Was macht es mit uns, wenn wir uns 30 Jahre später dem Trauma sexueller Gewalt stellen?
In der Berliner Antifagruppe Edelweißpiraten missbrauchte ein Mann in den 1990ern systematisch Jugendliche. Zwei von ihnen sprechen über die Manipulation durch den Täter und die gemeinsame Aufarbeitung
Interview: Jan Ole Arps
Im Dezember 2024 erschien in der taz ein Artikel über »Missbrauch in der Antifa«. Ein Mann hatte in den 1990er Jahren in Berlin die Antifa-Jugendgruppe Edelweißpiraten gegründet und dort männliche Kinder und Jugendliche zwischen etwa 11 und 16 Jahren sexuell missbraucht. Betroffene haben sich 30 Jahre später zusammengetan, um die erlebte Gewalt aufzuarbeiten. Sie haben das Missbrauchssystem des Täters rekonstruiert, das sich bis in die 1980er Jahre zurückverfolgen lässt. Mit ak sprachen Karl und Benjamin, zwei ehemalige Edelweißpiraten, darüber, was den Missbrauch ermöglichte, was sie sich von der Aufarbeitung wünschen und warum der Mann sich nie verantworten musste. Bei ihm handelt es sich um Andreas Robert K., der damals die Spitznamen »Paschai« oder »Pipo« nutzte. Heute nennt er sich »Aro« und ist weiter geschichtspolitisch in Berlin-Moabit aktiv.
Könnt ihr erzählen, wie ihr zu den Edelweißpiraten gekommen seid, was euch damals angezogen hat?
Benjamin: Meine Kindheit war geprägt von den sogenannten Baseballschlägerjahren, den Ereignissen in Rostock-Lichtenhagen. Man hat sich damals entschieden, ob man links oder rechts ist. Überall in der Berlin klebten diese Spuckis gegen rechts; es gab Demos, das fand ich spannend. Und das Sprühen hat mich fasziniert. Das Gesamtpaket der Edelweißpiraten war einfach reizvoll für mich: eigentlich ein Freundeskreis, alternative Jungs, manche von zu Hause abgehauen, sehr anarchisch. Und dann die WG in der Ackerstraße. Alles war dort total bunt, im Hausflur waren Bilder gesprüht, man durfte überall irgendwas hinschreiben. Ich hatte die historische Jugendbuchtrilogie von Klaus Kordon gelesen, die in der Ackerstraße angesiedelt ist. Und plötzlich lag ich da in einem Bett und dachte: Wahnsinn, jetzt bin ich genau da, wo diese Geschichte spielt. Ja, ich habe mir das gewünscht. Der Täter hat ja ganz viel Material produziert, Sticker, Aufnäher – eine richtige Firma. Das hatte schon den Zweck, dass Leute dorthin finden.
Karl: Ich bin auch durch die Neonazigewalt Anfang der 1990er politisiert worden. Als ich 13 oder 14 war, bin ich zu meinen ersten Demos gegangen, allein. Dort wurde ich von anderen Jugendlichen angesprochen: »Ey, wir haben so eine Gruppe, möchtest du nicht mitmachen?« Das waren die Edelweißpiraten. Da hab’ ich gedacht: Ach spitze, das ist genau, was ich suche. Wir haben für die nächste Woche einen Treffpunkt vereinbart, und dann war ich auf einmal auf einem Plenum in einem besetzten Haus. Ich hatte davon schon gehört: Autonome, besetzte Häuser, und auf einmal saß ich da drin! Beim ersten oder zweiten Plenum war ich auch schon in der WG von dem Mann, der die Gruppe geleitet hat. Da haben Jugendliche gelebt, Leute gingen ein und aus. Das war eine ganz andere Art des Lebens, als ich es von zu Hause kannte.
Karl und Benjamin
Karl, 48 Jahre, lebt und arbeitet in Berlin und hat einen Sohn. Er war von 1992 bis 1996 bei den Edelweißpiraten. Benjamin, 45, hat eine Tochter und war von 1994 bis 1996 bei den Edelweißpiraten. Beide Namen sind Pseudonyme.
Wie viele Jugendliche haben dort gewohnt?
Karl: Die erste Ackerstraßen-WG war eine Zweiraumwohnung, da haben sie zu dritt oder viert gewohnt. Es haben auch Leute mal für zwei Wochen dort übernachtet, weil sie von zu Hause abgehauen sind. Das fand ich alles total attraktiv, es war das größte Maß an Freiheit und Selbstbestimmung, das ich mir vorstellen konnte. Ich glaube, das war bei vielen so. Ab da bin ich jedes Wochenende, manchmal auch unter der Woche, zu den Treffen gefahren oder habe in der WG rumgehangen. Alles Weitere ging dann schnell: Sticker kleben, dann hatte man ein Antifa-Shirt, das habe ich auch in der Schule getragen. Alle an der Schule haben das mitbekommen. Man war auf einmal Teil einer Auseinandersetzung.
