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Streik im Elfenbeinturm

Eva Kuschinski und Marvin Hopp über die Schwierigkeiten, sich am Arbeitsplatz Universität zu organisieren

Interview: Lene Kempe und Johannes Tesfai

Arbeit an der Uni ist kein Privileg, sondern in erste Linie prekär. Dagegen organisieren sich Beschäftigte im Kampf für den TVStud. Hier bei einer Warnstreik-Demonstration der studentischen Beschäftigten in Berlin 2017. Foto: Christian Mang

An den Hochschulen formieren sich vermehrt Gruppen, die bessere Arbeitsbedingungen für sich und ihre Kolleg*innen durchsetzen wollen. Sie stoßen auf eine Kultur der Vereinzelung und des elitären Denkens. Eva Kuschinski von der Mittelbau Initiative und Marvin Hopp von TVStud über die Suche nach Mitstreiter*innen und kollektive Erfahrungen.

Ihr engagiert euch in Hamburg für bessere Arbeitsbedingungen von studentisch Beschäftigten und wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen an den Unis. Könnt ihr kurz zusammenfassen, wie die Situation ist?

Marvin: In Hamburg gibt es knapp 5.000 studentische Beschäftigte. Davon arbeiten etwa 1.000 als studentische Angestellte in Technik und Verwaltung. Die restlichen über 4.000 sind studentische Hilfskräfte oder Tutoren, die Hilfsarbeiten für Profs und Dozierende oder Lehrangebote für Studierende machen. Die fallen alle nicht unter das Hamburger Personalvertretungsgesetz. Und werden vom Tarifvertrag der Länder nicht erfasst, obwohl sie Beschäftigte bei der Stadt Hamburg sind. Das ist in ganz Deutschland ein Problem und betrifft etwa 300.000 Beschäftigte an den Unis – außer in Berlin. Da wurde ein Tarifvertrag durchgeboxt. In Hamburg liegt die Bezahlung mit 10,77 Euro deutlich unterhalb des städtischen Mindestlohns von zwölf Euro. 75 Prozent der Arbeitsverhältnisse sind außerdem auf zwei bis sechs Monate befristet. Das schafft ein krasses strukturelles Abhängigkeitsverhältnis zwischen Profs und den Mitarbeiterinnen.

Eva: Im Mittelbau arbeiten Leute, die an der Uni wissenschaftlich beschäftigt sind, aber keine Professorinnen sind. In der Regel sind die befristet, qualifizieren sich nebenbei und arbeiten in der Forschung oder in der Lehre. Es gibt aber auch Leute ohne Arbeitsvertrag, die zum Beispiel Lehraufträge machen. Die Situation in Hamburg unterscheidet sich nicht groß von anderen Bundesländern: Es gibt überall befristete Verträge. Und durch das Lehrstuhlprinzip gibt es auch bei uns ein starkes Abhängigkeitsverhältnis zu den Professorinnen. Denn die Person, die die Professur innehat, macht auch die Personalführung und betreut gleichzeitig die Qualifikation der Mitarbeiterinnen. Das strukturiert das Arbeitsverhältnis sehr hierarchisch und produziert viel unbezahlte Arbeit.

Was sind eure Forderungen?

Eva: Ein Hauptthema ist bei uns, auch bundesweit, die Entfristung. Also dass es Stellen geben muss, die irgendeine berufliche Perspektive bieten. Wir fordern, dass Schluss sein muss mit unbezahlter Arbeit und dass Lehraufträge besser bezahlt werden. Aber auch, dass unbefristete Stellen mit einem Arbeitsaufwand versehen werden, der machbar ist. Vor allem, wenn man sich nebenher noch qualifizieren soll. Gleichzeitig sieht man jetzt schon, dass unter den Vorzeichen der Corona-Krise viele Sparmaßnahmen durchgesetzt werden, gerade in den Geistes- und Sozialwissenschaften oder auch bei der Gleichstellung. Dagegen organisieren wir uns gerade überregional.

Fotos: privat

Eva Kuschinski und Marvin Hopp

arbeiten beide an Hamburger Hochschulen und engagieren sich seit längerem für bessere Verhältnisse am Arbeitsplatz Universität. Eva ist Stadtforscherin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der HafenCity Universität. Marvin ist studentische Hilfskraft am Fachbereich Sozialwissenschaften. Er hat vorher eine Ausbildung als Zerspanungsmechaniker bei VW absolviert und studiert jetzt Arbeitssoziologie. Beide versprechen sich vom aktuellen Arbeitskampf mehr als eine bessere Uni.

