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Mali und die Großmächte

Was es mit der jüngsten Militäroffensive gegen die Regierung in Bamako auf sich hat

Von Bernard Schmid

Russlands Präsident Putin und Malis Präsident Goita geben sich die Hand, im Hintergrund die Flaggen beider Länder
Russland, so viel ist nach der April-Offensive der Rebellen fest, wird das Regime in Bamako nicht retten. Putin und Malis Präsident Assimi Goïta in 2023. Foto: President of the Russian Federation , CC BY 4.0

Die seit 2020 amtierende, 2021 umgebildete und durch Russland unterstützte Militärregierung in Mali ist schwer angeschlagen. Am 25. April begann die militärische Großoffensive einer Rebellen-Allianz aus Dschihadisten und Tuareg-Sezessionisten aus der Nordhälfte des Landes. Laut Regierungsangaben startete die Attacke mit 12.000 Kombattanten unter Waffen.

Wird dabei am Ende der Schwanz mit dem Hund wedeln, der kleinere Partner also die Regeln bestimmen? Darauf zumindest scheinen die Tuareg-Rebellen zu setzen, die weitgehend ideologiefrei und eher von materiellen Beweggründen geleitet – Zugriff auf Handelsrouten für Zigaretten, Benzin, migrierende Menschen quer durch die Sahara – dieses Bündnis eingegangen sind. Sie glauben offenbar, die wiederum ideologisch motivierten und zugleich gut bezahlten Kombattanten der dschihadistischen Organisation JNIM (Gruppe für die Unterstützung des Islam und der Muslime) nach gemeinsamem Kampf kontrollieren oder ausstechen zu können.

Die JNIM (französisch GISM) ging aus der Vorläuferorganisation Al-Qaida im Land des islamischen Maghreb, AQMI, hervor. Deren Kader bestanden ursprünglich hauptsächlich aus Algeriern, die nach der Niederlage bewaffneter Islamisten in ihrem Land am Ende der Nullerjahre in Richtung Süden durch die Sahara in die Sahelzone ausgewichen waren und in dort ansässige Familien eingeheiratet hatten. Später rekrutierte die Gruppierung auch viele einheimische Malier, die unter anderem durch gute Bezahlung gelockt werden. Ihr neuer Sprecher, Bina Diarra, richtet sich in Videobotschaften längst in der Landessprache Bambara an die malische Gesellschaft, während seine Vorgänger in der Regel nur auf Arabisch zu ihr sprachen und deswegen oft nicht verstanden wurden.

Verrat in Azawad

Bereits einmal bezahlten die Tuareg-Sezessionisten aus dem Norden Malis ein Fehlkalkül in Bezug auf ihre Bündnispartner mit einem hohen Preis. Damals hörte ihre wichtigste Organisation auf den Namen MNLA, Nationale Befreiungsbewegung von Azawad, und startete ab Herbst 2011 eine gemeinsame Militäroffensive mit drei dschihadistischen Verbänden in Nordmali, wo sie am 6. April 2012 einen unabhängigen Staat unter dem Namen Azawad ausriefen. International fand er keine Anerkennung. Die drei dschihadistischen Bündnispartner waren damals AQMI, die vorwiegend aus Maliern bestehende Bewegung Ansar Din (Anhänger der Religion) sowie der MUJAO (Bewegung für Vereinigung und Jihad in Westafrika). Diese sowie die Tuareg-Separatisten des MNLA teilten sich die drei Provinzen Kidal, Gao und Tombouctou untereinander aus, dabei fiel Kidal an den MNLA.

Die Ukraine zeigt in jüngster Zeit Präsenz auf afrikanischen Kriegsschauplätzen, um dort Russland zu schwächen.

Doch am 27. Juni desselben Jahres attackierten Dschihadisten die hochrangigen Funktionäre der Tuareg-Organisation und töteten mehrere von ihnen, um die Kontrolle über Azawad vollständig an sich zu ziehen. Der Rest der Leitung des MNLA floh damals in das Nachbarland Burkina Faso unter dem seinerzeitigen Langzeitpräsidenten Blaise Compaoré, der seine schützende Hand über eine Reihe von Rebellenbewegungen in der Region hielt und darüber ein Prestige als »Vermittler« mit den jeweiligen Regierungen zu gewinnen versuchte. Compaoré erhielt dabei Unterstützung von Frankreich, wurde aber im Oktober 2014 durch eine Revolte der Bevölkerung gestürzt. Ab 2013 wurde unterdessen der MNLA zur Hilfstruppe der französischen Armee, die mit der »Operation Serval«, später in »Operation Barkhane« umbenannt, in Mali intervenierte.

Die Nachfolgerin des MNLA, die derzeit unter dem Namen Befreiungsfront von Azawad (FLA) auftritt, hätte also allen Grund, sich vor erneuten Allianzen dieser Art zu hüten. Derzeit aber kämpft sie gemeinsam mit JNIM gegen die Militärregierung in Bamako, gegen die beide die eingangs genannte militärische Offensive starteten.

Wer mischt mit?

