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Rettet Corona jetzt das Klima?

Wieso die Pandemie zwar zum massiven Absinken der CO₂-Emissionen führt, aber dennoch die sozioökologische Krise verschärft

Von Tomasz Konicz

Ein Stück Küste liegt vor dem rest der Küste im Wasser.
Die Permafrostböden, in denen riesige Mengen Treibhausgase gebunden sind, tauen im Eiltempo auf. Ein eingestürzter Block Permafrostboden an der Küste von Alaska; die Steilküsten dort erodieren um bis zu 20 Meter pro Jahr. Foto: Benjamin Jones / U.S. Geological Survey, Public Domain

Nur weil etwas kaum noch öffentlich wahrgenommen und diskutiert wird, heißt das nicht, dass es nicht mehr stattfindet. Der Klimawandel etwa schreitet, unbeeindruckt von der Corona-Krise, munter voran. Die bereits im Frühjahr einsetzende extreme Trockenheit in weiten Teilen Deutschlands, Polens und Tschechiens, die Mitteleuropa das dritte Dürrejahr in Folge zu bescheren droht, wird bereits erhebliche negative Auswirkungen auf die diesjährige Ernte und den Zustand vieler Waldgebiete in der EU haben. Wichtige Wasserstraßen wie der Rhein sind aufgrund rasch fallender Pegel gefährdet, die Waldbrandgefahr nimmt zu. Inzwischen stellt sich die Frage, ob diese Dürren nicht die neue Normalität einer einsetzenden Klimakrise darstellen, die durch das Überschreiten eines Kipppunktes im Klimasystem ausgelöst wird.

Dieser Kipppunkt, der die Wettervariabilität in Mitteleuropa zu bedrohen scheint, manifestiert sich in Gestalt zunehmender Störungen des Jetstreams, eines Starkwindbandes in der oberen Atmosphäre, das für den Temperaturausgleich zwischen tropischen und kalten Weltregionen verantwortlich ist. Dadurch, dass sich die Pole im Verlauf des Klimawandels besonders schnell erwärmen, nimmt der Temperaturunterschied zwischen ihnen und dem Äquator ab, was zur Schwächung des Jetstreams führt und Europa neuartige Phänomene wie lang anhaltende stationäre Hochdruckgebiete beschert, die den Kontinent austrocknen.

Die Klimakrise findet jetzt statt

Dieses europäische Phänomen bildet nur einen regionalen Mosaikstein im globalen Bild einer ökologisch aus den Fugen geratenen Welt. Mitunter werden die düstersten Szenarien vergangener Klimaprognosen Realität, obwohl die Erderwärmung derzeit »nur« bei 1,1 Grad Celsius gegenüber der vorkapitalistischen Zeit liegt. Die Eisschmelze in der Arktis und in Grönland geht mit einem Tempo voran, das die Prognosen um das sechsfache übersteigt. Etliche von der Wissenschaft identifizierte Kipppunkte des Klimasystems könnten bereits überschritten worden sein. So scheint der Westantarktische Eisschild bereits irreversibel in Bewegung geraten zu sein, dasselbe droht den grönländischen Eismassen ab einer globalen Erwärmung von 1,5 Grad.

Der Amazonas, der unter der Regentschaft des brasilianischen Rechtsextremisten Jair Bolsonaro im Rekordtempo abgeholzt wird, könnte ebenfalls bald kippen, wodurch der Welt ihre für das Weltklima essenzielle »grüne Lunge« verloren ginge. Die Korallenriffe in den tropischen Breiten sollen spätestens ab einer Erwärmung von 1,5 Grad in ein Massensterben übergehen. Im Permafrost des hohen Nordens, wo gigantische Mengen an hocheffektiven Treibhausgasen wie Methan gebunden sind, geht der Auftauprozess in einem Tempo voran, wie die Wissenschaft eigentlich erst für das Jahr 2070 prognostizierte. Die auftauende Erde explodiert regelrecht. Gigantische Methangasblasen steigen in Sibiriens auftauender Tundra auf, die nach ihren Explosionen riesige »schwarze Löcher« hinterlassen.

Die Klimakrise findet jetzt statt, nicht erst in ein paar Jahren. In diesem Jahr werden in nahezu allen tropischen Meeren Rekordtemperaturen gemessen, was eine besonders schwere Hurrikansaison in den davon bedrohten Gebieten wie dem Süden und Südosten der USA wahrscheinlich macht.

