Ein Krieg greift um sich
Der US-israelische Angriff auf Iran könnte sich als Fehlkalkulation erweisen
Von Pajam Masoumi und Johannes Tesfai
Es war ein Social-Media-Post, der diesen neuen Krieg ankündigte. US-Präsident Donald Trump gab auf Truth Social bekannt, dass die USA und Israel mit Angriffen auf Iran begonnen haben. Wenig später zeigte sich der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu mit einem Foto in den sozialen Medien, auf dem Tisch vor ihm ein Buch mit dem Titel »Allies at War«. Im Gegensatz zum sogenannten Zwölf-Tage-Krieg, den Israel im Juni 2025 mit Unterstützung der USA gegen Iran führte, scheint es jedoch, als würde es dieses Mal nicht bei kurzen Kriegshandlungen bleiben. Stattdessen stehen die Zeichen auf Eskalation.
Die offiziellen Kriegsziele gleichen, von den eklektischen und zum Teil widersprüchlichen Aussagen der US-Administration abgesehen, den Zielen der Verhandlungen über das iranische Atomprogramm: Beendigung der iranischen Urananreicherung, Zerstörung des iranischen Raketenarsenals und sonstiger militärischer Infrastruktur und das Ende der Unterstützung von Hamas, Hisbollah, Houthis und anderen Milizen durch Teheran. Gleichzeitig kokettiert Israel mit einem Regime Change zugunsten Reza Pahlavis, was Trump wiederum ablehnt: Zu wenig Rückhalt habe der Schah-Sohn im Land, so Trump. Ein Sturz des Regimes soll, laut Aussagen israelischer Sicherheitskreise, durch die Destabilisierung der Islamischen Republik gelingen, dies wäre jedoch, so jene Kreise, Wunschdenken.
Laut israelischen Angaben gelang es dem Auslandsgeheimdienst Mossad, Irans Verkehrskameras zu hacken und so Bewegungsprofile relevanter iranischer Führungspersonen zu erstellen. Dadurch war es bereits am ersten Tag des Kriegs möglich, den iranischen Revolutionsführer Ali Chamenei zu töten. Bereits wenige Stunden nach den ersten Drohnen und Raketen auf die Islamische Republik fing diese an, US-Basen, aber auch zivile Ziele in Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), Katar, Kuwait und Bahrain zu beschießen. Zudem greifen schiitische und/oder Iran-treue Milizen in Irak, Libanon und Jordanien US-amerikanische Militärstützpunkte, aber auch Israel an. Auch die iranische Region Kurdistan steht unter Beschuss – sowohl von der Islamischen Republik als auch durch die USA und Israel. Zudem haben europäische Staaten Verluste zu verzeichnen: Eine britische Airbase auf Zypern ist immer wieder Ziel iranischer Angriffe, in Jordanien wurden Teile einer deutschen Bundeswehr-Basis getroffen, und kürzlich traf es eine italienische Militärbasis. In Irak ist ein französischer Soldat gestorben. Zwei Dinge werden hier offenbar: Westliches Militär scheint in einer unüberschaubaren Menge im Nahen und Mittleren Osten stationiert zu sein. Und jeder Militärschlag könnte weiteren Staaten Gründe für einen Kriegseintritt geben.
Eskalation als Ausweg
Mit den Angriffen auf die Golfstaaten, nicht nur auf die US-Basen dort, aber auch auf das Nachbarland Aserbaidschan versucht die Islamische Republik, den Preis des Krieges für die USA in die Höhe zu treiben. Die Kosten sind allein durch die Kriegsführung bereits ungleich: Während die USA und Israel modernste Waffentechnologien, unter anderem Präzisionsraketen und Flugabwehrsysteme, nutzen, sind es aufseiten Irans deutlich günstigere Raketen und Drohnen, die die teuren US-Waffen beschäftigt halten und deutlich schneller nachproduziert werden können.
