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»Wir müssen unsere Augen wieder auf Kobanê richten«

Die Solidaritätskarawane nach Rojava wurde an der Grenze zur Türkei gestoppt. Zwei Teilnehmer*innen berichten

Interview: Jan Ole Arps

eine person mit Mikrofon steht vor einer Gruppe Frauen mit YPJ fahne und einem Auto, auf dessen Motorhaube ein Transpareent befestigt ist
Start der Karawane in Hannover am 23. Januar 2026. Foto: PeoplesCaravan, CC BY 4.0

Am 23. Januar machte sich aus mehreren Städten in Deutschland und Frankreich die People’s Caravan bzw. Karawane zur Verteidigung der Menschlichkeit mit Autos und Bussen auf den Weg in Richtung Kobanê, um Aufmerksamkeit für die Angriffe auf die Selbstverwaltung in Rojava zu lenken und Solidarität zu zeigen. Am 28. Januar erreichte die Karawane die griechisch-türkische Grenze, wo sie schließlich abgewiesen wurde. In der Türkei wurden weitere Aktivist*innen verhaftet. Mit Sophie und Marcus, die sich der Karawane in Kassel angeschlossen haben, sprach ak kurz nach den Ereignissen an der Grenze über die Ziele des Konvois und die weiteren Pläne.

Ihr habt aus verschiedenen europäischen Städten einen Autokonvoi nach Kobanê gestartet. Wie kam es dazu, wer fährt da mit, und wo seid ihr jetzt?

Sophie: Die Initiative kam aus mehreren europäischen Ländern, von Aktivist*innen, aber auch Künstler*innen und Journalist*innen, die sich mit der kurdischen Bewegung und mit dem Widerstand der kurdischen Gesellschaft in Rojava solidarisieren wollten aufgrund des erheblichen Angriffs, der gerade auf Rojava und vor allen Dingen auch auf Kobanê stattfindet. Dann haben sich insgesamt über 100 Leute aus 13 Ländern der Karawane zur Verteidigung der Menschlichkeit mit dem Ziel Kobanê angeschlossen, unter anderem aus Deutschland, Frankreich, Italien, Großbritannien, Schottland, Irland, Dänemark; auch eine kolumbianische Freundin ist dabei. Wir sind als drei Karawanen gestartet, zwei aus Deutschland, eine aus Frankreich. Die ersten zweieinhalb Tage sind wir aus unterschiedlichen Richtungen nach Wien gefahren, mit Autos, aus Berlin auch mit einem Solibus. In Wien haben wir uns als Karawane zusammengeschlossen und sind vor vier Tagen losgefahren. Aus Belgrad haben wir noch Menschen mitgenommen, so ist unsere Gruppe auf über 100 Personen angewachsen. Es gibt zudem weitere Karawanen, die sich auf den Weg gemacht haben.

Was wollt ihr mit der Fahrt erreichen?

Sophie: Wir waren schockiert von den Angriffen der islamistischen syrischen Übergangsregierung auf Rojava, auf die autonome Administration Nord- und Ostsyrien, die sich seit dem 7. Januar so intensiviert haben, von den Kriegsverbrechen, nicht nur an Kurd*innen, sondern auch an Jesid*innen und Drus*innen dieses Jahr. Für uns war klar: Die Existenz der Revolution in Rojava ist bedroht, und das heißt, wir müssen schnell aktiv werden. Die Initiative ist inspiriert von den Tausenden Kurd*innen, die aus allen Teilen Kurdistans an die Grenzen gegangen sind, von Bakur, also aus Nordkurdistan, von Başûr aus Südkurdistan, und die Grenzen überwunden haben, obwohl auf sie geschossen wurde. Für uns als Internationalist*innen war klar, wir müssen diese Grenze ebenfalls überwinden. Dafür haben wir bewusst das Ziel Kobanê gewählt, weil die Stadt das Symbol des Widerstandes vor allem der Frauenverteidigungseinheiten gegen den IS ist und jetzt wieder umzingelt ist. Die Türkei im Norden hat schweres Militärgerät, Panzer aufgefahren, sie fliegt Luftangriffe auf Kobanê, und die HTS, also Jolanis islamistische Miliz, rückt aus dem Süden immer weiter vor. Ganz ähnlich wie 2014, 2015, als der IS Kobanê angriff, wird die Stadt wieder umzingelt. Es ist unsere Pflicht als Weltöffentlichkeit, als Medien, aber auch als Gesellschaft und als Linke, unsere Augen wieder auf Kobanê zu richten.

