analyse & kritik

Zeitung für linke Debatte & Praxis

0

|ak 727 | Feminismus

Gezähmte Frauenhäuser

Gewaltschutz muss wieder politisch werden – ein Zwischenruf anlässlich 50 Jahre autonome Frauenhäuser

Von Netzwerk »Gewaltschutz Jetzt!«

Das erste Frauenhaus Deutschlands, das 1976 in West-Berlin eröffnet wurde. Collage: Fleur Nehls. Foto vom Frauenhaus: Sören Bott / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0. Foto der Tafel: OTFW Berlin/ Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Im November 1976 eröffnete in Berlin-Grunewald das erste autonome Frauenhaus Deutschlands. Seit jeher stehen autonome Frauenhäuser nicht nur für unmittelbaren Gewaltschutz, sondern stellen die Selbstbestimmung der Betroffenen in den Mittelpunkt. Heute, 50 Jahre später, drohen sich Frauenhäuser zu rein karitativen Einrichtungen zu entwickeln, deren autonome, feministische Grundsätze lediglich als folkloristische Anekdoten vergangener Zeiten anklingen.

Wir sind Mitarbeiter*innen autonomer Frauenhäuser in Berlin und fühlen uns den Ursprüngen der autonomen Frauenhausbewegung eng verbunden: Autonome Frauenhäuser sind in den 1970er Jahren als Gegenprojekte zum patriarchalen Staat entstanden. Ihre Gründerinnen gehörten einer feministischen Bewegung an, die Partnerschaftsgewalt als gesamtgesellschaftliches Problem sichtbar machen und mit Frauenhäusern Orte schaffen wollte, an denen Frauen ein selbstbestimmtes Leben aufbauen konnten. Sie verstanden die Frauenhausarbeit als politisch und hatten das Ziel, strukturelle Gewaltverhältnisse zu beenden.

Weil sie den Staat als an sich patriarchal definierten, verstanden die Mitarbeiterinnen der autonomen Frauenhäuser auch seine Institutionen als unreformierbar patriarchal und lehnten eine Zusammenarbeit lange Zeit kategorisch ab – man wollte schließlich nicht als »Erfüllungsgehilfinnen des Patriarchats« (Ute Straub beim bundesweiten Frauenhaustreffen 1992 in Heidelberg) arbeiten. Das Konzept der autonomen Frauenhausarbeit wurde konträr zur klassischen sozialen Arbeit konzeptualisiert – etwa, indem die geteilte Lebensrealität als Frauen als Grundlage der gemeinsamen Arbeit festgelegt wurde. Prinzipien wie Parteilichkeit, Partizipation, Basisdemokratie oder der Grundsatz »Hilfe zur Selbsthilfe« wurden als Leitlinien der eigenen Arbeit bestimmt.

Professionalisierungsdruck

Nicht lange nach der Gründung der ersten autonomen Frauenhäuser zogen die freien Wohlfahrtsverbände nach und eröffneten ebenfalls Frauenhäuser. Ihr selbsterklärtes Ziel war es, den »Einfluß der Autonomen Frauenhäuser in der Öffentlichkeit und in den Ministerien einzuschränken« (Gründungserklärung der Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Frauen- und Kinderschutzhäuser, 1981). Anders als die autonomen Frauenhäuser prangerten die Wohlfahrtsverbände nicht das patriarchale Gesamtsystem an, sondern verstanden Partnerschaftsgewalt als individuelles Problem und wollten gemeinsam mit Männern und Staat die Familie stärken, um interpersonelle Gewalt abzubauen. Das brachte autonome Frauenhäuser in Schwierigkeiten: Staatliche Förderung wurde bevorzugt an systemerhaltende Projekte gegeben.

Innerhalb dieser Gemengelage sahen sich autonome Frauenhäuser einem Professionalisierungs- und Anpassungsdruck ausgesetzt. Nach außen hin musste vermittelt werden, die Frauenhausarbeit sei nicht mehr als karitative Arbeit für notleidende Frauen. Dieser Druck veränderte auch die Arbeit nach innen und ließ autonome Frauenhäuser zu professionalisierten, teils sogar hierarchisch organisierten Institutionen werden, in denen die politischen Ideale der Anfangszeiten immer mehr in Vergessenheit gerieten. Und es wurde deutlich, dass autonome Frauenhäuser ohnehin nie frei von informellen Hierarchien und Diskriminierung waren: Nicht selten schrieben Mitarbeiterinnen die von migrantischen Frauen erlebte Gewalt deren vermeintlich rückständiger und aggressiver Kultur zu oder wiesen ihnen lediglich Putzdienste zu, anstatt sie verantwortungsvollere Aufgaben im Frauenhaus übernehmen zu lassen. Trans Frauen werden in manchen Frauenhäusern bis heute nicht aufgenommen.

