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Abo| |ak 727 | Lesen |Rezensionen: aufgeblättert

Kulturbetrieb

Aufgeblättert: »Anti Müller« von Yade Yasemin Önder

Von Alexandra Ivanova

Ist das wirklich eine »schonungslose Analyse« des Patriarchats und seiner feminist Cute-Boys? Eigentlich überhaupt nicht: Önders Roman hat mit diesen modischen Klappentextkategorien kaum was am Hut, wenn man’s nur zulässt. Die verzweifelte, ironische und trotzdem tief traurige Erzählstimme führt uns durch ein Berlin, von dem man die Schnauze gestrichen voll hat, durch lahme Tinder-Dates und vor allem die Hölle eines niemals Ruhe gebenden Kulturbetriebs. So existiert auf der Oberfläche ein Strang, der diesen Betrieb verlacht und hasst, da er Neid schürt und Schmerz verursacht. Subtil darunter schimmert dann nicht weniger als die große Verhandlung dessen, was Kunst sein soll und wie sie in diesen Verhältnissen überhaupt noch entstehen kann. Das ganze Beziehungsdrama mit absoluten Luschen dient der einsamen Erzählerin, die nicht vermag, ihren Lebenskrisen mit sozialen Bindungen zu begegnen, letztlich dazu, ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Dieser steht jedoch gerade nicht als innerliches Individualprojekt zur Debatte – er soll kunstpolitisch sein: »Dem Kulturbetrieb etwas entgegensetzen, das nicht neurotisch und narzisstisch ist«. Auch sprachlich setzt der Text einiges dem Gewohnten entgegen; verliert sich manchmal etwas in repetitiven Partizipkonstruktionen, will aber dem Sarkasmus nach an Elfriede Jelinek reichen. Und das allein ist viel gewollt, viel gewagt und für die Leserin dann auch viel gewonnen. Das schrille Buchcover mit dem erklärbärinhaften Buchdeckel dagegen muss ein schlechter Witz sein.

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