Für Jugendliche sind Klamotten, Style, Musik oft sehr identitätsstiftend. Das ist für jugendliche Gruppenprozesse auch normal und gut. Es hat in unserem Fall aber auch eine negative Note, weil es schon eine Trennlinie zwischen in der Gruppe und außerhalb der Gruppe gezogen hat. Diesen Wunsch nach Zugehörigkeit hat der Täter ausgenutzt.
Wie hat er das gemacht?
Karl: Zum Beispiel durch das Vergeben von Spitznamen. Bei den Edelweißpiraten hatten fast alle irgendwelche Spitznamen. Die waren von den Jugendlichen auch gewollt, als Abgrenzung gegenüber Elternhaus oder Schule, sie wurden aber auch gezielt genutzt, um eine emotionale Bindung an den Täter herzustellen. Das gehörte zu seinem System der Manipulation. Angeblich war das auch für Geheimhaltung und Schutz vor Verfolgung, was gar nicht nötig war, wenn man als 14-Jähriger ein paar Sticker klebt.
Benjamin: 30 Jahre später, als wir die Leute zusammengesucht haben, war das ein Riesenproblem. Ich kannte nur »Dose«, aber wusste nicht, wie der wirklich heißt oder wie ich ihn finden kann.
Anfassen, streicheln, küssen, das war in der WG und beim Plenum normal.
Karl
Karl: Der Täter hatte selbst auch einen Spitznamen. Er hat sich Pipo genannt. Ich wusste nicht, wie er wirklich heißt, hat mich auch nicht interessiert. Das hat bei ihm sicher damit zu tun gehabt, dass er seine Identität verschleiern wollte, etwa vor neugierigen Eltern.
Benjamin: Die Bedrohung durch Polizei oder Nazis, damit hat er stark gearbeitet. Für den war es gut, wenn Leute Stress mit der Polizei hatten. Er hat auch dieses Heft rausgegeben, »Tipps und Tricks für Antifas«, wo er Leute drauf vorbereitet hat, wie sie sich gegenüber der Polizei klandestin verhalten können.
Das war auch von ihm? Das hatte ich auch.
Karl: Es gab eine erste Auflage von der Antifa Jugendfront, ich nehme an, dass er da auch dran mitgearbeitet hat. 1993 hat er eine Neuauflage gemacht, mit der Zeichnung von einem Kind auf dem Cover, das eine Wand bemalt.
Benjamin: Es gab immer eine Bedrohung von außen, das schweißt natürlich unglaublich zusammen. Man wurde auch in echt grenzwertige Situationen gebracht, zum Beispiel, dass man als 14-Jähriger auf irgendwelche krassen Faschos angesetzt wurde, um die auszuspionieren.
Karl: Es gab ein ganz strenges Innen und Außen. Und es gab ein enormes Machtgefälle zwischen den Jugendlichen im Alter zwischen 11 und 16 auf der einen Seite und einem Anfang-30-jährigen mit langjähriger politischer Erfahrung auf der anderen. Alle Tätigkeiten in unserer Gruppe, Kontakte, Räumlichkeiten, Geld: Alles, was eine funktionierende Antifa-Jugendgruppe ausmacht, hatte er in der Hand. Hinzu kam die Wohnung. Er hatte eine absolute Schlüsselposition. Außer, wenn wir mal gesprüht haben oder auf Demos gegangen sind, da war er nie dabei. Er war vor allem in der WG. Er hatte immer ein, zwei, drei Kinder oder Jugendliche, die zu ihm unmittelbar in einem Missbrauchsverhältnis gestanden haben. Die sexualisierte Gewalt verschleierte er als »Beziehung«.
Benjamin: Zu der Zeit hat er noch gesagt: Ja, ich bin pädophil, aber das ist nichts Schlimmes. Ich kann nur mit Kindern oder jungen Menschen gut sein. Alle Erwachsenen sind scheiße, und du und ich, wir sind auf einer Ebene. Ich war damals, mit 13, was Sexualität angeht, sehr schüchtern, eigentlich immer. Das hat er einem richtig übergestülpt. Er hat ganz viel über Sex gesprochen, wollte immer Sex und hat einem immer klar gemacht, in was für einer sexuellen Not er ist. Und das ist der erste Mensch, der mich geküsst hat. Der mir eingeredet hat, ich wäre schwul. Es war, als würde dir jemand ein ganz, ganz schweres Ding in die Hand drücken, und du darfst es nicht loslassen. Und du kannst auch nicht darüber sprechen, mit niemandem. Es war ein richtiger Isolationshammer mit diesem scheiß Sex. Ein Erwachsener, der mit einem Kind so spricht und sich so verhält, als wäre man auf seiner Stufe und hätte die gleichen Bedürfnisse und Gelüste – das ist richtig fies.
Wart ihr alle, die ihr in der WG wart, potenzielle Missbrauchsopfer?