Das Scheitern aller Prognosen der Klimawissenschaft, die von der Dynamik des Klimawandels überrascht wurde, muss mit dem ideologischen und politischen Druck der Verwertungsmaschine des Kapitals in Zusammenhang gebracht werden, dem Wissenschaftler*innen über Dekaden ausgesetzt waren. Unter diesem Druck durch reaktionäre Medien oder die politischen Funktionseliten, die »verhandlungsfähige« Zahlen für Klimagipfel und Umweltgesetze brauchten, etablierte sich im Wissenschaftsbetrieb die Tendenz, eher jenen Klimamodellen glauben zu schenken, die den Klimawandel unterschätzten. Man wollte nicht als Panikmacher gelten.

Klimaschutz in Zeiten der Pandemie

In der gegenwärtigen Pandemie hingegen geschieht nun das, woran die reformistische Umweltschutzbewegung scheiterte und was insbesondere die »fossilen« Fraktionen des Kapitals – Kohle- Öl- und Autoindustrie – jahrzehntelang bekämpften: eine rasche und substanzielle Absenkung des Ausstoßes von Treibhausgasen.

Prognosen der Internationalen Energieagentur (IEA) zufolge sollen die Treibhausgasemissionen in diesem Jahr um bis zu acht Prozent zurückgehen, was größtenteils auf die um rund sechs Prozent global einbrechende Nachfrage nach fossilen Energieträgern zurückzuführen sei. Dies wäre die größte Reduzierung des CO₂-Ausstoßes seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Und dennoch wäre dies nur ein Anfang, da selbst die viel zu lockeren Klimavorgaben der Vereinten Nationen davon ausgehen, dass der Ausstoß von Treibhausgasen in der kommenden Dekade jedes Jahr in diesem Umfang gesenkt werden müsste, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen (was immer noch zur Überschreitung vieler Kipppunkte des Weltklimasystems führen könnte).

Diese historisch einmalige Absenkung der Emissionen vollzieht sich aber innerhalb einer Systemkrise von historischen Dimensionen. Die Corona-Pandemie fungiert als Krisentrigger, der einem maroden überschuldeten Weltsystem, das an seiner eigenen Produktivität erstickt, einen abermaligen Krisenschub mit ungewissem Ausgang versetzt. Diese innere Schranke des Kapitals tritt somit in direkte Wechselwirkung mit der äußeren Schranke des Kapitals, mit der Endlichkeit der Ressourcen und der Belastbarkeit des Weltklimasystems, die dem Wachstumszwang des Weltmarkts objektive Grenzen setzen.

In der gegenwärtigen sozioökologischen Krise wird somit offensichtlich, dass die ökologische und die ökonomische Krise nur zwei Seiten desselben Krisenprozesses sind, als dessen Ursache der Verwertungsdrang des Kapitals fungiert, der Gesellschaft wie Umwelt um des Wachstums willen zerstört.

Das Ineinandergreifen der inneren und äußeren Schranke des Kapitals bedeutet, dass sich die Absenkung der Treibhausgasemissionen um den Preis massiver Verelendung vollzieht, dass Millionen Menschen aus der Lohnarbeit geschleudert werden und das globale Heer der »ökonomisch überflüssigen« Menschen verstärken. Da die gesamte kapitalistische Gesellschaft am Tropf der Kapitalverwertung hängt, da somit auch Lohnabhängige als gesellschaftliche Klasse ihre Arbeitskraft nur bei ausreichender Anzahl von Arbeitsplätzen reproduzieren können, steigt inzwischen in den meisten Industrieländern der Druck, das System wieder hochzufahren – auch um den Preis einer zweiten Infektionswelle oder rasch zunehmender CO₂-Emissionen.

Die Corona-Pandemie, anfangs als Rettungsanker des Weltklimas gefeiert, scheint nun zum Sargnagel des Klimaschutzes zu werden.

Und es ist ein breiter Druck, hinter dem Massen stehen. Es geht hier nicht nur um die Profite einiger hundert Oligarch*innen, sondern um das soziale – und oft genug auch das physische – Überleben von Millionen Lohnabhängigen.

Die Corona-Pandemie, anfangs insbesondere in den problematischen Teilen der Klimabewegung – wie der Gruppierung Extinction Rebellion – als eine Art Rettungsanker des Weltklimas gefeiert, scheint nun zum endgültigen Sargnagel des Weltklimas zu werden. Das Thema Klimaschutz rückt angesichts der existenziellen Not, in die Millionen Menschen geraten, auf die hinteren Plätze.