Diese jüngste Militäroffensive setzte sich durch einen am 28. April begonnen Blockadering rund um die malische Hauptstadt Bamako fort. Zwar spricht die Regierungspropaganda davon, dort sei alles ruhig. Zugleich wurden jedoch im weiteren Umland von Bamako, in einigen Dutzend Kommunen sowie in ein paar Hundert Kilometer entfernten Orten wie Bougouni, Diéma oder Kénioroba Lastkraftfahrzeuge auf den Ausfallstraßen in Richtung Mauretanien, Senegal, Guinea und Côte d’Ivoire angegriffen. Über die Häfen dieser Nachbarländer läuft der Import und Export von Waren für sowie aus Mali. JNIM sprach nach einigen Tagen von 100 zerstörten Lkws und publizierte Videos von brennenden Fahrzeugen. In Kita und Kayes, im Westen des Landes, warteten Fahrgäste tagelang auf Überland-Passagierbusse.

Unterstützung erhält die mit JNIM verbündete Tuareg-Bewegung von mehreren internationalen Mächten. Tatsache scheint zu sein, dass Frankreich zu ihr Verbindungen hält. Der FLA-Sprecher Mohamed Elmaouloud Ramadane erklärte bereits im Oktober 2025 gegenüber einem französischen Fernsehsender: »Wir haben gute Verbindungen zu den Ukrainern, Frankreich und die USA.« Die Ukraine zeigt in jüngster Zeit Präsenz auf afrikanischen Kriegsschauplätzen, um dort Russland zu schwächen. Anfang Mai erklärte der französische Journalist und Nahostspezialist Georges Malbrunot, Frankreichs Schatten zeichne sich hinter ukrainischen Militärs ab, die früher bei der Fremdenlegion gewesen seien und die Paris nun in Mali unterstütze. Dadurch versuche Frankreich, wieder Fuß in Mali zu fassen, nachdem seine Armee im Jahr 2022 unter dem Druck Militärregierung das Land hatte verlassen müssen.

Russland ist in Mali wiederum durch das Africa Corps vertreten, bis vor kurzem 2.500 Kombattanten stark. Aus den im höchsten Norden Malis gelegenen Städten Kidal und Tessalit zog es seit dem 25. April ab. Zunächst schien es so, als seien die Kämpfer stattdessen in Gao stationiert worden, doch FLA-Verlautbarungen stellen es so dar, als habe man sie in Richtung Norden abgehen und dann »mit eigenen Mitteln ausreisen« lassen. Dies würde für einen Abzug über die algerische Grenze sprechen.

Algerien, das vor allem seit April 2025 mit Mali außenpolitisch im Konflikt steht, gilt in Regierungskreisen in Bamako ebenfalls als Unterstützer der Tuareg-Sezessionisten; auf seinem Boden wurde 2015 das sogenannte Abkommen von Algier zwischen den Sezessionisten und der Zentralregierung in Bamako ausgehandelt und unterzeichnet. In Algier wünscht die Regierung kein Auseinanderbrechen Malis und keine Machtübernahme durch die Dschihadisten, sähe aber eine stärkere Rolle der Tuareg und eine Dezentralisierung des malischen Staates wohlwollend.

JNIM wiederum richtete ein explizites Angebot an Russland: Bleibe dieses neutral und verzichte darauf, die Regierung in Bamako mit militärischen Mitteln an der Macht zu halten, schlage man ihm eine auskömmliche und konstruktive Beziehung in Zukunft vor.

Das ist neu in der Strategie einer dschihadistischen Organisation. Und könnte daran erinnern, wie die neuen, ebenfalls aus Al-Qaida hervorgegangenen Machthaber in Syrien ihrerseits Russland die Militärbasen in Tartus und Hmim behalten ließen, um nicht auf Gedeih und Verderb auf die gefräßigen Unterstützer Türkei und Katar angewiesen oder, trotz Gesprächen mit ihm, gar zu schwach gegenüber Israel dazustehen. Dies scheint einigen als Modell für Mali zu taugen.

Repression der Militärregierung

Kritik gilt in Kriegszeiten gern als Verrat, politische Rivalität auch. Getreu dieser Maxime handeln auch die Behörden in Mali. Seit Anfang Mai, und als vermeintliche Antwort auf die bewaffnete Offensive der Rebellen, führt die Militärregierung eine Reihe von Verhaftungen von mehr oder weniger bekannten Opponenten und als Verräter betrachteten Personen durch, auch unter Militärs, die der Komplizenschaft mit den Rebellen bezichtigt wurden.

In der Nacht vom 2. zum 3. Mai wurde beispielsweise in Bamako, außerhalb jeglicher gesetzlicher Prozedur, der prominente Anwalt Mountaga Tall von maskierten Männern aus seinem Haus entführt. Seitdem wird er an unbekanntem Ort festgehalten. Allgemein wird dieses Verschwindenlassen mit den Staatsorganen in Verbindung gebracht. Tall war unter anderem Mitglied im Regionalbüro von Amnesty International; die Organisation fordert dringend seine Freilassung. Von 2014 bis 2016 war er auch einmal Hochschulminister, stand dann aber schnell in Opposition zum damaligen Staatspräsidenten Ibrahim Boubacar Keïta, den die Militärs 2020 aus dem Amt warfen, damals zunächst durch eine Massenbewegung unterstützt, der sie mit ihrem Putsch beim Sturz Keïtas zuvorkamen. Seinerzeit versprachen sie noch eine baldige Übergabe der Macht an eine zivile Regierung. Davon wollen sie heute nichts mehr wissen. Möglich, dass sie nun durch die Rebellen gestürzt werden, die allerdings ein noch schlimmeres Regime als das derzeit amtierende errichten könnten.

Bernard Schmid

ist Anwalt und Publizist in Paris.