Karl: Ich denke ja. Alle männlichen Kinder und Jugendlichen. Es war eine enorm sexualisierte Stimmung. Ich war noch weit von den sexuellen Handlungen entfernt, die ich dort gesehen habe, zum Beispiel in Schwulenpornos, die rumlagen. Er erzählte auch regelmäßig von seiner »Sexualität« bzw. seinem Missbrauch. Ich habe das nicht hinterfragt. Für die Entwicklung einer eigenen sexuellen Identität ist es enorm wichtig, die vielen kleinen Schritte zu machen, von einem Kribbeln für eine andere Person, Briefchen schreiben oder chatten, händchenhalten, küssen, irgendwann anfassen, mit Kleidung oder ohne Kleidung. Das sind ganz viele Schritte. Es ist wichtig, dass das altersentsprechend passiert. Der Täter hat ganz brutal viele Schritte übersprungen. Er hat überrumpelt und überwältigt. Er hat gesagt, das sei freie Liebe, das sei schwul, und jeder, der was dagegen sagt, ist schwulenfeindlich. Ich wollte nicht schwulenfeindlich sein, deshalb habe ich Kritik an seiner sexualisierten Gewalt zunächst nicht sehen wollen. Das hat er sehr klug gemacht.
In den Berichten auf der Webseite weristarokuhrt liest man über die Stimmung in der WG, man kam da rein, und schon bei den ersten Begegnungen gab es verbales Austesten, beim zweiten oder dritten Besuch übernachtete man schon bei ihm im Bett. Da wurde von Anfang an vorsortiert, wer überhaupt dabei bleibt, oder?
Karl: Ja, es gab einzelne, die den Braten gerochen und sich wieder aus dem Staub gemacht haben. Oder die nur bei den Treffen waren. Aber die Mehrheit wurde aufgesogen. Die einen haben Übergriffe abgewehrt, und dann gab es alle Stufen von Belästigung und sexualisierter Gewalt bis zur Vergewaltigung. Anfassen, streicheln, küssen, das war in der WG, auch beim Plenum, Normalität. Teilweise wurde es als Ehre angesehen, wenn man zu denen gehört hat, die er missbraucht hat.
Benjamin: Von wem?
Karl: Von uns. Für mich war es eine Ehre, dass er mir sagte, wie großartig er mich findet. Und was gar nicht ging, war, öffentlich anzusprechen, dass man das vielleicht nicht möchte. Das wäre Königsmord gewesen. Einmal, mit etwa 15, habe ich im kleinen Kreis mit ihm und zwei anderen Jugendlichen kritische Worte zu seinem Missbrauch geäußert. Ich weiß nicht, was ich genau gesagt habe, aber ich habe den Täter damit angeblich in eine tiefe Krise gestürzt, er vertraue mir nicht mehr, sogar die beiden anderen Jugendlichen haben mich später zur Rede gestellt, wie ich dazu käme, so einen Scheiß zu erzählen. Das waren meine Freunde, und ich hatte auch zum Täter ein enges, freundschaftliches Verhältnis, das war schrecklich für mich. Ich habe mich dann sogar entschuldigt. Das war wirklich Gehirnwäsche.
Ich hatte tierische Angst, den Mann zu verlassen, weil er immer ein riesiges Drama gemacht hat, wenn irgendwas in die Richtung passiert ist. Mit Selbstmord hat er auch gedroht.
Benjamin
Benjamin: Ich habe es ähnlich in einer Zweiersituation mit ihm erlebt. Er hatte mich missbraucht und dann gefragt, ob es mir auch gefallen hat. Darauf habe ich »Nein« gesagt. Das gab einen totalen Zusammenbruch. Er hat geheult und geschrien. »Ich wollte dich doch nicht vergewaltigen! Du darfst mich jetzt nicht verlassen, sonst bringe ich mich um.« So schnell konnte ich gar nicht schalten: Erst wird mir Gewalt angetan, dann werde ich dafür verantwortlich gemacht, dass es ihm deswegen schlecht geht. Und dann noch so ein Geheimbund: Das darf keiner wissen.
Wann bist du zu den Edelweißpiraten gekommen?
Benjamin: 1994, da war ich 13, noch ein, zwei Jahre jünger als die meisten. Und 1996 gab es ja den Bruch, da hat sich die Gruppe aufgelöst, viele haben sich abgewendet. Ich bin aber bei dem Typen noch über ein Jahr kleben geblieben. Ich hab’ ihn weiter begleitet und ihn in der Krise erlebt, die er dann schon auch hatte. Ich war fast wie ein Einzelfallhelfer. Er hat damals sein erstes Buch »Eine Reise durch die Ackerstraße« gemacht. Und eine Ausbildung zum Taxifahrer. Ich musste ihn immer abfragen. Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, ich hab’ da diesen Typen an der Backe, der hat so große Probleme, und ihm geht’s so schlecht, und irgendwie braucht er mich. Ich hatte tierische Angst, den zu verlassen, weil er immer ein riesiges Drama gemacht hat, wenn irgendwas in die Richtung passiert ist. Mit Selbstmord hat er auch gedroht. Als ich am Ende wirklich gegangen bin, war es einfach vorbei. Er hat sich nie wieder gemeldet.
Ich konnte es erst gar nicht glauben. Er hat mir drei Jahre zu verstehen gegeben, dass ich der wichtigste Mensch in seinem Leben bin. Und dann ist auf einmal gar nichts mehr. Und 30 Jahre später erfährt man von anderen Leuten, dass die genau die gleiche Geschichte hatten, zur gleichen Zeit.
Wie seid ihr auseinandergegangen?
