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Epidemie unter Sparzwang

Seit dem letzten Ebola-Ausbruch hat sich wenig getan – das ist das Ergebnis politischer Entscheidungen

Von Eric Otieno Sumba

Eine Person in einem grellgelben Schutzanzug läuft alleine durch eine erhöhte Landschaft und sprüht eine Flüssigkeit auf den Boden
Gesundheitsarbeiter*innen vor Ort machen weiter, ob mit oder ohne Schutzausrüstung. Foto: UNMEER/Martine Perret/Flickr, CC BY-SA 2.0

Am 20. Mai wurde ein aus dem Osten der Demokratischen Republik Kongo evakuierter US-amerikanischer Arzt in die Berliner Charité eingeliefert. Der Patient wurde in der speziellen Isolationsstation des Krankenhauses empfangen, was für einen lokalen medialen Aufruhr sorgte. Ebola in Berlin. Diesmal: die Bundibugyo-Variante. Obwohl sie etwas weniger tödlich sein soll, bleibt die Variante hochgefährlich, da die Ansteckungsdauer länger als bei der Zaire-Variante ist, was das Ansteckungsrisiko potenziell erhöht. Seit dem letzten Ebola-Ausbruch hat sich wenig getan, und die wenigen sich in Entwicklung befindenden Impfstoffe lagern in den Gefrierkammern von weit entfernten Krankenhäusern wie der Charité.

So schrecklich Ebola auch sein mag, sein Verlauf wird auch von strukturell katastrophalen Bedingungen bestimmt: Es ist erst wenige Monate her, dass Dutzende NGOs ihre Arbeit einstellen mussten, weil USAID-Mittel drastisch gekürzt wurden. Das Afrikanische Zentrum für Seuchenbekämpfung und -prävention (Africa CDC) und die WHO haben erst am 5. Juni einen gemeinsamen kontinentalen Ebola-Vorsorge- und Reaktionsplan auf den Weg gebracht und versuchen nun dringend, 518 Millionen US-Dollar aufzubringen. Unterdessen wird in der Provinz Ituri im Osten Kongos in zahlreichen Minen weiterhin Zwangsarbeit geleistet, und vielen bleibt nichts anderes übrig, als ihrem Alltag nachzugehen. Unabhängig davon, ob sie »die Krankheit«, wie Ebola in der Region mittlerweile genannt wird, bekommen oder nicht, stehen rein statistisch unaussprechlich traumatische Zeiten bevor.

Véronique Tadjos Roman »In the Company of Men« (2021) ist ein Versuch, sich mit dieser Unaussprechlichkeit auseinanderzusetzen. Dafür stützte sie sich auf Berichte über die Ebola-Ausbrüche in Westafrika in den Jahren 2014 und 2016, denen 11.000 Menschen zum Opfer fielen. »Früher«, schrieb sie, »wurde jeder neue Todesfall mit großem Aufruhr verkündet. Schreie trugen die Nachricht durch das Dorf. Die Frauen heulten und wälzten sich im Staub, rissen sich die Haare aus. Doch jetzt, dieses Mal, gab es nichts dergleichen, absolut nichts. Alles spielte sich in Stille ab, einer dichten, bedrohlichen Stille, die noch schrecklichere Tage ankündigte.« Es war unheimlich, solche Sätze zu lesen, während sich die Covid-Pandemie in sogenannten Wellen ausbreitete, aber es fühlte sich wie ein kleiner Beitrag gegen das Vergessen an. Die zentrale Figur des Romans: der Chlorsprühmann. »Ohne ihn passiert nichts«, schreibt Tadjo. Alles wird besprüht: die Leichen, die Betten, Autos, der Weg zum Friedhof, die Masken, Handschuhe, Zelte, sogar das Gras, das glänzt, während sich das Chlor wie Wassertropfen nach einem Nieselregen darauf absetzt. Chlor war nie billig, und die gestiegenen Preise im Rahmen der Covid-19-Pandemie sind vielerorts nie wieder gesunken.

Was uns jedesmal gelingt: westliche Ärzte für jene Mengen an Geld zu evakuieren, die man eigentlich für mehrere Ebola-Einsatzteams vor Ort dringend bräuchte.

»Pandemic preparedness« (Pandemievorsorge) war in dem Jahr, in dem ich Tadjo das erste Mal las, das Schlagwort schlechthin, was dem Roman einen unheimlichen, zeitgeistigen Anstrich verlieh. Fünf Jahre später hat sich die pandemische Lage in einer grob fünfteiligen Inszenierung eingependelt: Nach einem anfänglichen Schock setzt eine Panikstimmung ein, betroffene Bevölkerungsgruppen werden stigmatisiert, es setzt die blanke Selbsterhaltung ein (rette sich, wer kann), es gibt viele leere Versprechen (Merkel 2020: »Der Covid-19-Impfstoff muss weltweit verfügbar sein.«) und am Ende tritt das Vergessen ein. So ungefähr geschah es bei SARS, Covid-19 und jedem Ebola-Ausbruch (alle zwei bis vier Jahre), den wir seit 1995 erlebt haben. All diese Phasen werden politisch orchestriert, bestimmt oder aufrechterhalten. Was uns jedesmal gelingt: westliche Ärzte für jene Mengen an Geld zu evakuieren, die man eigentlich für mehrere Ebola-Einsatzteams vor Ort dringend bräuchte. Den tapferen Gesundheitsarbeiter*innen bleibt nichts anderes übrig, als zu reagieren – mit oder ohne Handschuhe, Chlor oder Schutzanzüge.

Bei einem kürzlichen Doomscroll marschierte eine Menschenmenge in der kleinen kenianischen Stadt Nanyuki über meinen Bildschirm. Mit hastig angefertigten Plakaten protestierten sie gegen die Ankündigung der US-Regierung, trotz eines gegenteiligen Urteils des kenianischen Supreme Court, eine Station mit 50 Betten zur Quarantäne von mit Ebola infizierten US-Bürger*innen in Kenia zu eröffnen. Ein paar Bildläufe später: Der US-amerikanische Arzt, der in der Charité behandelt wurde, strahlte in mein vom Bildschirm beleuchtetes Gesicht. Lokale Medien berichten, er wurde »erstklassig versorgt« – unter anderem »mit experimentellen Therapien, die derzeit zur Behandlung dieser Virusart erprobt werden«. Er selbst sagte: »Meine Dankbarkeit lässt sich mit Worten nicht angemessen beschreiben. (…) Unsere Gedanken sind auch bei den Menschen im Kongo, die nicht die Möglichkeit haben, eine solche Versorgung zu erhalten.« Keine Pointe.

Eric Otieno Sumba

ist freiberuflicher Autor und arbeitet als Redakteur im Haus der Kulturen der Welt, Berlin. Seine Texte über Kunst, Kultur und Politik wurden u.a. von Camera Austria, Contemporary And, Berlin Review, frieze und London Review of Books veröffentlicht.

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