Marvin: Wir haben noch nicht viele feststehende Forderungen. Im Moment bauen wir eine Struktur auf, verbunden mit dem Angebot, dass wir uns gemeinsam über unsere Arbeitsbedingungen austauschen und darüber sprechen, was besser werden soll. Wir sagen also nicht: »Hier ist die Kampagne, das ist das Thema, und ihr könnt mitmachen«, sondern eher: »Was sind deine Anliegen? Und wofür bist du bereit zu streiken?« Mit dem Tarifvertrag gibt es ja eine zentrale Überschrift bei den Forderungen. Dadurch geht es notwendig auch um höhere Löhne, um Mitbestimmung und Mindestvertragslaufzeiten von mindestens zwei Jahren. Vor allem die Mindestvertragslaufzeit ist wichtig für unsere langfristige Organisierung. Wenn jede, die streiken könnte, Angst haben muss, dass sie am Ende des Semesters nicht mehr verlängert wird, dann ist das ein Problem.

An deutschen Hochschulen liegt der gewerkschaftliche Organisationsgrad im einstelligen Bereich. Das ist kein Umfeld, in dem es eine Kultur von Organisierung und Widerständigkeit gibt.

Zumindest symbolisch wurde die TVStud-Kampagne ja von einigen Professoren und Professorinnen unterstützt, von Klaus Dörre oder Nicole Mayer-Ahuja zum Beispiel. Das sind ja letztendlich eure Chefs. Ist das nicht ein Widerspruch?

Marvin: Es gibt Professoren, z.B. in der Informatik, die das unterzeichnet haben und das tatsächlich aus einer Arbeitgeberlogik machen. Weil sie wissen, das, was die Studis an der Uni als Stundenlohn verdienen, das verdienen die nach zwei Semestern in der freien Wirtschaft. Einige haben den Aufruf aber einfach aus Solidarität unterschrieben, weil sie früher selber solche Jobs gemacht haben. Und die Profs sind ja auch nicht unsere Arbeitgeber. Sie sind zwar unsere unmittelbaren Vorgesetzten, aber wir sind immer noch bei der Stadt angestellt. Spannend wird es, wenn der Konflikt eskaliert. Dann kommt es darauf an, ob aus dem symbolischen Bekenntnis auch praktische Solidarität wird.

Wie wird die Mittelbau-Ini von Professorinnen wahrgenommen?

Eva: Ganz unterschiedlich und je nachdem, in welche Richtung sich die Auseinandersetzungen gerade zuspitzen. Solange sich der Protest gegen den tatsächlichen Arbeitgeber, also die Stadt Hamburg richtet, ist es kein großes Problem. Wenn aber die eigene Arbeitskraft tatsächlich mal nicht zur Verfügung steht, kommt es schon zu Konflikten. Sicher auch, weil Professorinnen selbst oft ein Arbeitspensum von 50, 60 Stunden die Woche haben, verbunden mit einem Arbeitsethos, der jeglicher arbeitsrechtlichen Regulation fern ist.

Die Mittelbau-Ini Hamburg hat an der Jura Fakultät gegen Einsparungen protestiert. Gibt es Fakultäten, an denen ihr es leichter oder wo ihr es schwerer habt, Verbündete zu finden?

Eva: Ich glaube nicht, dass es per se etwas mit der Fachrichtung zu tun hat. Entscheidender ist oft, wie vielen Mehrfachbelastungen die Leute ausgesetzt sind? Gerade jetzt, in der Corona-Krise, sind einige Kolleginnen mit Sorgeverpflichtungen einfach nicht mehr hinterhergekommen. Mit zwei Kids zu Hause im Homeoffice noch seinen Artikel fertig zu schreiben und sich nebenbei zu organisieren, das ist einfach nicht möglich. Das sind wesentlichere Hemmnisse als eine bestimmte Fachrichtung.

Was meint ihr, unterscheidet einen Arbeitskampf an der Uni von einem Arbeitskampf in der Industrie? Gibt es da spezifische Hindernisse, wenn man sich an der Uni organisiert?

Marvin: Das fängt ja damit an, ob es überhaupt eine entsprechende Kultur gibt. Organisierungswille speist sich ja letztlich aus konkreten Erfahrungen. Und die Frage ist: Was ist der Pool an Erfahrungen, den die Leute an der Uni haben? Kommen sie zum Beispiel aus einer Familie, in der es normal ist, in der Gewerkschaft zu sein? Haben sie schon einmal einen Arbeitskampf in einem anderen Arbeitsverhältnis mitgemacht oder in der Schule an einem Bildungsstreik teilgenommen? An deutschen Hochschulen liegt der gewerkschaftliche Organisationsgrad im einstelligen Bereich. Das ist natürlich kein Umfeld, in dem es eine Kultur von Organisierung und Widerständigkeit gibt. Bei VW, wo ich meine Ausbildung gemacht habe, sind um die 90 Prozent der Kolleginnen in der Gewerkschaft. Teilweise haben schon die Eltern bei VW gearbeitet, und die waren auch in der Gewerkschaft. Das war das Normalste der Welt. An der Uni versuchen die Leute eher, Probleme individuell zu lösen.

Ist das im Mittelbau auch so?

Eva: Ja. Ein Problem ist außerdem die Mystifizierung von universitärer Arbeit als reine Selbsterfüllung und besonderes Privileg. Prekäre Arbeitsbedingungen stellen aber kein Privileg dar.