Benjamin: Es gab 1996 den Bruch, der in einem Schriftstück festgehalten ist, das sogenannte »Rosa Papier«. In der autonomen Szene gab es damals eine Auseinandersetzung um den Missbrauch des Täters, mit kontroversen Diskussionen in der Szenezeitung Interim, mit Veranstaltungen. Das war sehr unangenehm für den Täter, weil er sehr im Fokus stand. Er hatte aber immer noch Leute, die ihn verteidigt haben, mich zum Beispiel. Irgendwann gab es eine Veranstaltung im Mehringhof, zu der ich zitiert wurde. Da saßen Männer, etwas jünger als ich heute, die hatten richtig Wut. Ich war aber manipuliert und hatte im Kopf: Diese Autonomen sind gewalttätig, die wollen diesen Typen hauen. Ich hatte Angst vor denen und habe ihn einfach verteidigt. »Alles ist gut, der hat uns nichts getan, der ist okay.« Obwohl ich wusste, dass es nicht stimmt. Ich hatte das Gefühl, ich setze mich ein, auf der Seite des Schwachen. Obwohl eigentlich die anderen die Schwachen waren und ich der Schwächste. Am nächsten Tag habe ich ihm gesagt: Ich hab’ dich verteidigt, aber ich will nichts mehr mit dir zu tun haben. Ich hatte mit allem gerechnet: dass er heult, ausflippt, mich anschreit, sonstwas macht. Aber er meinte einfach: Okay.
Wie kam es zum Bruch?
Karl: Als ich vielleicht 16 war, fanden sich bei den Edelweißpiraten zwei oder drei Jugendliche, die unabhängig voneinander erstmal nur ein ungutes Gefühl hatten. Nach einem langen, ganz vorsichtigen Austausch wurden noch drei Leute ins Vertrauen gezogen, und es wurde darüber diskutiert, was falsch läuft bei den Edelweißpiraten. Das war einmal die Machtposition der Person Pipo. Die Kritik war: Es gibt einen Anführer. Und eigentlich wollten wir ja selbstbestimmt, ohne Anführer leben und Politik machen. Das war am Anfang die zentrale Kritik, da ging es noch gar nicht um sexualisierte Gewalt. Für mich gab es drei Schlüsselerlebnisse. Das eine war das Mobbing gegen Mädchen durch den Täter, was ich unheimlich ungerecht fand. Das zweite war eine Veranstaltung von Tauwetter, der Beratungsstelle für Jungen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben, zu Pädophilie im Zuge der Diskussion um Pipo in der autonomen Szene. Nach der Veranstaltung habe ich mich gefragt: Was mache ich denn, wenn das doch nicht so freiwillig, sondern doch Missbrauch ist? Und das dritte war, dass eine Person mitbekommen hatte, dass sich Pipo als Kinder- und Jugendleiter bei der katholischen Kirche beworben hat, und zwar für eine noch jüngere Altersgruppe. Mit der Kirche wollten wir nichts zu tun haben. Uns hat da gedämmert: Vielleicht geht es dem gar nicht darum, Teil einer Bewegung gegen Nazis zu sein, vielleicht geht es ihm einzig um den Umgang mit und letztlich den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen.
Du hast damals auch in der WG in der Ackerstraße gewohnt?
Karl: Ja. Das war nicht mehr die kleine Wohnung vom Anfang, sondern eine größere WG mit acht, neun Leuten. Wir hatten uns in dem Jahr emotional schon vom Täter distanziert. Wir waren 16 oder 17 Jahre alt und hatten keinen Bock mehr, uns ständig seine – er hat es immer Liebeskummer genannt – Depressionsschübe und Suizidgedanken anzuhören. Innerhalb der Gruppe wurden wir dafür stark angefeindet. Diese Zeit war total anstrengend, er hat ja den Missbrauch in der gemeinsamen WG fortgesetzt, mit anderen Jungen. Das war sehr schwer auszuhalten. Ich hatte auch Angst, ihn zu konfrontieren, weil ich ihn unberechenbar fand. Irgendwann war uns klar, wir müssen auch die anderen Jugendlichen überzeugen. Also haben wir, weil Gespräche nicht mehr möglich waren, alles aufgeschrieben. Dieses Schreiben, das Rosa Papier, haben wir verteilt mit der Hoffnung, dass die sagen: Krass, stimmt, ihr habt das ja richtig analysiert: Was für ein Arsch. Das war unser Gedanke. Aber die große Mehrheit war noch in der Manipulation verhaftet. Wir haben ihn dann aus der WG geworfen, und damit flog mit einem Riesenknall alles auseinander. Wir wurden beschimpft, dass wir dem Mann in den Rücken fallen.
Wie ging es euch damit?
Karl: Wir waren total froh, dass wir ihn los waren und uns da selbst draus befreit hatten. Danach war es für uns mehr oder weniger erledigt. Wir hatten unsere WG und Politgruppe, der Typ war weg. Ich habe ihn nie mehr gesehen. Bei diesem Prozess wurden wir von Tauwetter unterstützt. Das waren die Leute, die wir am Anfang total doof fanden, weil sie uns von außen sagen würden, wie wir zu denken haben. Aber irgendwann haben wir gemerkt, die haben recht.
