»KI formt Menschen, die reif sind für Autoritarismus«
Nein, die USA sind noch nicht im Faschismus angekommen, sagt der Antifa-Forscher Mark Bray – aber weit ist der Weg nicht mehr
Interview: Fritz Burschel
Vergangenen Herbst rauschte, befeuert von der Trump-Regierung, eine regelrechte Anti-Antifa-Hysterie durch die USA. Mark Bray, den Autor des »Antifa-fascist Handbook«, zwang sie zur Auswanderung. Doch mit Blick auf die neue globale Rechte warnt der Historiker vor falschen historischen Vergleichen. Wie sich die Vorstellungen des Tech-Faschismus von denen früherer Faschisten unterscheiden, und warum die Zwischenwahlen im November die autoritäre Wende beschleunigen könnten, erklärt er im Interview.
Befinden sich die Vereinigten Staaten auf dem Weg zum Faschismus, oder sind sie schon mitten drin?
Mark Bray: Ich würde Ja sagen zu »auf dem Weg«, Nein zu »mitten drin«. Wir haben nicht nur eine einzige Partei, und es ist in den meisten Fällen immer noch legal zu protestieren. Aber seit dem Beginn von Donald Trumps zweiter Amtszeit gibt es Entwicklungen, die deutlich Richtung Faschismus zeigen. Es gab Angriffe auf die Rechte von LGBTQIA+-Personen, Menschen ohne Papiere, Demonstrierenden, Linken, Dissident*innen und die Meinungsfreiheit. Die Einwanderungsbehörde ICE, eine Bundesbehörde, verhält sich wie eine paramilitärische Formation. Ihre Leute sind maskiert, tragen keine Namensschilder, verletzen regelmäßig bürgerliche Freiheits- und Menschenrechte. Sie agieren ohne nennenswerte zivile Kontrolle. Die Gefängnisse für Migrant*innen sind Orte extremer Misshandlung und Rechtlosigkeit, faktisch außerhalb des Rechtssystems, die den dort Internierten systematisch ihre Menschlichkeit nehmen. Wenn man all das zusammennimmt und sich daran erinnert, dass Trump und seine Verbündeten behaupten, die Demokratische Partei sei extremistisch und bestehe aus Terrorist*innen, und dass der einzige Weg, die amerikanische Demokratie zu retten, darin bestehe, sie faktisch zu beenden, dann sieht man, auf welchem Weg wir sind. Aber wir sind noch nicht am Ende dieses Weges angekommen.
Immerhin hatten Sie schon das Gefühl, das Land verlassen zu müssen.
Ja, der Entschluss meiner Familie zu gehen, war eine Reaktion auf Drohungen und darauf, dass unsere Privatadresse online veröffentlicht wurde. Es gibt in diesem Land viele Waffen – und Leute, die solche Drohungen in die Tat umsetzen wollen. Das war nach dem Attentat auf den rechten Podcaster und Führer der ultranationalistischen, christlich-fundamentalistischen Bewegung Turning Point USA, Charlie Kirk, im September, als Trump eine Kampagne gegen Linke und speziell Antifa orchestrierte und sich das Tempo dieser Angriffe von Tag zu Tag beschleunigte. Es schien möglich, dass die Regierung beginnen würde, »linksradikale Rädelsführer*innen« zu verhaften und anzuklagen. Das wollten wir nicht abwarten. Seitdem hat sich die Lage zwar verschlechtert, aber die Regierung hat sich weitgehend von der Antifa abgewendet. Als sie Alex Pretti und Renée Good dämonisierten, als diese in Minneapolis von ICE-Beamten getötet wurden, bezeichneten sie sie direkt als »Terroristen«, ohne das Schreckgespenst »Antifa« aufzurufen. Im Moment hat die Trump-Administration andere Sorgen: Die Kriege in Nahost, die Epstein-Files sind ein großes politisches Thema, die Wirtschaft ist in schlechter Verfassung.
