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|ak 726 | Kultur

Zombies als Diktaturopfer 

Zwei neue Romanübersetzungen thematisieren die Vergangenheit Haitis

Von Daniel Stähr

Man sieht salutierende Menschen vor einem Sarg.
Am 28. Februar 2025 wurde der Autor Frankétienne in Port-au-Prince beerdigt. Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Odelyn Joseph

Während es aus vielen kleineren Ländern kaum Übersetzungen gibt, schafft es haitianische Literatur immer wieder nach Deutschland. In der Regel steht dabei der Kampf der Menschen gegen Armut, Gewalt und die Folgen der französischen Kolonialherrschaft im Mittelpunkt. Etwas aus der Reihe fällt »Im falschen Leben«, der in Romanform fiktionalisierte Lebensbericht des Ende April im Alter von 83 Jahren verstorbenen Autors Jean-Raoul Austin de Drouillard. Ende der 1950er Jahre wurden Drouillards Eltern von Truppen des damaligen haitianischen Diktators François Duvalier ermordet, der das Land zwischen 1957 und 1971 kontrollierte. Ein Schweizer Freund der Familie rettet den Jungen und nahm ihn mit in seine Heimat, wo dieser im jüdischen Glauben seines Ziehvaters erzogen wurde. 

Drouillards Geschichte ist außergewöhnlich. Er wächst luxuriös auf, Reisen rund um die Welt sind fester Teil seines Lebens. Sein erster echter Freund, den er auf einem Pariser Lycée kennenlernt, kommt tragisch ums Leben, und auf einer Sprachreise nach West-Berlin hat er als Teenager kurz Kontakt mit späteren RAF-Mitgliedern.

Gleichzeitig fühlt sich Drouillard wie ein Fremdkörper. Immer wieder wird im Text wiederholt, dass er ein »schwarzes und jüdisches Kind« ist. Zwei Identitätsmarker, die ihn innerhalb der Schweizer Gesellschaft ausgrenzen. 

So spektakulär diese Biografie auch ist, fehlt Drouillard die geeignete Sprache, um die eigene Zerrissenheit auszudrücken. Insbesondere die Dialoge dienen oft einer plumpen Wissensvermittlung. So erklärt er als Teenager einem Freund: »Heinz, ich sage es dir immer wieder: Klasse, Privilegien, Codes, Etikette, die Vernissagen, das gehobene Dinieren, all das belastet mich, und manchmal hätte ich gute Lust, mich aufzulehnen.« Im besten Fall wirkt das hölzern, im schlimmsten Fall unfreiwillig komisch und läuft einer authentischen Schilderung der eigenen Jugend zuwider. 

Das ist schade, denn die zentralen Themen des Buches bieten viele Anknüpfungspunkte, die über ein Einzelschicksal hinausführen könnten: die erdrückende Liebe seines Ziehvaters, der nie verarbeitete Mord an seinen Eltern oder Haiti und seine Kultur als große Leerstelle in Drouillards Leben, zu der er keinen Zugang erhält.

Der grausame Magier

Wie es den Menschen erging, die unter der Duvalier-Diktatur leben mussten, erzählt ein anderer Text aus dem Frühjahr. Frankétiennes (1936–2025) »Eine Aufforderung zum Kampf« war 1975 der erste Roman, der in Haitianisch-Kreolisch veröffentlicht wurde. Vier Jahre später schrieb ihn der Pionier der haitianischen Literatur auf Französisch neu; diese Version wurde nun erstmals ins Deutsche übersetzt. Im Zentrum der Geschichte steht das Dorf Bois-Neuf, das vom Magier Saintil und seiner Zombiearmee kontrolliert wird, während die Dorfbewohner*innen nicht nur unter dessen Herrschaft, sondern auch unter Perspektivlosigkeit und Armut leiden.

Frankétienne veröffentlichte 1975 den ersten haitianisch-kreolischen Roman.

»Eine Aufforderung zum Kampf« muss als Allegorie auf die Diktatur verstanden werden, die der Autor selbst miterlebte. Bei Frankétienne sind die Zombies keine Monster, sondern Opfer – Arbeitssklav*innen des grausamen Magiers. Was das Buch auszeichnet, ist seine Verweigerung westlicher Lesekonventionen. Der Text ist gespickt mit kreolischen Begriffen, die in einem Glossar erklärt werden. Wichtiger noch ist seine Gestaltung mit Passagen, die abwechselnd normal, kursiv und fett gedruckt sind. In den normalen Absätzen findet ein Großteil der klassischen Handlung statt, die sich aus den Erlebnissen einzelner Dorfbewohner*innen zusammensetzt. In den beiden anderen verbindet sich Prosa mit Lyrik zu einer abstrakten Wehklage, die der Gewalt und Verzweiflung dieser Welt eine Stimme gibt. Je weiter die Handlung eskaliert, je grausamer Saintil wird, desto grausamer wird auch die Sprache: »…bald bleibt keine Narbe mehr auf der ganzen Fläche eures heute geschundenen Körpers öffnet eure Makakenmäuler damit man stinkende Abfälle hineinschüttet.«  

Damit findet Frankétienne eine ganz eigene Form, die Gräueltaten des Duvalier-Regimes zu erzählen. Gleichzeitig setzt er eine lange Tradition seines Landes fort, denn der Zombie entstammt der haitianischen Kultur (Zombie kommt vom kreolischen Wort »zonbi«), ist eng mit der Geschichte der Versklavten dort verbunden und wurde nach der Besetzung durch die USA 1915 in die US-Popkultur importiert.

