analyse & kritik

Zeitung für linke Debatte & Praxis

0

|ak 720 | International

Der Spagat wird schwieriger

Die US-Rechte streitet um Antisemitismus – warum?

Von Caspar Shaller

Zu sehen sind Menschen mit Israelfahnen um die Schultern, die eine Art Tanz aufführen.
Evangelikale Christ*innen aus aller Welt trafen sich im Oktober in Jerusalem. Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Ohad Zwigenberg

Ein altes, hässliches Gespenst schob sich Ende Oktober mit neuer Wucht ins Rampenlicht der US-amerikanischen Rechten: der Antisemitismus. Auslöser war ein Gespräch, das der einflussreiche Podcaster und ehemalige Fox-News-Host Tucker Carlson mit dem Holocaustleugner Nick Fuentes führte. Das Interview sammelte auf X und YouTube innerhalb kurzer Zeit Millionen Klicks. Drei Tage später verteidigte Kevin Roberts, Präsident der ultrakonservativen Heritage Foundation, Carlson gegen Kritik und erklärte, man müsse mit Leuten wie Fuentes debattieren, statt sie auszugrenzen. Damit setzte er eine Kettenreaktion in Gang, die bisher wenig sichtbare Bruchlinien innerhalb der amerikanischen Rechten offenbart.

Roberts mahnte im Video an, Loyalität »to Christ first and America always« über die Unterstützung Israels zu stellen und sich nicht von einer »Klasse von Globalisten« unter Druck setzen zu lassen. Diese antisemitische Dogwhistle ging auch für einige der an allerlei Tabubrüche gewöhnten Konservative einen Schritt zu weit. Die Heritage Foundation, einst das intellektuelle Fundament des konservativen Washington, war plötzlich gespalten. Mitarbeiter*innen kündigten, Senatoren distanzierten sich, die Organisation National Task Force against Antisemitism beendete ihre Zusammenarbeit mit Heritage. Roberts Versuch, den Schaden mit einer nachgeschobenen halbherzigen Distanzierung von Fuentes zu begrenzen, half da auch nicht mehr.

Dass sich ausgerechnet die Heritage Foundation damit im Zentrum eines Skandals um Antisemitismus wiederfindet, ist bemerkenswert. Noch im Herbst 2024 hatte sie mit Project Esther eine autoritäre Handlungsanleitung vorgelegt, wie man pro-palästinensische Aktivist*innen mit allen dem Staat zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpfen kann. In der Logik des Projekts ist Antisemitismus eine ausschließlich linke Erscheinung, die an woken Unis und in antizionistischen Gruppen zu finden sei. Rechte Formen des Judenhasses, so hieß es, gehörten nicht zum konservativen Spektrum.

»Judeo-Christian values«

Das Interview zwischen Carlson und Fuentes ist in mehrfacher Hinsicht symptomatisch. Carlson, einer der wichtigsten Propagandist*innen der MAGA-Bewegung, gibt sich darin zwar als kritischer Gesprächspartner und widerspricht (sachte) Fuentes Behauptung, amerikanische Jüdinnen und Juden seien wohl kaum den USA gegenüber loyal, sondern heimlich nur Israel. Doch zugleich lobt er den jungen Neonazi mehrfach und wettert gegen »christliche Zionisten« wie den republikanischen Senator Ted Cruz oder den Ex-Präsidenten George W. Bush, die er als Opfer eines »Gehirnvirus« bezeichnet.

Die Reaktionen aus der republikanischen Partei waren gespalten. Während Cruz auf dem Treffen der Republican Jewish Coalition erklärte, wer Fuentes unkommentiert eine Bühne biete, sei »Komplize des Bösen«, sahen andere darin nur eine »interne Meinungsverschiedenheit«. Der Spagat zwischen Trumpismus, Rechtsextremen und pro-israelischem Establishment wird damit immer schwieriger. Der Streit innerhalb der Rechten legt auch offen, wie wenig Interesse an tatsächlichem Antisemitismus bei jenen vorhanden ist, die seit Jahren behaupten, Antisemitismus zu bekämpfen – solange man glaubt, ihn links ausfindig machen zu können.

In der MAGA-Bewegung verschmelzen Isolationismus, Verschwörungsdenken und religiöser Eifer zu einem neuen, offen antisemitischen Antizionismus.