Zudem hat Iran die Straße von Hormus geschlossen. Über diese Seeroute werden nicht nur rund 20 Prozent des weltweiten Rohöls transportiert, sondern auch dringend benötigte Düngemittel für die europäische Landwirtschaft. Die Reaktionen von iranischem Militär und den Revolutionsgarden zeigen aber auch, dass dieser Krieg anders ist als die letzten Kriege der USA in der Region. Während mit Libyen 2011 (unter französischer und kanadischer Beteiligung) und Irak 2003 (unter britischer Beteiligung) vor allem isolierte und zum Teil bereits instabile Staaten unter den US-Bomben zusammenbrachen, ist Iran bis heute eine Regionalmacht. Das Land exportiert große Mengen Erdöl. Im Verlauf der ersten 14 Kriegstage verschiffte die Islamische Republik weiter Öl in Richtung China. Auch dass es so viele sogenannte Proxys in der Region mit Waffen beliefern kann, zeugt von seinen militärischen und finanziellen Möglichkeiten. Zudem ist die Islamische Republik keinesfalls international isoliert.
Iran zielt in seiner Verteidigungsstrategie direkt auf die Infrastruktur des globalen Ölmarktes.
Der iranische Beschuss zwang die Golfstaaten, ihre Gaslieferungen, unter anderem an Deutschland, einzustellen. Um den kurz nach Kriegsbeginn in die Höhe geschossenen Ölpreis in Schach zu halten, hat die EU am 11. März Teile ihrer Ölreserven für die europäischen Märkte freigegeben. Der steigende Ölpreis wiederum stärkt einen Verbündeten der Islamischen Republik, nämlich Russland. Denn mit den nun verteuerten Öl- und Gaslieferungen wird mehr Geld in die Kriegskassen des Kremls gespült, als es die russische Regierung selbst erwartet hat.
Iran zielt in seiner Verteidigungsstrategie direkt auf die Infrastruktur des globalen Ölmarktes. So wurden nicht nur Erdölanlagen in den Golfstaaten Ziele iranischer Angriffe, sondern auch Öltanker in irakischen Gewässern. TotalEnergies, das größte französische Erdölunternehmen, will bis auf Weiteres seine Aktivitäten in Katar, den VAE und Irak einstellen. Die gezielten Angriffe auf die fossile Industrie der Region haben einen historischen Vorläufer. Während des fünften arabisch-israelischen Krieges (Jom-Kippur-Krieg), 1973, versuchte die Organisation erdölexportierender Länder (OPEC), Druck auf Israel auszuüben, und drosselte die Fördermenge um fünf Prozent. Der sogenannte Ölpreisschock war ein Katalysator für die Mitte der 1970er Jahre einsetzende globale Wirtschaftskrise. Da in der OPEC sowohl Staaten wie die VAE Mitglied sind, die nun ins Visier Irans geraten sind, als auch Iran selbst, scheint die Islamische Republik nun mit militärischen Mitteln eine erneute Ölpreiskrise zu provozieren. Gemeinsame Entscheidungen der OPEC in Bezug auf den Krieg sind somit unwahrscheinlich. Der aktuelle Krieg ist jetzt schon die weitreichendste Störung des globalen Erdölmarktes in der Geschichte. Die USA haben als Reaktion bereits das Ölembargo gegenüber Russland gelockert: Für zunächst 30 Tage dürfen andere Staaten nun wieder Öl aus Russland beziehen.
Eine Region in Brand – aber wofür?
Was zu dem neuerlichen Angriff Israels und der USA geführt haben könnte, darüber wird heftig spekuliert. Während die einen die innenpolitische Dimension betonen – Ablenkung von den kürzlich veröffentlichten Epstein-Files, und in Israel stehen im Oktober Wahlen vor der Tür –, sehen andere die potenzielle Schwächung Chinas und Russlands mit Blick auf einen heraufziehenden Dritten Weltkrieg als mögliches Kriegsmotiv. China leidet besonders unter den ausbleibenden Öllieferungen, aber könnte sich durch den Vertrauensverlust in die USA jetzt global als verlässlicher Partner anbieten. Russland hingegen droht der Verlust eines wichtigen Verbündeten. Die fieberhafte Suche nach den eigentlichen Absichten hinter dem Angriff zeigt aber auch: Es ist nicht so einfach, der Aggression einen Sinn abzugewinnen.
