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Tomaten gießen, Deckung suchen, Fische schauen

Zwischen Bombenangriffen und Evakuierungen halten die verbliebenen Bewohner*innen der ostukrainischen Frontstadt Kramatorsk an einem Rest Normalität fest

Von Lucas Kontny

Straße mit einem Bombenkrater, im Hintergrund brennende Autos
Kramatorsk Anfang Mai: Bei einem Bombenangriff auf die Hauptstraße sterben acht Menschen. Foto: Lucas Kontny

Um 6:30 Uhr hält ein Minibus vor dem McDonald’s in Charkiw und sammelt müde Gesichter ein. Kaum jemand spricht. Eine Frau hält eine Plastiktüte auf dem Schoß, ein Mann scrollt stumm durch sein Telefon, während draußen die ersten Netze über der Straße auftauchen.

Kramatorsk ist eine Industriestadt im Donbass, im bisher nicht von Russland eroberten Teil der Region Donezk. Die Einnahme der Stadt, Teil des berühmten »Festungsgürtels«, ist ein zentrales Ziel der ins Stocken gekommenen russischen Offensive. Vor der Vollinvasion 2022 lebten hier mehr als 140.000 Menschen. Heute sind es 100.000 weniger. Familien mit Kindern wurden aus frontnahen Gebieten evakuiert, andere haben die Stadt verlassen, als der Krieg näher rückte. Doch einige sind geblieben. Manche aus Überzeugung, manche aus Erschöpfung, manche, weil sie nicht wissen, wohin. Für viele lautet die Frage nicht mehr, ob sie gehen, sondern wann.

Auf dem Weg in die Stadt passiert man Isjum, das 2022 monatelang unter russischer Besatzung stand und dessen Zerstörung noch immer sichtbar ist, dann Slowjansk, wie Kramatorsk Teil des Festungsgürtels. Böge man dort nicht nach Süden ab, wäre der nächste Ort das 2023 von russischen Truppen völlig zerstörte Bakhmut. Die Fahrt nach Kramatorsk führt durch einen Korridor aus netzbedeckten Straßen, Schlaglöchern und ausgebrannten Autowracks. Die Netze sollen vor Drohnen schützen. Das Fahrtempo ist hoch, niemand bleibt länger als nötig auf diesen Abschnitten. In den Maschen über der Fahrbahn hängen Skelette von Vögeln, die sich darin verfangen haben.

Über eine Landstraße sind Netze gespannt.
Über den Zufahrtstraßen hängen Netze zum Schutz vor Drohnen. Foto: Lucas Kontny

Auch in Kramatorsk werden inzwischen Drohnenabwehrnetze über das Stadtzentrum gespannt. Auf den Bürgersteigen sind nur wenige Menschen unterwegs. Sowjetische Mosaike zieren die Fassaden alter Fabrikgebäude, Linienbusse fahren noch, irgendwo bellt ein Hund. Das Leben geht weiter, aber reduziert und vorsichtig.

Wenn die Sonne scheint und in den Hinterhöfen Bienen summen, könnte Kramatorsk ein anderer Ort sein. Tomaten werden gepflanzt, Erde wird umgegraben, Nachbarn grüßen sich über Zäune hinweg. Doch das Summen der Bienen mischt sich hier mit dem der Drohnen. Luftalarm, Artillerie und Gleitbomben diktieren den Rhythmus des Tages und erinnern daran, dass die Frontlinie – sofern man im Zeitalter des Drohnenkrieges noch von einer Linie sprechen kann – weniger als 20 Kilometer entfernt ist. Vor kurzem berichteten mehrere Medien, russische Kommandeure hätten Putin überzeugt, den gesamten Donbass bis Herbst 2026 einnehmen zu können. Anfang Juni bekräftigte Russlands Präsident den Anspruch auf die gesamte Region. Für die Verbliebenen ist das keine abstrakte Drohung. Doch an ein Fallen der Stadt bis Herbst glauben nur wenige.

Explosion auf der Hauptstraße

Soldaten nutzen Kramatorsk als Basis zwischen ihren Einsätzen, das Hauptquartier der ukrainischen Truppen im Donbass liegt hier. Für sie ist das Näherrücken der Front längst einkalkuliert. Was bleibt einem anderes übrig, als weiterzumachen, sagt einer. Es klingt nicht heldenhaft. Eher müde.

Am Morgen wartet Eduard Skoryk vor der Unterkunft. Er ist humanitärer Helfer und auf Evakuierungen spezialisiert. Mit seinem Wagen fährt er durch die Umgebung von Kramatorsk, holt Menschen ab, die ihre Taschen bereits gepackt haben, und bringt sie weiter nach Pawlohrad, gut drei Autostunden weiter westlich, ins große Aufnahme- und Transitzentrum für Binnenvertriebene aus Donezk. Eine von ihnen ist Irma, eine ältere Frau, die nun ihren Heimatort verlässt. Sie sitzt im Auto und schaut aus dem Fenster, als die Stadt hinter ihr kleiner wird. Sie weiß nicht, ob sie je zurückkommen wird. Skoryk setzt die Evakuierten in Pawlohrad ab und dreht um. Das ist seine Arbeit: Menschen rausbringen, zurückkehren.

