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|ak 726 | Wirtschaft & Soziales

Die fossile Falle der Landwirtschaft

Abhängigkeit von Öl, Gas und Dünger: Während Agrarkonzerne Übergewinne machen, droht die nächste Welthungerkrise

Von Eva Gelinsky

Ein Trecker auf einem Feld.
In Reih und Glied und mit hohem Düngeeinsatz: So funktioniert sie, die industrielle Landwirtschaft. Foto: James Baltz / Unsplash

Die Straße von Hormus ist eine zentrale Transitroute für den globalen Handel mit Düngemitteln. Rund ein Drittel der weltweiten Düngemitteltransporte passieren diese Meerenge. Die Golfregion ist darüber hinaus auch aufgrund ihrer großen Erdgasvorkommen ein Zentrum der Düngerproduktion. Vertrieb, Produktion und Verkauf von synthetischen Düngemitteln sind durch den Krieg gleich mehrfach betroffen: durch die Störungen des Transports, den Ausfall von Produktionsstätten und die gestiegenen Energiepreise für Öl und Gas; die Herstellung von Düngemitteln ist enorm energieintensiv. Während die wenigen globalen Düngemittelkonzerne (erneut) »Übergewinne« verzeichnen, wächst die Angst vor einer weiteren globalen Agrarkrise. Explodierende Kraftstoff- und Düngemittelpreise gab es zuletzt nach der russischen Großinvasion in die Ukraine (2022). 

Die Blockade der Straße von Hormus bezeichnete David Miliband, Leiter des International Rescue Committee, Anfang April als eine »Zeitbombe für die Ernährungssicherheit«: »Das Zeitfenster, um eine massive weltweite Hungerkrise abzuwenden, schließt sich rasch.« Auch die Welthandelsorganisation betonte, »Düngemittel sind heute das Thema Nummer eins«, während das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen erklärte, dass die Gesamtzahl der Menschen, die unter akutem Hunger leiden, in diesem Jahr Rekordzahlen erreichen könnte, sollte der Krieg noch länger andauern. 

Die Blockade der Straße von Hormus ist eine Zeitbombe für die Ernährungssicherheit.

David Miliband

Etwa die Hälfte der globalen Nahrungsmittelproduktion hängt von synthetischem Stickstoffdünger ab. In einem von konventioneller Landwirtschaft geprägten System drohen die Erträge nun zu sinken – insbesondere dort, wo sich Landwirt*innen die Inputs nicht mehr leisten können und staatliche Unterstützung fehlt. Der Krieg im Nahen Osten könnte damit eine weitere Nahrungsmittelpreiskrise auslösen und die Zahl der Hungernden in die Höhe treiben. Die Aussichten für die Welternährung sind also mehr als düster (siehe ak 683), auch weil die sich beschleunigende Klimakrise zusätzlich zu Ernteausfällen führen dürfte.

Ein wichtiges Mittel, um das Welternährungssystem resilienter zu machen, bestünde darin, seine Abhängigkeit von fossiler Energie zu reduzieren (siehe ak 700). Als wirksame Alternative zu synthetischen Düngemitteln werden daher einmal mehr Umsetzung und Förderung agrarökologischer Ansätze gefordert. Unzählige Fallbeispiele weltweit zeigen, dass sich mit agrarökologischen Methoden der Bedarf an synthetischen Düngemitteln und Pestiziden deutlich senken ließe. Dies verbessert nicht nur die Boden- und Wasserqualität; wenn Biodiversität und Bodenfruchtbarkeit zunehmen, stabilisiert sich oft auch die Versorgungslage. Warum aber werden Lösungsansätze, die die Abhängigkeit externer, oft fossiler Inputs verringern und damit die Krisenresistenz stärken könnten, nicht längst stärker gefördert? Die verbreitete Antwort auf diese Frage lautet: »Die Abhängigkeit unserer Ernährungssysteme von fossilen Brennstoffen ist kein Zufall, sondern extrem profitabel für den Öl- und Gassektor – und deshalb auch politisch gewollt.«

