Ein Missbrauchssystem unter Antifa-Label
Wie ein Mann in der linken Szene 15 Jahre mit sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen durchkam
Von Jan Ole Arps
Im Herbst 1991 gründete Andreas Robert K., der sich damals »Pipo« nannte, in Berlin die Edelweißpiraten, eine Antifagruppe, die sich an Jugendliche richtete. Der Gruppenname bezog sich auf die historischen Edelweißpiraten, informelle Jugendgruppen, die im NS in Städten wie Köln, Düsseldorf oder Duisburg Widerstand leisteten oder sich in Abgrenzung zur Hitlerjugend bildeten. In den neuen Berliner Edelweißpiraten sammelten sich einige Dutzend Kinder und Jugendliche im Alter von etwa elf bis 18 Jahren. Andreas Robert K., bei der Gründung 30 Jahre alt, war der einzige ältere Erwachsene. In der ersten Hälfte der 1990er bildeten sich auch in anderen Orten Gruppen der Edelweißpiraten, sogenannte »Stämme«, es gab bundesweite Vernetzungstreffen. Die Berliner Gruppe betrieb ein Büro im Mehringhof, das als Kontaktadresse diente.
Die »Epis« sollten nicht nur Antifagruppe, sondern auch Freundeskreis sein, der selbstbestimmt das Leben zusammen gestaltet. Zentraler Treffpunkt war eine Wohngemeinschaft, in der K. in wechselnder Konstellation mit Jugendlichen lebte. Seine Position als Schlüsselfigur der Gruppe nutzte er, um männliche Kinder und Jugendliche emotional und sexuell zu missbrauchen. Betroffene beschreiben, wie K. emotionale Erpressung und Suiziddrohungen einsetzte, um Zärtlichkeit, Nähe und sexuelle Befriedigung einzufordern. Zahlreiche Jugendliche wurden Opfer von sexueller Gewalt und Missbrauch durch ihn, teils über Jahre.
Vor den Edelweißpiraten hatte K. 1986 schon die Antifa Jugendfront in Berlin (mit)gegründet. Anfang der 1980er Jahre hatte mutmaßlich K. unter den Gruppennamen Kinderfrühling und Morgenlandbande Pädophilie als sexuelle Befreiung propagiert, nach Jugendlichen für gemeinsames Wohnen gesucht oder ihnen Unterstützung beim Abhauen von zu Hause angeboten. Man kämpfe für die »Befreiung« von Kindheit und Sexualität aus repressiven Normen (»Pädos rein – Spiesser raus«), für »die rechte der schwulen und pädofilen, also der menschen (UNS!!!), die kinder liebhaben«, wie es im »Kinderfrühling Rundbrief 1« heißt. Die Flugblätter aus jener Zeit haben denselben Ton wie spätere Veröffentlichungen der Edelweißpiraten, Gestaltungselemente tauchen im Antifa Jugendinfo und auf Epi-Flyern wieder auf. In einem autobiographischen Comic von 1986 erklärt »Paschai«, wie K. sich in den 1980ern nannte, seinen Lebensweg und spricht über »Beziehungen« und Sex mit Kindern zwischen neun und 14 Jahren, also Missbrauch.
Dieses System am Rande der Hausbesetzerszene funktionierte auch deshalb, weil Pädophilie in Teilen der linken Szene als Aspekt sexueller Befreiung und jugendlicher Selbstbestimmung verbrämt und toleriert wurde. Dagegen gab es immer auch Widerspruch. Bewohner*innen eines besetzten Hauses in der Rigaer Straße verhinderten, dass K. mit Jugendlichen bei ihnen einzog. In der (halb)szeneöffentlichen Auseinandersetzung solidarisierten sich, wie später bei den Edelweißpiraten, aber auch Jugendliche und linke Erwachsene mit K. 1993 entbrannte eine Debatte in der autonomen Szenezeitung Interim über Pädophilie und die Person K., die dort »M« oder »XY« genannt wurde. Zwei Jahre später, in einer erneuten, von der »Fraktion gegen Nebenwidersprüche« initiierten Interim-Diskussion, wurde der Name Pipo genannt und ein Ausschluss aus der Szene gefordert; begleitend liefen Veranstaltungen des Vereins Tauwetter. Viele jugendliche Edelweißpiraten verteidigten »Pipo« zunächst, allmählich setzte aber bei einigen ein Umdenken ein. Schließlich legten mehrere Jugendliche, die teils auch in der WG mit K. wohnten, ihre Kritik an ihm in einem beeindruckenden Text dar, dem »Rosa Papier«, das sie an K.s Umfeld verteilten. Über diese Auseinandersetzung zerbrachen WG und Edelweißpiraten. Einen Versuch K.s, im Sommer/Herbst 1996 eine neue Jugendgruppe zu gründen, störten die Jugendlichen. Einige weitere Versuche, mit Jugendlichen in Kontakt zu kommen, sind aus dieser Zeit bekannt.
In der Folge entfernte sich K. aus der linken Szene. Er begann, unter dem Namen »Aro« zu geschichtspolitischen Themen in Moabit zu publizieren, in eigenen Büchern, auf Blogs und in der Berliner Zeitung. Um 2016 tauchten an Schulen in Moabit Sticker auf, mit denen nach antifaschistischen Jugendlichen gesucht wurde und die Betroffene K. zuordnen konnten. K. engagierte sich auch bei Moabit hilft in der Flüchtlingshilfe.
Ende 2023 begannen ehemalige Edelweißpiraten einen Aufarbeitungsprozess. Viele berichten über Traumatisierung, Drogen- und Alkoholmissbrauch, mehrere ehemalige Edelweißpiraten starben durch Suizid. Ende 2024 erschien ein Artikel in der taz, in dem Betroffene erstmals öffentlich über den Missbrauch sprachen. Artikel in nd und Freitag folgten. Auf der Website weristarokuhrt.tem.li ist das Missbrauchssystem, das jahrelang unter Antifa-Label lief, ausführlich und mit Links zu Originaltexten dokumentiert.