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Alte Liebe rostet nicht?

Warum nach mehr als einem Jahr Proteste noch immer so viele Serb*innen Präsident Aleksandar Vučić unterstützen

Von Bartholomäus Laffert

Man sieht ein Denkmal, im Hintergrund Plattenbau.
Ein Denkmal in der serbischen Stadt Ljig. Foto: Oto Logo/Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Hinter dem Schreibtisch, vor zwei alten Kabeltelefonen und einem aufgeklappten Laptop, sitzt der Direktor für die öffentliche Infrastruktur, ein junger Mann von 35 Jahren, im Sakko und sagt: »Lehrer und Professoren, die noch nie so gut bezahlt waren, bringen den Kindern heute das Protestieren bei – das ist Manipulation.« Im Garten, zwischen Weinreben und Rosen, hat sich eine alte Frau mit roten Gelnägeln einen Plastikstuhl zurechtgerückt und sagt: »Sie wollen nicht die Regierung stürzen – sie wollen das ganze Land zu Fall bringen!« Und auf einem Feld, das ihm nicht gehört, neben einem Traktor, der ihm nicht gehört, steht ein Bauer und sagt: »Würden die ausländischen Staaten nicht so viel Druck auf unseren Präsidenten ausüben, dann würde er das Land zum Guten wandeln.« Der Direktor, die Rentnerin und der Bauer – auf den ersten Blick haben sie wenig gemeinsam, doch verbindet sie eines: Sie alle unterstützen Präsident Aleksandar Vučić – und sie lehnen die Protestbewegung in Serbien ab.

Vor mehr als einem Jahr begann der Protest, nachdem in Novi Sad das Vordach des Bahnhofsgebäudes eingestürzt war. Seitdem sind Hunderttausende in Serbien auf die Straßen gegangen. Seit Monaten fordern die Studierenden, die die Bewegung anführen, Neuwahlen – die Vučić zuletzt für Ende des Jahres 2026 angekündigt hat. Sollten diese tatsächlich frei und fair vonstattengehen, stünden ihre Chancen nicht schlecht. Laut Umfragen der Nichtregierungsorganisation CRTA würden 44 Prozent eine mögliche Studierendenliste unterstützen, 32 Prozent den Vučić-Block. 39 Prozent fürchten, ohne ihn würde alles schlimmer. Wer sind diese Menschen, die Vučić auch nach Monaten des Protests und trotz brutaler staatlicher Gewalt weiterhin die Treue halten? 

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