analyse & kritik

Zeitung für linke Debatte & Praxis

0

|ak 722 | International

Alte Liebe rostet nicht?

Warum nach mehr als einem Jahr Proteste noch immer so viele Serb*innen Präsident Aleksandar Vučić unterstützen

Von Bartholomäus Laffert

Man sieht ein Denkmal, im Hintergrund Plattenbau.
Ein Denkmal in der serbischen Stadt Ljig. Foto: Oto Logo/Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Hinter dem Schreibtisch, vor zwei alten Kabeltelefonen und einem aufgeklappten Laptop, sitzt der Direktor für die öffentliche Infrastruktur, ein junger Mann von 35 Jahren, im Sakko und sagt: »Lehrer und Professoren, die noch nie so gut bezahlt waren, bringen den Kindern heute das Protestieren bei – das ist Manipulation.« Im Garten, zwischen Weinreben und Rosen, hat sich eine alte Frau mit roten Gelnägeln einen Plastikstuhl zurechtgerückt und sagt: »Sie wollen nicht die Regierung stürzen – sie wollen das ganze Land zu Fall bringen!« Und auf einem Feld, das ihm nicht gehört, neben einem Traktor, der ihm nicht gehört, steht ein Bauer und sagt: »Würden die ausländischen Staaten nicht so viel Druck auf unseren Präsidenten ausüben, dann würde er das Land zum Guten wandeln.« Der Direktor, die Rentnerin und der Bauer – auf den ersten Blick haben sie wenig gemeinsam, doch verbindet sie eines: Sie alle unterstützen Präsident Aleksandar Vučić – und sie lehnen die Protestbewegung in Serbien ab.

Vor mehr als einem Jahr begann der Protest, nachdem in Novi Sad das Vordach des Bahnhofsgebäudes eingestürzt war. Seitdem sind Hunderttausende in Serbien auf die Straßen gegangen. Seit Monaten fordern die Studierenden, die die Bewegung anführen, Neuwahlen – die Vučić zuletzt für Ende des Jahres 2026 angekündigt hat. Sollten diese tatsächlich frei und fair vonstattengehen, stünden ihre Chancen nicht schlecht. Laut Umfragen der Nichtregierungsorganisation CRTA würden 44 Prozent eine mögliche Studierendenliste unterstützen, 32 Prozent den Vučić-Block. 39 Prozent fürchten, ohne ihn würde alles schlimmer. Wer sind diese Menschen, die Vučić auch nach Monaten des Protests und trotz brutaler staatlicher Gewalt weiterhin die Treue halten? 

Die Propaganda

Ljig ist eine ganz normale serbische Kleinstadt, umgeben von Hügeln. Mitten hindurch fließt ein gleichnamiger Fluss, es gibt einen Marktplatz, der mehr Tristesse als Leben ausstrahlt, und eine Handvoll Kneipen. »Hier hat es bis heute keinen großen Protest gegeben«, sagt Stefan Đurić und klingt stolz dabei. Er arbeitet im Rathaus. 2012 habe er sich der Regierungspartei SNS angeschlossen – nicht aus finanziellen, sondern aus ideologischen Gründen, sagt er. »Ich habe gesehen, die wollen etwas voranbringen.« Seitdem, sagt er, habe man in der Region 100 Kilometer Straßen gebaut, Kindergärten eröffnet und Gesundheitszentren modernisiert. 

»Natürlich sehen das die verwöhnten Leute in der Stadt nicht.« Für ihn ist der Protest der vergangenen Monate einer der städtischen Elite gegen die »normalen Bürger« auf dem Land – und zugleich einer, der von außen gesteuert wird. »Oder glauben Sie, das Bahnhofsdach ist einfach so eingestürzt?« Wer dahinterstecke, will man wissen. Đurić zuckt mit den Schultern. Da solle sich jeder seine eigenen Gedanken machen. Aber spätestens seit dem Sturz von Milošević vor 25 Jahren unter Mithilfe aus dem Ausland wisse man, was möglich sei. 

