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Herrschende Erinnerungen an die DDR

Von Renate Hürtgen

Wenn es um Erinnerungen an die DDR geht, kommt es drauf an, wen man fragt. Foto: Fred Jaugstetter / Wikimedia, CC BY-SA 3.0

In den Wochen vor dem Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober liefen auf allen Kanälen deutscher Funk- und Fernsehsender Dokumentationen und standen in allen Zeitungen Berichte, in denen eine Ostdeutsche oder ein Ostdeutscher zu Wort kamen, die ihr Leben in der DDR erinnerten. Wenn auch manche Geschichten in eine Wiederholungsschleife gerieten, haben wir auf diese Weise wohl bis zu 80 Personen kennengelernt. Das ist zwar nicht repräsentativ zu nennen, doch es erzeugt das Gefühl, die DDR nun in ihrer ganzen Vielfalt kennen gelernt zu haben.

Was für ein Trugschluss. Es ist sicherlich spannend, autobiografischen Erzählungen zuzuhören, zu erfahren, wie es woanders zuging, oder eigene Erlebnisse wieder zu entdecken, doch authentische Bilder vom Leben in der DDR sind das nicht. Denn die DDR und die damals erlebten Geschichten liegen mehr als 30 Jahre zurück, sie werden aus heutiger Sicht erzählt und spiegeln naturgemäß wider, welche Stimmung der Erzähler oder die Erzählerin heute hat. Ihre Erinnerungen sind selektiv, neue Erfahrungen können sogar bestimmen, woran mensch sich erinnert – und woran nicht. Wer sich etwas mit der Oral History beschäftigt hat, kennt die Tücken solcher Erzählungen. Als ich 1992 Interviews mit ostdeutschen Frauen machte, die sich 1990 in den ersten Betriebsrat ihres Betriebes hatten wählen lassen, hatte ich ein solches Erlebnis. Obwohl alle Frauen über dieselbe Wahlveranstaltung sprachen, gingen die Erinnerungen weit auseinander. Wer sich positiv erinnerte, hatte einen vollen Saal vor Augen, wer die Folgezeit als Niederlage empfunden hatte, erinnerte sich auch quantitativ an wenig interessierte Kolleg*innen.

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