analyse & kritik

Zeitung für linke Debatte & Praxis

0

|ak 721 | Lesen

Ein Pendeln zwischen Welten

Dieses Jahr beschäftigten sich gleich mehrere Bücher mit der Rolle des Westens in den globalen Verschiebungen

Von Juliane Schumacher

Bild einer übergroßen Skulptur des Erdglobus
Lange Zeit war es der Westen und der Westen und der »Rest«. Doch dieses Selbstverständnis bröckelt. Foto: StockSnap/ Pixabay

Im Sommer 2025 war ich nach mehr als acht Jahren wieder in Marokko. In Tanger ragten Baukräne in den Himmel, zwischen den größeren Städten fuhren inzwischen Schnellzüge, alle Bahnhöfe, auch in den kleineren Orten, waren saniert, makellos, die Fassaden mit Mosaiken verziert. In der Hauptstadt Rabat war der neu angelegte Stadtpark voll Menschen und in Salé, der einst verruchten Schwesterstadt Rabats, war die Stadtmauer erneuert worden, der Platz vor dem alten Stadttor neu angelegt, mit Fußballplätzen, Bänken, einem Skatepark. Die Tram in der Doppelstadt, erst 2011 eröffnet und seither stetig erweitert, fuhr alle paar Minuten pünktlich.

Nun ist in Marokko längst nicht alles rosig, und wie in allen Ländern gibt es einen großen Unterschied zwischen Stadt und Land, armen und reichen Gegenden. Und doch blieb, zurück im bröckelnden Berlin, das Gefühl, dass die Entwicklungen in unterschiedliche Richtungen liefen: Dort der Aufbruch, eine Zukunft, um deren Ausgestaltung gerungen wurde, hier der langsame Zerfall.

Weg vom Eurozentrismus

Es sind solche Beobachtungen, die der Ausgangspunkt sind für das Buch von Daniel Marwecki. Der Politikwissenschaftler lehrt an der University of Hongkong und pendelt seit Jahren zwischen Asien und Deutschland. Reisen, die sich, wie er schreibt, »zusehends wie ein Pendeln zwischen Zukunft und Vergangenheit anfühlen«. »Die Welt nach dem Westen« baut auf diese Erfahrungen auf. Es richtet sich, das wird beim Lesen deutlich, vor allem an ein deutsches Publikum – gegen den Eurozentrismus, der weiter in den Köpfen herrscht, gegen die »deutsche Meistererzählung des liberalen Triumphzuges«, die der Realität längst nicht mehr gerecht, aber umso trotziger verteidigt wird.

Es ist nicht das einzige Buch, das sich mit den veränderten globalen Bedingungen beschäftigt. War lange Zeit der »Untergang des Abendlandes« vor allem Drohkulisse der Rechten, sind in letzter Zeit gleich mehrere Bücher erschienen, die sich aus einer progressiven Perspektive mit den Verschiebungen der wirtschaftlichen und politischen Macht beschäftigen: mit dem Aufstieg von Staaten wie China, Indien, Brasilien oder Indonesien und dem relativen Bedeutungsverlust von dem, was lange Zeit als »der Westen« galt.

Eine solche Veröffentlichung war die deutsche Übersetzung von Sandro Mezzadras und Brett Neilsons jüngstem Buch, »Der Rest und der Westen«. Der Titel ist angelehnt an eine Publikation des britischen Soziologen Stuart Hall, »Der Westen und der Rest«, in der er analysiert, dass sich das Selbstverständnis des Westens zu einem wesentlichen Teil aus seiner Abgrenzung vom »Rest« speist. Genau das zeigt sich auch in den Büchern zu den jüngsten globalen Verschiebungen: Es geht ihnen weniger darum, das globale politische System zu beschreiben, das sich derzeit ausformt, sondern vor allem um das Selbstbild des Westens, insbesondere Europas, das, wie Marwecki beobachtet, »am orientierungslosesten in die neue Welt stolpert«.

