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Eine andere Welt war möglich

Die G8-Proteste in Genua 2001 hinterließen eine Wunde in der europäischen Linken – aber auch ein Repertoire an basisdemokratischer Organisierung

Von Anna Irma Battino

Wandbild am Bethaniendamm von Carlo Giulianis Gesicht. Darüber steht geschrieben "Carlo Vive", daneben eine Beschreibung dessen, wie er ermordet wurde.
An den in Genua ermordeten Carlo Giuliani erinnern heute noch viele Wandbilder in Europa – wie hier in Berlin. Foto: Montecruz Foto / Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0

Für eine Generation von Menschen in Europa wird Genua immer mit dem Juli 2001 verbunden bleiben. Nicht nur aufgrund der Ereignisse, die sich in den Straßen der italienischen Küstenstadt abspielten, sondern auch, weil sich in jenen Tagen der Proteste viele der Spannungen abzeichneten, die die darauffolgenden 25 Jahre bestimmen sollten: die Globalisierung und ihre Gewinner, die Krise der politischen Repräsentation, die sicherheitspolitische Vereinnahmung des öffentlichen Raums, das zunehmend angespannte Verhältnis zwischen Demokratie und öffentlicher Ordnung – und die Schwierigkeit der institutionellen Linken, sich mit Phänomenen auseinanderzusetzen, die über nationale Grenzen hinausgehen.

Aus diesem Grund entzieht sich der G8-Gipfel von Genua auch ein Vierteljahrhundert später weiterhin jeder eindeutigen Definition. Die Proteste waren der Höhepunkt der Globalisierungskritik, aber auch der Moment, in dem eine politische Subjektivität voll sichtbar wurde – eine, die sich seit den Protesten gegen die Welthandelsorganisation in Seattle 1999 langsam zu einem organisierten und transnationalen Geflecht aus Bewegungen, sozialen Netzen, Kommunikations- und Konfliktformen entwickelt hatte. Keine bloße kritische Gegenbewegung zur neoliberalen Globalisierung, auch kein Ableger der traditionellen Linken, sondern ein autonomes Feld, das in der Lage war, eigene Vorstellungen und Organisationsformen zu entwickeln. Aus diesem Grund war Genua auch der Ort und Moment, an dem ein tiefer Bruch mit der etablierten Linken vollzogen wurde: Denn diese Bewegung forderte nicht bloß Repräsentation, sondern stellte die Codes der politischen Vermittlung und Organisierung selbst in Frage.

Transnationale Opposition

Um zu verstehen, was in Genua geschah, muss man sich von einem der größten Irrtümer befreien, die in den darauffolgenden Jahren entstanden sind: der Annahme, dass der G8-Gipfel im Wesentlichen ein italienisches Ereignis war, während er in Wirklichkeit der Höhepunkt eines globalen Prozesses war, der sich über mindestens ein Jahrzehnt erstreckte.

Dem vorausgegangen waren der Zapatista-Aufstand in Chiapas, die französischen Streikmobilisierungen von 1995, die Gründung von Attac, die vom Bündnis La Via Campesina aufgebauten transnationalen Netzwerke, die Proteste in Seattle im Jahr 1999 und das erste Weltsozialforum in Porto Alegre im Januar 2001. Doch es gab auch eine eindeutig italienische Besonderheit: Die centri sociali, die sozialen Zentren, waren weitverbreitete und gesellschaftlich tief verwurzelte Räume, die aus geteilten Sehnsüchten und Bedürfnissen entstanden und gewachsen waren, fähig, kulturelle Produktion, Fürsorge, sozialen Konflikt, kommunikative Experimente und territoriale Präsenz miteinander zu verbinden. Aus diesem Gefüge schöpfte auch die Bewegung, die nach Genua kam, einen entscheidenden Teil ihrer Stärke.

25 Jahre später sind die Bilder noch präsent, aber der Kontext verblasst.

Zum ersten Mal seit dem Ende des Kalten Krieges versuchte eine Konstellation sehr unterschiedlicher Akteure, eine internationale Opposition gegen die nach 1989 entstandene neoliberale Ordnung aufzubauen. Gewerkschaften, Umweltorganisationen, Bäuer*innenbewegungen, katholische Vereinigungen, feministische Netzwerke, soziale Zentren, NGOs und Menschenrechtsgruppen teilten eine gemeinsame Überzeugung: dass die Globalisierung weder eine Naturgewalt noch ein unvermeidliches Schicksal sei.