Đurić ist nicht der Einzige, der eine ausländische Verschwörung hinter den Protesten wittert. Solche Erzählungen werden in regierungsnahen Medien regelmäßig verbreitet – doch sie sind nicht der alleinige Grund, warum viele den Präsidenten unterstützen.

Wirtschaft und Stabilität

Ein paar Straßen vom Ljiger Rathaus entfernt jätet ein Mann in Arztkleidung den Garten vor seinem Haus. Natürlich wähle er Vučić, sagt der pensionierte Orthopäde, aber reden solle man lieber mit seiner Frau. Auch sie hält die Studierenden für Gewalttäter*innen. »Was erwarten diese Blokaderi, wenn sie die Polizei angreifen? Natürlich muss sich der Staat verteidigen!«, sagt Snezana Jeremić, 72, die vor ihrer Pensionierung als Richterin gearbeitet hat. »Ich habe damals gegen Milošević protestiert – und was haben wir danach bekommen? Chaos.« Die Opposition habe das Land gedemütigt, indem sie Kriegsverbrecher – von vielen in Serbien als Helden verehrt – nach Den Haag ausgeliefert habe.

Viele wittern eine ausländische Verschwörung hinter den Protesten. Solche Erzählungen werden in regierungsnahen Medien regelmäßig verbreitet.

Dennoch habe es große Hoffnungen auf Demokratie und gesellschaftlichen Wandel gegeben, doch viele Menschen seien enttäuscht worden. Mit den Privatisierungen nach 2000 sei das soziale Netz des sozialistischen Jugoslawiens zerrissen – jenes Netz, das selbst in den 1990er Jahren trotz Embargo das Überleben gesichert habe. Besonders eskaliert sei die Situation, als während der Wirtschaftskrise ab 2008 Zehntausende ihren Job verloren hätten.

»Auf dem Papier«, sagt der Politikwissenschaftler Dušan Spasojević, »hat sich der Lebensstandard in Serbien in den letzten 13 Jahren deutlich verbessert«. Doch längst nicht so stark, wie Vučić es darstellt. Zu Beginn seiner Amtszeit seien die Renten massiv gekürzt worden, erst später stiegen sie wieder langsam. »Für Menschen in Belgrad sind 100 Euro mehr oder weniger kaum spürbar – auf dem Land dagegen schon.« Es sei daher kein Wunder, dass Vučić aus keinem Teil der Bevölkerung so viel Zuspruch erfahre wie von Rentner*innen, die etwa ein Viertel der Gesamtbevölkerung Serbiens ausmachen. 

Vučić habe es zudem geschafft, durch geschicktes Lavieren zwischen Ost und West ausländische Direktinvestitionen aus China, Russland, den Golfstaaten und der EU ins Land zu holen – und damit Arbeitsplätze zu schaffen, sagt der Soziologe Vladimir Simović, Programmkoordinator für Arbeitsrechte am Zentrum für Politik der Emanzipation in Belgrad. Es stimme, dass die Arbeitslosigkeit durch neu geschaffene Jobs massiv gesunken sei – doch seien diese meist schlecht bezahlte, einfache Tätigkeiten ohne technologische Entwicklung oder Mehrwert für die lokale Wirtschaft. »Serbien produziert billige Autoteile oder Kleidung, ohne eigene Wertschöpfungsketten aufzubauen.« Prestigeträchtige Infrastrukturprojekte würden auf Pump finanziert, während nachhaltige Industrien fehlten. »Ein ökonomisches Kartenhaus, das zusammenbricht, sobald Investoren billigere Standorte finden.«