Was endet – und was nicht

Auch wenn sie sich an eine unterschiedliche Leserschaft richten – Marweckis Buch ist für eine breitere, vorwiegend deutsche Öffentlichkeit geschrieben, Mezzadras und Neilsons Werk ist deutlich analytischer und zielt eher auf ein akademisches Publikum –, so teilen beide eine Reihe an gemeinsamen Ausgangspunkten und Annahmen.

Die Hegemonie dessen, was sie als den Westen definieren – historisch die Dominanz Europas, dann der USA – ist, da sind sich die Autoren einig, an ihr Ende gekommen. Die Finanzkrise 2008, die den Westen viel stärker getroffen hat als den »Rest«, hat die Rolle des Brandbeschleunigers gespielt; auch von der Pandemie haben sich Europa und die USA langsamer erholt. Die zentrale Rolle des Ukraine-Kriegs betonen beide: als Krieg, der den Westen, oder im engeren Sinn die alten NATO-Staaten geeint hat, aber die Kluft zwischen ihnen und allen anderen Ländern vertieft.

In der Weltordnung, die sich herausbildet, auch das scheint klar, wird China, das die USA als größte Wirtschaftsmacht abgelöst hat, eine dominante Rolle spielen. Dass die Vorherrschaft der USA einfach durch die Chinas abgelöst wird, bezweifeln dennoch beide Bücher. Auch mit dem Begriff der »Multipolarität«, der immer wieder durch die geopolitischen Debatten geistert, haben beide so ihre Probleme.

Schließlich betonen sie gleichermaßen, dass das Ende westlicher Vorherrschaft in politischer oder wirtschaftlicher Hinsicht keineswegs das Ende des kapitalistischen Systems bedeutet. »Nach dem Westen«, der Titel von Marweckis Buch, ist nicht nur im zeitlichen Sinn gemeint, sondern soll auch verdeutlichen, dass die Welt, die nach der westlichen Herrschaft kommt, in vielerlei Hinsicht »nach dem Vorbild des Westens« geformt ist, auch und vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht.

Marweckis Analyse geht hier nicht weiter in die Tiefe. Während er unterhaltsam und gut aufbereitet aktuelle politikwissenschaftliche Erkenntnisse zusammenfasst, bleibt die Analyse doch auf der Ebene der Nationalstaaten stehen. Der Fokus liegt vor allem auf China, Deutschand und dessen Verhältnis zu den »Anderen«, den ehemals kolonisierten Staaten.

Anders als bei Marwecki geht es bei Mezzadra und Neilson nicht nur um die Beschreibung der Veränderungen, sondern darum, Grundlagen für politisches Handeln zu schaffen.

Mezzadra und Neilson setzen dort an, wo Marwecki aufhört – denn die Kategorien des Nationalstaates als scheinbar homogener Akteur, so ihr Argument, können die jüngsten Veränderungen nicht greifen. Die Autoren, die an den Universitäten in Bologna und Sydney lehren, analysieren die Verschiebungen im globalen Gefüge des »zeitgenössischen Kapitalismus« aus einer post-operaistischen und deutlich abstrakteren Perspektive. Ihr Schwerpunkt liegt zum einen auf den neuen »operativen Räumen«, die das globalisierte Kapital schafft und die über die territoriale Logik der Nationalstaaten hinausreichen. Den aus der Logistik entlehnten Begriff weiten sie jedoch aus auf das Finanzwesen, die Infrastruktur und die Digitalisierung. Zum anderen schauen sie auf die Rolle sozialer Bewegungen, der Organisation der »lebendigen Arbeit«, die in Form von kollektiven Aktionen, Streiks und Protesten die globalen Entwicklungen – ebenso über nationalstaatliche Grenzen hinweg – mitprägt.

