Modell für künftige Entsolidarisierung
Der Sammelband »Die verdrängte Pandemie« geht der nachträglichen Umdeutung der Covid-19-Ära, auch in der Linken, auf den Grund
Von Bilke Schnibbe
Der im Oktober erschienene Sammelband »Die verdrängte Pandemie. Linke Stimmen gegen den Pandemierevisionismus« ist eine Intervention in die gegenwärtige Deutung der Covid-19-Erfahrung. Im Zentrum steht die Kritik an einem nachträglichen öffentlichen Diskurs, der die Pandemie in ihrer Schwere relativiert und staatliche Schutzmaßnahmen delegitimiert. Der Band thematisiert aber auch, dass die Pandemie auch in linken Debatten weitestgehend verschwunden ist. All das bezeichnen die Autor*innen als Pandemierevisionismus, welcher die Todeszahlen, die Überlastung des Gesundheitssystems und langfristige Folgeerkrankungen ausblendet und die gesellschaftliche Verantwortung dafür negiert.
Mehrere Beiträge zeigen, dass staatliches Handeln in Ländern wie Deutschland und Österreich von Beginn an stark an den Interessen des Kapitals ausgerichtet war. Produktions- und Lieferketten wurden geschützt, während wirksame Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung verzögert oder nur abgeschwächt umgesetzt wurden. Die spätere Behauptung, die Maßnahmen seien überzogen gewesen, erscheint vor diesem Hintergrund weniger als sachliche Neubewertung denn als ideologische Umdeutung, die politische Versäumnisse nachträglich legitimiert.
Staatliches Handeln während der Pandemie war an den Interessen des Kapitals ausgerichtet. Produktions- und Lieferketten wurden geschützt, wirksame Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung verzögert oder verwässert.
Der Sammelband verknüpft diese Kritik mit einer grundsätzlichen Analyse kapitalistischer Produktionsweisen und der Rolle des Staates als ideellem Gesamtkapitalisten. Im Interview mit dem Evolutionsbiologen Rob Wallace wird herausgearbeitet, wie industrielle Landwirtschaft, globale Warenströme und Naturzerstörung die Entstehung zoonotischer Krankheiten und damit weiterer Pandemien begünstigen. Andere Beiträge untersuchen die staatliche Pandemiebewältigung als Ausdruck eines ableistischen und sozialdarwinistischen Menschenbildes, in dem der Tod Alter, Kranker und Vorerkrankter in Kauf genommen, ja zum Teil sogar gefordert wird.
Den umfangreichsten Beitrag liefert Paul Schuberth. Anhand zahlreicher Beispiele analysiert er, wie Pandemierevisionismus zur politischen Normalisierung von Entsolidarisierung beiträgt und den weiteren Abbau öffentlicher Gesundheitsversorgung vorbereitet. Besonders überzeugend ist dabei die Verbindung, die er zur Klimakrise als zukünftigem Katalysator globaler Verteilungskämpfe zieht. Schuberth macht deutlich, dass die in der Pandemie erprobten Mechanismen kein Ausnahmefall bleiben werden.
Schuberths spannender Beitrag nimmt viel Raum ein, so dass andere Texte zu wichtigen Themen – etwa Luftqualität und Long Covid und ME/CFS – vergleichsweise kurz erscheinen. Das trifft auch auf den übersetzten Beitrag einer französischen antiableistischen Gruppe zu, die die Entsolidarisierung feministischer Akteur*innen gegenüber Vorerkrankten kritisiert. Der gerade mal fünfeinhalb Seiten lange Text spricht damit eine Kritik an, die antiableistische Gruppen seit Jahrzehnten auch in Deutschland am feministischen Diskurs haben: dass feministische Debatten etwa in Bezug auf Abtreibungen die Belange von Menschen mit Behinderungen nicht mitdenken bzw. aktiv gegen diese arbeiten. Eine wichtige Debatte, dabei markiert der Artikel jedoch in seiner Kürze und Bezogenheit auf Frankreich zugleich eine Leerstelle des Bandes: Eine Auseinandersetzung mit feministischen Pandemiedebatten im deutschsprachigen Raum bleibt aus. Diese wäre auch angesichts des deutlichen Männerüberhangs bei den Autor*innen von Interesse gewesen.
Diese Randnotizen sollen allerdings nicht davon ablenken, dass der Sammelband einen wichtigen und sehr lesenswerten Beitrag zur linken Aufarbeitung der Pandemie leistet. Er liefert eine ausführliche Analyse der Entstehung, der (Nicht-)Bekämpfung und der Konsequenzen von Covid-19 und damit einen Ausblick auf das, was uns angesichts weiterer globaler Krisen erwarten kann.
Frédéric Valin, Paul Schuberth (Hg.): Die verdrängte Pandemie. Linke Stimmen gegen den Pandemierevisionismus. Unrast Verlag, Münster 2025. 296 Seiten, 19,80 EUR.