Drouillard und Frankétienne sind nicht die einzigen haitianischen Autor*innen, die in den letzten Jahren hierzulande entdeckt wurden. 2020 gewann James Noël mit seinem Roman »Was für ein Wunder« über die Folgen des verheerenden Erdbebens im Jahr 2010, das mehr als 300.000 Menschenleben kostete, den Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt, HKW. Der Manesse Verlag veröffentlicht seit 2022 sukzessive das beeindruckende Werk von Marie Vieux-Chauvet (1916–1973), neben Frankétienne die wichtigste Autorin der modernen haitianischen Literatur. 

Übersetzungen in der Krise

Nun sind all diese Titel keine Bestseller. Es ist dennoch auffällig, wie präsent haitianische Literatur im deutschsprachigen Raum ist – insbesondere im Vergleich zu anderen mittelamerikanischen Staaten. Ein wichtiger Grund für diesen Erfolg liegt in der Sprache. Nach dem Englischen, das über 60 Prozent aller übersetzten Titel ausmacht, sind Französisch und Japanisch mit je knapp zehn Prozent die zweiterfolgreichsten Sprachen, wobei sich japanische Übersetzungen vor allem im Manga-Segment finden. In der klassischen Belletristik ist Französisch mit Abstand auf Platz zwei. Dementsprechend gibt es Übersetzungsstrukturen in Form von Förderprogrammen, von denen auch frankophone Autor*innen aus ehemaligen Kolonien profitieren.

Diese Aufmerksamkeit, die haitianische Literatur hierzulande erhält, steht im starken Kontrast zur Ignoranz gegenüber der dortigen humanitären Katastrophe. Laut der NGO International Rescue Committee ist der humanitäre Hilfsplan des Landes der am schlechtesten finanzierte der Welt. Hilfsorganisationen stehen nur etwas über ein Drittel der benötigten Gelder für ihre Arbeit zur Verfügung.

Seit 2021 der Präsident Jovenel Moïse ermordet wurde, ist das politische System weitestgehend zusammengebrochen. Was in der Öffentlichkeit beinahe euphemistisch als Bandengewalt bezeichnet wird, die sich in dem Machtvakuum ausbreiten konnte, sind de facto konkurrierende Warlords, die weite Teile des Landes inklusive der Hauptstadt Port-au-Prince kontrollieren.

Fast sechs Millionen Menschen, die Hälfte der Bevölkerung, sind von Nahrungsmittelknappheit bedroht. Über 1.500 Schulen wurden seit 2024 geschlossen, mehr als 1,4 Millionen Menschen befinden sich auf der Flucht. In Haiti spielt sich eine der großen Krisen unserer Zeit ab, und von anlassbezogenen, sensationalistischen Meldungen abgesehen, ist sie in der deutschen Öffentlichkeit überhaupt kein Thema. Dabei trägt der Westen eine große Verantwortung. Obwohl die Haitianische Revolution dem Land bereits 1804 seine Unabhängigkeit bescherte, zwang Frankreich es dazu, bis 1947 Entschädigungen zu zahlen – für die bei der Revolution enteigneten Sklavenhalter und Plantagenbesitzer. Eine beispiellose Verkehrung von Recht und Unrecht, durch die dem Land bis heute Schätzungen zufolge zig Milliarden Dollar an Wirtschaftsleistung entgingen.

Dass die aktuelle Krise in der Presse eine Randnotiz bleibt, dafür gibt es viele Gründe. Einer dürfte auch die unübersichtliche Lage vor Ort sein. Es existieren keine klar identifizierbaren Antagonisten. Das macht die Situation für die Bevölkerung nicht weniger verheerend, eine mediale Berichterstattung aber umso komplexer. So bleibt Haiti vor allem seine Literatur, um nicht in Vergessenheit zu geraten. Denn wie Frankétienne schon in den 1970ern schrieb: »Es geht darum, auf dem fragilen Seil der Hoffnung zu balancieren, das über dem Abgrund gespannt ist.«

Daniel Stähr

ist freier Autor und Ökonom. Kürzlich erschien von ihm »Die neuen Propheten. Wie Ökonomen unsere Zukunft verspielen« im S. Fischer Verlag.

Jean-Raoul Austin de Drouillard: Im falschen Leben. Eine Jugend. Lenos, Basel 2026. 229 Seiten, 26 EUR.

Frankétienne: Eine Aufforderung zum Kampf. Litradukt Verlag, Trier 2026. 224 Seiten, 18,50 EUR.