Auch die Landwirtschaft kämpft mit dem Druck. »Unser Leben ist hart«, sagt der Bauer Dragan Vrhovac. Wir treffen ihn auf einem Feld, das er für einen anderen bestellt. »Wegen der billigen Konkurrenzprodukte aus der EU werden die Bauern gezwungen, immer billiger Milch und Fleisch zu produzieren.« Gleichzeitig steigen die Preise für Futter und Treibstoff – bald wohl noch stärker, denn die USA haben Ende 2025 Sanktionen gegen die serbische Ölgesellschaft NIS verhängt, weil sie mehrheitlich dem russischen Konzern Gazprom Neft gehört. Für Vrhovac ist das nur ein weiterer Beweis, dass aus dem Ausland versucht werde, Präsident Vučić zu stürzen und somit Serbien zu destabilisieren – und ein Grund, warum er zu seinem Präsidenten hält.

Der Klientelismus

Doch es sind nicht nur Fortschritt und Propaganda, die erklären, warum die SNS und ihr Präsident Vučić weiterhin fest im Sattel zu sitzen scheinen. In einer Kneipe in Ljig treffen wir zwei Arbeiter. Sie rauchen, trinken Bier. »Um die Stelle anzutreten, musste ich Mitglied der Partei werden«, sagt der eine, der lieber anonym bleiben will. So wie ihm gehe es vielen Arbeitssuchenden bei staatlichen oder teilstaatlichen Konzernen in Serbien. Über Jahre hinweg sei ein Geflecht des Klientelismus entstanden, sagt Soziologe Simović. Nur lasse dieser sich schwer messen – die Profiteure schweigen meist.

»Die Logik ist einfach: Wer der Regierungspartei beitritt oder sie unterstützt, bekommt eher einen Job, medizinische Behandlung oder Hilfe bei Behördengängen – Dinge, die sonst kaum zu erledigen wären.« In einem armen Land sei Klientelismus nicht ein Mittel der Reichen, um reicher zu werden, sondern für viele schlicht Überlebensstrategie. Wo das Sozialsystem versagt, ersetzte die Partei dieses Netz – besonders für die Ärmsten. Dušan Spasojević ergänzt: »Dieses Klienteldenken – ›Ich wähle sie, weil es sowieso nichts ändert‹ – hat sich, seit Vučić 2014 an die Macht gekommen ist, festgesetzt. Jetzt aber, da erstmals wieder ein Machtwechsel denkbar scheint, könnten einige Wähler die Seite wechseln.«

Der Arbeiter aus Ljig jedenfalls hat sein Parteibuch inzwischen abgegeben, erzählt er. Und auch sonst scheint es so, als habe die Studierendenbewegung ihr Potenzial noch nicht vollends ausgeschöpft. Seit Monaten beherrschen Berichte über eine mögliche Studierendenliste die Medien – eine Wahlliste, auf der von Studierenden nominierte Vertreter*innen aus dem gesamten politischen Spektrum stehen sollen. Noch fragen sich viele, wie die Rentnerin Snezara Jeremić aus Ljig: »Wie können wir wissen, wer hinter den Studierenden steht, wenn sie es uns nicht sagen?« Und der Bauer Dragan Vrhovac sagt, wenn er das Gefühl hätte, dass sich die Leute auf der Liste tatsächlich für die Belange von Menschen wie ihm interessierten – warum sollte er sie dann nicht wählen? 

Bartholomäus Laffert

ist freier Journalist im Selbstlaut-Kollektiv, lebt in Belgrad und berichtet für deutschsprachige Medien über die Protestbewegung in Serbien.

Mitarbeit: Ana Milosavljević

Keine Abos, keine ak

Viele unserer Artikel kannst du auch ohne Abo lesen. Das ist Absicht. Aber: Wir können nicht ohne Abos überleben.

Linke Medien zu machen, kostet Geld. Wir haben keine reichen Financiers und keine großen Anzeigenkund*innen. ak arbeitet komplett unabhängig, und das soll auch so bleiben. Deshalb brauchen wir dich.

Was kannst du tun?

Linke Medien sind unverzichtbar. Dein Abo macht ak möglich.

Alles klar, ich bin dabei!