Anders als in Marweckis Fall geht es ihnen nicht nur um die Beschreibung der Veränderungen, sondern darum, Grundlagen für politisches Handeln zu schaffen: »Dieses Buch ist keine Feier der Multipolarität; es ist vielmehr ein Versuch, die Konturen einer neuen Welt aufzudecken, in deren Rahmen für Freiheit und Gleichheit gekämpft werden muss.«

Doch gerade das Beispiel, das sie dafür wählen, macht deutlich, wie schnell sich die Welt derzeit dreht: Die Idee von Lateinamerika als Labor für neue linke Regierungen, für regionale Vernetzung etwa mit dem Ziel einer gemeinsamen Währung als Alternative zum US-Dollar, scheint angesichts der Auswirkungen von Trumps Drohpolitik schon wieder überholt zu sein.

Und danach?

Wie genau die Welt »nach dem Westen« aussehen wird, dazu trauen sich beide Bücher keine genaue Aussage. Wird sich ein neuer Hegemon herausbilden? Wird die Welt, nach einem kurzen europäischen Intermezzo, wieder zu alten, Jahrtausende langen Zuständen zurückkehren, in denen die Zentren in Ostasien und Indien liegen? Und vor allem: Wird der Übergang ein friedlicher oder ein gewaltvoller sein?

Im Hinblick auf die letzte Frage unterscheiden sich am Ende beide Bücher – und das mag nicht zuletzt mit der Position zusammenhängen, aus der sie schreiben. Aus Mezzadras und Neilsons Buch spricht die Unruhe, ja die Sorge um die weitere Entwicklung. »Die Welt nach dem Westen könnte sich als schlimmer erweisen als die Welt, die der Westen durch Kolonialismus und Imperialismus aufgebaut hat.« Marwecki beobachtet, gleichsam von außen, die »Traurigkeit« Europas, das seine Zukunft verloren hat und sich in Nostalgie verliert oder sich auf die Apokalypse vorbereitet, offensichtlich unfähig, »das Bild einer multipolaren Zukunft zu entwerfen, die nicht als Verlust oder Kampf erfahren wird«. Und vielleicht, weil er aus einer Perspektive jenseits von Europa schreibt, aus einem Teil der Welt, in dem »der Blick in die Zukunft häufiger optimistischer ist als in den alten Industrieländern«, bleibt ihm die Hoffnung auf einen friedlichen Übergang. »Vielleicht entgleitet uns die Welt sanft. Es wäre nicht das Schlechteste, was die Zukunft bereithalten könnte.«

Der progressiven Linken hinterlassen beide Bücher viele Erkenntnisse und die Aufgabe, an einer neuen Erzählung mitzuschreiben, Visionen zu entwickeln, wie Europa »in Würde abtreten« (Marwecki) und eine neue Identität finden kann, jenseits von moralischer Überlegenheit und wirtschaftlicher Vorherrschaft.

Juliane Schumacher

ist Wissenschaftlerin und Journalistin mit den Schwerpunkten Umwelt, Klimawandel und soziale Bewegungen.

Daniel Marwecki: Die Welt nach dem Westen. Über die Neuordnung der Macht im 21. Jahrhundert. Ch.Links Verlag, Berlin 2025. 288 Seiten, 24 EUR.

Sandro Mezzadra & Brett Neilson: Der Rest und der Westen. Kapital und Macht in einer multipolaren Welt. Dietz Verlag, Berlin 2025. 304 Seiten, 26 EUR.

Keine Abos, keine ak

Schön, dass du da bist! Viele unserer Artikel kannst du auch ohne Abo lesen. Das ist Absicht. Aber: Wir können nicht ohne Abos überleben.

Linke Medien zu machen, kostet Geld. Wir haben keine reichen Financiers und keine großen Anzeigenkund*innen. ak arbeitet komplett unabhängig, und das soll auch so bleiben. Deshalb brauchen wir dich.

Was kannst du tun?

Linke Medien sind unverzichtbar. Dein Abo macht ak möglich.

Alles klar, ich bin dabei!