Für uns war klar: Die Existenz der Revolution in Rojava ist bedroht, und das heißt, wir müssen schnell aktiv werden.

Sophie

Wieso ist es wichtig, dafür die Grenze zu überwinden?

Sophie: Wie gesagt, wir waren inspiriert durch die massenhafte Bewegung der kurdischen Bevölkerung an den Grenzen. Das haben wir als Aufruf verstanden. Aber es gibt noch mehr Vorläufer. Vor ziemlich genau einem Jahr haben die HTS und die SNA, die militärischen Proxys der Türkei, den Tişrîn-Damm in der Nähe von Kobanê massiv angegriffen. Auch damals gab es eine Generalmobilisierung der Gesellschaft, um diesen Damm zu verteidigen, und es ist gelungen. Das zeigt uns in Deutschland, Italien, Frankreich: Die multiethnische Bevölkerung Nord- und Ostsyriens schafft es, sich zu verteidigen, indem sie sich als Gesellschaft mobilisiert. Wir können sie unterstützen, indem wir mit der Karawane einen humanitären Korridor nach Kobanê ermöglichen.

Was meinst du mit humanitärem Korridor?

Sophie: Dass wir als Menschen, die sich mit ihren Körpern in Bewegung setzen, Grenzen überwinden können, vor allen Dingen auch die Grenze zwischen der Türkei und Nord- und Ostsyrien, eine koloniale, faschistische Grenze, die die befreiten Gebiete Rojavas von ihren Nachbarregionen abschneidet. Die Menschen in Kobanê sind aktuell von der Strom- und Wasserversorgung abgeschnitten, wir haben gerade einen sehr kalten Winter, auch in Rojava. In dieser Situation wollen wir nicht, wie die UN, Hilfsgüter zur Verfügung stellen, sondern zeigen, dass Kobanê nicht allein ist, dass viele tausend Menschen in Europa solidarisch an der Seite der Gesellschaft in dieser Region stehen und wir die Belagerung nicht akzeptieren. Wir haben uns auf den Weg gemacht, um uns mit unseren eigenen Körpern dieser Belagerung zu widersetzen und dabei zu helfen, den Blick der Politik mehr auf die Situation in Rojava zu richten. Denn das große Echo in der EU und auch in Deutschland auf die Angriffe bleibt bisher aus.

Wie ist bisher die Resonanz auf die Karawane? Was habt ihr an den Stationen erlebt, gab es auch Anfeindungen?

Sophie: Ich bin mit dem Konvoi gestartet, der aus Kassel losgefahren ist. Wir haben uns im kurdischen Verein in Kassel getroffen, das war ein sehr emotionaler Abschied. Eine kurdische Frau, ursprünglich aus Kobanê, hat uns unter Tränen in den Arm genommen, als sie davon erfahren hat, dass wir nach Kobanê reisen. Solche Begegnungen haben uns die ganze Reise über begleitet. In Wien wurden wir auch ganz herzlich aufgenommen. Wir sind zusammengekommen, haben Tee getrunken, es gab Essen, dann haben wir bei verschiedenen Familien übernachtet. Bei diesen Begegnungen erfährt man so viele krasse Dinge, auch weil so viele Menschen in der kurdischen Diaspora in Deutschland, Österreich und der Schweiz lange Geschichten von Widerstand haben, eigene oder die von Familienangehörigen, die beispielsweise in der Türkei im Gefängnis waren, gefoltert wurden. Diese Treffen mit der kurdischen Gesellschaft waren immer sehr politische Treffen, die für mich das Gefühl, was Internationalismus bedeutet, sehr unmittelbar erlebbar gemacht haben. Ich denke an das Zitat von John Holloway, der sagte, empathy drives solidarity, also dass wir zu einem solidarischen Handeln dann kommen, wenn wir empathisch miteinander sind.

Marcus: Ich muss öfter an eine Situation bei einer kurdischen Familie denken, bei der wir untergekommen sind. Wir saßen zusammen, mehrere Generationen, und es gab einfach ein unglaubliches Interesse aneinander. Das ist etwas anderes als Gastfreundschaft, mehr ein Verständnis davon, dass es etwas Gemeinsames gibt. Und dieses Gemeinsame ist die Hoffnung, dass wir uns füreinander einsetzen und gemeinsam Dinge verändern können.

