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|ak 722 | Alltag |Reihe: Motherhoods

Routine, Routine, Routine

Ausgerechnet jetzt, wo das Leben so schwierig geworden ist, sind die Erwartungen an Eltern höher als je zuvor

Von Jacinta Nandi

Man sieht drei Kinder an einer Ballettstange stehen.
Heute wird Eltern (naja, vor allem Müttern, wenn wir ehrlich sind), von überall entgegengeschrien: Wenn die Kinder nicht mindestens drei Mal die Woche einen Kurs besuchen, dann stimmt etwas nicht! Foto: Pexels

Wer es nicht schafft, 15 Minuten am Tag den Kindern was vorzulesen, hätte sich echt zweimal überlegen sollen, ob er überhaupt Kinder kriegen will!«, schnaubt mir eine Freundin ins Gesicht, und ich nicke höflich und mache eine kleine Grimasse.

Denn es gibt eine Sache, die ich nicht verstehen kann in den heutigen Zeiten:

Das Leben ist schwer geworden. Das Leben ist SCHWER geworden. Die Mieten sind hoch. Das Sozialnetz ist verschwunden, mehr oder weniger – das Einzige, was sich in Deutschland seit 2006 kaum geändert hat, ist unser Lohn.

Angeblich soll man dreimal so viel verdienen, wie die Miete kostet – wie diese teure, teure Miete kostet. Also, um sich eine Wohnung leisten zu können – um überhaupt eine Wohnung zu bekommen –, muss man richtig viel arbeiten. Ein Job reicht nicht mehr, viele Menschen haben zwei Jobs oder sogar zwei Jobs plus ein sogenanntes side hustle.

Das Leben ist SCHWER, die Zeit ist knapp, die Menschen sind gestresst. 

Und was ich nicht verstehen kann:

Ausgerechnet jetzt, wo das Leben so schwierig geworden ist – ausgerechnet jetzt sind die Erwartungen an Eltern, was »Routine« angeht, höher als je zuvor. Höher als sie es für meine Eltern gewesen waren, höher auch als in den Nullerjahren, als ich das erste Mal in Deutschland ein Kind bekam.

Damals gab es ziemlich viele Alleinerziehende, die mit Teilzeitjobs, manche sogar mit künstlerischer, freischaffender Arbeit oder auch mithilfe von Aufstockung ihre Wohnung und ein Leben finanzieren konnten. Und damals hat man verstanden, dass nicht alle Eltern ihren Kindern die perfekte Routine bieten können. Dass man manchmal unter der Woche bei einer Freundin übernachtete, dass man manchmal gezwungen war, auf dem Weg zur Kita eine Schrippe zu holen. Dass man an manchen Abenden vielleicht einfach zu müde war, um vorzulesen, und stattdessen ein Hörbuch als Gute-Nacht-Geschichte anschaltete. Man hat verstanden, dass das Leben nicht perfekt ist – und das Leben von Eltern auch nicht. Man durfte als Alleinerziehende einen Säugling zum Elternabend mitschleppen. Es wurde akzeptiert, dass Eltern, die im Einzelhandel arbeiten, nicht zu jeder Vorführung kommen können.

Es gibt Punks in Deutschland, die dir sagen, wie wichtig Routine ist.

Aber heutzutage? Heutzutage ist die Kritik an Eltern schärfer denn je. Man soll die perfekteste Routine haben. Die Kinder sollen früh genug geweckt werden, um am Frühstückstisch zu sitzen und gemeinsam zu essen. Wer einen längeren Weg zur Kita hat, soll um fünf Uhr aufstehen! Die Eltern – lass uns ehrlich sein, es sind meistens die Mütter, die damit gemeint sind – sollen immer genau, wenn die Schule fertig ist, da sein, um die Kinder abzuholen – es gibt noch Spätbetreuung, aber das zu nutzen gilt als »schlecht«. Manche Schulen sind um 13 Uhr fertig, manche 14 Uhr, manche 16 Uhr, aber egal, wie viel Uhr es ist – Eltern sollen direkt nach der Schule ihre Kinder zu Aktivitäten bringen. Teure Aktivitäten. Am besten fünfmal pro Woche – was in den Nullerjahren noch für Spott sorgte –, aber mindestens dreimal pro Woche. Diese teuren Aktivitäten heutzutage, zu den die Eltern ihre Kinder schleppen, sollen irgendwie um 17 Uhr zu Ende sein, denn danach muss man schnell nach Hause, um gemeinsam die Hausaufgaben zu erledigen, um 18 Uhr wird gegessen, um 18.30 Uhr ab in die Badewanne. 18.45 gemeinsames Vorlesen. Und übrigens, wer die Märchen genießt oder bei Gregs Tagebuch selbst lacht, hat’s falsch verstanden. Es geht nicht um Spaß oder Liebe, es geht um elterliche Pflicht. Man hat die elterliche Pflicht, dafür zu sorgen, dass das Kind gut lesen kann, wegen der Wirtschaft und so. 19 Uhr LIGHTS OUT. Weil Routine. Routine. Immer Routine. Kinder brauchen Routine. Deutschland braucht Routine. Routine, Routine, Routine, Routine.

Es gibt Punks in Deutschland, die dir sagen, wie wichtig Routine ist, es gibt kinderlose Poetry Slammer, die denken, dass Eltern, die ihre Kinder für keine Aktivitäten angemeldet haben, quasi Kindesmissbrauch betreiben. 

Wer nicht 15 Minuten am Tag vorlesen kann, hätte besser keine Kinder kriegen sollen.

Wer es nicht schafft, das Kind beim Geigenunterricht anzumelden, hätte abtreiben sollen.

Wer nicht jeden Tag gemeinsam frühstücken will, SOLL STERILISIERT WERDEN!

ROUTINE ROUTINE ROUTINE ROUTINE ROUTINE ROUTINE ROUTINE ROUTINE! Jedes Kind, das nicht jeden Abend um 19 Uhr im Pyjama liegt: eine Zumutung für die Gesellschaft!

Und was ich nicht verstehen kann – und ich meine das nur logisch, nicht ideologisch jetzt: Wie soll das gehen? Die Erwartungen an Eltern, der feste Glaube, dass ein Alltagsperfektionismus das absolute Minimum an Kindererziehungsstandards ist, sind mittlerweile so hoch, dass sogar eine Hausfrau mit reichem Ehemann und ohne Job, aber zwei Kindern, es kaum schaffen würde, dem gerecht zu werden.

Was wollen die Menschen von uns, vor allem die Politiker*innen? Will Merz uns eine Zeitmaschine bauen? Dann könnte man in zwei, drei Jobs arbeiten, in die Zeitmaschine steigen und rechtzeitig das Kind zum Ballett bringen …

Die Besessenheit mit individuellem Versagen, auch in linken Kreisen, ist gefährlich. Man sollte sich nicht aufregen über Eltern, die zu müde sind oder zu beschäftigt, um jeden Abend eine Gute-Nacht-Geschichte vorzulesen. Wir sollten stattdessen eine Welt bauen, in der alle Eltern die Freiheit und die Flexibilität, die Energie und Kapazitäten haben, Gute-Nacht-Geschichten vorzulesen. Und zwar nicht wegen Lesekompetenz, sondern weil es Spaß macht, Geschichten zu teilen. Es hat nichts mit Routine zu tun. Es heißt: Leben. 

Jacinta Nandi

ist Autorin und lebt in Berlin, außerhalb des S-Bahn-Rings. Kürzlich erschien ihr Roman »Single Mom Supper Club« bei Rowohlt.

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