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|ak 723 | Wirtschaft & Soziales |Reihe: FAQ. Noch Fragen?

Wer profitiert vom EU-Indien-Deal?

Von Lene Kempe

Das Bild zeigt ein Containerschiff von oben, irgendwo im Meer
Ob nach China oder nach Indien unterwegs: An der Logik des globalen Handels ändert das wenig. Foto: Bent Van Aeken/Unsplash, Unsplash Lizenz

Es sind zwei große, dynamische Trends, die als Auslöser für den – nach knapp 20 Jahren Verhandlung – dann doch überraschend schnellen Abschluss des Handelsabkommens zwischen der EU und Indien Ende Januar genannt werden: die geopolitische Neuordnung der Welt, nachdem sich die USA als Führungsmacht des »freien Westens« verabschiedet haben; und die allgegenwärtigen Bemühungen europäischer Länder, sich von China, dem Anführer der »nicht-westlichen« Welt, wirtschaftlich wieder unabhängiger zu machen (»de-risking«). Die Funktion des »letzten Funkens«, den es noch brauchte, um die Verhandlungsrakete zu zünden, wird der Rede des kanadischen Premiers Mark Carney auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos zugeschrieben: Die alte regelbasierte Weltordnung sei nicht nur vorbei, sie sei für viele Menschen auch nie das gewesen, was sie vorgab zu sein (gerecht und auf Augenhöhe), die sogenannten Mittelmächte sollten sich nun zusammentun und an ihrer eigenen Ordnung stricken, und die könne sogar besser werden als die alte.

Wenige Tage nach der Rede finalisierten Indien und die EU ihr Vertragswerk, auch »die Mutter aller Deals« genannt, für die Schaffung einer gigantischen neuen Freihandelszone. Etwa zwei Milliarden Menschen wird der gemeinsame Wirtschaftsraum der EU und Indien einmal umfassen, wenn das Abkommen vollständig ratifiziert und, voraussichtlich Anfang 2027, in Kraft gesetzt wurde. In einem Zeitraum von meist fünf bis zehn Jahren sollen dann gegenseitige Zölle für rund 96 Prozent der zwischen EU und Indien gehandelten Waren entfallen oder deutlich gesenkt werden.

Die EU verspricht sich von den Zollsenkungen für Maschinen, Chemikalien, oder Autos, aber auch für Wein oder Süßigkeiten zu profitieren. Circa vier Milliarden Euro Kosteneinsparungen jährlich und eine Verdopplung des Warenhandels Richtung Indien bis 2032 werden prognostiziert. Indien wiederum könnte künftig deutlich mehr Maschinen, Kleidung oder Generika auf den europäischen Markt liefern. Aber auch der gegenseitige Zugang zum Dienstleistungssektor und Arbeitsmarkt (Stichwort Fachkräftemangel) soll erleichtert sowie eine (unverbindlich agierende) Plattform für den Dialog und die Zusammenarbeit in handelsbezogenen Umwelt- und Klimafragen ins Leben gerufen werden.

Circa vier Milliarden Euro Kosteneinsparungen jährlich und eine Verdopplung des Warenhandels Richtung Indien bis 2032 erhofft sich die EU.

Was bedeutet all das in der Praxis? Schon jetzt zeichnet sich ab, dass Indien für viele europäische Unternehmen vor allem als Produktionsstandort und Teil der Wertschöpfungskette, und weniger als Absatzmarkt für in Europa hergestellte Produkte, interessant werden wird. So dürften etwa deutsche Autobauer kaum Chancen haben, jenseits des Premium-Segments, das nur für eine verhältnismäßig kleine indische Oberschicht erschwinglich ist, in Deutschland produzierte Autos in Indien abzusetzen. Stattdessen dürften sie – genau wie in China – Produktionsstandorte weiter verlagern und Gewinne vor Ort reinvestieren, um von den günstigen Lohnkosten, den gut ausgebildeten Fachkräften und dem großen Binnenmarkt sowie von der indischen Industrieförderung (z.B. »Make in India«) zu profitieren.

Schon jetzt lassen zahlreiche deutsche Unternehmen in Indien produzieren. Aber auch im stark wachsenden indischen Dienstleistungssektor, etwa im Bereich Finanzen oder Versicherungen, sind etliche deutsche Unternehmen schon jetzt investiert, so zum Beispiel die Deutsche Bank, oder die Allianz und die Müncher Re, die beide Joint Ventures betrieben. Die Münchner Re kündigte bereits Anfang Januar an, weitere Stellen von Deutschland nach Indien verlagern zu wollen, auch im IT-Bereich. Umgekehrt werden sich auch indische Großunternehmen weiter in den deutschen und europäischen Markt einkaufen, über 215 indische Firmen sind schon jetzt in Deutschland tätig, in Bereichen wie IT, Biotechnologie und Fertigung. Nicht zuletzt dürfte sich der erhoffte Zuzug »indischer Fachkräfte«, die oft hoch qualifiziert sind, weiter positiv auf die deutsche Wirtschaft auswirken.

Mit der Ankündigung des deutsch-indischen Handelsabkommens hat die EU also vor allem eines deutlich signalisiert: Ein bisschen weniger China und ein bisschen weniger USA bedeuten keinesfalls, mit der Logik der alten Ordnung zu brechen, in der auf der einen Seite des Spektrums finanzstarke, transnational agierende Unternehmen stehen und auf der anderen Seite (indische) Arbeiter*innen, die künftig nicht nur für die kleine indische Oberschicht, sondern vermehrt auch für deutsche und europäische Unternehmen und Konsument*innen Wohlstand schaffen werden. Alles wie immer in der Handelswelt.

Lene Kempe

ist Redakteurin bei ak.

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