Das Gewalthilfegesetz

Das Anfang 2025 verabschiedete Gewalthilfegesetz sieht ab 2032 einen Rechtsanspruch auf kostenlosen Schutz und kostenlose Beratung für gewaltbetroffene Frauen und ihre Kinder vor. Die CDU hat bei den Verhandlungen durchgesetzt, dass das Gesetz nur für Frauen gilt – während durch Studien belegt ist, dass geschlechtsspezifische Gewalt insbesondere auch trans, inter und nicht-binäre Personen trifft. Nun sind die Bundesländer verpflichtet, so viele Beratungsstellen und Frauenhäuser bereitzustellen, dass jede gewaltbetroffene Frau mit ihren Kindern einen Schutzplatz oder eine Beratung bekommen kann. Für diesen Ausbau stellt der Bund ab nächstem Jahr Geld zur Verfügung.

Der Anpassungsdruck ließ autonome Frauenhäuser zu professionalisierten, teils sogar hierarchisch organisierten Institutionen werden, in denen die politischen Ideale der Anfangszeiten immer mehr in Vergessenheit gerieten.

Zu Anfang haben auch wir uns erst mal gefreut: endlich mehr Schutzplätze, mehr Beratung, und endlich die flächendeckende, einheitliche staatliche Finanzierung. Doch der Ausbau des Gewalthilfesystems unter großem Zeitdruck und staatlicher Regie birgt die Gefahr, dass Antigewaltstrukturen noch weiter entpolitisiert werden. Die Wohlfahrtsverbände stehen schon bereit, neue Einrichtungen aufzubauen. Sie haben große administrative Apparate, mit denen sie schnell Projektanträge stellen und Personal gewinnen können. Kleine feministische Initiativen wie die Trägervereine unserer Frauenhäuser können das nicht. Zwar hat sich das Gewaltverständnis in den Wohlfahrtsverbänden in den letzten Jahrzehnten verändert – Gewalt wird auch hier nicht mehr als ausschließlich individuelles Problem, sondern als strukturelles verstanden –, doch Wohlfahrtsverbände wollen die Gesellschaftsordnung nicht grundlegend angreifen, sondern reformieren. Und es könnte sogar noch schlimmer kommen: In Berlin sollen auch profitorientierte Träger Einrichtungen der Gewalthilfe betreiben können.

Wie staatskritisch arbeiten?

Als autonome Frauenhäuser befinden wir uns schon lange in einem Dilemma: Wir brauchen Geld vom Staat, um die Häuser finanzieren zu können. Diese Finanzierung macht uns abhängig, wir müssen uns an staatliche Vorgaben halten und sind dem Staat rechenschaftspflichtig. Gleichzeitig wissen wir, dass geschlechtsspezifische Gewalt kein Widerspruch zum bürgerlich-kapitalistischen Staat, sondern vielmehr in ihn eingeschrieben ist – denn der wirtschaftliche Erfolg dieses Staates beruht auf geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung, in der unbezahlte Reproduktionsarbeit mehrheitlich von Frauen erbracht wird. Es ist im Interesse des Staates und seiner Institutionen, diese Gesellschaftsordnung zu schützen. Die dafür notwendige ideologische Grundlage der angeblich natürlichen Unterlegenheit der Frau begünstigt geschlechtsspezifische Gewalt. Solange wir den Kapitalismus nicht abschaffen, wird Gewalt als Folge von ungleichen Machtverhältnissen vorherrschen.

In diesem Dilemma hilft uns eine Perspektive des Sowohl-als-auch. Wir müssen anerkennen, dass dieser Staat kein Interesse daran hat, Gewalt zu beenden und eine Gesellschaft zu schaffen, in der alle Menschen selbstbestimmt und frei von Gewalt leben können. Trotzdem sollten wir in der Antigewaltarbeit die Möglichkeiten nutzen, die der Staat bietet, auf eine solche Gesellschaft hinzuarbeiten.