Mark Bray
ist US-Antifa-Experte und Autor des viel zitierten »Antifa: The Anti-fascist Handbook« (2017). Nach der Ermordung des rechtsradikalen Trump-Unterstützers Charlie Kirk war er mit Morddrohungen gegen sich und seine Familie überzogen worden. Nun lehrt der 43-jährige Historiker, Dozent an der Rutgers-Universität in New Jersey, von Spanien aus. Die spanische Geschichte gehört, neben Forschungen zu Radikalismus und Antifa, zu seinen Spezialgebieten.
Dennoch gab es eine Verurteilung zu hohen Gefängnisstrafen zwischen zehn und 60 Jahren und einmal lebenslänglich im Zusammenhang mit Antifa-Protesten vor einem ICE-Gefängnis in Prairieland, Texas, vergangenen Sommer, bei denen auf einen Polizisten geschossen worden war.
Es stimmt, dass die Regierung die neun Verurteilten als Teil einer sogenannten Antifa-Zelle verfolgt. Die Einstufung ihres Falles als Antifa-Fall geschah während des ersten Höhepunkts der Antifa-Kriminalisierung. Seit den Urteilen Mitte März gibt es meines Wissens nichts Neues, was auf weitere Verfolgungen hindeutet. Aber wir leben in unvorhersehbaren Zeiten.
Auch in der US-Außenpolitik steht Antifaschismus im Fokus. Gerade wurde bekannt, dass die Trump-Administration einen internationalen Gipfel zur Bekämpfung »der Antifa« plant. Bereits letzten November stufte Außenminister Marco Rubio »Antifa Ost« als »ausländische terroristische Organisation« ein.
Ich dachte, sie stufen »Antifa Ost« und drei weitere Gruppen in Griechenland und Italien als ausländische terroristische Organisationen ein, um argumentieren zu können, dass sie mit amerikanischen Gruppen in Verbindung stehen, um so heimische Antifa-Gruppen zu »ausländischen terroristischen Organisationen« erklären zu können. In den USA gibt es keinen rechtlichen Mechanismus, um inländische Organisationen zu terroristischen Organisationen zu erklären. Eine Exekutivverordnung hierzu, wie Trump sie im September erlassen hat, hat keine rechtliche Bedeutung. Sie haben bisher den Schritt nicht unternommen, den ich für den nächsten gehalten hätte, nämlich zu behaupten, dass eine Gruppe in New York City oder Portland in irgendeiner Weise mit dieser Gruppe in Deutschland oder jener in Italien verbunden sei. Ja, es könnte sich herausstellen, dass das langfristig mehr Auswirkungen auf Europa als auf die USA hat.
Wenn sich die politische Krise verschärft, könnte Trump Soldaten in die Städte schicken, vielleicht kommt es auch zu einem Terroranschlag. Das könnte dann ein Vorwand sein, die Midterms abzublasen.
Mark Bray
Sie warnen vor unhistorischen Vergleichen, etwa zwischen Deutschland 1933 und den USA heute. Warum?
Es gibt Leute, die fast so weit gehen zu sagen, Geschichte wiederhole sich, und wir befänden uns in derselben Situation wie 1933 in der Weimarer Republik. Das ist offensichtlich nicht wahr. Andere sagen, dass ein Vergleich gar nicht möglich sei. Das stimmt auch nicht. Der Historiker in mir steht einfachen Vergleichen skeptisch gegenüber. Es gibt eine rechte Politik, die in vielen Ländern an Boden gewinnt, die ultranationalistisch ist und letztlich unter dem Deckmantel der Demokratie eben diese Demokratie zerstören oder einschränken will. Trump und seine Anhänger*innen halten die Rhetorik der Demokratie aufrecht, auch wenn sie diese massiv untergraben. Diese rhetorische Affirmation des demokratischen Prozesses seitens der Rechten ist viel stärker als damals, das ist ein bedeutender Unterschied. Es gibt noch zahlreiche weitere Unterschiede, die Existenz sozialer Medien zum Beispiel, die Rolle von Gewalt…
Gibt es Risse in der MAGA-Bewegung, die sich auf die Midterms, die Zwischenwahlen im November, auswirken könnten?