In dieser schweren Krise erhalten autoritäre Tendenzen – etwa in Ungarn oder Polen – Auftrieb. Selbst in der Bundesrepublik kann sich die CDU/CSU, die vor kurzem noch politisch abgewirtschaftet hatte, über steigende Zustimmungswerte freuen. Auch die reformistischen Bewegungsräume und die öffentliche Wahrnehmung, die von der Klimabewegung erkämpft wurden, scheinen binnen weniger Wochen erodiert zu sein. Die neue Rechte instrumentalisiert die Angst vor der Verarmung in den USA wie in der BRD, um sich an die Spitze der Bewegung für ein schnellstmögliches Hochfahren der Wirtschaft zu stellen. Wieder wird – unter Zuhilfenahme absurder Verschwörungstheorien – das kapitalistische Elend gegen die kapitalistische Klimakrise ausgespielt.

Verstaatlichen und Produktion umstellen?

Das, was notwendig wäre, um den direkt ineinandergreifenden ökologischen und ökonomischen Krisenprozessen des Kapitals zu begegnen, erscheint in der gegenwärtigen Krise aber vor allem in Form sich zuspitzender Gegensätze: nicht nur bei der Absenkung der CO₂-Emissionen, deren Preis explodierende Armut ist, sondern auch bei Ansätzen einer autoritären staatlichen Kommandowirtschaft, wie sie die Trump-Administration bei ihrer auf Kriegsrecht beruhenden Order an General Motors zeigte, in die Produktion von Beatmungsgeräten einzusteigen.

Ähnlich verhielt es sich bei der Ankündigung von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU), notfalls Unternehmen aufzukaufen und zu verstaatlichen, oder auch bei Versuchen einzelner Unternehmen, etwa des deutschen Textilherstellers Trigema, die Produktion schnell umzustellen, um Extraprofite mit überteuerten Atemschutzmasken zu realisieren. Auch die kontroverse Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen, die zu Beginn der Pandemie aufflackerte, kann hierzu gerechnet werden – innerhalb der kapitalistischen Dauerkrise handelt es sich hierbei nur um eine Stütze ohne Sanktionen.

Folglich besteht das wichtigste Element einer vernünftigen Reaktion auf diese sozioökologische »Doppelkrise« des Kapitals aus einer bewussten Gestaltung des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses. Die gesellschaftliche Kontrolle der Produktivkräfte und die konkrete Gestaltung der Produktionsverhältnisse, vollzogen in einem egalitären, gesamtgesellschaftlichen Verständigungsprozess, würden es ermöglichen, den Ressourcenverbrauch der Menschheit zu minimieren, ohne dass massenhaft Menschen in »Arbeitslosigkeit« und Elend versinken müssten.

Doch innerhalb des Wachstumswahns des Kapitals kann das nicht realisiert werden. Die Versöhnung der sozialen und der Klimafrage sind nur jenseits des Kapitals möglich. Innerhalb des kapitalistischen Gedankengefängnisses kann es nur ein Abwägen des Massenelends gegen die eskalierenden Folgen des Klimawandels geben.

Die widersprüchlichen Versuche der Staatsapparate, in der Pandemie ökonomische Manövrierräume zu gewinnen, wie auch die Idee eines Grundrechts auf soziale Absicherung können zudem als das widersprüchliche kapitalistische »Negativ« der notwendigen postkapitalistischen Gesellschaftsstrukturen angesehen werden: Bewusste Organisation der gesellschaftlichen Reproduktion ist das, was in der aktuellen sozioökologischen Krise notwendig wäre – und woran der Kapitalismus spektakulär scheitert.

Der Kampf um die demokratische Kontrolle der Wirtschaft und um ein bedingungsloses Grundeinkommen könnten – aller ihnen innewohnenden Problematik zum Trotz – als erste Schritte auf einen progressiven Weg in eine emanzipatorische Zukunft dienen. Nicht, weil dies ausreichend wäre, sondern weil hier eventuell Konstellationen entstünden, die einer emanzipatorischen Transformation in den Postkapitalismus dienlich wären.

Tomasz Konicz

ist Autor und Journalist. Von ihm erschien jüngst das Buch »Klimakiller Kapital. Wie ein Wirtschaftssystem unsere Lebensgrundlagen zerstört« im Mandelbaum Verlag.