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Mark S. = Marx?

Die Serie »Severance« erforscht die Möglichkeit von Klassenkampf und die Grenzen von Klassenbewusstsein

Von Jan Ole Arps

Drei Männer in Anzügen und eine Frau in Kleid stehen in einem hell beleuchteten Büro und halten sich aneinander fest
Ohne die Kolleg*innen geht es nicht: Mark S., Dylan G., Irving B. und Helly R. in »Severance« Staffel 1 beim Lernen im Kampf. Foto: Apple TV+

Wie ist Widerstand im Kapitalismus möglich? Ist er möglich? Diese Frage kann einen schon einige Nächte wach halten, und so ist es kein Wunder, dass eine Serie, die um ebenjene Frage kreist, ebenfalls nächtelang wachhalten kann. Ende März ging die zweite Staffel der Apple TV+-Produktion »Severance« zu Ende – wie schon Staffel 1 mit einem kaum aushaltbaren Cliffhanger.

Die erste Staffel, erschienen Anfang 2022, begleitet Mark Scout (Adam Scott) und seine Kolleg*innen aus der Abteilung Macrodata Refinement beim undurchsichtigen Konzern Lumon Industries in der fiktiven Kleinstadt Kier. Das Besondere an Mark S., wie er bei der Arbeit heißt, und seinen Kolleg*innen: Sie haben sich der umstrittenen Severance-Prozedur unterzogen, die die Erinnerungen ihrer Arbeits-Ichs (»Innies«) und der Personen, die sie außerhalb der Arbeit sind (»Outies«), strikt voneinander trennt. Sobald sie die grell beleuchteten Lumon-Korridore betreten, wissen sie nichts über ihr Leben außerhalb des Büros, ebensowenig wissen ihre »Outies«, was sie während der acht Stunden Arbeit so treiben. Wobei: Wozu genau das Sortieren von Zahlenreihen an altmodischen Computermonitoren gut ist, ist auch für die »Innies« ein Geheimnis, verschiedene Theorien kursieren unter den Angestellten.

Staffel 1 beginnt mit der Ankunft einer schockierten Helly R. (Britt Lower) auf dem »Severed Floor« und ihrer Einarbeitung durch Mark S. und die Kollegen Irving B. (John Torturro) und Dylan G. (Zach Cherry), engmaschig kontrolliert von der eisigen Abteilungsleiterin Harmony Cobel (Patricia Arquette) und ihrem immerzu lächelnden Assistenten Seth Milchick (Tramell Tillman). Helly ersetzt den unter ungeklärten Umständen ausgeschiedenen Petey, Marks besten Arbeitsfreund, und realisiert schnell, dass sie keinesfalls an diesem unheimlichen fremdbestimmten Arbeitsplatz bleiben will. Doch jeder Kündigungsversuch wird von ihrem Outie abgelehnt. Selbst als sie versucht, sich im Aufzug an einem Bürokabel zu erhängen, ist der nächste Moment im Bewusstsein von Office-Helly die erneute Ankunft im Büro: Keine Chance, dem Arbeitsknast zu entkommen. Während Mark, Helly, Irving und Dylan sich in der labyrinthartigen Etage auf die Suche nach Antworten und anderen Lumon-Angestellten begeben, ringt Mark Scout draußen mit dem Verlust seiner Frau Gemma und übermäßigem Alkoholkonsum, als ein mysteriöser Unbekannter bei ihm auftaucht und sich als Lumon-Kollege Petey vorstellt.

Ist Klassenkampf zum Reformismus verdammt, oder kann er das große Ganze aus den Angeln heben?

Viel könnte man über die herzzerreißend liebenswerten Figuren sagen, ihre Bewältigungsstrategien gegenüber der Arbeit (Dylan liebt die sinnlosen Goodies, die Milchick verteilt, Irving die kapitalistische Pionierideologie, mit dem der Konzern die Angestellten bombardiert), die verschlungenen Pfade, auf denen sie zu ihren Kolleg*innen und dann zum Widerstand finden (ja, Liebe spielt auch eine Rolle), bei dem sie ihre Outies schließlich mit ihrem Schicksal konfrontieren. Aber dafür reicht der Platz hier nicht. Fakt ist: Just als 2022 unter den Schlagworten quiet quitting und great resignation über die wachsende Arbeitsunlust junger US-Amerikaner*innen diskutiert wurde, setzte »Severance« Themen wie Entfremdung und Ersetzbarkeit, Work-Life-Balance, brutale Job-Hierarchien, gnadenlose Ausbeutung, Manipulation und Solidarität ebenso albern wie glanzvoll in Szene. Es dauerte nicht lang, bis Reddit-Nutzer*innen fragten, ob Mark S. wohl für Marx stehe und Helly für Hegel. Wahrscheinlich haben sie Recht.

Ist in einer so großen Produktion eines so großen Unternehmens echte Kapitalismuskritik überhaupt möglich? Es scheint ganz so. Am Anfang der zweiten Staffel erfahren wir, welche Wellen der Widerstand geschlagen und wie er sich ausgewirkt hat. Ein paar Köpfe im Konzern mussten rollen, dann wurde die Macrodata-Rebellion in die unternehmenseigene Erfolgserzählung integriert: Durch ihren Kampf hätten die Arbeiter*innen Missstände zutage gefördert, die nun behoben würden; so haben am Ende alle mitgeholfen, Lumon zu einem besseren Ort zu machen.

Dass das eine glatte Lüge ist, darf man wohl ruhig spoilern. Staffel 2 verfolgt neben der nächsten Runde im Kampf Angestellte vs. Lumon auch den Interessenkonflikt zwischen Innies und Outies, denn auch draußen tut sich was, aber was der auch dank der Innie-Radikalisierung immer lebendiger agierende Outie-Mark Scout möchte, deckt sich nicht unbedingt mit den Wünschen von Innie-Mark S. Das ist interessant, weil sich hier die Frage stellt, inwieweit Arbeiter*innen als Lohnabhängige eigentlich Kämpfe führen können, die die Existenz ihres Betriebs und damit ihre Existenz als dessen Arbeiter*innen aufs Spiel setzen. Ist Klassenkampf zum systemimmanenten Reformismus verdammt, oder kann er das große Ganze aus den Angeln heben? Schon in Staffel 1 bringt Mark das Problem gegenüber Helly zur Sprache: »Wenn wir kündigen, sterben wir.«

Dass die zweite Staffel ganze drei Jahre auf sich warten ließ, hat übrigens ebenfalls mit einem Arbeitskampf zu tun: Der Hollywood-Streik der Autor*innen und Darsteller*innen platzte 2023 in die Dreharbeiten und verzögerte alles. Abermals zeigt sich, dass solche Kämpfe Spuren in ihren Protagonist*innen hinterlassen. Serienautor Dan Erickson hat erklärt, dass seine Streikerfahrungen in die nächste Staffel einfließen werden.

Beide Staffeln von »Severance« laufen bei Apple TV+.

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