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Riesiges Pandemie-Potenzial

Ein neuer Bericht des Weltbiodiversitätsrates weist auf dieselben Treiber von Klimawandel, Artensterben und Gesundheitsrisiken hin

Von Guido Speckmann

Fledermäuse spielen als Wirtstiere bei der Übertragung von Coronaviren eine wichtige Rolle. Die wirklichen Treiber für Pandemien finden sich indes woanders. Foto: Unsplash/James Wainscoat

Wir halten seit 20 Jahren die rote Flagge in die Luft, besonders was Coronaviren angeht, aber wir wurden zu oft ignoriert«, sagt Peter Daszak, US-Zoologe und Virenexperte. Unter seiner Leitung entstand der jüngste Bericht des Weltbiodiversitätsrates IPBES. Veröffentlicht wurde dieser Ende Oktober – mitten in der zweiten Welle der Corona-Pandemie. Ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt. Während über Ausgangssperren, Lockdowns und verschärfte Maskenpflichten diskutiert wurde, wollte kaum jemand etwas über die Ursachen der Entstehung von Coronaviren wissen. Folge: Der Bericht, der den Zusammenhang zwischen Naturzerstörung und dem Risiko neuer Pandemien untersuchte, wurde wenig beachtet. Dabei hatte Daszak nicht mit deutlichen Worten gespart: Die Welt könnte ein ziemlich unangenehmer Ort werden. Wesentlich häufiger könnten Pandemien auftreten, sich schneller ausbreiten und tödlicher verlaufen.

Warum? Weil Zoonosen, das Überspringen tierischer Krankheitserreger auf den Menschen, immer häufiger vorkommen. Denn die Abholzung der arten- und virenreichen Regenwälder, fortschreitende Urbanisierung, der stark angestiegene Handel mit Wildtieren sowie industrielle Landwirtschaft vernichten Lebensraum und lassen Mensch und Tier immer näher aneinanderrücken.

»Wir müssen Klimaschutz, Naturschutz und Gesundheitsschutz zusammen denken.«

IPBES-Generalsekretärin Anne Larigauderie

Die an dem Report beteiligten Forscher*innen schätzen, dass es derzeit 1,7 Millionen bislang unentdeckte Viren in Wirtstieren wie Vögeln und Säugetieren gibt. Bis zu 827.000 Viren hätten das Potenzial, Menschen zu infizieren. Schon in den vergangenen Jahren hatten 75 Prozent der neu aufgetretenen Infektionskrankheiten einen tierischen Ursprung.

Es fällt auf, dass die Faktoren für die Entstehung von Zoonosen und Pandemien dieselben sind wie die für die Klimakrise und den Verlust der Artenvielfalt: Landnutzungsänderungen – oder Naturzerstörung. Die IPBES-Generalsekretärin Anne Larigauderie appellierte: »Wir müssen Klimaschutz, Naturschutz und Gesundheitsschutz zusammen denken.« Das heißt: Den Regenwald stehen lassen bindet nicht nur CO2 und trägt zum Klimaschutz bei. Vielmehr werde auch das Artensterben ausgebremst und somit das Risiko der Zoonosen minimiert – und somit das von Pandemien.

Es ist bemerkenswert, dass sich die Autor*innen des Berichts an die Ursachen der treibenden Faktoren für den Verlust von Biodiversität, für Klimawandel und Gesundheitsrisiken herantasten. Sie sehen sie in den auf Verschwendung und Überkonsum angelegten Produktions- und Handelssystemen. Freilich gehen sie nicht auf die wiederum dahinterliegenden Treiber für diese Phänomene ein. Sie sprechen allgemeinen von menschlichen Aktivitäten. Keineswegs falsch, aber unspezifisch. Vom Kreislauf des Kapitals, Handelsströmen, Weltmarktorientierung und marktbeherrschenden Agrarkonzernen, die dem Menschen bestimmte Handlungsmuster aufzwingen, ist nicht die Rede. Sehr wohl aber bei Rob Wallace, dem US-Virologen, der sein Fach unter Einbeziehung von ökonomischen und sozialen Faktoren als Gesellschaftswissenschaft betreibt. Seine Texte, die die strukturellen Ursachen für Pandemien analysieren, sind die adäquate Zusatzlektüre zum IPBES-Bericht. Dass sie wie der Report wenig Aufmerksamkeit erfahren, ist ein zeittypisches Phänomen. Stattdessen werden immer bizarrere Techniken entwickelt, mit denen man die Folgen von Klima- und Biodiversitäts- und Gesundheitskrise hofft, in den Griff zu bekommen. Miniaturdrohnen sollen Pflanzen bestäuben; Tiere im Regenwald sollen geimpft werden und CO2 in die Erde gepresst werden.

Dabei wäre Prävention doch viel naheliegender. Dazu sei alles Nötige bekannt, so der IPBES-Bericht – und listet auf: mehr Naturschutzgebiete, Schluss mit Rodungen und weniger Massentierhaltung. Zudem sei das hundertmal billiger als die Kosten für die jetzige Pandemie. Doch dieses Argument hat schon beim Klimawandel nicht gezogen. Es gibt eben mächtige Akteure, die in diesen Maßnahmen Eingriffe in ihre wirtschaftliche Freiheit, Profite zu machen, sehen.

Guido Speckmann

Guido Speckmann ist Redakteur bei ak.