Benjamin, du hast nicht in der WG gewohnt?
Benjamin: Nein, ich habe noch bei meinen Eltern gewohnt, war aber viel in der WG. Ich kann mir diese Angst, ihn zu konfrontieren, gut vorstellen. Ich denke bis heute: Was macht er, wenn wir an die Öffentlichkeit gehen? Auch in Träumen taucht er ja immer mal wieder auf und veranstaltet irgendwas.
Karl: Du hast auch Albträume?
Benjamin: Ja.
Wie ging es nach dem Rausschmiss weiter?
Karl: Auf der einen Seite war das Thema für mich erledigt. Ich war beschäftigt mit Schule, dann Arbeiten, Studium, Politik machen – mein Leben ging erst richtig los. Mit den Leuten, mit denen wir ihn rausgeworfen haben, hatte ich weiter losen Kontakt. Immer, wenn wir uns gesehen haben, kam irgendwann das Thema Edelweißpiraten, Missbrauch, Pipo auf. Jedes Mal, über viele Jahre. Wir haben auch darüber gesprochen, dass wir was tun müssten, ihn anzeigen oder so, aber das haben wir nie gemacht. Über viele Jahre haben wir sehr negative Erfahrungen mit der Polizei gemacht. Der Tod von Carlo Giuliani in Genua 2001 war prägend. Es gab massive Repressionen rund um Antifa-Demos oder iden G8-Gipfel in Heiligendamm. Die Polizei war damals kein Ansprechpartner für mich.
Es hat ihn aber jemand angezeigt.
Benjamin: Ja, Felix. Mit dem habe ich damals zusammengewohnt, so um 2000 rum. Er ist zur Polizei gegangen, aber die haben das nicht ernst genommen und ihn weggeschickt. Das war schrecklich.
Karl: Felix war betroffen von sexualisierter Gewalt, über einen längeren Zeitraum.
Benjamin: Schwer betroffen. Und auch schwer gezeichnet, er hat es ja auch nicht überlebt. Dieses Gespräch, »man müsste doch eigentlich«, hatten wir zu der Zeit auch immer wieder, meist später am Abend oder wenn man betrunken war. Da ist nie mehr draus geworden.
Erst durch die Aufarbeitung habe ich gemerkt, wie sehr mich die Erlebnisse traumatisiert haben.
Karl
Wie kam es dann zu eurem Aufarbeitungsprozess?
Benjamin: Im Oktober 2023 hatte ich mit Freund*innen, von denen manche auch bei den Edelweißpiraten waren, eine Ausstellung in Berlin gemacht, und plötzlich stand eine Frau vor mir: »Ey, wir kennen uns noch von den Epis.« Wie immer, wenn sowas passiert ist, habe ich einen riesigen Schreck bekommen. Wir haben uns dann unterhalten, ich habe erzählt, dass diese Zeit das große Trauma meines Lebens ist, das mich verfolgt und fertig macht. Und dann haben wir gesagt: Jetzt probieren wir, die Leute zu erreichen, und organisieren ein Treffen. Es gab bereits eine kleine Chatgruppe, die 2021 entstanden war, als der Bericht der Aufarbeitungskommission zu pädosexuellen Netzwerken in Berlin erschienen war. (Siehe Kasten)
Studie »Pädosexuelle Netzwerke in Berlin«
In und am Rande linker Bewegungen gab es mehr Platz und Toleranz für Pädophilie, als vielen heute bewusst ist. 2021 erschien die Vorstudie »Programmatik und Wirken pädosexueller Netzwerke in Berlin«, die die Historikerin Iris Hax und der Kulturwissenschaftler Sven Reiß im Auftrag der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs erstellten. Hax und Reiß recherchierten in Archiven, sichteten Dokumente und sprachen mit Betroffenen; die Studie nähert sich einem Bild über zentrale Personen und Gruppen an, die ab den 1970ern erst in Westberlin, dann in der vereinigten Stadt sexuelle Ausbeutung von Kindern organisierten. Dabei gab es kommerziell ausgerichtete Netzwerke, die Kinder und Jugendliche zur Prostitution zwangen – der Bahnhof Zoo war ein Hotspot –, aber auch Gruppierungen in progressiven Bewegungen, die im Fahrwasser sexueller Liberalisierung und der Legalisierung von Homosexualität den Diskurs sexueller Befreiung und Selbstbestimmung auch auf den Missbrauch von Kindern ausdehnen wollten. Solche Netzwerke konnten in den Freiräumen der autonomen Hausbesetzerbewegungen der 1980er und 1990er gedeihen und beeinflussten auch Diskurse der Szene, die sie schützten. Die Grünen ließen in den 2010er Jahren das Wirken pädophiler Strukturen in den eigenen Reihen untersuchen, eine Aufarbeitung der linken Szene steht noch aus. Die Studie gibt es unter www.aufarbeitungskommission.de/mediathek zum Download.
Karl: Dieser Bericht hat bei mir schon einiges hochgeholt, weil mir dadurch klar wurde, dass der Täter schon vor den Edelweißpiraten Gruppen gegründet und Jungs missbraucht hat.
