Verbrannte Erde
Alternativen zur kapitalistischen Weltzerstörung sind nötiger denn je
Von Guido Speckmann
Als es im Mai überraschend kalt wurde, mussten wieder die Heizungen aufgedreht werden. Doch – oh Schreck! – sie wurden nicht warm. Es kam auch kein Wasser aus dem Hahn, kein Handy ließ sich aufladen. Der Grund: Die Ressourcen Deutschlands, die sich binnen eines Jahres erneuern lassen, waren bereits am 10. Mai aufgebraucht.
Ein fiktives Szenario, natürlich. Denn auch nach dem 11. Mai verbreiten die Heizungen weiter wohlige Wärme, fließen Wasser und Strom. Nur mit einem Unterschied: Deutschland betreibt Raubbau, es bezieht seine Naturressourcen von nun an, indem es Natur, die Grundlage jeglichen Lebens, zerstört. Würde jedes Land der Erde einen so hohen Naturverbrauch haben wie Deutschland, bräuchte es drei Planeten. Eine physikalische Unmöglichkeit.
Auf den sogenannten Overshoot-Day, den Erdüberlastungstag, weist jedes Jahr das Global Footprint Network hin. Dieses Jahr bekam er noch weniger Aufmerksamkeit als sonst. Andere Nachrichten dominieren die Medien und Gespräche. Allen voran die Sorge über die steigenden Preise an Tankstellen und in Supermärkten infolge des US-israelischen Krieges gegen Iran. Wer will schon lesen, dass die Folgen der Überfischung jedes Jahr 300.000 Wale und Delfine qualvoll verenden lassen, weil sie sich in Fischereigeräten verfangen? Zu abstrakt, nicht sichtbar, und einen Namen kann man auch nicht jedem Wal geben.
Wer will schon lesen, dass die Folgen der Überfischung jedes Jahr 300.000 Wale und Delfine qualvoll verenden lassen, weil sie sich in Fischereigeräten verfangen?
Eine soziale Bewegung, die den Raubbau an der Natur ins Zentrum stellt, gibt es ebenfalls nicht. Die Millionendemos von Fridays for Future sind Geschichte. Zumal sich deren Ausrichtung auf einen begrünten Kapitalismus mit dem offensichtlichen Scheitern desselben als unzureichend herausgestellt hat. Zwar ist die Verbrennung von Öl, Gas und Kohle ein zentraler Treiber der Übernutzung der Ressourcen, aber sie erschöpft sich nicht darin. Auch ein grün-elektrifizierter Kapitalismus bräche nicht mit dem Zwang zur Kapitalakkumulation, auch er benötigte immer mehr (nur eben andere) Ressourcen. Und die Menschen, die in ihm leben würden, könnten sich dem ebenso wenig entziehen wie wir heute. Auch sie müssten essen, kaufen, verbrauchen, was mit den Mitteln eines begrünten, aber dennoch auf Wachstum getrimmten Kapitalismus erzeugt würde.
Helfen würde nur eine Befreiung vom Akkumulations- und Wachstumszwang, ein Ende des Kapitalismus also – und ein zusätzlich massiver Rückbau von Industrien mit hohem Ressourcen- und Energieverbrauch. Politisch zeigen die Zeichen in die entgegengesetzte Richtung. Wir erleben eine fossile Rückwärtswende, auch in Deutschland, wo die Gaslobby die Energiegesetze schreiben lässt. Derweil sieht es jedoch so aus, als ob der selbsterklärte Verteidiger des fossilen Kapitalismus im Weißen Haus und seine Assistent*innen in Europa und anderswo mit ihrem abenteuerlichen Vorgehen die Elektrifizierung der Mobilität und Produktion wider Willen vorantreiben. Angesichts explodierender Energiekosten und wachsender Versorgungsrisiken schrauben sich immer mehr Eigenheimbesitzer*innen selbst Solarpanele aufs Dach. Um den Klimakollaps abzuwenden, wird das alles nicht reichen. Eine soziale Bewegung gegen die Verdrängung der Klimakrise und gegen die fossile Selbstzerstörung ist nötiger denn je. Und sie muss anfangen, ökosozialistisch zu denken.