und die Bewegung jetzt in den nächsten Wochen tun?

Ich und einige Aktivist*innen haben Anfang des Jahres überlegt, uns alle zusammen offline im Sommer zu einem großen Treffen zu versammeln, um Bedürfnisse, Forderungen und Ressourcen in ganz Russland einzuschätzen. Nun aber haben einige FFF-Aktivist*innen Russland bereits verlassen, ich selbst bin nicht in Sicherheit. Ich erwarte und hoffe, dass der Krieg beendet wird, dass Putin ins Gefängnis kommt und ich einmal in Russland leben und protestieren kann. 

Hannah Eberle

ist Geschäftsführerin bei ak, Sozialwissenschaftlerin und Aktivistin. Sie lebt in Wien und Berlin.

Guido Speckmann

ist Redakteur bei ak.

Read the english version of the interview.