Benjamin: Ich hatte den Täter auch auf dem Schirm, mit seiner Internetseite »Berlin Street« und seinen Büchern. 2017 hatte jemand einen Sticker entdeckt, den der er auf einem Schulhof in Moabit verklebt hatte, mit dem nach antifaschistischen Jugendlichen gesucht wurde. Der sah aus wie unsere alten Spuckis: mit einem Link zu einer seiner Webseiten. Ein ziemlicher Schock. Wir haben also Kontakte zusammengetragen, das Ergebnis war einstellig. Aber dann standen da plötzlich 20 Leute. Das war heftig.
Wie lief dieses erste Treffen ab?
Benjamin: Wir saßen in einem Stuhlkreis, und ich habe wohl gesagt: Wir wollen heute über Andreas K. sprechen und was der mit uns gemacht hat. Ist das ein Thema für euch, gibt es Interesse, was zu machen? Und dann haben 20 im Prinzip fremde Leute einander ganz persönliche Sachen erzählt. In dieser ersten Runde haben eigentlich alle eingestanden, dass sie an einem bestimmten Punkt den Täter mal verteidigt hatten. Ich dachte immer, da bin ich wahrscheinlich alleine mit. Dann hat man sich ausgetauscht, Puzzlestücke zusammengetan. Dieses Treffen war wirklich berührend.
Karl: Ich war nicht beim ersten Treffen. Anfangs war ich skeptisch und hatte kein großes Interesse, mich mit Leuten zusammenzusetzen, die ich gar nicht mehr kenne. Als ich zum zweiten Treffen gegangen bin, war ich wahnsinnig aufgeregt, hatte einen Schweißanfall und wollte wieder umdrehen. Da habe ich gemerkt, irgendwas ganz Tiefes wird getriggert.
In einer Runde haben alle kurz erzählt, wie sie heute auf die Edelweißpiraten blicken. Einige haben gesagt, sie haben erst mit Anfang 40, als sie selbst Kinder hatten, erkannt, was ihnen angetan worden ist. Andere haben von massiver Drogenproblematik erzählt. Mir wurde bewusst, wie viel Schaden der Mann angerichtet hat. Ich erfuhr, dass neben Felix zwei weitere Jugendliche von damals nicht mehr leben. Die beiden starben durch Suizid. In der Gesamtheit war es schockierend. In einer Runde von 20 Leuten, davon 16 Männer, haben eigentlich alle Männer von unangemessenen Berührungen bis zu Vergewaltigung erzählt.
Der Mann hat es über Jahrzehnte geschafft, Leute um den Finger zu wickeln und Systeme aufzubauen, die zumindest für eine Zeit funktionieren.
Benjamin
Benjamin: Unsere Hoffnung war, dass wir Leute erreichen, die noch jünger sind. Nachdem der taz-Artikel erschienen war, kamen aber Leute auf uns zu, die noch älter waren, die uns Geschichten von 1982 erzählt haben. Zumindest in die Richtung konnten wir die Entwicklung sehr genau zurückverfolgen, bis zu den ersten Pamphleten, die unverhohlen Pädosexualität abgefeiert haben. Mir ist klar geworden: Der Täter hat es über Jahrzehnte geschafft, Leute um den Finger zu wickeln und Systeme aufzubauen, die zumindest für ein paar Jahre funktioniert, ihn geschützt und Missbrauch ermöglicht haben. Das muss man sich eingestehen, dass solche Täter charismatisch sind und man auf sie reinfällt.
Was würdest du sagen, warum funktionieren diese Systeme?
Benjamin: Weil es ein Machtgefälle gibt. Der Täter braucht irgendwas, was du nicht hast, aber für dich attraktiv ist. Das muss nicht unbedingt Geld sein. Und er braucht Skrupellosigkeit. Jeder Täter geht an irgendeiner Stelle über eine Grenze. Und dann hört er oft nicht mehr auf. Natürlich hatte er auch eine schwere Kindheit, ist alles klar, aber es gibt Leute, die über diese Grenze gehen, und es gibt viele, die es nicht tun. Ich finde es gefährlich zu sagen, nur weil jemand Gewalt erlebt hat, ist er selbst potenziell gewalttätig. Ich würde aber sagen, dass das Gesellschaftssystem, in dem wir leben, es einem nahelegt, dass man mit Gewalt weiterkommt.
Karl: Gerade wenn es um Kinder und Jugendliche als Betroffene geht, gehört zu dem System auf jeden Fall ein Alters- und Machtgefälle. Die Rahmen, in denen die sexualisierte Gewalt passiert, ob beim Sport, bei den Pfadfindern, in der Kirche oder in emanzipatorischen Gruppen, sind zweitrangig. Es muss aber eine Story für diesen Rahmen geben. Bei der Kirche ging es vor allem darum, dass das geheim bleiben muss. Bei uns war es umgekehrt. Es war kein Geheimnis, es war Teil der emanzipatorischen Grundidee der Gruppe.