Als im Juli 2001 Hunderttausende Menschen in Genua eintrafen, protestierten sie nicht nur gegen den Gipfel der Weltmächte. Sie versuchten, einer anderen Vorstellung von Gesellschaft politische Gestalt zu verleihen. Der Slogan »Eine andere Welt ist möglich« steht nicht für ein vages utopisches Streben, er steht für eine konkrete gemeinsame Analyse. Die Finanzialisierung der Wirtschaft, die zunehmende Ungleichheit, die Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen, die Prekarisierung der Arbeit, die Zerstörung der Umwelt – all diese Dinge wurden damals bereits als die großen Widersprüche des neuen Jahrhunderts erkannt.

Das Laboratorium

25 Jahre später sind die Bilder noch präsent, aber der Kontext verblasst. Der Leichnam von Carlo Giuliani auf der Piazza Alimonda, die verletzten Gesichter aus der Diaz-Schule, die Berichte über Folter in Bolzaneto, das Tränengas, das das Stadtzentrum in ein Schlachtfeld verwandelte. Bilder, die ins kollektive Gedächtnis einer Generation eingeprägt sind und weiterhin eine offene Wunde in der Geschichte Italiens darstellen.

Die Ermordung von Carlo Giuliani

Während der Proteste gegen den Gipfel der G8-Regierungschefs befindet sich Genua im Ausnahmezustand – Straßenschlachten, ein Aufgebot von 20.000 Polizist*innen, Sperren, Zäune in der ganzen Stadt – und massive Gewalt gegen die Protestierenden durch Schlagstöcke, Tränengas und Wasserwerfer. Am 20. Juli 2001, dem dritten Tag der Proteste, kommt es auf der Piazza Gaetano Alimonda erneut zu Ausschreitungen zwischen Demonstrierenden und der Polizei. Eine Kugel, abgefeuert aus einem Wagen der italienischen Carabinieri, trifft den damals 23-jährigen italienischen Studenten Carlo Giuliani in den Kopf. Er fällt zu Boden und wird zweimal vom Polizeijeep überrollt. Die genauen Todesumstände werden noch lange diskutiert. Linke Bewegungen und Medien versuchen noch Jahre danach, den Vorfall zu rekonstruieren und den widersprüchlichen Darstellungen der Polizei und des Staates etwas entgegenzustellen. Das Verfahren gegen den mutmaßlichen Täter wird 2003 eingestellt. Für seine Ermordung wurde bis heute niemand zur Verantwortung gezogen. Seinen Fall beleuchten unter anderem die Graphic Novel »Carlo Vive – G8, Genua 2001« (2016) von Francesco Barilli und Manuel de Carli sowie der Film »Carlo Giuliano, ragazzo« von Francesca Comencini (2002).

Doch die Proteste markierten auch den Beginn eines politischen Prozesses, der sich bereits abzuzeichnen begonnen hatte. Diese Tage können als ein riesiges Laboratorium basisdemokratischer Organisierung verstanden werden. Man denke an militante Bewegungen wie die Tute Bianche und später an die Disobbedienti, an ihre Fähigkeit, eine Form der Straßenpolitik zu schaffen, die Konflikt, Kommunikation, das Eingehen von Risiken und symbolisches Experimentieren miteinander verband: ein Repertoire, das, obwohl es sich im Laufe der Zeit wandelte, Spuren in den Mobilisierungen der folgenden Jahre hinterlassen sollte.

Genua war ein Moment, in dem eine Generation versuchte, eine politische Antwort auf die neoliberale Globalisierung zu entwickeln. Und es war vielleicht der letzte Moment, in dem linke Bewegungen versuchten, sich eine wirkliche, gemeinsame globale Perspektive vorzustellen, bevor das 21. Jahrhundert eine andere Richtung einschlug. Aus diesem Grund muss auch mit der Erzählung gebrochen werden, dass die Bewegung in Genua einfach besiegt wurde. Der entscheidende Bruch erfolgte erst einige Wochen später, mit den Anschlägen auf die Twin Towers und dem Beginn der Ära des permanenten globalen Krieges. Ohne den 11. September würden wir heute vielleicht eine andere Geschichte erzählen: nicht die einer Bewegung, die auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs unterbrochen wurde, sondern die einer transnationalen Subjektivität, die in der Lage ist, das Feld der Weltpolitik neu zu gestalten.