Fest steht: Trotz vieler Übereinstimmungen gibt es in den Interessen der USA und Israels auch einige Unterschiede. In der offiziellen Kommunikation appellieren Israel und die USA an die iranische Bevölkerung, das Regime zu stürzen. Israels Ministerpräsident Netanjahu präferiert als Nachfolge die Rückkehr zur Pahlavi-Dynastie. Reza Pahlavi und Netanjahu trafen sich bereits mehrmals, beide sprechen in höchsten Tönen voneinander. Dies zeigt: Israel bevorzugt keineswegs einen stabilen Iran – bis dato lehnen Vertreter*innen aller Minderheiten Irans eine Regierung Pahlavis ab. Sollte das unwahrscheinliche Szenario einer von Pahlavi geführten Übergangsphase eintreten, würde dies die ohnehin bestehenden Spannungen zwischen den iranischen Minderheiten und dem Zentralstaat nur verstärken. Dies liegt offenbar im Interesse Israels, denn ein zerrütteter oder gar zerfallender Iran würde den regionalen Machtambitionen Israels Auftrieb verleihen und dem von Netanjahu seit mehr als 30 Jahren propagierten Sicherheitsparadigma folgen. Schon in Gaza und Libanon verfolgte die israelische Politik die Strategie des regelmäßigen »Rasenmähens«, in Form von kurzen, aber massiven Angriffen zur Eindämmung der militärischen Möglichkeiten und zur Destabilisierung der dortigen Regierungen.
In Interviews betont Donald Trump indes derzeit seine Distanz zum Sohn des gestürzten Schahs. Dem US-Präsidenten schwebt stattdessen eine Persönlichkeit aus Iran selbst vor, die, ähnlich wie in Venezuela, nach einem Machtwechsel den USA Zugang zu Ressourcen, insbesondere Öl, strategisch wichtigen Standorten wie der Straße von Hormus und neuen Märkten gewährt. Der neu ernannte Revolutionsführer Mojtaba Chamenei, dritter Sohn Ali Chameneis, ist ihm jedoch nicht recht.
Dies dürfte auch an dessen Nähe zu den Revolutionsgarden sowie seiner dogmatisch-klerikalen Haltung liegen, die sich nur graduell von der seines Vaters unterscheidet. Zudem ist vollkommen unklar, ob Mojtaba Chamenei an der Doktrin seines Vaters festhält, der den Bau einer Atombombe ablehnte. Wie der Guardian berichtet, fürchten israelische Sicherheitskreise, dass die Tötung Ali Chameneis und weiterer Angehöriger Mojtaba Chamenei radikalisieren und dieser die Doktrin kippen könnte. Dies erklärt auch, weshalb die USA und Israel inzwischen über den Einsatz von Bodentruppen zur Sicherung des bereits hoch angereicherten Urans nachdenken, ein Einsatz, der mit vielen Risiken verbunden wäre. Nicht zuletzt würde ein Einmarsch die Kriegsgewalt noch weiter in die iranischen Haushalte tragen.