Ebenso zentral ist, dass in der Umgebung der sexualisierten Gewalt andere Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen befriedigt werden. Sport, Pfadfinder oder Jugendgruppen sind ja eigentlich schöne Orte, Freiräume, wo Kinder und Jugendliche sich entfalten können. Ich habe selbst ein Kind und bekomme mit, dass es heute vielerorts Schutzkonzepte gibt und dass mit Eltern darüber gesprochen wird. Das gab es Anfang der 1990er Jahre nicht. In Ansätzen vielleicht bei Missbrauch von Mädchen, da war der Verein Wildwasser Vorreiter. Bis der Missbrauch an Jungen wahrgenommen wurde, hat es noch mal 20 Jahre gedauert, das kam in der Breite erst durch die Fälle des Canisius-Kolleg, der Odenwaldschule und die vielen Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche. Wir hatten einfach Pech, dass damals die Gesellschaft und auch die linke Szene noch nicht so weit waren.
Wenn man das heute liest, ist erschreckend, wie kontrovers diese Diskussionen in der Interim damals war.
Benjamin: Und zehn oder 20 Jahre vorher war es noch schlimmer, in Westberlin, auch bei den Grünen. Es gab eine richtige Hochphase der Pädophilen, wo die fast machen konnten, was sie wollten.
Karl: Zur Geschichte gehört aber auch: Es gab immer schon in der linken Szene Leute, meist Frauen, die haben den Täter wegen des Missbrauchs zur Rede gestellt und vor die Tür gesetzt. Das haben wir damals nicht gewusst. Wir waren Teenager und dachten, er ist ein cooler Typ und wird angefeindet für sein Schwulsein. Diese Erzählung haben wir übernommen. Als der taz-Artikel erschienen ist, haben uns ältere Leute, die jetzt Teil unserer Aufarbeitung geworden sind, erzählt: Ich war in der gleichen Situation wie ihr, ich war auch 14 oder 15, der hat bei uns genau das Gleiche abgezogen. Bei den Edelweißpiraten hatte er sein System perfektioniert: mit Räumlichkeiten, großer WG, einem Auto …
Es gibt auch heute Leute, die den Täter unterstützen. Er hat einen Verein, der macht Geschichtsarbeit, Aufarbeitung jüdischer Schicksale in Moabit, Lesungen, Veranstaltungen.
Karl
Wie hat sich die bundesweite Edelweißpiraten-Vernetzung in dieses System eingefügt?
Karl: Durch den Merch gab es im gesamten Bundesgebiet Leute, die auch solche Antifa-Jugendgruppen gründen wollten. Das war ein offenes Konzept: Jeder konnte eine Edelweißpiratengruppe aufbauen.
Benjamin: Dann hast du dein Aufkleberset bestellt, und dann warst du bei Pipo auf dem Radar.
Karl: Die Edelweißpiraten hatten damals ein Büro im Mehringhof. Leute haben geschrieben: »Hallo, ich hab’ euren Sticker gesehen, kann ich bei euch mitmachen?« Diese Post kam im Büro an, er hat sie geöffnet und die Briefe, die von Jungs kamen, zu den Edelweißpiraten gebracht. Wenn sich Mädchen gemeldet haben, hat er das in die Postfächer anderer Antifagruppen sortiert. Diese Vorauswahl war Teil seines Systems.
Benjamin: Es war darauf angelegt, möglichst breit männliche Jugendliche zu erreichen, die ihm dann auch helfen. Es gab eine Zeit, als er in Leipzig gewohnt hat, noch vor den Edelweißpiraten. Das war so um 1990, als er in Berlin Stress wegen des Missbrauchs hatte und aus einem besetzten Haus in der Rigaer Straße geflogen war, da ist er ein halbes Jahr nach Leipzig ausgewichen und hat dort gleich wieder versucht, eine neue Gruppe aufzumachen – wie auch nach dem Ende der Edelweißpiraten.
Karl: Es gibt auch heute Leute, die ihn unterstützen. Heute hat er einen Verein, der macht Geschichtsarbeit, Aufarbeitung jüdischer Schicksale in Moabit, Lesungen, Veranstaltungen, eigentlich gute Gedenkarbeit. Der Verein heißt »Sie waren Nachbarn« und verweist online auf Kooperationen mit Schulen. Er war lange im Vorstand. Kurz, bevor der taz-Text erschienen ist, soll er den Verein verlassen haben.
Wie haben euch die letzten zwei Jahre gemeinsamer Aufarbeitung verändert?
Benjamin: Mich regt es immer noch sehr auf, über dieses Thema zu sprechen. Gleichzeitig haben wir endlich Worte gefunden für das, was uns passiert ist. Fragen, die man hatte, haben eine Antwort bekommen. Das war wichtig. Der Austausch hat sich mit der Zeit verändert. Am Anfang haben wir uns sehr kontinuierlich getroffen, es wurde viel gearbeitet und recherchiert. Über Gefühle wurde kaum gesprochen. Das ist jetzt anders, das ist ganz gut.
Wir müssen davon ausgehen, dass noch viel mehr Leute betroffen sind, als wir wissen.