Ära der globalen Sicherheitspolitik

Die Bewegung, die nach Genua kommen sollte, entstand in einem bestimmten politischen Klima: Die Sowjetunion war zehn Jahre zuvor zusammengebrochen. Die USA befanden sich auf dem Zenit ihrer politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Hegemonie. Die Globalisierung wurde als unvermeidlicher Prozess dargestellt. In Europa schien die Ära des »Dritten Weges« den Konflikt zwischen Kapitalismus und Sozialdemokratie endgültig ad acta gelegt zu haben. Tony Blair regierte im Vereinigten Königreich, Gerhard Schröder in Deutschland, und bis knapp drei Jahre zuvor hatte auch Italien mit Romano Prodi seinen ersten Ministerpräsidenten aus der postkommunistischen Linken gehabt. Die europäische Linke hatte, von wenigen Ausnahmen abgesehen, aufgehört, über eine Umgestaltung des Systems nachzudenken, und konzentrierte sich darauf, mit diesem umzugehen.

Rückblickend erscheint Genua als Übergang zwischen zwei Epochen. Einerseits neigte sich die nach 1989 eingeleitete Ära dem Ende zu. Andererseits begann das, was nach dem 11. September als Ära der globalen Sicherheitspolitik definiert werden sollte. Weniger als zwei Monate trennen den G8-Gipfel von den Anschlägen auf die Twin Towers. In diesem kurzen Zeitraum vollzog sich eine radikale Verschiebung der globalen politischen Agenda. Die Kritik an der Globalisierung geriet durch den »Krieg gegen den Terror« in den Hintergrund. Fragen der globalen Gerechtigkeit wichen Fragen der »Sicherheit«. Genua war in diesem Kontext auch ein Testfeld für staatliche Apparate. Viele der Instrumente, die in den folgenden Jahren den Umgang mit Dissens prägen sollten, zeigten sich in jenen Tagen deutlich: die Militarisierung des städtischen Raums, rote Zonen, die zentrale Rolle präventiver Geheimdienstarbeit und die Vorstellung, dass die Einschränkung von Grundrechten mit »Sicherheit« gerechtfertigt werden kann.

Viele der von der globalisierungskritischen Bewegung ausgearbeiteten Analysen sollten sich als richtig erweisen. Die Finanzkrise von 2008, die zunehmende Ungleichheit, der Klimanotstand, die Konzentration von Reichtum, die Macht digitaler Plattformen – all dies sollte jene Probleme bestätigen, die die Bewegung schon Jahre zuvor erkannt hatte. Was sich allerdings nicht verwirklichte, war der nächste Schritt: Den Organisationen der radikalen Linken gelang es nicht, die außergewöhnliche Energie, die sich zwischen Seattle, Porto Alegre und Genua angesammelt hatte, in ein nachhaltiges politisches Projekt umzusetzen.

Fünfundzwanzig Jahre später liegt die vielleicht tiefste Bedeutung von Genua genau in diesem Widerspruch. Die Fragen, die damals über den Plätzen schwebten, sind nach wie vor präsent. Die Klimakrise, prekäre Arbeitsverhältnisse, Migration, die Rolle der großen Tech-Konzerne, das Verhältnis zwischen Demokratie und globaler Finanzwelt – all dies prägt weiterhin unsere Zeit. Was verschwunden ist, ist der Versuch, sie innerhalb eines einzigen politischen Rahmens auf globaler Ebene anzugehen. Deshalb bleibt Genua eine offene Geschichte. Nicht nur wegen der Spuren, die die Ereignisse hinterlassen haben. Nicht nur wegen der Erinnerung an die Repression. Sondern weil es einen der letzten Momente darstellt, in denen Hunderttausende Menschen versuchten, sich in einem gemeinsamen Rahmen gegen die neoliberale Ordnung zu stellen.

Noch interessanter als die Frage, ob diese Bewegung richtig oder falsch war, ist aus heutiger Sicht: Wie hätten Europa und die Linke sich entwickelt, wenn diese Fragen eine politische Antwort gefunden hätten, die ihrem Anspruch gerecht geworden wäre?

Anna Irma Battino

ist freie Journalistin und schreibt unter anderem über Palästina, Lateinamerika, Kurdistan und Venedig. Ihre Artikel erscheinen bei il manifesto, Limes, Jacobin Italia und anderen unabhängigen Medien. Neben internationaler Politik interessiert sie sich für Storytelling im Film.

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