Über die letzten Jahrzehnte hinweg haben die klassischen, gesetzteren Konservativen in den USA eine feste Allianz mit den schrilleren, jüngeren rechtsextremen Gruppen – von Neonazis bis zu allerlei radikalen Evangelikalen – geschmiedet. Eine Gemeinsamkeit, auf die man sich dabei verlassen konnte, war die Unterstützung Israels beziehungsweise der israelischen Rechten. Unter der Formel »Judeo-Christian values« subsumierte man den Kampf des Westens gegen den Rest, gegen »zivilisationszersetzende« Elemente, Linke, Muslime, Schwarze, Queers. Dass das ganze Gerede von Kulturmarxismus und ähnlichen Schlagwörtern, die es affirmativ auch in Deutschland bis ins Feuilleton der Zeit geschafft haben, mit dem klassischen Nazitopos der »judeo-bolschewistischen Verschwörung« fast deckungsgleich ist, fiel nur linken Kritiker*innen auf. Auch konservative jüdische Organisationen und Politiker*innen störten sich an diesem Diskurs (zumindest öffentlich) wenig. Denn der Unterstützung Israels, in ihrer Konzeption wichtigstes Projekt jüdischer Selbstbestimmung und potenzieller Schutzraum, konnten sie sich von dieser Strömung der Rechten bisher sicher sein.

Doch diese Allianz, die aus dem Hass gegen die gleichen Gegner*innen zusammengehalten wurde, hat schon länger Risse bekommen. Seit Beginn des Gaza-Kriegs 2023 ist in der republikanischen Basis die Skepsis gegenüber Israel gewachsen. Unter jungen MAGA-Anhänger*innen verschmelzen Isolationismus, Verschwörungsdenken und religiöser Eifer zu einem neuen, offen antisemitischen Antizionismus. Vizepräsident JD Vance, einst Hoffnungsträger einer intellektuellen Rechten, weigerte sich jüngst auf einem Parteievent, antisemitische Aussagen im Publikum zu korrigieren. Stattdessen betonte er, die USA sollten sich nur dort engagieren, »wo es ihren Interessen nützt«. Diese Abwendung von der Welt, die Trump zur Staatsdoktrin erhoben hat, hatte bisher Israel als engsten Verbündeten der USA im Nahen Osten immer ausgenommen. Nun scheint auch diese Beziehung nicht mehr sakrosankt.

Flakgeschütz rechter Ideologie

Die Heritage Foundation, die seit der Ära Richard Nixons ein gediegener Thinktank klassisch konservativer Ideen war, hat sich in Trumps erster Amtszeit in ein Flakgeschütz rechtsextremer Ideologie verwandelt. Mit dem Project 2025 schrieb sie den politischen Fahrplan für eine zweite Trump-Präsidentschaft, in der Grundrechte und bürgerliche demokratische Prozesse ausgeschaltet werden sollen. Als Roberts nun den antisemitischen Diskurs der Basis verteidigte, zerlegte sich die Heritage Foundation fast selbst. Interne Chatgruppen platzten vor Wut, Mitarbeiter*innen posteten Memes mit der simplen Botschaft »Nazis are bad« – und wurden dafür zur Kündigung aufgefordert. Heritage steht damit sinnbildlich für das Dilemma der Rechten: Die Energie der rechtsextremen Basis nutzen, um an die Macht zu kommen, ohne die Kontrolle über ihre allerradikalsten Elemente zu verlieren.

New York City hat gewählt – und jetzt?

Der Podcast für linke Debatte und Praxis. In unserer Sonderfolge spricht Lukas Hermsmeier über die »Mamdanimania« und darüber, wie es mit einem Bürgermeister Zohran Mamdani weitergeht.

Was diese wollen, ist eigentlich schon lange klar. Entgegen der herrschenden Erzählung, die seit dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 fast ausschließlich vom »linken Antisemitismus« spricht, zeigen empirische Daten ein anderes Bild. Eine Harvard-Studie von 2023 identifiziert »junge Erwachsene auf der äußersten Rechten« als das Zentrum antisemitischer Einstellungen.

Für progressive Beobachter*innen kommt diese Entwicklung nicht überraschend. Seit Jahren warnen sie davor, dass die Allianz zwischen jüdischen Rechten und den christlichen Nationalist*innen brüchig ist. Indem konservative jüdische Organisationen Kritik an Israel mit Antisemitismus gleichsetzten, lieferten sie den autoritären Kräften im eigenen Lager einen Freifahrtschein. Nun fällt diese Strategie auf sie zurück: Der Hass, den man auf der politischen Seite, die man ohnehin nicht mochte, zu bekämpfen vorgab, sitzt nun im eigenen Haus. Carlsons Interview mit Fuentes hat auf X 18 Millionen, auf YouTube fast sechs Millionen Aufrufe. Ein Hinweis darauf, wie tief der Antisemitismus im rechten Mainstream verankert ist.

Caspar Shaller

ist freier Journalist.