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|ak 725 | Soziale Kämpfe |Reihe: Funktioniert das?

Funktioniert das? Sabotage

Von Anna Jikhareva

Man sieht Schienen.
Eines der ersten Sabotageziele in der Geschichte der Arbeiter*innenbewegung: Schienen. Foto: Falk2 / Wikimedia Commons, CC BY 3.0 DE

Ölpipelines aus Protest gegen den fossilen Kapitalismus in die Luft sprengen. Mit dem Anschlag auf eine Kabelbrücke die Stromversorgung einer halben Großstadt lahmlegen, wie es ein Zusammenschluss namens Vulkangruppe Anfang des Jahres in Berlin getan haben soll. Durch Attacken auf Glasfasernetze den Bahnverkehr zum Erliegen bringen: Die Sabotage geistert immer wieder durch die Schlagzeilen. 

Vielleicht nicht ganz überraschend stammt der Begriff selbst aus Frankreich, genauer leitet sich das französische saboter von sabot ab: einer Art Holzschuh, wie ihn ländliche Bevölkerung und Arbeiter*innen im 19. Jahrhundert trugen. Der Legende nach warfen französische Landarbeiter*innen während der Industriellen Revolution ihre Schuhe in die Maschinen, um diese zu stoppen – aus Protest gegen die fortschreitende Mechanisierung der Arbeit, aber auch, um eine Verkürzung der Arbeitszeit zu erzwingen. Die erste Form der Sabotage? 

Während das wohl eine Legende ist, führen gewichtigere Stimmen, die Encyclopedia Britannica etwa, den Begriff auf den großen französischen Eisenbahner*innenstreik von 1910 zurück, als die Arbeiter*innen die sabots – in diesem Fall war die Schienenhalterung gemeint – manipulierten, um den Bahnbetrieb zu stören. Eine etwas profanere Lesart wiederum verortet die Begriffsherkunft in der Art, wie man sich mit dem Sabot – hier wieder dem Schuh – fortbewegt hat, eher schludrig schlurfend als fokussiert maschinenstürmerisch. 

Wie auch immer, klar ist, dass die Sabotage historisch gesehen ein, wenn auch lange nicht immer erfolgreiches, so doch zumindest aufsehenerregendes Mittel des Klassenkampfs war. Gewerkschaften wie die Industrial Workers of the World propagierten sie gegen schlechte Arbeitsbedingungen, im Zweiten Weltkrieg sabotierten Partisan*innen die Waffenmaschinerie des NS-Regimes, und unter dem Begriff Ökotage werden seit jeher Aktionen zusammengefasst, die darauf abzielen, die Zerstörung der Umwelt durch Sachbeschädigung oder Störung von Betriebsabläufen abzuwenden: Angriffe auf die besagten Pipelines oder Sand im Getriebe von Maschinen, mit denen Wald gerodet wird. 

Ein Jahrhundert nach dem Eisenbahner*innenstreik machte dann eine Schrift in radikal linken Kreisen (und bürgerlichen Feuilletons) die Runde, die – wie könnte es anders sein – erneut aus Frankreich kam und die Sabotage zum Königsweg des Widerstands erhob: »L’insurrection qui vient«, zu deutsch »Der kommende Aufstand«, das Manifest des Unsichtbaren Komitees. »Die technische Infrastruktur der Metropole ist verletzbar: Ihre Ströme sind nicht nur Personen- und Warentransporte; Informationen und Energie zirkulieren durch Kabel-, Glasfaser- und Kanalisationsnetze, die man angreifen kann. Die gesellschaftliche Maschine mit einiger Konsequenz zu sabotieren, das impliziert heute, die Mittel zur Unterbrechung ihrer Netze zurückzuerobern und neu zu erfinden«, heißt es darin. 

2007 erschienen, erlangte das Pamphlet – romantisierend-gewaltverherrlichende Aufstandsästhetik vor situationistischer Theoriekulisse – erst mit der Verhaftung eines Intellektuellen im französischen Tarnac Berühmtheit, den die Behörden nicht nur der Urheberschaft der Schrift, sondern auch gleich des Terrors verdächtigten. Theoretisch mögen die Überlegungen wertvoll sein, auch wenn sich die Denkweise der Schrift als erschreckend antimodern erweist. 

Gewerkschaften wie die Industrial Workers of the World propagierten sie gegen schlechte Arbeitsbedingungen, im Zweiten Weltkrieg sabotierten Partisan*innen die Waffenmaschinerie des NS-Regimes.

Fraglich ist, wie emanzipatorisch es ist, Tausende tagelang im Dunkeln sitzen zu lassen, unter ihnen eher nicht jene, die sich in einem solchen Fall einen Kurzaufenthalt im Luxushotel gönnen. Ob es die Revolution wirklich näher bringt, wenn der Zug nicht mehr fährt und man aufs Auto umsteigt. Oder ob militanter Protest, wie ihn sich Teile der Klimabewegung aus Verzweiflung über die allgemeine Untätigkeit auf die Fahne geschrieben haben, mehr ist als eben Ausdruck dieser Verzweiflung. »Der Aufruf zu militanten Aktionen bleibt ein Akt der Selbstberuhigung durch die Radikalisierung der Form«, stand einmal zutreffend in der ak. 

Dann wiederum mögen Aktionsformen wie jene der französischen Bewegung Les Soulèvements de la Terre durchaus inspirieren: Mit der Blockade von Riesenwasserbecken gelang es ihnen, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf das problematische Watergrabbing im dürregeplagten Süden Frankreichs zu lenken. Statt von Sabotage sprechen sie übrigens von Entwaffnung: weil sie Infrastruktur außer Gefecht setzen, die Leben gefährdet. 

Von ähnlichen Überlegungen lassen sich auch jene leiten, die Russlands Krieg gegen die Ukraine sabotieren. Der Anarchist Ruslan Sidiki etwa verbüßt derzeit eine drakonische Haftstrafe, weil er einen Güterzug in der russischen Provinz zum Entgleisen brachte – auf einer Strecke, über die Kriegsmaterial an die Front transportiert wird. Gemäß der antiautoritären Initiative Solidarity Zone wurden in Russland und den besetzten ukrainischen Gebieten in den ersten 19 Monaten der Vollinvasion mehr als 300 militante Aktionen verübt, die meisten davon Sabotageakte wie jener von Sidiki. 

Den Krieg gestoppt haben sie natürlich nicht, mutmaßlich Menschenleben gerettet aber schon – in einem System, dessen autoritäres Wesen nicht-militanten Protest ohnehin verunmöglicht. Gehört die Sabotage also ins Widerstandsrepertoire? Die vielleicht etwas banale Antwort: kommt auf das Ziel und den Kontext der Aktion an. 

Anna Jikhareva

ist Journalistin bei der Woz und lebt in Zürich.

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