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»Wir verlangen, Ulrike noch mal zu sehen«

Zum 50. Todestag von Ulrike Meinhof

Von Stephanie Bart

Ulrike Meinhof sitzt an einem Tisch in der konkret-Redaktion und hält ein Blatt Papier und einen Stift in der Hand
Godmother des kritischen Journalismus und Stadtguerillera: Ulrike Meinhof in den konkret-Redaktionsräumen, um 1960. Foto: picture alliance / ullstein bild | Max Ehlert

»Die großen Revolutionäre wurden zu Lebzeiten von den unterdrückenden Klassen ständig verfolgt, die ihrer Lehre mit wildestem Ingrimm und wütendstem Haß begegneten, mit zügellosen Lügen und Verleumdungen gegen sie zu Felde zogen. Nach ihrem Tode versucht man, sie in harmlose Götzen zu verwandeln, sie sozusagen heiligzusprechen, man gesteht ihrem Namen einen gewissen Ruhm zu zur ›Tröstung‹ und Betörung der unterdrückten Klassen, wobei man ihre revolutionäre Lehre des Inhalts beraubt, ihr die revolutionäre Spitze abbricht, sie vulgarisiert.« (Lenin, 1917)

Just for the record: Ulrike Meinhof war Kommunistin. Sie hat den laufenden Klassenkrieg auf der Seite der Besitzlosen zuerst mit Worten, und als das nichts änderte, bewaffnet geführt. Sie hat in der Roten Armee Fraktion gegen die Ökozidstrategen des Kapitals gekämpft, die mit ihren Entscheidungen über Produktion und Krieg die planetaren Lebensgrundlagen vernichten.

Sie war unentbehrlich, nicht nur wie jede*r Einzelne in den Reihen der Revolution unentbehrlich war und immer ist, sondern darüber hinaus als Kader aufgrund ihrer Erfahrungen, ihres Wissens und ihrer Fähigkeit, diese zu vermitteln. Sie hatte Marx philosophisch und ökonomisch rezipiert, und nicht nur den, sondern alles; sie las etwa 17 Stunden täglich und betätigte sich in den verbleibenden 17 Stunden praktisch. Sie war bestrebt, Denken und Handeln zusammenzubringen, und nicht bereit, den Hunger anderer Menschen hinzunehmen. Sie war diejenige, die, wenn ein Plan zur Vollendung gelangt war, sagte: »Funktioniert das wirklich so? Lasst uns das nochmal Schritt für Schritt durchgehen.«

Menschen, die mit ihr gekämpft haben, haben denen, die danach gefragt haben, gesagt: »Ulrike war für uns Orientierung.«

Ulrike hat allen, die es hören wollen, gesagt: »Krieg – ist das Ganze. Darin findest du nur Orientierung durch das Studium der Tatsachen und ihres Zusammenhangs im Klassenkampf.«

Zur Polizei hat sie gesagt, vielmehr geschrieben, damit die Polizei es schriftlich hat: »Den Bullen, der uns laufen lässt, lassen wir auch laufen.«

Krieg – ist das Ganze. Darin findest du nur Orientierung durch das Studium der Tatsachen und ihres Zusammenhangs im Klassenkampf.

Ulrike Meinhof

Bevor sie ab 1970 die Stadtguerilla mit aufgebaut hat, war sie die Godmother und Grande Dame des kritischen Journalismus, sie hat ihn auf ein Niveau gehoben, das seither nicht mehr erreicht worden ist. Ihre Konkret-Kolumnen der 1960er Jahre haben Leser*innen vor dem Verzweifeln bewahrt, sie aufgeklärt, sie radikalisiert, sie miteinander ins Gespräch gebracht. Auch die Heimkampagne, mit der die staatliche Fürsorgeerziehung problematisiert wurde und verändert werden sollte, hat sie mitgestaltet. Zuvor und zuerst war sie gegen die Wiederbewaffnung der BRD und in der Anti-Atom-Bewegung der 1950er Jahre aktiv und hat in diesem Kontext »Das Argument, Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften« mitbegründet. Es ist aus einer Flugblattserie von ihr gegen den Atomtod hervorgegangen. Sie gehörte der KPD an und hat illegal für die Partei gearbeitet, als diese verboten war. Im Gefängnis hat sie der Folter widerstanden. Ihr Brief aus dem Toten Trakt in Köln-Ossendorf, worin sie ihre körperlichen Vorgänge und damit die Wirkung der Folter beschreibt, ist berühmt. Man soll ihn lesen, wenn man ihn noch nicht kennt. (https://socialhistoryportal.org/raf/text/307155)

Heute vor 50 Jahren, damals anderthalb Jahre nach dem Tod von Holger Meins und anderthalb Jahre vor dem Tod von Jan Carl Raspe, Andreas Baader und Gudrun Ensslin, kam Ulrike Meinhof in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim vom Leben zum Tode.