Vom Kapitalismus durchdrungen

Das globale Ernährungssystem ist allerdings nicht deshalb abhängig von fossilen Inputs, weil das einigen Konzernen hohe Profite verspricht. Die Abhängigkeit verweist vielmehr darauf, dass die landwirtschaftliche Produktion dem kapitalistischen Allgemeininteresse nach Wachstum längst untergeordnet wurde. In vielen Teilen der Welt gelang es spätestens ab den 1950er Jahren, die energetische Basis der Landwirtschaft grundlegend umzustellen – von erneuerbarer zu fossiler Energie. Damit ließen sich sowohl die agrarische Produktion als auch die Produktivität der Landwirtschaft enorm steigern. Nahrungsmittel wurden billiger, und genau darin bestand und besteht das politische (und ökonomische) Ziel. (1) 

Damit zusammenhängend wurde die Landwirtschaft marktförmig (2) organisiert. Weil aber sowohl »Natur« (Pflanzen, Tiere, Boden) als auch landwirtschaftliche Arbeitsprozesse der kapitalistischen Verwertung Grenzen setzten, wurden immer mehr Produktionsprozesse, die bisher in die bäuerliche Familienökonomie eingebettet waren, in spezialisierte, der bäuerlichen Wirtschaft vor- und nachgelagerte Produktions- und Dienstleistungszweige ausgelagert. Hier kommen die Konzerne ins Spiel, die die heute unentbehrlichen (oft fossilen) Inputs liefern: Düngemittel, Pestizide, Landmaschinen, Agrartechnik. Werden die landwirtschaftlichen Produkte auf dem Markt verkauft, wirkt dies auf die Produktion zurück, zum Beispiel durch bestimmte Standards, die Verarbeitung und Handel den Produzierenden auferlegen. Auch deshalb sind die (fossilen) Inputs so wichtig geworden für die Betriebe; damit versuchen sie nicht nur, so viel zu produzieren, dass sie finanziell über die Runden kommen; sie nutzen sie auch, um die Produktion entsprechend den Standards anzupassen. Weil die Agrarproduktion heute so weitreichend in den Markt integriert ist, sind ihre Produkte auch den dort herrschenden Preismechanismen unterworfen. Dass die Lebensmittelpreise seit Jahren – auch in Deutschland – steigen, ist Ausdruck und Folge dieser Integration. 

Etwa die Hälfte der globalen Nahrungsmittelproduktion hängt von synthetischem Stickstoffdünger ab. In einem von konventioneller Landwirtschaft geprägten System drohen die Erträge nun zu sinken.

Wer angesichts von Kriegen, gestörten Lieferketten und Erderhitzung richtigerweise eine krisenfeste Nahrungsmittelproduktion fordert, kommt folglich nicht darum herum, sich damit zu beschäftigen, wie weit der kapitalistische Zugriff auf die landwirtschaftliche Produktion inzwischen fortgeschritten ist. Dies beginnt bei den Produktionsgrundlagen wie dem Boden, der inzwischen stoffliche Spuren seiner kapitalistischen (Ver-)Nutzung wie Verdichtung, Erosion, Pestizidbelastung oder Schädigung der Bodenmikroorganismen zeigt. Es betrifft die Ausbildung, die nach wie vor vor allem »Produktivitätssteigerung« fordert, die Arbeitsorganisation in den Betrieben sowie die Verarbeitung und den Handel.

Deregulierung im Namen der Wettbewerbsfähigkeit

Die berechtigte Forderung nach Agrarökologie erscheint gerade auch deshalb eher weltfremd, weil die europäische Politik die Landwirtschaft aktuell nicht krisenfester, sondern noch anfälliger macht. Unter dem Schlagwort der Wettbewerbsfähigkeit hat die EU-Kommission ein umfassendes, radikales Deregulierungsprogramm aufgelegt (gut zusammengefasst im Nachwort des Buches »Ein Europa des Kapitals«). Darin wird alles – von Sozialstandards über die Rüstung und die Bankenregulierung bis hin zu Umwelt-, Verbraucher- und Klimaschutz – daraufhin überprüft, ob es dem Wachstum schadet oder nützt. Vor allem hart erkämpfte Maßnahmen, die Mensch und Umwelt zumindest teilweise vor kapitalistischer Vernutzung schützen sollten, fallen nun der neoliberalen Kettensäge zum Opfer. Die Begründung lautet schlicht, dass man sich diese Maßnahmen, die den Unternehmen Kosten verursachen, derzeit im verschärften globalen Wettbewerb nicht mehr leisten könne.