Am selben Nachmittag schlagen die Bomben ein.

Ein schnelles Zischen, dann laute Explosionen. Drei Gleitbomben des Typs KAB treffen das Zentrum von Kramatorsk. Auf der Straße: Autosirenen, Rauchschwaden, Menschen im Schock. Ein Mann liegt reglos auf dem Boden, sein Oberkörper von Schrapnellen zerfetzt. Ersthelfer*innen reagieren unter akuter Gefahr eines zweiten Angriffs. Überall sind Körperfetzen. Rettungskräfte sammeln entlang der Hauptstraße Gliedmaßen ein, um später herauszufinden, zu wem sie gehören. Mindestens acht Menschen sterben bei dem Angriff, einige erst in den folgenden Tagen an ihren Verletzungen.

Am nächsten Morgen sind die Aufräumarbeiten bereits in vollem Gange. Wo gestern ein Einschlagloch klaffte, steht heute ein Bagger. Arbeiter reparieren die Straße, auch Leitungen tief unter der Erde werden freigelegt. Am Nachmittag ist die Kreuzung wieder passierbar. In einem Parfümgeschäft nebenan werden Scherben zusammengefegt, Schrapnellsplitter aus den Regalen gezogen, Waren sortiert. Das Dach der Sporthalle einer Schule wurde ebenfalls getroffen. Auch dort beginnen die Arbeiten. Die Stadt räumt auf, als solle das Tempo beweisen, dass Normalität noch möglich ist.

Wenige Straßen entfernt liegt das öffentliche »Aquarium für exotische Fische«. Es ist das letzte im Donbass, das noch in Betrieb ist. Hinter Glas schwimmen Piranhas, Rochen, Clownfische, während draußen noch Staub in der Luft liegt. Angela ist eine der Betreiber*innen. Sie ist in Kramatorsk geboren und hat die Stadt nie verlassen. Sie liebe es, die Freude in den Augen von Kindern zu sehen, wenn sie die Fische betrachten, sagt sie. Auch Soldat*innen kommen hierher, um für einen Moment nicht an die Front zu denken.

Eine Frau vor dunklem Hintergrund, die linke Gesichtshälfte liegt im Schatten
Angela betreibt in Kramatorsk das letzte öffentliche Aquarium im Donbass. Foto: Lucas Kontny

Einige der Fische werden inzwischen verkauft und in andere Städte gebracht, in Sicherheit. Angela sagt, Fische seien ihr lieber als Menschen. Im Aquarium sei nie Krieg, immer Frieden. Vor Kurzem rief die Tochter einer Freundin an. Angela solle packen und zu ihr kommen, dort sei es einfacher. Angela weiß, dass sie gehen sollte. Aber sie weiß nicht, wann. »Jetzt gehen, nicht gehen, gehen, nicht gehen«, sagt sie. Die falsche oder eine zu späte Entscheidung kann den Tod bedeuten.

Versuchen, nicht verrückt zu werden

Am Abend fällt das Internet aus. In der Dämmerung sucht man nach einer Starlink-Verbindung. Vor einem Hauseingang stehen drei Soldaten. Einer von ihnen ist Kurt, Kommandeur einer Einheit der 28. Brigade der ukrainischen Armee. In ihrer Basis gibt es nicht nur Internet, sondern auch selbstgemachtes Gulasch, Pizza und Zigaretten. »Wir sind ein gastfreundliches Land«, sagt Kurt und lächelt. »Außer man kommt mit einer Waffe hierher. Dann töten wir euch alle.« Er glaubt nicht daran, dass Kramatorsk verschont bleibt. Erst bombardiere Russland die Stadt, dann komme die Bodenoffensive.

Wer sich zu Fuß durch Kramatorsk bewegt, lernt schnell, dass ein feines Gehör eine Notwendigkeit ist. FPV-Drohnen sind klein, schnell und oft erst zu hören, wenn sie nah sind. Immer wieder zwingen sie Menschen dazu, in Hauseingängen, hinter Mauern oder Büschen Deckung zu suchen und zu warten. Paranoia ist hier kein Zustand, den man überwinden sollte. Sie hält einen am Leben.

Tomaten pflanzen, Fische beobachten, eine Zigarette rauchen, auf einer Wippe im Hinterhof sitzen, während irgendwo in der Ferne Artillerie zu hören ist. All das sind Versuche, nicht verrückt zu werden. Ablenkung und kleine Freuden als Auflehnung gegen ein Leben, das immer enger wird.

Dann wird der Van beladen. Es geht zurück Richtung Dnipro, durch den Netzkorridor, vorbei an blühenden Feldern, Schlaglöchern und ausgebrannten Wracks. Die Netze über der Straße sind an manchen Stellen durchlöchert, an anderen fehlen sie ganz. Das Tempo bleibt hoch: schnell sein, ohne Fehler zu machen.

Irma ist in Pawlohrad angekommen. Angela steht vor ihrem Aquarium. Kurt ist an der Front. Kramatorsk wartet auf den nächsten Alarm, die nächste Bombe, die nächste Entscheidung. Jetzt gehen, nicht gehen. Es gibt keine Antwort. Nur den nächsten Tag.

Lucas Kontny

ist freier Journalist und Fotograf.