Grosso modo bestehen ihre politischen Gegner*innen darauf, dass dies durch Selbstmord geschehen sei, ihre politischen Freund*innen, dass es sich um Mord handle, wenn sie sich nicht aufs Anzweifeln der Selbstmordthese beschränken. Wer es selbst herausfinden möchte, muss zuerst die Spurenaufnahme lesen und dann untersuchen, wie die zwei staatlichen Obduzenten, wie der von Ulrikes Schwester beauftragte Obduzent und wie die von Verteidiger Klaus Croissant ins Leben gerufene Internationale Untersuchungskommission zu ihren jeweiligen Ergebnissen gekommen sind, welche Fragen sie gestellt und welche Methoden sie angewandt haben. Und dann muss man weiterlesen in dem Interview der Gefangenen und ihrer Anwält*innen in Le Monde Diplomatique vom Juni des Jahres 1976.

Jedenfalls gingen von Hamburg bis Santiago de Chile Menschen auf die Straßen und randalierten aus Protest gegen ihre Ermordung. Das lag daran, dass die Rote Armee Fraktion eine proletarische, internationalistische Politik gemacht hat, die von den Besitzlosen auf der ganzen Welt nicht fehlinterpretiert werden konnte: der Angriff auf die in der BRD befindlichen Kommandozentralen der US-amerikanischen Kriegführung gegen Vietnam.

Es gab auch einen Sitzstreik am Ende des Hofgangs in Stammheim, und man kann sicher sein, dass diese Gefangenen nicht nur Ulrikes antiimperialistisches Engagement würdigten, sondern auch ihr lokales, die Heimkampagne, weil der Anteil von Menschen mit Heimgeschichte in Gefängnissen signifikant höher ist als in der gesamten Bevölkerung. Im Übrigen trug die Erinnerung an den Versuch der Bundesanwaltschaft und des Bundesgerichtshofs, Ulrikes Gehirn, notfalls gegen ihren Willen, unter Narkose, mittels Röntgenaufnahmen und einer Szintigraphie zu »untersuchen«, nicht zur Glaubwürdigkeit der Selbstmordthese bei. Er lag zu diesem Zeitpunkt nur drei Jahre zurück und hatte durch die Verteidigung und starken öffentlichen Druck verhindert werden können.

Im Winter 1975/76 hatten Ulrike und Gudrun eine Auseinandersetzung, die Gudrun als die schwerste ihres Lebens bezeichnet hat. Die beiden schrieben einander die ganze Zeit ihrer Gefangenschaft hindurch zwei- oder dreimal pro Woche Briefe hin und her. Von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen sind diese insgesamt etwa 1.200 Briefe nicht öffentlich zugänglich, sondern weggeschlossen in den Archiven der Ermittlungsbehörden oder von Geheimdiensten, weil in ihnen die tiefe Verbundenheit von Ulrike und Gudrun sichtbar würde. Das mögen die Herrschenden nicht, wie man gerade im Verfahren gegen Daniela Klette sieht. Dort hat die Staatsanwaltschaft in ihrem Plädoyer Burkhard Garweg und Volker Staub wiederholt als »sogenannte Freunde« bezeichnet, die »mit Frau Klette nichts anderes verbindet als die Begehung von Straftaten«. Das hätten sie gern, heute wie damals. Aber im März 1976 hatten Gudrun und Ulrike, dem Spaltungsinteresse des Staats zum Trotz, den Konflikt gelöst, den Knoten zerschlagen, wieder zueinander gefunden und darüber im Gefangenen-Info geschrieben, damit die anderen von ihren Erfahrungen lernen konnten. Im März und April hat Ulrike, weil sie von allen am meisten wusste, federführend die Vietnam-Anträge für den Stammheimer Prozess konzipiert. Just for the record: Die Anschläge der RAF auf die US-Armee und deren Geheimdienste waren gedeckt vom Recht auf gemeinschaftliche Selbstverteidigung im Falle eines militärischen Angriffs einer fremden Macht, nach Artikel 51 UN-Charta. Nicht, dass die RAF die Anschläge ohne die UN-Charta unterlassen hätte, aber legal waren sie, so oder so.