Eine Praxis im Handgemenge zu entwickeln und zu lernen, wie man sich organisieren kann in diesen Berufen, mit denen wir uns vermeintlich so sehr identifizieren – das ist total wichtig.

Wie ist es euch gelungen, euch mit euren Kolleginnen zu vernetzen?

Eva: Wir hatten viele unschöne Auseinandersetzungen an meiner Uni und wollten uns mit anderen Uni-Beschäftigten in Hamburg darüber austauschen. Auf Bundesebene hatte sich gerade das Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft gegründet. Wir wollten die kurzen Wege des Stadtstaats nutzen und sehen, wie wir strukturell etwas ändern können. Wir haben dann zu einem Hamburg-weiten Mittelbautreffen eingeladen. Es sind tatsächlich einige Leute aus den verschiedenen Unis gekommen, und dann haben wir einfach beschlossen, dass es uns jetzt gibt. Das war also nichts, was sich fünf Leute ein Jahr lang im Hinterzimmer überlegt haben. Das erste halbe Jahr war das Treffen dann eher so eine Selbsthilfegruppe, und wir haben uns erstmal Zeit genommen, um uns darin zu bestärken, dass es wichtig ist, dass wir uns organisieren. Heute sind wir in Hamburg und überregional sehr gut vernetzt mit anderen Basisinitiativen, Gewerkschaften und Beschäftigten.

Marvin: Bei uns ist das ein bisschen anders. Wir haben uns im Sommer 2019 zu dritt zusammengefunden, alle aus einem gewerkschaftlichen Umfeld, und einen Neustart von TVStud geplant. Wir haben dann unsere Genossinnen angesprochen und arbeiten jetzt mit Organizing-Ansätzen, was konkret heißt, wir machen Namenslisten. Wir klappern die Leute ab und versuchen, systematisch herauszufinden, wen wir als Mitstreiterin gewinnen könnten und wie gut wir für den angestrebten Arbeitskampf bereits aufgestellt sind. Aktuell versuchen wir, eine Tarifkommission aufzustellen, um im Sommer Verhandlungen zu starten. Dann geht es in die direkte Auseinandersetzung mit der Stadt Hamburg, und wahrscheinlich wird es auch erste Streiks geben.

Ergibt sich aus eurem Engagement auch eine breitere politische Perspektive?

Marvin: Über 50 Prozent der Absolventinnen in Deutschland, die neu auf den Arbeitsmarkt treten, haben einen akademischen Abschluss. Sie haben in der Regel keinen Bezug zu Gewerkschaften oder gar Arbeitskampferfahrungen wie Auszubildende in klassischen Industriebetrieben. Wenn man davon ausgeht, dass eine klassenpolitische Perspektive und Widerständigkeit in der Arbeitswelt sich über Erfahrungen vermittelt, dann ist das ein sehr wichtiger Kampf, den wir hier führen. Und natürlich setzen wir auch der neoliberalen Uni etwas entgegen, weil wir mit ihren Prinzipien brechen, wie Vereinzelung zum Beispiel oder Konkurrenz. Persönlich geht es mir außerdem darum, da Politik zu machen, wo ich auch lebe und arbeite. Weil ich es absurd finde, immer nur reine Diskurspolitik zu machen und Kampagnen zu entwickeln. Und dann zu glauben, dass sich durch solche Diskursverschiebungen die Erfahrungen von Menschen verändern. Das halte ich für Quatsch. Erfahrungen entstehen aus der Praxis, und diese Praxis kann etwa der Streik sein, aber auch die Organisierung an sich. Und das finde ich eine sinnvollere Politik, als irgendwelche Briefe mit steuerpolitischen Forderungen an die Bundeskanzlerin zu schreiben. Bei denen die Leute ja selber nicht mal mehr daran glauben, dass das am Ende umgesetzt wird. Organisierung und politische Praxis sind für mich viel elementarer, wenn es um gesellschaftliche Veränderungen geht. Das kann dann auch ein reformistischer Kampf sein. Aber das ändert nichts daran, dass das Potenzial für weitergehende Kämpfe in der Praxis gewonnen wird.

Eva: Ich sehe das ähnlich. Man muss sich ja nur ansehen, in welchen Jobs Linke so arbeiten. Auch die Linke ist zunehmend akademisiert. Und gleichzeitig sieht man, dass wir sehr wenige Arbeitskämpfe führen. Eine Praxis im Handgemenge zu entwickeln und zu lernen, wie man sich organisieren kann in diesen Berufen, mit denen wir uns vermeintlich so sehr identifizieren, die uns aber trotzdem irgendwie kaputt machen – das ist total wichtig. Auch für andere Bereiche. Mir geht es also nicht in erster Linie darum, die bessere Uni zu machen, sondern um ein größeres gesellschaftspolitisches Projekt.

Lene Kempe

ist Redakteurin bei ak.

Johannes Tesfai

ist ak-Redakteur.