Revo-Kitsch und Sexploitation
Ist »One Battle After Another« das subversive Meisterwerk unserer Tage oder doch nur weiße Männerfantasie?
Von Kornelia Kugler
Von den Filmen, die 2025 die Kinocharts anführen, ist Paul Thomas Andersons »One Battle After Another« wohl der einzige, der eine bewaffnete Gruppe zeigt, die inhaftierte Migrant*innen befreit. Der Film, ein 175-Millionen-Dollar-Großprojekt aus dem Hause Warner Bros, ist eine lose Adaption von Thomas Pynchons Roman »Vineland« – als comichafter Polit-Actionthriller, der mit durchgedrücktem Gaspedal durch die Referenzsysteme und die kalifornische Wüste rast.
Bob (Leonardo DiCaprio) und Tochter Willa (Chase Infiniti) leben unter falschen Namen in der fiktiven Stadt Baktan Cross. Bob, der damals noch Pat hieß, war wie Willas, genauer gesagt Charlenes, Mutter Perfidia (Teyana Taylor) Mitglied der French 75, einer revolutionären Gruppe, die sich unter Druck von Verrat und Verfolgung vor 16 Jahren aufgelöst hat. Zum Repertoire der French 75 gehörten Banküberfälle, Anschläge auf Regierungsgebäude und spektakuläre Befreiungen aus Abschiebeknästen. Bei einer dieser Aktionen begegnet die Schwarze Revolutionärin Perfidia dem rechtsextremen Grenzsoldaten Lockjaw (Sean Penn), mit dem sie ein folgenschweres Machtspiel beginnt. Nach einem missglückten Banküberfall verrät Perfidia ihre Genoss*innen, viele werden verhaftet, andere tauchen unter – darunter Bob, der Jahre später dauerbekifft seine Tochter mit paranoiden Handyverboten nervt. Als Lockjaw erneut Jagd auf sie macht, müssen Bob und Willa fliehen. Bob stolpert planlos durch die Handlung; seine Rettung verdankt er besser organisierten Helfer*innen – in einem Running Gag des Films kann er sich nicht mehr an den Code erinnern, den er braucht, um die Hilfe seiner Untergrundorganisation zu aktivieren.
Rechte Kommentator*innen forderten nach der Erschießung von Charlie Kirk eine Verschiebung der Veröffentlichung, da der Film zu politischer Gewalt aufrufe. Die meisten Kritiker*innen und viele Linke feiern »One Battle After Another« dagegen als subversives Meisterwerk und brandaktuellen Einspruch gegen die Politik der Trump-Regierung.
Der noch vor Trumps zweitem Amtsantritt gedrehte Film bietet Analogien zu den USA von heute: Menschen werden in Lagern festgehalten, eine militarisierte Autorität ermöglicht den Machtmissbrauch alter, weißer Männer.
Politische Gewalt verherrlicht der Film nicht mehr als die meisten US-Action-Filme Gewalt im Allgemeinen verherrlichen. Der Look der French 75, über deren Motive man nicht viel erfährt – revolutionary vibes only – erinnert an Gruppen der 1970er Jahre wie die Black Panther, RAF oder den Weather Underground. Zufällig kam »One Battle After Another« am Tag in die Kinos, als die reale Revolutionärin Assata Shakur im kubanischen Exil starb. Aber der noch vor Trumps zweitem Amtsantritt gedrehte Film bietet auch Analogien zu den USA von heute: Menschen werden in Lagern festgehalten, und eine militarisierte Autorität ermöglicht den Machtmissbrauch alter, weißer Männer. Diese porträtiert der Film als brutal und lächerlich zugleich: Die White Supremacy Sekte, die im Hintergrund die Fäden zieht, sind pathetische Opas, Soldat Lockjaw ist ein aggressiver Neurotiker, der von Perfidia besessen ist. Auch die zweite weiße männliche Hauptfigur, der vertrottelt-sympathische Bob, fetischisiert die »Inter-Racial«-Beziehung, und Regisseur Andersons scheint sich ebenfalls einzureihen: Die Hypersexualisierung von Perfidia stinkt so hart nach rassistischer Jezebel-Fantasie, dass die erste Hälfte des Films schwer auszuhalten ist. Im Roman wird die »Affäre« genutzt, um zu zeigen, wie politische Ideale durch persönliche Schwächen und staatliche Manipulation korrumpiert werden. Im Film bleibt nur Sexploitation übrig.
In der zweiten Hälfte gewinnt »One Battle After Another« an Stärke – mit einer der besten Car-Chase-Szenen seit Langem. Als Lockjaws Truppe in Baktan Cross eine Razzia startet, versteckt Willas Karatelehrer Sensei Sergio (Benicio del Toro) den Gesuchten. Seine Schule entpuppt sich als Knotenpunkt eines Netzwerks, das Migrant*innen unterstützt – die wahren Held*innen sind hier jene, die leise und praktisch helfen.
Ist »One Battle After Another« das radikale politische Kinoereignis, zu dem es erklärt wird, oder einfach knalliges Spektakel mit Revo-Ästhetik? Insgesamt bleibt der Film schwammig, spannende Fragen werden nur angerissen. Derer gäbe es einige: Wie wachsen die Kinder von (Ex-)Revolutionär*innen im Untergrund auf? Was macht die zweite Generation aus den Widersprüchen der vorherigen? Wie lebt es sich weiter nach Scheitern und Verrat? Anderson sympathisiert mit seinen linken Charakteren und all ihren Fehlern und gibt uns ein Filmende mit leiser Hoffnung.