Krieg im Krieg
Israel führt derweil einen aggressiven Luftkrieg im Libanon. Dieser wird in westlichen Medien als Nebenschauplatz des Iran-Krieges behandelt, israelische Offizielle betonen jedoch, die bereits vor dem Krieg mit Iran geforderte Entwaffnung der Hisbollah umsetzen zu wollen. Die Hisbollah-Miliz begann mit dem US-Angriff auf Teheran wieder mit Raketenangriffen auf israelische Städte. Die derzeitigen israelischen Schläge übertreffen die vorheriger Kriege. So ist der Süden Libanons von Bombardierungen betroffen, aber auch der Süden der Hauptstadt Beirut. Vieles erinnert an die entgrenzte Kriegsführung Israels im Gazastreifen: nicht nur die massiven Bombardements, auch die vielen sogenannten Evakuierungsaufforderungen im südlichen Teil des Landes an die libanesische Bevölkerung. Mittlerweile sind über 14 Prozent der Bevölkerung Binnenvertriebene. Primäres Ziel des israelischen Militärs scheint die Einrichtung einer Pufferzone. Darauf deuten auch Einsätze der israelischen Luftwaffe hin, in denen das Militär große Mengen Glyphosat zur Zerstörung der libanesischen Landwirtschaft und Umwelt in einem ca. 18 Kilometer langen Gebiet versprüht. Die »einzige Demokratie im Nahen Osten« entvölkert damit große Teile des Libanon und errichtet ein riesiges militärisches Sperrgebiet. Bereits jetzt ist die israelische Armee mit Bodentruppen im südlichen Libanon vorgerückt.
Für Israel ist der neue Waffengang die Rückkehr einer schon einmal gescheiterten Strategie. Während der Suezkrise 1956 zog Israel mit Frankreich und Großbritannien in den Krieg gegen Ägypten. Damals wollte Israel die Regierung von Gamal Abdel Nasser stürzen, während die beiden europäischen Großmächte vor allem die Nationalisierung des Suezkanals durch Ägypten verhindern wollten. Der Krieg endete zwar mit der israelischen Besetzung der ägyptischen Sinai-Halbinsel, aber eine sowjetisch-amerikanische Initiative erzwang den Abzug der israelischen Armee.
Seitdem ist Israel nicht mehr gemeinsam mit einer Weltmacht in den Krieg gezogen. Ähnlich wie Frankreich und Großbritannien damals befinden sich die USA heute im Niedergang als dominante Weltmacht. (Siehe Seite 3) So war es ihr, im Gegensatz zu den Kriegen davor, nicht möglich, europäische Länder für den Waffengang zu mobilisieren. Noch weniger konnte auf diplomatischem Parkett eine offizielle Anerkennung der Kriegsgründe durch andere Staaten erwirkt werden, zumal ein handfester Kriegsgrund nur schwammig formuliert wurde.
Die Folgen für die Zivilbevölkerungen in Iran, Libanon und weiteren Staaten sind fatal. In Iran werden nach der Zerstörung mehrerer Erdöllager massive Umweltschäden prognostiziert, als Folge sind steigende Krebsraten in der Bevölkerung zu erwarten. Zudem gibt es bereits jetzt rund 3,5 Millionen Binnenvertriebene im Land. Die drückende Armut in Iran wird durch die Zerstörung von Energie- und weiterer Infrastruktur weiter ansteigen und zusätzliche Krisen befördern, ein Bärendienst an der Aufstandsbewegung. Zudem berichten Aktivist*innen von weiter massiver Repression seitens des iranischen Sicherheitsapparates.
Die unverblümte macht- und interessenpolitische Seite dieses Krieges macht aber eines offensichtlich: Das Völkerrecht dient nicht mal mehr als vorgegebener Anspruch, stattdessen wird die imperiale Ambition offen vorgetragen. Stephan Kaufmann hat recht, wenn er im nd schreibt, dass der »Rechtsweg« für Kriegskritiker*innen geschlossen ist. Eine Bewegung, die sich sowohl in Opposition zu den Kriegen der USA und Israels als auch zur Repression des iranischen Regimes sieht, sollte das Ende des Krieges in den Mittelpunkt rücken. Denn solange Bomben, Raketen und Drohnen den Alltag bestimmen, rückt ein Umsturz in Iran in weite Ferne, und auch ein Ende des Regimes würde unter diesen Umständen keine Verbesserungen bringen, sondern allenfalls Bürgerkrieg, eine zerrüttete Region und noch mehr Gewalt.