Das entbindet uns aber nicht von der Verantwortung, der Entpolitisierung unserer Arbeit aktiv entgegenzuwirken. Wie kann das gelingen, wenn bereits jetzt alle an der oder über die Belastungsgrenze hinaus arbeiten? Wenn der Bürokratieaufwand und die unsichere und kleinteilige Finanzierung alle Ressourcen fressen und schlicht keine Zeit bleibt, sich über den Tellerrand des Tagesgeschäfts hinaus zu organisieren und zu engagieren? Wir müssen uns mehr Raum nehmen, um uns an unseren eigenen Ansprüchen zu messen, unsere Verwobenheit mit dem Staat und seinen Institutionen zu reflektieren und über Alternativen nachzudenken.

Dazu gehört zum Beispiel, uns ablehnend gegenüber strafrechtsfeministischen Maßnahmen wie der elektronischen Fußfessel zu positionieren, die uns aktuell als Allheilmittel gegen jedwede Gewalt verkauft werden. Dabei sollten wir vor internen Auseinandersetzungen und möglichen Brüchen nicht zurückschrecken, nur um den Schein einer vermeintlichen Einigkeit zu wahren. Und wir dürfen uns nicht solidarischer Kritik aus der (queer-)feministischen Bewegung versperren, wir sollten sie im Gegenteil aktiv einholen.

Einen möglichen Ansatz probieren wir gerade in Berlin aus: Ziel ist es, die Antigewaltarbeit wieder stärker mit der linken, feministischen Bewegung zu verbinden. So wie die ersten autonomen Frauenhäuser aus der Bewegung heraus entstanden sind, müssen wir uns heute darum bemühen, die Kluft zu schließen, die in den Jahrzehnten der Professionalisierung wuchs. Das ist kein einfaches Unterfangen. Im Gegenteil: Es braucht Zeit und Räume, um Vertrauen aufzubauen und um Strategien und Utopien zu entwickeln, wie staatlich unabhängige, revolutionäre Antigewaltarbeit aussehen kann.

Um zu überlegen, wie die Betroffenen mithilfe einer unterstützenden Nachbarschaft gar nicht erst in die Anonymität des Frauenhauses abtauchen müssten, sondern ohne die Angst erneuter Eskalationen in ihren Wohnungen verbleiben könnten. Oder wie Täter zu tatsächlicher Verantwortungsübernahme gelangen, die für Betroffene oft viel bedeutsamer ist als die reine Bestrafung. Weiter könnten wir an einer Gewaltdefinition arbeiten, die nicht nur interpersonelle Gewalt zentriert, sondern jegliche im bürgerlich-kapitalistischen Staat angelegte Gewalt mitdenkt. Langfristig entsteht, so unsere Hoffnung, eine Vernetzung, die auch in Zeiten zunehmender antifeministischer Angriffe und Faschisierung der Gesellschaft stabil und verlässlich bleibt.

Netzwerk »Gewaltschutz Jetzt!«

ist ein Zusammenschluss von Mitarbeiter*innen im Gewaltschutzbereich und Aktiven aus der linken, feministischen Bewegung in Berlin. Ziel ist die Verbindung gemeinsamer Kämpfe und die Entwicklung emanzipatorischer Perspektiven auf geschlechtsspezifische Gewalt. Kontakt: gewaltschutzjetzt@protonmail.com.

Unterstütz unsere Arbeit mit einem Abo

Yes, du hast bis zum Ende gelesen! Wenn dir das öfter passiert, dann ist vielleicht ein Abo was für dich? Wir finanzieren unsere Arbeit nahezu komplett durch Abos – so stellen wir sicher, dass wir unabhängig bleiben. Mit einem ak-Jahresabo (ab 64 Euro, Sozialpreis 42 Euro) liest du jeden Monat auf 32 Seiten das wichtigste aus linker Debatte und Praxis weltweit. Du kannst ak mit einem Förderabo unterstützen.

Keine Abos, keine ak

Viele unserer Artikel kannst du auch ohne Abo lesen. Das ist Absicht. Aber: Wir können nicht ohne Abos überleben.

Linke Medien zu machen, kostet Geld. Wir haben keine reichen Financiers und keine großen Anzeigenkund*innen. ak arbeitet komplett unabhängig, und das soll auch so bleiben. Deshalb brauchen wir dich.

Was kannst du tun?

Linke Medien sind unverzichtbar. Dein Abo macht ak möglich.

Alles klar, ich bin dabei!