Teil dieses Programms sind die sogenannten Omnibus-Pakete: Damit können in einem einzigen Verfahren gleich mehrere Gesetze geändert werden. Zehn Pakete  (Stand Mai 2026) wurden bereits auf den Weg gebracht, weitere sind in Planung. Für die Landwirtschaft, aber auch Umwelt- und Verbraucherschutz relevant ist beispielsweise der Food and Feed Safety Simplification Omnibus. Darin enthalten sind diverse Grausamkeiten; ein für die Landwirtschaft relevantes Beispiel sind die vorgeschlagenen Änderungen bei Pestiziden. Um die Unternehmen zu »entlasten«, sollen die meisten neuen Wirkstoffe künftig eine zeitlich unbegrenzte Zulassung erhalten. Regelmäßige Neubewertungen nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft würden damit weitgehend entfallen. Viele hochproblematische Wirkstoffe wie Chlorpyrifos oder Mancozeb wurden allerdings bislang erst im Zuge solcher Neubewertungen verboten, nachdem Studien schwere Gesundheitsrisiken belegt hatten. 

Vorgesehen ist auch eine Umkehr der Beweislast. Derzeit müssen Hersteller nachweisen, dass ihre Produkte keine Risiken für Mensch, Tier und Umwelt darstellen. Nach den Plänen der EU-Kommission würde es hingegen der Wissenschaft überlassen, mögliche Schäden nachzuweisen. Weil aber systematische wissenschaftliche Folgeabschätzungen gar nicht mehr vorgesehen sind, werden entsprechende Erkenntnisse, wenn überhaupt, künftig wohl eher zufällig gewonnen. 

Die Voraussetzungen, um die Lebensmittelproduktion nicht nur in der EU, sondern global resilienter zu machen, sind derzeit also denkbar schwierig. Aufgeben kann jedoch keine Option sein; dafür steht viel zu viel auf dem Spiel. Um die Abhängigkeiten der Landwirtschaft von fossilen Inputs zu reduzieren, was ein erster, wichtiger Schritt wäre, braucht es allerdings deutlich mehr als die Forderung nach Agrarökologie. Denn die Landwirtschaft, wie wir sie heute kennen, ist zutiefst von Marktbeziehungen durchdrungen.

Oder, wie es Søren Mau in »Stummer Zwang« (siehe ak 678) formuliert: Wenn sich das Kapital die Landwirtschaft aneignet und sie seinen Verwertungsinteressen entsprechend organisiert (reell subsumiert), festigt es in erheblicher Weise seinen Zugriff auf die gesellschaftliche Reproduktion. Mit dieser Erkenntnis ist selbstverständlich noch kein politischer Kampf gewonnen. Dafür ist das langfristige Ziel klarer umrissen. Dabei gilt hier, wie in jedem Kampf für ein besseres Leben: jeder Schritt, der die stummen Zwänge zurückdrängt und der Macht des Kapitals Grenzen setzt, zählt. 

Eva Gelinsky

ist Geografin, Agraraktivistin und Redaktionsmitglied bei emanzipation – Zeitschrift für ökosozialistische Strategie.

Anmerkungen:

1) »Um den Wert der Arbeitskraft zu senken, muß die Steigerung der Produktivkraft Industriezweige ergreifen, deren Produkte den Wert der Arbeitskraft bestimmen.« So Marx im ersten Band des Kapitals. 

2) Wenn die gesellschaftlichen Beziehungen zwischen den vom Markt abhängigen Produzenten durch den Austausch von Waren vermittelt werden, wird ihr Zugang zu ihren Existenzbedingungen durch ein Marktsystem vermittelt, in dem die Zirkulation von Waren und Geld obligatorische Standards und Anforderungen erzeugt, die die Produzenten erfüllen müssen, um – in der Konkurrenz – zu überleben.

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