Gudrun hat protokolliert, was vor, während und nach Ulrikes Ermordung geschah. Die Protokollierung relevanter Ereignisse gehört zur gewöhnlichen Praxis gefangener Guerillas. Da sie dazu dient, Handlungsfähigkeit zu erlangen, so kommt alles darauf an, die Tatsachen in ihrem Zusammenhang so kalt und klar wie möglich zu benennen.

Gudrun schrieb: »Beim Zellenaufschluss heute morgen (Sonntag, 9. Mai) – die zwei Zellen werden gleichzeitig aufgeschlossen – kann ich nicht wie sonst zu Ulrike in die Zelle, weil einer der Beamten sie schon wieder abgeschlossen hat.

15 Minuten später teilt der Sicherheitsbeamte mir mit, dass ich Ulrike nicht sehen kann, ›weil Frau Meinhof tot ist‹.

Wir haben zuletzt gestern Abend etwa um 10 Uhr miteinander am Fenster geredet, nachdem ein Hubschrauber zu hören gewesen war, was seit Monaten nicht mehr vorgekommen ist, und ich bin in der Nacht aufgewacht an der Musik aus der Zelle von Ulrike.

Alle vier waren wir gestern Morgen eine Stunde und gestern Nachmittag eine halbe Stunde zusammen. Gesprochen worden ist dabei über das Verhältnis von Identität und Bewusstsein an Gramsci und Lenin.

Kurz vor 9 Uhr, ich bin inzwischen zu Andreas und Jan rübergeschlossen, informiert uns einer der Beamten darüber, dass sich Ulrike nach dem Einschluss gestern Nachmittag noch umgezogen hat, was wir uns nicht erklären können. Er spricht auch davon, dass Ulrike nicht auf das Dach wollte, weil es ihr ›zu heiß‹ war und dass wir beim Umschluss gestern zusammen gelacht haben.

Der Gefängnisarzt kommt und spricht von ›Selbstmord als Kurzschlusshandlung‹, nachdem er festgestellt hat: ›Die Gruppe ist zu klein.‹ Er faselt dann noch davon, dass es ›notwendig Spannungen‹ geben müsste, und als wir das zurückweisen und feststellen, dass für uns, für die Anwälte, für die Beamten, dass für alle sichtbar ein Konsolidierungsprozess für Ulrike gelaufen war, sagt er schnell: ›Das muss man sehen, dass Sie Leute sind, die zu größter Selbstdisziplin fähig sind.‹ Er spricht weiter von einem ›Plateau‹ und einem ›Auslöser‹. Wir brechen das Gespräch an diesem Punkt ab.

Wir verlangen, Ulrike nochmal zu sehen.

Der stellvertretende Anstaltsleiter teilt uns um etwa halb elf mit, dass der Staatsanwalt es ablehnt, uns zu ihr zu lassen.

Sein Begriff ist: ›Besichtigung‹.

Wir verlangen, dass mit dem Abtransport gewartet wird, bis die Anwälte da sind. Als kurz vor elf Uhr der erste Anwalt, Müller, angemeldet wird, wird die Blechwanne blitzschnell, hastig aus dem Trakt geschafft.«

Soweit Gudruns Protokoll. Dem Gerichtsprotokoll des Stammheimer Verfahrens ist zu entnehmen, dass am nächsten Tag, dem 10. Mai, die Verteidigung eine Verhandlungspause von zehn Tagen beantragte; dass das Gericht den Antrag ablehnte; und dass hierauf die drei übrig gebliebenen Angeklagten, ihre Vertrauensverteidigung und die vom Gericht bestellten Zwangsverteidiger, die bis zu diesem Zeitpunkt jeden Rechtsbruch des Vorsitzenden schweigend mitgemacht hatten, geschlossen den Saal verließen. Kammer und Staatsanwaltschaft blieben allein zurück.

5.000 Trauergäste, gestört von 1.000 Polizisten, nahmen fünf Tage später Abschied von Ulrike Meinhof und erwiesen ihr die letzte Ehre auf dem Dreifaltigkeitskirchof III in Berlin-Mariendorf.

Was sie auch einmal gesagt hat, ist Folgendes: »Denk über den ganzen Scheiß lieber noch mal nach.«

Stephanie Bart

ist Schriftstellerin. Zuletzt erschien von ihr der RAF-Roman »Erzählung zur Sache« (Secession, Berlin 2023).

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