Benjamin
Karl: Im Zuge der Aufarbeitung habe ich gemerkt, wie sehr mich die Erlebnisse traumatisiert haben, obwohl ich mit Freund*innen und Partnerinnen immer über diese Erfahrungen gesprochen hatte. Ich habe über den Austausch auch erst begriffen, wie groß der Kreis der Betroffenen ist. Mich nimmt das sehr mit, mehr, als ich möchte. Mir tut der Austausch gut, aber es gab auch Phasen, in denen ich mich nicht mehr mit Missbrauch, Gewalt und diesem Arschloch beschäftigen wollte. Ich mache eine Therapie zur Aufarbeitung des Traumas.
Benjamin: Am Anfang ging es auch darum rauszufinden, wie groß ist das eigentlich? Das hat mich total umgetrieben. Geht es um ein Dutzend oder hundert Leute? Seit den frühen 1980er Jahren hat es diesen Missbrauch kontinuierlich gegeben, und wir müssen davon ausgehen, dass noch viel mehr Leute betroffen sind, als wir wissen.
Karl: Mir war wichtig zu verstehen, wie systematisch der Täter den Missbrauch organisiert hat. Freizeit am Wochenende wurde von ihm teilweise so arrangiert, dass er mit Jungs zum See gefahren ist, zum Baden. Für uns Jugendliche war das ein Ausflug. Für ihn ging es darum, Jugendliche in Situationen zu bringen, die für seine sexuelle Befriedigung da sind. Das waren keine zufälligen Situationen.
Nach Erscheinen des taz-Artikels gab es noch zwei für mich wichtige Aspekte. Einmal gab es viel Zuspruch, vor allem von Frauen, dass wir den Schritt in die Öffentlichkeit gewagt haben. Bewegend war, dass mehrere Freundinnen von eigenen Erfahrungen sexualisierter Gewalt berichtet haben, manche auch im linken Kontext in Berlin. Und ich habe gemerkt, dass wir durch den Gang in die Öffentlichkeit Teil einer größeren Auseinandersetzung geworden sind, von Menschen, denen sexualisierte Gewalt angetan wurde. Das finde ich gut. Jeder Kampf um Anerkennung für erlebtes Leid bewegt mich zutiefst. Andererseits ist jeder Fall für sich erschreckend, und man denkt nur: Was ist mit den Männern los, die in allen Kontexten, auf allen Ebenen Macht und Gewalt ausüben?
Links und Kontakte
Wer als Kind oder Jugendlicher*r sexuellen Missbrauch erlebt hat und Unterstützung sucht, kann sich an das Hilfe-Portal Sexueller Missbrauch wenden: www.hilfe-portal-missbrauch.de. Auch der Verein Hilfe-für-Jungs e.V. unterstützt Jungen und junge Männer, die von sexueller Ausbeutung und sexualisierter Gewalt betroffen sind: hilfefuerjungs.de. In Berlin ist Tauwetter eine Anlaufstelle für Männer und trans, inter und nicht-binäre Personen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben: tauwetter.de, Wildwasser bietet Beratung und Hilfe für Mädchen, junge Frauen, inter, trans und nicht-binäre Personen (bis 27 Jahre) an: wildwasser-berlin.de. Wenn du selbst betroffen warst von Missbrauch bei den Edelweißpiraten oder in einer anderen Gruppe von Andreas Robert K. und Kontakt zur Aufarbeitungsgruppe suchst, schreib an redaktion@akweb.de, wir leiten deine Nachricht weiter.
Hat sich durch die Aufarbeitung euer Blick auf euch als junge Person verändert?
Benjamin: Ich habe mich eigentlich die ganze Jugend über nicht gut gefühlt, von 13 bis 16 ging es mir richtig scheiße. Und ich konnte mit niemandem darüber sprechen. Ich habe das Gefühl, ich habe einen ganz wichtigen Teil meiner Jugend verpasst. Den ganzen Start von Sexualität und Nähe. Der ist einfach vermurkst. Das hätte ich gerne noch mal zurück, eine neue Chance. Das kotzt mich wirklich an, weil es mich bis heute betrifft.
Karl: Mir ist auch nicht bekannt, dass staatliche Stellen ihrer Schutzpflicht gegenüber Kindern und Jugendlichen nachgekommen wären. Denen war es egal, was bei uns passierte. Wenn wir irgendwo ein Hakenkreuz übersprüht haben, gab es Ermittlungen, es gab sogar Hausdurchsuchungen in der WG. Aber nicht, weil der Mann sexualisierte Gewalt begangen hat, sondern weil Leute mal irgendwo einem Nazi eine Backpfeife gegeben haben. Da ist die Polizei massiv eingeschritten.
Habt ihr darüber gesprochen, was ihr euch für Konsequenzen wünscht?
Benjamin: Ich gehe davon aus, dass er früher oder später vor Gericht sitzt, weil er ein Serientäter ist und weitergemacht hat. Ich würde mir wünschen, dass er verurteilt wird.
Karl: Ich befürchte, dass er sich nicht vor Gericht verantworten muss, weil die Übergriffe uns gegenüber leider verjährt sind. Ich hätte auch gern einen öffentlichen Prozess, wo es ja auch um Anerkennung von Leid geht. Ich glaube aber nicht, dass es dazu kommen wird.