Ja, es gibt innerhalb von MAGA viele Spaltungen. Eine neue Fraktion der Republikaner etwa, die explizit antisemitisch ist, greift die Unterstützung des Präsidenten für Israel an. Es gibt auch Anzeichen von Widerstand aus paläokonservativer (1) Perspektive, die Trumps Politik kritisieren. Trump hat ja mit »keine Kriege« und »America First« Wahlkampf gemacht, aber jetzt zieht er die USA in einen Abgrund militärischer Interventionen. Es gibt also Spaltungen und Konflikte. In einigen eher demokratisch geprägten Bundesstaaten gibt es sogar republikanische Politiker*innen, die sich von Trump zu distanzieren beginnen, um überhaupt wettbewerbsfähig zu bleiben. Was die Midterms angeht, ist es möglich, dass sich die politische Krise verschärft, dass Trump Soldaten in verschiedene Städte schickt, dass es tatsächlich zu einem Terroranschlag als Reaktion auf den Iran-Krieg kommt, wer weiß? Das könnte dann ein Vorwand sein, die Midterms abzublasen – wahrscheinlich würde man es als Verschiebung der Wahlen formulieren. Ich könnte mir hypothetisch vorstellen, dass die Wahlen in einigen Bundesstaaten vielleicht gestoppt werden, während andere weitermachen. Es könnte ein chaotisches Durcheinander entstehen und ein Wendepunkt auf dem Weg zum Faschismus werden.
Der deutsche Internet-Ethiker Reiner Mühlhoff spricht in seinem Buch »Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus« von einem kommenden »KI-Faschismus«.
Es gab letztes Jahr einen hervorragenden Artikel von Naomi Klein und Astra Taylor zum »Endzeitfaschismus«. (2) Ich finde, sie bringen die Gefahr sehr gut auf den Punkt. Elemente des Transhumanismus, der die Menschheit durch technische Optimierung, etwa per KI, über ihre Grenzen hinaus treiben will, und des Longterminismus, der die heutige Menschheit zugunsten einer höheren menschlichen oder transmenschlichen Lebensform in der Zukunft zu opfern bereit ist, Katastrophenvorstellungen und Eugenik – ich weiß nicht, ob Ideologie das richtige Wort ist – schwingen auch in den Epstein-Files mit, unter diesen elitären Männern. Als Gegenreaktion auf die Sprache der Gleichberechtigung, die aus der Bürgerrechtsbewegung und der feministischen Bewegung in den USA hervorging, wollen diese Männer die Endzeit gewissermaßen beschleunigen, um die angeblich schwierigen Entscheidungen zu rechtfertigen, wenn es darum geht, die menschliche Bevölkerung zu dezimieren und das Überleben einer Schlüsselgruppe zu fördern. KI spielt da eine Rolle. In der kapitalistischen Form, in der diese Technologie entsteht, gibt es den Imperativ, dass Menschen ihren Verstand an eine denkende Maschine auslagern. Das gefährdet die Entwicklung menschlichen Denkens. Ich habe zwei kleine Kinder, und das hat mich fast schon paranoid gemacht, die beiden im Auge zu behalten, um sicherzustellen, dass sie das Lesen und Schreiben schätzen lernen. Denn ich sehe in meinen Seminarräumen, dass durch KI eine Gesellschaft von Menschen entsteht, die reif ist für Autoritarismus.
Anmerkungen:
1) Der Begriff »paläokonservativ« stammt aus den 1930er/1940er Jahren und bezeichnet die reaktionäre Opposition zur New-Deal-Politik von Präsident Roosevelt. Ihre wichtigsten Merkmale waren Tradition, Minimalstaatlichkeit und Antikommunismus. Heute stehen Paläokonservative besonders gegen eine interventionistische US-Außen- und für eine protektionistische Wirtschaftspolitik.
2) The rise of end times fascism, in: The Guardian, 13. April 2025.