Sophie: Die nächste Station war Belgrad, wieder wurden wir von ganz unterschiedlichen Menschen empfangen. Wir haben die Karawane ja sehr kurzfristig organisiert, vieles planen wir von Tag zu Tag, und für mich ist es eine wahnsinnig stärkende Erfahrung zu sehen, wie wir als emanzipative Kräfte in Europa uns so schnell zusammenraufen und organisieren können, von Schlafplätzen über Essen zu allen logistischen Fragen, und wie sich darin eine widerständige Kultur ausdrückt und entwickelt, in der wir gemeinsam diskutieren und uns gegenseitig supporten. Auch in Thessaloniki. Dort wurden wir in einer besetzten, leer stehenden Schule aufgenommen, wieder wurde für uns gekocht, wir haben getanzt. Und an jeder Station, in Thessaloniki, in Wien, überall haben wir Kundgebungen und Demonstrationen mit lokalen Gruppen der kurdischen Gesellschaft gemacht. Auch das ist bestärkend: zu sehen, überall, wo wir sind, schaffen wir es auch, auf die Straße zu gehen und laut zu werden.

The People’s Caravan

ist ein Zusammenschluss aus mehreren europäischen Ländern zur Solidarität mit der bedrohten Selbstverwaltung in Rojava. Online zu finden unter peoplescaravan.tem.li, auf Instagram unter @peoplescaravan. Sophie, 32, lebt Göttingen und ist Politologin, versteht sich aber vor allem als Internationalistin. Marcus, 54, arbeitet als Psychologe in der Jugendhilfe, ebenfalls in Göttingen.

Heute seid ihr an die Grenze zur Türkei gekommen. Wie ist das abgelaufen?

Marcus: Wir sind zur Grenze gefahren, wir hatten Fahnen an unseren Autos befestigt in Solidarität mit Kurdistan, den Menschen in Rojava. An der Grenze wurden wir angehalten, es gab Gespräche, und irgendwann war klar, sie lassen uns nicht durch. Dann wurden wir relativ schnell an die Seite geleitet und dort festgesetzt.

Von wem?

Marcus: Von der griechischen Grenzpolizei. Alle Papiere wurden überprüft, die Autos durchsucht, das Ganze hat sich ein paar Stunden hingezogen. Dann wurden wir des Ortes verwiesen. Ich bin nicht mal sicher, ob die Grenzer*innen vorab auf die Situation vorbereitet waren, aber am Ende, nach vielen Rücksprachen, war klar, wir kommen nicht weiter. Wir haben damit gerechnet, weil die Karawane es auch vorher schon in die Öffentlichkeit geschafft hat.

Sophie: Wir sind nicht der einzige Teil der Karawane, der gestoppt wurde. Auch die Jugenddelegation, die sich der Karawane angeschlossen hat, wurde in Amed (türkisch: Diyarbakır) in Nordkurdistan festgesetzt, ebenso weitere Internationalist*innen, die aktuell in der Türkei inhaftiert sind. Unterschiedliche Teile der Karawane, die sich auf unterschiedlichen Wegen nach Kobanê aufmachen, werden gerade festgesetzt. Allerdings ist mir wichtig anzumerken, welche Repression täglich gegen die kurdische Gesellschaft stattfindet, durch Inhaftierungen, durch krasse Verfolgung, das trifft vor allem die kurdische Zivilgesellschaft vor Ort. Die Türkei als Nato-Partner und enger Verbündeter der EU hat kein Interesse daran, dass gesellschaftliche Akteure über diesen Krieg berichten und in die Gebiete Rojavas einreisen, und die EU-Staaten greifen ihr unter die Arme, indem sie die Karawane stoppen.

Wie geht es für euren Teil der Karawane jetzt weiter?

Sophie: Uns war vorher bewusst, dass der Grenzübertritt in die Türkei schwierig wird, also haben wir uns darauf vorbereitet, dass ein Teil anders weiterreist. Die Karawane ist nicht vorbei, es werden weiter Menschen zur Grenze nach Kobanê gehen, aber wie unsere Konvoigruppe weitermacht, können wir jetzt noch nicht sagen, das müssen wir erst gemeinsam besprechen.

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